Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Haarbüschchen besetzt sind, hinter einigen Fäden an den Stämmen oder lose zwischen wenigen Blättern der Futterpflanze.
Der Goldafter (Porthesia chrysorrhoea, Fig. 1— 6) ist gleich dem vorigen einfarbig weiß, aber an der Hinterleibsspitze rotbraun gefärbt; dieselbe endet beim schlankeren Männchen (Fig. 1) in einen Haarpinsel, beim Weibchen knopfartig verdickt. Die Fühlerstrahlen sind rostgelb und die Gattung von der vorigen dadurch unterschieden, daß die Hinterschienen in der Nähe der Mitte ein zweites Sporenpaar tragen, daß Rippe 6 und 7 der Hinterflügel aus gemeinsamem Stiele kommen, und daß Rippe 10 der Vorderflügel aus 8
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- Fühler des Männchens, 6) Flügelstück desselben. 7) Raupe des Schwanz (Porthesia auriflua), 9) ein Glied derselben, 8) Federhärchen des letzteren; 5, 6, 8 und 9 stark vergrößert.
entspringt. Dieser Spinner erscheint gleichzeitig mit dem vorigen, führt dieselbe Lebensweise, nur weiß er sich mehr an der Rückseite der Blätter versteckt zu halten, und beschränkt sich nicht auf Weiden und Pappeln, sondern sitzt an fast allen Waldbäumen (Eiche, Buche, Hainbuche, Rüster, Weide, Schwarzdorn), auch an den meisten Obstbäumen, an Rosen und anderen Ziersträuchern der Gärten. Auf allen diesen findet man Anfang Juli das Weibchen damit beschäftigt, seine Eier zu legen, und zwar gewöhnlich an die Kehrseite der Blätter (Fig. 2). Vermittelst zweier Schuppen der Leibesspitze rupft es die rostbraunen Haare aus dem Hinterleibsknopf und bettet in diese die gleichzeitig gelegten Eier, welche in einen Haufen übereinander gepackt werden. Die hinteren Filzhaare des Polsters kommen zuerst an die Reihe, später die anderen, jo daß zuletzt, wenn nach 1— 2 Tagen das Geschäft abgethan, ein sogenannter „kleiner Schwamm“ fertig, auch das Afterpolster fast gänzlich von der Leibesspitze verschwunden ist. Auf jenem Schwamme, welcher länglich und dicker ist als der Hinterleib,
bleibt das nun erschöpfte Weibchen bisweilen tot hängen oder fällt herab. Nach 15— 20 Tagen, also Ende Juli, auch später, kriechen die Räupchen aus und benagen die Blätter ihrer nächsten Umgebung. Sie sind schmutzig gelb am Kopfe, Nacken und Reihen von Rückenpunkten schwarz. Allmählich spinnen sie ein Nest, welches immer dichter gewebt wird, je näher die rauhe Jahreszeit kommt, und immer bemerkbarer, je mehr das Laub herabfällt; in ihm findet man meist den Eierschwamm. Dies sind die sogenannten großen Raupennester. Im nächsten Jahre zeigen die Raupen ihr Erwachen durch Ausfressen der Knospen an, sonnen sich in den Astgabeln und gehen in das alte Nest zurück oder spinnen ein neues, welches sie gleichfalls verlassen, sobald fie größer geworden find. Ende April erfolgt die zweite Häutung (die erste war der Überwinterung vorausgegangen) gegen Ende Mai die dritte. Die erwachsene Raupe (Fig. 3) ist stark behaart und dunkelbraun, hat vom 4. Ringe an je einen weißen Seitenfleck, vom 6.—10. zwei rote, etwas geschlängelte Rückenstreifen und je eine ziegelrote Warze mitten auf dem 9. und 10. Ringe. In der ersten Hälfte des Juni wird sie in einem losen, durchscheinenden Gespinste zwischen Blättern zu einer schwarzbraunen Puppe (Fig. 4). Diese Raupen sindes in erster Linie, welche unseren Obstbäumen stark zusetzen und nicht selten durch ihr massenhaftes Auftreten Zeugnis von der un verantwortlichen Nachlässigkeit der Baumbesitzer ablegen, da während des Winters oder im zeitigsten Frühjahr das Abschneiden und Verbrennen der so leicht zu erkennenden Raupennester doch ein so bequemes Mittel an die Hand gibt, sich dieses Feindes der Obstbäume zu bemächtigen. Wer durch gewissenhafte Handhabung der Raupenschere seine Bäume zu schützen sucht, darf das Buschwerk und die lebenden Zäune um dieselben nicht unberücksichtigt lassen, da diese, besonders wenn sie aus dem beliebten Weißdorn bestehen, wahre Brutstätten dieses Ungeziefers bilden!
Der Schwan oder Gartenbirnspinner (Porthesia auriflua) ist dem Goldafter ungemein ähnlich, nur sind die Afterbüschel lichter, mehr goldgelb, so daß ihm der deutsche Name des vorigen mit größerem Rechte gebührte, und überdies hat der Innenrand der Vorderflügel einen ungewöhnlich langen Fransensaum. Seine Lebens- und Entwickelungsgeschichte ist beinahe dieselbe; der goldgelbe Eierschwamm findet sich weniger im Walde als in Gärten und Hecken, aber auch hier weit einzelner. In einem Punkte gehen beide Spinner aber wesentlich auseinander. Nach der ersten Häutung vor Wintersanfang zerstreuen sich die Räupchen; jede einzelne sucht an den gewöhnlichen Verstecken ein Unterkommen, spinnt sich hier jedoch in ein weißes Futteral ein. Erwachsen (Fig. 7, S. 420) ist sie schwarz, hat einen zinnoberroten Doppelstreifen längs des Rückens, einen einfachen über den Füßen, eine wellige, weiße Seitenlinie und auf dem vierten, fünften und letzten Ringe einen schwarzen, weiß bestäubten Haarbüschel. Weil sie weniger die Geselligkeit liebt wie die vorige, so kann sie zwar deren Zerstörungswerk unterstützen, nie aber durch ihre Art allein so beträchtlichen Schaden anrichten.
Der Schwammspinner, Dickkopf (Ocneria dispar, s. Abbild., S. 422), unterscheidet sich im Aderverlauf der Flügel dadurch von den beiden vorigen, daß im Vorderflügel Rippe 10 aus 7 entspringt und im Hinterflügel Rippe 6 und 7 aus einem Punkte, nicht aus einem gemeinschaftlichen Stiele kommen. Die vier Sporen an den Hinterschienen haben beide Gattungen miteinander gemein. Den wissenschaftlichen Namen führt dieser Spinner mit voller Berechtigung; denn beide Geschlechter haben ein so verschiedenartiges Ansehen, daß der Unkundige jedes für eine besondere Art ansprechen könnte. Das kleinere, graubraune Männchen (Fig. 1) hat einige mehr oder weniger ausgeprägte schwarze Zackenbinden über die Vorderflügel und lange Kammzähne an den Fühlern, welche ihnen die Umrisse eines Hasenohres verleihen. Das außerordentlich plumpe und träge Weibchen hat schmutzig weiße Flügel, deren vordere ähnliche schwarze Zackenbinden tragen, und einen braunen, knopfartigen Haar—
wulst am Ende des häßlichen Hinterleibes. Beide find Ende Juli oder im August der matt; schwarzen Puppe entschlüpft. In den Abendstunden geboren, scheinen sie auch nur während der Nachtzeit berechtigt zu sein, den beiden Trieben zu folgen, von welchen allein nur alle vollkommenen Kerfe beseelt sind: zu leben und leben zu lassen. Kaum sind dem Männchen seine Schwingen gewachsen, so fliegt es in wilder Lust umher, wie ein Schatten gleitet es an uns vorüber und ift im Augenblicke wieder verschwunden, weil sein fledermausartiger Flug und die Dunkelheit uns nicht vergönnen, ihm mit den Augen zu folgen. Am anderen Tage finden wir es wieder, oder wenigstens seinen Bruder, an einer Wand, in dem Winkel
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Schwammspinner (Ocneria dispar), 1) Männchen, 2) Weibchen vor einem von ihm gelegten Eierschwamm, 3) Puppe, 4) Raupen auf verschiedenen Altersstufen. Alles natürliche Größe.
eines Fensters von der nächtlichen Schwärmerei ruhend. Sehr fest sitzt es aber nicht, wir brauchen ihm nur nahe genug zu kommen, daß es unsere Gegenwart merkt, so fliegt es davon, und weil die Störungen mannigfacher Art sein können, so geschieht es, daß wir an sonnigen oder schwülen Tagen die Tiere in ewiger Unruhe umherfahren sehen. Ganz anders das Weibchen. Träge sitzt es anWänden oder Baumstämmen und bedeckt seinen häßlichen, dicken Hinterleib dachartig mit den nichts weniger als schönen Flügeln. Kann man durch einen Fußtritt den Baumstamm erschüttern, an welchem es hängt, so fällt es herab mit nach vorn gekrümmter Hinterleibsspitze, esder Mühe kaum wert erachtend, durch Flattern dem erhaltenen Stoße entgegenzuwirken. Nur bei anbrechender Dunkelheit erhebt es mühsam seine Flügel und taumelt um die Bäume, ein fetter Bissen für die beutelüsternen Fledermäuse. So bringt es seine kurze Lebenszeit hin, des Tages in fauler Ruhe, des Nachts in unbeholfenem Flattern, bis ein Männchen ihm Ruhe beigebracht hat, und muß sich, wie auch das Männchen, nur vom Tau ernähren; denn an Blumen findet man beide nie. Endlich
trifft man es (Fig. 2) vor einem braunen, dem Feuerschwamm nicht unähnlichen Filze, einem „großen Schwamme“, sitzend. Wie der Goldafter und der Schwan beginnt es mit einem Schleimüberzug, an welchem die unterste Schicht des Filzes hängen bleibt, welchen es seinem tiefbraunen Afterpolster entzieht. Hierauf kommt eine Lage Eier, dann eine weitere Haarschicht und so fort, bis ein ansehnliches Häuflein ohne beftimmte Form an dem Baumstamme, der übertünchten Lehmwand, oder an ähnlichen, stets aber geschützten Stellen untergebracht ist. Je zahlreichere Schwämme im angeführten Sinne sichtbar werden, desto seltener werden die Weibchen, die Männchen waren bereits früher von der Schaubühne abgetreten.
Erst in dem nächsten Frühjahr erwacht in den Eiern das Leben, wenn nicht ein sorgsamer Landwirt oder Gärtner die ihm zugänglichen beizeiten vertilgt hat, wobei jedoch eine gewisse Vorsicht nötig ist. Sie an Ort und Stelle zu zerdrücken, ist mißlich, weil sie sehr hart sind und in dem federnden Filze eher wegspringen als sich zerdrücken lassen. Man muß sie daher sorgfältig abkratzen, auf einem untergehaltenen Papiere, Brettchen ꝛc. sammeln und verbrennen, aber nur in kleineren Mengen, weil sie mit heftigem Knalle zerspringen. Auf der weichen Unterlage sonnen sich in fröhlichem Gewimmel die schwarzen Räupchen, gehen jedoch bald auseinander, ale aber an den Astgabeln, an der Unterseite der Aste, um vor Nässe geschützt zu sein, immer wieder zusammen, und jede sieht zu, wo für sie der Tisch gedeckt ist. Die Raupe gehört keineswegs zu den Kostverächtern; denn die Rosenblätter unserer Gärten, die Blätter der Eichen im Walde, der Weide am Bache, der Pappel an der Heerstraße und der verschiedensten Obstbäume sagen ihr ohne Unterschied zu. Es kommen Jahre vor, in denen sie durch ihre ungeheure Menge zur Plage grö— ßerer Landstriche wird. So berichteten französische Ein Zwitter des Schwammspinners. Blätter unter dem 14. Juli 1818: „Die schönen Korkeichenwälder, welche sich von Barbaste bis zur Stadt Podenas im südlichen Frankreich erstrecken, sind in einer ganz verzweifelten Weise von der Raupe der Ocneria dispar vernichtet. Nachdem sie nicht nur die Blätter der Korkbäume, sondern auch die Eicheln dieses und des folgenden Jahres verschlungen hatten (die Frucht braucht ein Jahr, ehe sie reift), wurden unsere Mais- und Hirsefelder, unsere Futterkräuter und unsere sämtlichen Früchte ihnen zur Beute. Die den Bäumen benachbarten Wohnungen sind von ihnen erfüllt und können den unglücklichen Eigentümern nicht mehr zum Aufenthalte dienen. Selbst die Weinstöcke, die hier und da auf unserem Sandboden zerstreut wachsen, sind nicht verschont geblieben.“ Ich selbst habe bei einer anderen Gelegenheit beobachtet, wie die Tiere sich unten auf dem Boden krümmten und mit dem Hungertode rangen, nachdem sie eine vereinzelte, an einem Felseneinschnitt wachsende Gruppe von Pflaumenbäumen vollständig entblättert und sich die Möglichkeit benommen hatten, mehr Futter zu erlangen; denn weitere Wanderungen danach unternehmen sie nicht wie gewisse andere Raupen. Im Jahre 1752 waren sie in Sachsen scharenweise vorhanden, so daß sie in den Gegenden von Altenburg, Zeitz, Naumburg, Sangerhausen nicht nur alle Obstbäume, sondern zum Teil ganze Wälder kahl abgefressen hatten. Die Figuren 4 überheben uns der näheren Beschreibung. Blaue und rote, borstig behaarte Warzen ziehen in Reihen über den graubraunen Körper, und wenn die Raupe erst erwachsen ist, macht ein dicker Kopf, welcher aus den dichten Borsten hervorsieht, sie leicht vor dem übrigen Ungeziefer kenntlich. Zur Verpuppung zieht sie einige Fäden zwischen den Blattüberresten ihres letzten Weideplatzes
oder zwischen Rindenrissen an den Stämmen und ist als Puppe (Fig. 3) ungemein ungehalten, wenn sie gestört wird; denn sie wirbelt und windet ihre Hinterleibsglieder lange, wenn man sie anfaßt. Sie bedarf nur wenige Wochen der Ruhe.
Wir sehen hier noch ein merkwürdiges Naturspiel, ein Männchen auf der linken, ein Weibchen auf der rechten Seite in einem lebenden Wesen vereinigt, welches am 28. Juli 1864, aber in umgekehrter Anordnung, in Berlin gezogen worden ist. Zwitterbildungen finden sich in der Kerfwelt ab und zu immer einmal, wenn auch nicht in der Regelmäßigkeit des vorliegenden. Hagen hat 1861 ein Verzeichnis der Schmetterlingszwitter zusammengestellt, soweit er schriftliche Nachrichten darüber auffinden konnte, und bringt in demselben 99 zusammen, eine Zahl, welche sich seitdem vermehrt hat, wie schon der vorliegende Fall beweist.