Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt der Schmetterling aus China, dem Vaterlande seiner Futterpflanze, und verbreitete sich mit ihr von Norden nach Süden in der nächsten Umgebung, bis unter der Regierung des Kaisers Justinianus zwei persische Mönche Maulbeerpflanzen und Eier (Graines), welche sie entwendet und in ihren ausgehöhlten Wanderstäben verborgen hatten, nach Konstantinopel einschmuggelten. Hier wenigstens ward in Europa zuerst seit 520 n. Chr. der Seidenbau betrieben, blieb aber bis in das 12. Jahrhundert Einzelrecht des griechischen Kaiserreichs, wo die Insel Kos die bedeutendste Rolle in dieser Beziehung spielte. Von Griechenland aus ward der Seidenbau durch Araber nach Spanien verpflanzt. In der Mitte des 12. Jahrhunderts kam er durch den
Krieg, welchen Roger II. mit dem Byzantiner Emanuel führte, nach Sizilien und breitete sich allmählich über Florenz, Bologna, Venedig, Mailand und das übrige Italien aus, unter Heinrich IV. nach Frankreich und von da weiter nach Norden. In Deutschland bildete sich 1670, und zwar in Bayern, die erste Seidenbaugesellschaft. Friedrich der Große nahm sich dieses Erwerbszweiges in seinen Ländern auf das wärmste an, und jo fand in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts der Seidenbau überall in Deutschland Eingang. Die Befreiungskriege gaben der neuen Errungenschaft einen gewaltigen Stoß; denn die Zeiten waren nicht dazu angethan, Seidenraupen zu pflegen und Maulbeerblätter zu pflücken. Die Bäume wurden älter, mehrten sich nicht, und man achtete ihrer kaum, höchstens die Dorfjugend um der süßen Früchte willen. In neueren Zeiten ward der Gegenstand wieder angeregt, von den Regierungen, in Preußen wenigstens, begünstigt. Man setzte Belohnungen auf eine gewisse Menge erzielter Gespinste aus, pflanzte statt der bisher benutzten Bäume Maulbeerhecken, welche weit schneller und bequemer das nötige Futter liefern, und schien so auf dem besten Wege zu sein, dem Nebenerwerbszweig einen neuen Aufschwung verleihen zu wollen — da mehrten sich die Berichte aus den seidenzüchtenden Ländern im Süden Europas über die Krankheitserscheinungen der „Seidenwürmer“ und mochten die Anfänger in Deutschland kopfscheu machen; es begannen die Zuchtversuche mit anderen Spinnern und lenkten von dem edelsten aller ab; kurz, Deutschland erzeugt, so viel mir bekannt, bis auf den heutigen Tag im Verhältnis zu dem Seidenbedarf so gut wie keine Seide!
Bei der Zucht dieser Seidenraupen ist gleichmäßige Wärme (bis ca. 18 R.) wesentlicher als bei den vorigen und trockenes Futter die Grundbedingung eines fröhlichen Gedeihens, jedoch in nur einmaliger Brut. Die erwachsene Raupe klebt ihren Spinnstoff an einen Zweig der Futterpflanze oder an die ihr dargebotene Hürde, zieht denselben als einzelne lose Fäden, die hier und da weiter befestigt werden, um ihren Körper, damit sie zunächst eine Hängematte gewinne. Dieselbe wird dichter und dichter, umschließt den Raupenkörper immer enger und verbirgt ihn schließlich vollständig dem Blicke des Beobachters. Einige Zeit danach hört man die webende Thätigkeit im Inneren, bis zuletzt vollkommene Ruhe eintritt, nachdem die letzte Larvenhaut abgestreift ist. Die kräftigsten Gespinste, gleichviele von jedem Geschlechte, werden zur Weiterzucht ausgewählt. Die männlichen Puppen sind nämlich walziger, in der Mitte mehr oder weniger eingeschnürt, die weiblichen eiförmig. Die Gespinste, welche Seide liefern sollen, müssen der Backofenwärme oder heißen Wasserdämpfen ausgesetzt werden, damit die Puppen sterben und der ausschlüpfende Schmetterling beim Durchbohren des Gespinstes den einen, bis 600 m langen Faden nicht zerstöre und unbrauchbar mache. Diesen von außen nach innen, dem hohlen Knaule, als welcher sich das Gespinst darstellt, abzuwickeln, ist die nächste Aufgabe. Zu diesem Zwecke werden die Gehäuse in fast kochendem Wasser mit Reisbesen bearbeitet, bis sich der die Fäden zusammenhaltende Leim löst und die Anfänge jener zeigen. Die in solcher Weise vorbereiteten Gespinste kommen nun in ein anderes, aber nur mit warmem Wasser gefülltes Becken, welches mit einem Haspel in Verbindung steht, deren Einrichtung verschiedener Art sein kann. Da der Faden des einzelnen Gespinstes zu fein sein würde, jo haspelt man deren, je nach den Bedürfnissen, 3-8 und noch mehr gleichzeitig ab, welche auf dem „Fadenleiter“, durch gläserne Ringe gehend, infolge des ihnen noch innewohnenden Leimes alle zu einem Faden sich vereinigen. Bei dieser inder Regel von Mädchen ausgeführten Arbeit ist auf Gleichmäßigkeit des Fadens zu achten, der, je weiter nach innen, an jedem Gespinste feiner wird und daher nach dem Ende hin der Zuziehung neuer Fäden bedarf. Die nächste Umhüllung der Puppe läßt sich nicht abwickeln, sondern bleibt als pergamentartiges Häutchen zurück. 10- 16 kg
frische („grüne“) Gespinste oder 7— 9 gebackene geben nach dem Abhaspeln ein Kilogramm Rohseide, deren weitere Behandlung Gewerken anheimfällt, die uns hier nicht interessieren.
Der Kiefernspinner (Gastropacha pini, s. Abbildung S. 414) gehört überall, wo Kiefern wachsen, nicht zu den Seltenheiten, seine schöne Raupe (Fig. d) zu den vom Forstmann gefürchtetsten. Sie findet sich halb erwachsen oder noch kleiner im Winterlager unter Moos und zwar im Bereiche des Schirmes 60 — 80 jähriger Bestände. In einer Höhlung, uhrfederartig zusammengerollt, liegt fie hier feucht, wird auch steif, wenn der Frost die Erde durchdringt. Weicht der Frost, so bekommt sie wieder Geschmeidigkeit und bäumt je nach der Witterung früher oder später, bestimmt dann, wenn im Reviere der Wärmemesser auf + SR. steht, wieder auf. Ist sie gegen Ende April oben in den Nadeln angelangt, so kommt sie meist nicht wieder herunter, es sei denn kurz vor der Verwandlung. In Braun und Weißgrau bestehen ihre beiden Hauptfarben, welche in verschiedenen Schattierungen und Anordnungen miteinander wechseln und stellenweise filzige Behaarung mit dem herrlichsten Perlmutterglanze tragen. Die Einschnitte des zweiten und dritten Ringes bilden sogenannte Spiegel, je einen stahlblauen Samtfleck, welcher erst dann recht sichtbar wird, sobald die Raupe die Stellung in unserer Abbildung annimmt; hierzu kann man sie leicht veranlassen, wenn man sie berührt oder irgendwie reizt, dann schlägt sie überdies mit dem Vorderkörper nach den Seiten hin und her. Zur Verpuppung spinnt sie ein geschlossenes Gehäuse (Fig. e), nicht immer zwischen den abgefressenen Nadeln, sondern auch unten am Stamme zwischen Rindenschuppen. Häufig kommt sie aber auch gar nicht dazu, sondern bietet einen traurigen Anblick. Hunderte von Schlupfwespenlärvchen schmarotzten in ihrem Leibe und kamen zuletzt daraus hervor, um sich auf der allein von ihr noch übrigen Haut in schneeweiße Püppchen zu verwandeln (Fig. i). Namentlich die kranken Raupen scheinen in ihrer Angst von den Bäumen herabzusteigen; denn ich habe in Revieren, wo sie nur einzeln vorkamen, dergleichen gespickte Bälge in auffälligen Mengen bis in Mannshöhe und tiefer an den Stämmen kleben sehen. Die gesunde Puppe im Gespinste braucht etwa drei Wochen zu ihrer Entwickelung, so daß um die Mitte des Juli der Schmetterling fliegt. Er zeigt sich in der Färbung ebenso veränderlich wie die Raupe, hat indes für gewöhnlich das Aussehen, welches uns umstehend vorgeführt ist; Grau und Braun in verschiedenen Mischungen kommen auch ihm zu. Ein weißes Mondfleckchen auf dem Vorderflügel und eine unregelmäßige schmälere oder breitere rotbraune Querbinde dahinter machen ihn leicht kenntlich. Das größere Weibchen (Fig. b) ist sehr träger Natur, aber auch das Männchen (Fig. a) fliegt nicht leicht bei Tage. Daß die Schmetterlinge bisweilen weitere Züge unternehmen, lehrte mich vorzeiten der sonderbare Umstand, daß ich eine Gesellschaft von ungefähr acht Stück beiderlei Geschlechts an einer Glocke auf dem Kirchturm sitzend antraf, in einer Gegend, in welcher stundenweit keine Kiefern wuchsen. Auch Ratzeburg gedenkt einzelner Fälle, welche auf solche Wanderungen hinweisen. Das befruchtete Weibchen legt alsbald nach der Paarung, welche meist am Abend seines Geburtstages erfolgt, 100— 200 Eier an den Stamm (Fig. c), an die Nadeln oder auch an einen Zweig in größeren oder kleineren Partien bei einander. Dieselben sind lauchgrün, kurz vor dem Ausschlüpfen im August grau. Daß auch sie unter den Schmarotzern ihre Liebhaber finden, haben wir bereits früher erfahren und in einem Teleas den einen davon kennen gelernt, welcher bis zu zwölf Stück aus einem Eie erzogen worden ist. Das junge Räupchen begibt sich sofort auf die Nadeln, beschabt dieselben zuerst, kann sie aber bald mit Stumpf und Stiel verdauen. Man hat nach sorgfältig angestellten Beobachtungen ausgerechnet, daß eine regelrecht sich entwickelnde Raupe durchschnittlich 1000 Nadeln braucht, um die Verpuppungsreife zu erlangen, und daß eine halbwüchsige in 5 Minuten mit
einer fertig wird, wenn fie sich nicht unterbricht. Daraus geht hervor, daß Massen von ihnen etwas leisten können. Nachrichten über Schäden durch den Fraß dieser Raupe hat man seit dem Jahre 1776. Nur eine einzige Mitteilung, welche mir von einem Forstbeamten zugegangen ist, mag den Beweis liefern, in welchen ungeheuern Massen dieser
BITTE a . FT SR
Kiefernspinner (Gastropacha pini): a Männchen, b Weibchen, e Eier, d Raupen, e Puppengespinst, sowie einige feiner Feinde: (t) der Puppenräuber nebst (8) Larve, (b) die Sichel- und (i) die Eierwespe des Spinners. Alle natürliche Größe.
Spinner auftreten kann. In dem Revier Möllbitz bei Wurzen wurden im Jahre 1869: 1 Zentner 49 Pfund Eier, 64 Dresdener Scheffel weibliche Schmetterlinge und 124 Scheffel Raupen gesammelt, ohne den Feind bewältigen zu können. Alle Versuche, dieses Ziel zu erreichen, wären ungenügend, wenn nicht die Natur selbst in den mancherlei Schlupfwespen seinen allzugroßen Vermehrungen Schranken setzte, einen Pilz (Botrytis Bassiana)
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im Körperinneren wuchern ließe, welcher ihnen den sicheren Tod bringt; ja, selbst Frösche hat man auf den Bäumen angetroffen, auf welchen die Raupen in verheerenden Mengen saßen. Wer hätte nicht schon an den Stämmen der Obstbäume Ende Mai, Anfang Juni die hellblaue, braun⸗ und gelbstreifige Raupe, über deren Rücken außerdem noch ein weißlicher Mittelstreifen läuft, und deren blauer Kopf zwei schwarze Flecke trägt, in gedrängten Scharen bei einander sitzen und lustig mit dem Vorderteile ihres Körpers hin und her schlagen sehen, wenn ihr die Sonne recht warm auf den Leib scheint? Dieselbe, auch Livreeraupe wegen der bunten Streifen genannt, entschlüpfte im Frühling dem fast steinharten Ringe von Eiern, welcher sich um einen Zweig windet und wegen gleicher Färbung mit diesem schwer zu erkennen ist. Bis zur dritten Häutung ungefähr lebt die Raupe mit den
0 EGGBN Geschwistern vereint, und DE silberglänzende Fäden verraten die Straße, welche sie zu wandern pflegen, wenn es zu Tische und von da nach dem gemein: samen Ruheplätzchen geht. Insofern die gesellige Ver: einigung zusammengehöriger Brut ein Nest genannt 165 8 | TR werden kann, lebt auch 0%N, A rNN Ik TERFW, | diese Raupe nesterweise;da f 8 i i ..: Weibchen des Ringelspinners (Gastropacha neustria), feine Eiringe, Raupen sie aber kein Nest spinnt, und Puppe. Natürliche Größe. so ist der Begriff des Raupennestes hier ein anderer, als wir ihn beim Baumweißling bereits kennen lernten und weiterhin noch finden werden. Erst dann, wenn sie erwachsener ist und mehr Futter bedarf, scheint jeder die allzugroße Nähe der Schwestern eine Beeinträchtigung der eignen Bedürfnisse in sich zu schließen, und man zerstreut sich daher mehr und mehr. Erwachsen spinnt sie, am liebsten zwischen Blättern, ein gelbliches, in der Regel mehlig bestäubtes, geschlossenes Gehäuse, in welchem die stumpfe, gleichfalls stark bepuderte Puppe einige Wochen ruht; denn im Juli und August erscheint der Ringelspinner (Gastropacha neustria), wie man den Schmetterling wegen der Art des Eierlegens genannt hat. Am Tage sitzt er versteckt und träge, erst mit einbrechender Dunkelheit beginnt der Hochzeitsreigen. Eine licht ockergelbe Grundfarbe ist das gewöhnliche Kleid, und die helleren, fast geraden und unter sich ziemlich gleichlaufenden Querlinien unterscheiden diese Art von einer sehr ähnlichen, der Gastropacha castrensis, deren noch buntere, schön goldigbraune Raupe gesellig an Wolfsmilch lebt. — Die beiden näher besprochenen und noch zahlreiche andere Spinner Europas und Amerikas hat man zur Sippe der Glucken vereinigt, so genannt, weil viele von ihnen in der Ruhe einen Streifen der Hinterflügel über den Vorderrand der vorderen heraustreten lassen, so daß sich die Flügel etwas ausbreiten, wie die einer Gluckhenne, welche ihre Küchlein darunter verbirgt. Bei dem etwas abweichenden Aderverlaufe, welchen die Flügel mancher zeigen, stimmen sie doch in folgenden Merkmalen überein: die kräftigen, verhältnismäßig kurzen Vorderflügel haben zwölf Rippen, keine Anhangszelle und eine nicht gegabelte Innenrandsrippe, die kurz gefransten breiten
Hinterflügel keine Haftborste, zwei Innenrandsrippen, deren hintere in den Afterwinkel mündet. Bei beiden Geschlechtern sind die Fühler, welche zwischen viertel und halber Vorderflügellänge schwanken, zweireihig gekämmt, die Zähne des Männchens lange Kammzähne, die des Weibchens meist sehr kurze Sägezähne. Punktaugen fehlen, ebenso an den hintersten Schienen der kurzen, starken Beine ein oberes Sporenpaar. a