All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
AskTalkView media
Reading progressPage 106 of 196
1) Brauner Bär (Aretia caja); 2) und 3) Varietäten; 4) Raupe. 5) Steinbrech-Widderchen (Zygaena filipendulae); 6) Raupe. 7) Weißfleck (Syntomis Phegea). Alle natürliche Größe.

welches nach feiner Vollendung ftarfem, gut geleimtem Papiere ähnlich ift und sich in Form eines Gerstenkorns mit der Langseite einem Stengel anschmiegt. Oben bleibt es lockerer, und wenn der Schmetterling im Juni zum Leben erwacht, so nimmt er beim Auskriechen die Puppenhülle halb mit heraus.

Das Weißfleck, den Ringelschwärmer (die Siebenbrüder, Syntomis Phegea), erblicken wir in Fig. 7 (S. 403) und finden den blauschwarzen, weiß gefleckten, am Hinterleib einmal gelb geringelten Schmetterling in der Körpertracht einem Blutströpfchen sehr ähnlich und doch in einigen Beziehungen wesentlich verschieden. Zunächst fehlen die Punktaugen, sodann verdicken sich die schlanken Fühler nicht nach vorn. In jedem Flügel steht nur eine Innenrandsrippe und an den kleinen Tastern eine borstige Behaarung. Wo dieses hübsche Tier einmal vorkommt, ist es sehr gemein und zeigt dieselbe Lebensweise wie die Widderchen, nur daß es beim Saugen auf Blüten die Flügel ein wenig gehoben trägt. Die gleichfalls überwinternde Raupe ernährt sich von Baumflechten, ist bürstenartig mit graubraunen Haaren dicht bedeckt und verwebt, wenn sie reif ist, diese zu einem lockeren Gespinste für die braune, beiderseits stumpfe Puppe, welche nur wenige Wochen ruht.

Wenn wir eine Reihe licht gefärbter, schwarz punktierter Schmetterlinge und eine noch größere in sehr lebhaften Farben prahlender als Bären bezeichnet finden, so muß uns das wundernehmen, weil wir an ihnen schlechterdings keine Ahnlichkeit mit den plumpen, brummigen Bären wahrnehmen können. Kennen wir aber ihre Raupen, so finden wir die Bezeichnung eher gerechtsertigt, weil jene mit langen, meist dunkeln Haaren dicht und zottig bewachsen sind wie ein Bär. Sie können alle flink laufen und ruhen lang ausgestreckt, haben aber je nach der Art ein sehr verschiedenes Aussehen. Man hat nach allerlei feinen Merkmalen die Falter auf zahlreiche Gattungen verteilt. Einen der gemeinsten, den

Braunen Bär (Arctia caja), sehen wir S. 403 in Fig. 1; 2 und 3 ftellen einige von den Abänderungen dar, in denen er vorkommt, Fig. 4 seine Raupe. Letztere begegnet uns häufig vom August an und nach der Überwinterung wieder bis zum Mai, denn sie frißt an allen möglichen Pflanzen, krautartigen ebenso wie an Sträuchern, „man kann sie mit Brot füttern“, äußerte gegen mich einmal ein Sammler, um damit anzudeuten, daß sie kein Kostverächter sei. Vor anderen Bärenraupen ist sie kenntlich an den schwarzen, weiß bespitzten Haaren, welche eben nur die Körperhaut durchschimmern lassen; bloß jeit-lich und auf den drei ersten Ringen verändert sich das schwarze Haarkleid in ein fuchsrotes. Der Schmetterling hält sich den Tag über versteckt. Er ist von lebhafter Färbung; die weißen Zeichnungen der Vorderflügel stehen auf samtartig rotbraunem Untergrunde, welchen sie mit Kopf und Mittelleibsrücken teilen, und der zinnoberrote Hinterleib und die ebenso gefärbten Hinterflügel sind schwarz, letztere blauschwarz in der angegebenen Weise gezeichnet. Die weißen Fühler werden bei dem Männchen durch kurze Kammzähne etwas dicker, als sie das hier abgebildete Weibchen zeigt. In warmen Nächten des Juni und Juli fliegt der Braune Bär umher, langsam und bedächtig, und nur während dieser Zeit erfolgt die Paarung, in welcher Männchen und Weibchen unter einem betaueten Blatte am frühen Morgen wohl noch ertappt werden. Die erwachsene Raupe verfertigt aus ihren langen Haaren ein loses Gespinst, in welchem die schwarze, gedrungene Puppe an der Erde unter dürrem Laube eine kurze Ruhe von wenigen Wochen hält. Nicht selten erscheint sie auch gar nicht in diesem Gespinste, sondern statt ihrer eine Anzahl von 5 bis 7 schwarzen Tonnenpüppchen, aus welchen ihrer Zeit schwarzgraue Fliegen zum Vorschein kommen, sogenannte Tachinen, welche in zahlreichen Arten sich im Grase umher: treiben, um die verschiedensten Schmetterlingsraupen mit Eiern zu beschenken. — Einige Sippengenossen fliegen ausnahmsweise im Sonnenschein umher, wie z. B. der prächtige

Purpurbär (Arctia purpurea) oder die Jungfer (Callimorpha dominula),

wenige, wie beispielsweise die Spanische Fahne (Callimorpha Hera), haben sich dies zur Regel gemacht und zeigen sich dabei sehr scheu und flüchtig, die meisten jedoch ruhen während dieser Zeit, indem sie den Hinterleib mit ihren Flügeln dachartig bedecken.

Was von dickleibigen, breitflügeligen, im männlichen Geschlechte stark kammfühlerigen Schmetterlingen noch übrigbleibt, zählt zu der Familie der Spinner (Bombyeidae), welche an Reichtum der Arten den vorigen nicht nachstehen, an Übereinstimmung der Körpertracht sie übertreffen. Die Spinner, meist von mittlerer, aber auch von außergewöhnlicher Größe, sind der Mehrzahl nach von trüber, blasser und wolkiger Flügelfärbung, meist ohne Nebenaugen, sehr allgemein durch auffallende Unterschiede der beiden Geschlechter in Form und Größe ausgezeichnet. Die an sich borstigen Fühler bleiben so oder versehen sich nur mit Säge- oder kurzen Kammzähnen bei den Weibchen, während die Männchen ungemein lange, nicht selten sehr buschige Kammzähne führen. Die breiten Flügel werden in der Regel dachartig getragen. Der dicht und wollig behaarte Körper, bei beiden Geschlechtern durch diese Behaarung plump, erscheint indes beim Männchen oft schlank gegen den bedeutend größeren, durch zahlreiche Eier geschwellten Hinterleib der Weibchen. Hiermit geht die größere Flugfertigkeit und Beweglichkeit jener im Vergleiche zu diesen Hand in Hand. Denn viele Männchen sausen bei Tage unstet und hastig in ausdauerndem Fluge zwischen Gras und Gebüsch umher, indem es sich um das Aufsuchen der Weibchen handelt, denen sie mit scharfem Witterungsvermögen nachspüren. Es geschieht dies bald, nachdem sie die Puppe verlassen haben, sobald sie, nicht hinter den Ohren, sondern an den Flügeln trocken geworden sind. Die Weibchen dagegen entfernen sich meist nicht weit von ihrer Geburtsstätte, manche können es sogar nicht, weil ihnen regelrecht entwickelte Flügel dazu fehlen. Wegen ihrer Schwerfälligkeit legen sie gewöhnlich die Eier auch in gedrängte Haufen bei einander, so daß die Raupen zahlreich zusammenhalten und, sofern sie sich von angepflanzten Bäumen ernähren, in den Obstgärten und in dem Walde den bedeutendsten Schaden anrichten können. Dieselben sind unter sich sehr verschiedenartig, stimmen aber alle darin überein, daß sie bei der Verpuppung ein Gespinst fertigen, welches sie an einen Gegenstand ihrer Umgebung anheften; daher der Familienname.

Wie Ornithoptera und Morpho für die Tagfalter, Sphinx für die Schwärmer, so ist die alte Gattung Saturnia der Stolz der ganzen Familie, ja der ganzen Ordnung; denn unter den sogenannten Nachtpfauenaugen treffen wir nicht nur die Riesen aller Schmetterlinge, sondern auch kühn geschwungene Formen der ungeheueren Flügel, deren Mitte entweder ein Glasfenster oder ein prächtiger, großer Augenfleck auszeichnet. Sie sind hier zu groß, um dachartig getragen werden zu können; den vorderen fehlt eine Anhangszelle, den breiten hinteren, welche unter allen Umständen den Hinterleib weit überragen, die Haftborste, sie haben nur eine deutliche Innenrandsrippe, und alle vier entsenden die fünfte Längsrippe aus der vorderen Ecke der Mittelzelle. Die doppelte Reihe der langen, nach beiden Enden hin abnehmenden Kammzähne an den kurzen männlichen Fühlern bringt einen blattähnlichen Umriß derselben zuwege. Die Nachtpfauenaugen kommen in allen Erdteilen vor, besonders zahlreich in Amerika. Um den größten aller Schmetterlinge nicht mit Stillschweigen zu übergehen, sei der Atlas (Saturnia Atlas) aus China und dem Ostindischen Archipel genannt. Seine ausgespannten Flügel würden beiderseits die äußersten Zeilen mit den Spitzen erreichen, wenn wir uns den Schmetterling in die Quere auf ein Blatt dieses Buches gesetzt dächten; dabei mißt sein Körper nur 37 mm.

Bekanntlich ließen es die verschiedenen Krankheiten, welche seit dem Anfang der fünfziger Jahre unter den „Seidenwürmern“ bedeutende Verheerungen anrichteten und deren Züchtern schwere Verluste beibrachten, wünschenswert erscheinen, sich nach anderen Spinnern umzuschauen, welche möglicherweise durch das Gespinst ihrer Raupen eine Seide liefern könnten, die den Ausfall wenigstens einigermaßen deckte. Die in allen größeren Staaten Europas verbreiteten, so heilsam wirkenden Vereine für Einbürgerung ausländischer Tiere und Pflanzen (Akklimatisationsvereine) nahmen sich auch dieser Angelegenheit an und sorgten für Beschaffung verschiedener Spinner, denen man schon längst in Ostindien in

Ailanthus-Spinner (Saturnia Cynthia) nebst Raupe und Puppengespinst. Natürliche Größe.

dieser Beziehung Aufmerksamkeit geschenkt und durch künstliche Zucht Seide abgewonnen hatte. Seitdem sind Zuchtversuche von den verschiedensten Liebhabern angestellt worden, welche gegen die Verpflichtung, die Ergebnisse derselben gewissenhaft zu berichten, von den einzelnen Vereinen mit Eiern dieser und jener Art versorgt worden sind. Für Deutschland können selbstverständlich nur solche eine Zukunft erlangen, deren Raupen sich mit heimischen Pflanzen ernähren lassen. Wir könnten höchst beachtenswerte Erfahrungen mit den verschiedensten Arten verzeichnen, wenn der knapp zugemessene Raum uns nicht nötigte, uns nur auf die drei wichtigsten zu beschränken. Die ersten umfassendsten Versuche bezogen sich auf den in Assam Erya genannten Ailanthus-Spinner (Saturnia Cynthia), welcher meines Wissens 1856 von Pater Fantoni aus China in Frankreich eingeführt worden ist. Den Unterschied, welchen man in letzterer Zeit zwischen einer Cynthia und Arindia aufrecht erhalten will, von denen jene Ailantbus glandulosa (Götterbaum), diese Ricinus communis fressen soll, kann ich nicht anerkennen. Ich hatte durch den Berliner Akklimatisationsverein Eier der Saturnia Cynthia erhalten, die Raupen mit beiden Pflanzen

Ailanthus-Spinner (Saturnia Cynthia) nebſt Raupe und Puppengeſpinſt. Natürliche Größe.

gefüttert und gefunden, daß fie bei letzterer fast besser gedeihen; auch will mir der Unterschied nicht einleuchten, welcher im Ansehen zwischen beiden Schmetterlingen stattfinden soll. Der Ailanthus⸗-Spinner also, den uns samt Raupe und Puppengespinst nebenstehende Abbildung vorführt, entwickelt sich sehr schnell und läßt im Jahre bequem drei Bruten zu, wenn man nur im stande ist, Futter zu besorgen, was freilich ein Treibhaus voraussetzt. Meist im Juni oder erst im Juli kriechen die Raupen der zweiten Brut aus; nehmen wir einen späteren Zeitpunkt, den 14. Juli, an, so erfolgt den 19. die erste, am 28. die zweite, den 8. August die dritte und am 14. die vierte Häutung. Diese Zeitpunkte sind ermittelt, sollen aber nur die ungefähren Zwischenräume angeben, da Unterschiede von einigen bis acht Tagen nach meinen Erfahrungen stets vorkommen. Die Raupen sind grünlichgelb gefärbt und haben außer den sechs Reihen fleischiger Zapfen schwarze Pünktchen, zwei auf jedem Ringe zwischen den drei oberen Zapfenlinien, drei um das schwarz besäumte Luftloch zwischen den äußersten Reihen und außerdem noch zwei übereinander auf jeder Fußwurzel. Nach der letzten Häutung bekommen sie einen weißen, häufiger noch einen außerordentlich zarten blauen Anflug. Die Raupen wurden mehr oder weniger erfolgreich auch mit Weberkarde gefüttert, sollen außerdem auch Berberitzenblätter mit Vorliebe annehmen. Seitdem man ihre Einbürgerung in Frankreich versucht hat, sind dieselben immer weniger wählerisch in ihrer Nahrung geworden. Im botanischen Garten zu Paris haben sie sich ernährt von Laurus camphora, Eleodendron orientale, 2—3 Rhus-Arten vom Kap, auch anderwärts von Acer pseudoplatanus. Im Herbst 1864, als die frühen Nachtfröste eintraten, welche beide erstgenannten Futterpflanzen zu Grunde richteten, geriet ich in die größte Verlegenheit, indem ich viele hundert Raupen mühsam bis über die dritte Häutung, viele bis zur vierten gebracht hatte. Die letzteren ließen sich teilweise durch die Blätter des Essigbaums (Rhus typhina), welche mit denen des Götterbaumes einige Ahnlichkeit haben und weniger stark vom Froste gelitten hatten — täuschen; sie fraßen dieselben, und ich erhielt einige 30, allerdings dürftige Puppengehäuse. Dieselben wurden über Winter in einem kalten Zimmer aufbewahrt, und vom 12. Mai des nächsten Jahres an erschienen einige Schmetterlinge, welche eben nicht zu den größten gehörten. Wird durch erniedrigte Temperatur das Ausschlüpfen nicht verzögert, so dauert die Puppenruhe nur wenige Tage über drei Wochen. Die Eier brauchen ungefähr 14 Tage, bis die Räupchen daraus hervorbrechen, wenn man sie nicht absichtlich durch möglichst niedrige Temperatur daran hindert. Über den schönen Spinner sei nur bemerkt, daß die Grundfarbe in einem lebhaften, samtartigen Rehbraun besteht, die Binden weiß, die Hinterränder der mondförmigen Glasfenster gelblich und die Augen vorn nach außen schwarz sind. Die weißen Haarschöpfchen des Hinterleibes nehmen sich sehr zierlich aus. Die beiden Futterpflanzen des eben besprochenen Seidenspinners, der Götterbaum und der Wunderbaum, gedeihen zwar im Sommer sehr wohl bei uns, sind aber eingeführt und grünen viel zu spät im Jahre, um sich im großen für mehrere Raupenbruten zu eignen. Dies sah man wohl auch bald ein und schaffte zwei andere Spinner herbei, deren Raupen sich mit Eichenlaub erziehen lassen.

Der chinesische Eichen-Seidenspinner (Saturnia Pernyi) (wir ziehen den einmal eingebürgerten Gattungsnamen dem vergessen gewesenen Hübnerschen Antheraea vor) ist infolge eines Berichtes des Abbe Paul Perny an den Pariser Akklimatisationsverein (Ende der fünfziger Jahre) mit obigem Namen belegt und durch des Genannten Vermittelung sowie durch chinesische Geschäftsverbindungen mit inländischen Seidenwarenhandlungen in Europa eingeführt worden. Der stattliche Schmetterling von Form des vorigen hat ledergelbe Flügel, durch die je eine fein weiße, nach innen schmal braun eingefaßte hin= tere und eine fast nur braune, mehr gebogene vordere Querbinde zieht. Ein schmal dunkel eingefaßter, unterbrochen weiß geringter, runder Fensterfleck sitzt auf dem Ende jeder

Continue reading
Page 106 of 196