Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Auf dem Stamme befanden sich damals noch mindestens 153,000 Klaftern. Die verwüstete Fläche betrug 32,931 Morgen und hatte sich somit beinahe über das ganze Revier erstreckt. Mit diesen Verwüstungen hat man nach Zeitungsberichten vom Jahre 1890 die Verheerungen verglichen, welche den Wäldern im weiteren Umkreise von München bevorstehen. Glücklicherweise hat sich später ergeben, daß in verschiedenen Revieren die Raupen massenhaft durch einen Spaltpilz an der sogenannten „Schlaffsucht“ (Flacherie) zu Grunde gegangen sind, welcher den Fettkörper vernichtet und das Innere der Raupe allmählich in eine braune Jauche verwandelt.
Die Eiche, welche bekanntlich mehr Schmetterlingsraupen ernährt als irgend ein anderes Gewächs, wird stellenweise von einer höchst interessanten und sonderbaren Raupe heimgesucht, die, wenn irgend eine, es mit Recht verdient, als giftig verschrieen zu sein. Ihre langen, weißbespitzten, unter dem Mikroskop oben mit Astchen versehenen Haare enthalten jo viel Ameisensäure, daß fie auch auf weniger empfindlicher Haut ein entjeß-liches Brennen und Jucken hervorbringen. Es fehlt nicht an Beispielen, wo sie, in das Innere menschlicher oder tierischer Körper gelangt, die bedenklichsten Entzündungen der Schleimhäute hervorgerufen und bei Vernachlässigung den Tod herbeigeführt haben; Rinder zeigten vollständige Tollwut. Der Träger dieser gefährlichen Brennhaare findet sich im Mai und Juni und wird von der sonderbaren Gewohnheit, mit seinesgleichen in gewisser Ordnung zum Fraße auszumarschieren und von den Weideplätzen ebenso geordnet wieder in das Nest zurückzukehren, Prozessionsraupe genannt. Dieselbe kommt im Mai aus den Eiern, welche das Weibchen im Sommer zuvor in Häufchen von 150—300 Stück der Rinde eines Eichenstammes anklebte, untermischt mit graubraunen Haaren aus seiner filzigen Leibesspitze, in ähnlicher Weise, wie wir es bei den verschiedenen Porthesia-Arten kennen gelernt haben. Von der Anzahl der Eier hängt die Größe der Gesellschaft ab, welche nicht nur während ihres etwa sechswöchigen Raupenlebens, sondern auch bei der Verpuppung in der innigsten Gemeinschaft bleibt. Nur bei sehr großer Häufigkeit kann es vorkommen, daß mehrere Gesellschaften, welche auf ihren Wanderungen zusammentreffen, sich zu einer vereinigen. Gleich am ersten Abend ihres Geburtstages ziehen sie, bei geringerer Anzahl eine hinter der anderen im Gänsemarsch, bei größerer in keilförmiger Anordnung, eine voran, die nächsten Glieder paarweise, dann zu dreien, vieren ꝛc., nach der Baumkrone, um an den Blättern, deren Oberseite sie im ersten Anfang nur bewältigen können, wie alle sehr jungen Raupen, ihre Nahrung zu suchen. Wie sie hier reihenweise geordnet schmausen, so kehren sie nach der Mahlzeit in demselben geordneten Zuge nach einer geschützten Stelle des Stammes zurück, am liebsten an Astgabeln oder ziemlich tief nach unten. Hier richten sie sich häuslich ein, sitzen dicht gedrängt beisammen, wenn sie größer geworden sind, nicht bloß neben-, sondern auch aufeinander, und spinnen ein lockeres Gewebe über sich. Im Anfang wird der Standort öfters gewechselt, später hingegen bleibt er unverändert, und das Gespinst wird durch die abgeworfenen Häute und den teilweise hängen bleibenden Kot immer dichter und bekommt aus einiger Entfernung das Ansehen eines beulenartigen
Auswuchses am Stamme (Hintergrund unserer Abbildung). Aus diesen Gespinstballen werden die Brennhaare durch den Wind verstreut, fallen auf das Gras, welches vom Viehe abgeweidet wird, oder gelangen, in der Luft umherfliegend, den Holzarbeitern, welche in der Nachbarschaft bewohnter Bäume ihr Frühstück ꝛc. verzehren, in den Magen. Mit anbrechender Dunkelheit verlassen die Raupen ihr Nest, an welchem man unten ein Loch als Aus- und Eingang bemerken kann, um ihre Straße aufwärts zu ziehen, und dies wiederholt sich allabendlich mit Ausschluß der auf eine jedesmalige Häutung fallenden zwei Krankheitstage. Manchmal sieht man sie auch bei Tage auf dem Boden hinziehen,
vielleicht irgendwie und hauptsächlich aus Futtermangel genötigt, ihren Baum und ihr Nest zu verlassen. Der Zug gewährt dann einen höchst überraschenden Anblick; wie ein dunkles Band, eine Schlange, windet sich derselbe dahin und kommt nur langsam von der Stelle. Die Raupe hat einen breit blauschwarzen Rücken mit rotgelben Wärzchen, welche die Haarsterne tragen, und weißliche Seiten. Erwachsen 39 —52 mm lang, begeben sich alle auf den Grund des Nestes und bereiten Reihen von Gespinsten (Fig. 5), welche mit einem ihrer Enden unter rechtem Winkel auf der Stammoberfläche stehen und fest miteinander verbunden sind. Sie erinnern in ihrer Vereinigung an die gedeckelten
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- Eichenprozessionsspinner (Chethocampa processionea), Männchen, Wanderung der Raupen, 3) ein Glied einer
Raupe, 4) Puppe, 5) die Gehäuse von mehreren, 2) ein Stück Brennhaar der Raupe; 2 und 3 vergrößert.
Zellen der Bienen. In jeder Zelle ruht eine dunkel rotbraune Puppe (Fig. 4), deren Bauchringel scharfe Ränder haben.
Im Juli und August, sobald es des Abends zu dämmern beginnt (nach 8 Uhr), kommen die Schmetterlinge, der Eichen-Prozessionsspinner (Chethocampa pro-cessione a), aus jenen hervor, deren Männchen durch baldiges Davonfliegen ihre Wildheit zu erkennen geben. Ich habe die Tiere oft genug erzogen, merkwürdigerweise im Freien aber kein einziges zu Gesichte bekommen. Das schlichte, bräunlichgraue Gewand läßt auf dem Vorderflügel einige dunklere Querlinien, besser beim dunkleren und schärfer gezeichneten Männchen (Fig. 1) als beim Weibchen, erkennen; den gelblichweißen Hinterflügel kennzeichnet eine verwischte Querbinde, sieben Rippen spannen ihn, und eine Haftborste
vereint ihn im Fluge mit dem vorderen, welcher von zwölf Rippen durchzogen wird. Bei beiden Geschlechtern tragen die Fühler bis zur Spitze zwei Reihen Kammzähne, die Hinterschienen nur Endsporen; von einem Rüssel ist nichts zu bemerken. Die Art verbreitet sich im südlichen und nordwestlichen Deutschland, in der Ebene mehr als im Gebirge, und erreicht nach Speyer bei Havelberg ihre Nordgrenze.
Eine andere sehr ähnliche Art, der Kiefern-Prozessionsspinner (Cnethocampa pinivora), treibt ihr Wesen ebenfo, aber nur an Kiefern und mit dem Unterschiede, daß die Raupe nicht ausschließlich anden Stämmen ruht, sondern klumpenweise flach unten auf dem Boden, an Steinen, welche auf demselben umherliegen, und daß sie als Puppe überwintert. Sie kommt im nordöstlichen deutschen Flachland, in Südschweden und um Petersburg vor. Auf den Nadelhölzern des südlichen Europa, besonders den Pinien, lebt
- Großer Gabelschwanz (Harpyia vinula), 2) feine Raupe in verschiedenen Größen, 3) Puppengespinst an einem Stamme, 4) Raupe des Buchenspinners (Stauropus fagi). Alles natürliche Größe.
eine dritte Art, der Pinien-Prozessionsspinner (Cnethocampa pityocampa), welche in der Lebensweise der vorigen sehr nahe steht.
Es schließen sich hier noch einige Falter an, welche besonders im Larvenstande ein gewisses Interesse für sich in Anspruch nehmen, insofern ihre Raupen nämlich statt der Nachschieber zwei nach oben gerichtete fadenartige Anhänge tragen. Man hat dieselben mit einer Gabel verglichen und ihre Träger wie die aus ihnen entstehenden Spinner Gabelschwänze genannt. Nun können diese Raupen aber auch einen noch längeren, dünnen Faden aus diesen Stäbchen hervorstülpen, der wie die Schnur einer Peitsche an seinem Stiele herabhängt und ihnen den sehr bezeichnenden Namen Peitschenraupen eingetragen haben. Nur wenn sie gereizt werden, zeigen sie ihre Peitsche, wie die Schwalbenschwanzraupe ihre Nackengabel. In der Ruhe nehmen diese Tiere eine höchst sonderbare Stellung auf dem Blatte des betreffenden Strauches oder Baumes an, welchen sie bewohnen. Eine dieser tückisch aussehenden Raupen (Fig. 2) ist lichtgrün und hat einen violetten Sattelfleck
1I über den Rücken, welcher auf dem siebenten Ringe bis zum Luftloch seitlich herabreicht und ringsum sauber weiß eingefaßt ist. Sie findet sich besonders im Juli und August auf Weiden |2 oder den verschiedenen Pappelarten und gehört dem großen Gabelschwanz (Harpyia 5 vinula, Fig. I) an. Zur Verpuppung benagt fie den Stamm ihrer Futterpflanze und h
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spinnt über das vertiefte Lager eine gewölbte Decke (Fig. 3), welche die Farbe und holzige
Beschaffenheit der Umgebung hat und den Winter über die rotbraune stumpfe Puppe umschließt. Im Mai kommt der bei Tage sehr träge, an Stämmen, Pfählen und Planken sitzende Falter daraus hervor, welcher weiß aussieht, gelbe Rippen hat und schwarze, zum Teil verwischte Flecke und Zackenzeichnungen auf den Flügeln. Er legt diese dachartig über den Leib und seine dickwollig behaarten Vorderbeine lang vorgestreckt dicht nebeneinander.
Das Fratzenhafteste aller einheimischen Raupen stellt aber die des Buchenspinners (Stauropus fagi) dar, welcher gleichzeitig mit dem vorigen fliegt, dieselbe Körpertracht hat, aber graubräunlich gefärbt ist. Die Raupe sitzt in der Ruhe wie die vorige, gewährt aber einen wesentlich anderen Anblick, wie unsere Abbildung (Fig. 4) zeigt. Die beiden stabförmigen Anhängsel am breiten Leibesende entsprechen den Peitschen der Peitschenraupen, können sich selbst aufrichten, aber keinen Faden hervorschieben, und die sechs ungemein verlängerten Brustfüße geben der lederbraunen Raupe offenbar eine gewisse Spinnen ähnlichkeit. Sie findet sich im Herbst auf Buchen oder Eichen und nimmt durch das Emporrichten des vorderen Körperteiles, Ausstrecken und Erzitternlassen der langen Beine eine komisch drohende Gestalt an, wenn man sie in ihrer Ruhe stört. Vor Winters Anfang erfolgt die Verpuppung in einem dichten Gespinste zwischen Blättern an der Erde.
Die Eulen, Noctuen (Noctuina), bilden eine sehr große Familie, deren Mitglieder meist von nur mittlerer Größe sind und sich mit Ausnahme weniger Gattungen wegen des übereinstimmenden Baues und der stets wiederkehrenden Zeichnungsanlage leicht als hierher gehörig erkennen lassen. Der Körper ist in der Regel kräftig, ohne gerade plump genannt werden zu können, der Hinterleib meist zugespitzt, länger als der Innenrand des Hinterflügels, die Behaarung dicht, auf Mittel- und Hinterleib nicht selten durch Schöpfe von verschiedener Form ausgezeichnet. Die behaarten oder nackten Augen leuchten im Dunkeln, Nebenaugen nahe den zusammengesetzten fehlen nur in seltenen Fällen, sind aber unter der dichten Behaarung versteckt. Die borstigen Fühler sind etwas länger als der halbe Vorderflügel, stehen auf verdicktem Grundgliede und tragen in der Regel Wimperborsten, bei den Männchen weniger Arten Kammzähne oder pinselartig bewimperte Sägezähne. Die Taster, mehr oder weniger kräftig entwickelt, überragen fast immer den Kopf, steigen nur mäßig auf, ihr zweites Glied ist dick behaart oder beschuppt, das letzte weniger und erscheint darum immer dünner; bloß in einer früher zu den Kleinfaltern gerechneten Sippe, den Herminiden, erreichen dieselben eine ungewöhnliche Länge. Nur in sehr seltenen Fällen gelangt der Rüssel nicht zur vollen Entwickelung, sondern bleibt weich oder auch ganz aus. Die Beine sind kräftig, stärker und besonders die hintersten länger als bei den Spinnern. An den kräftigen Vorderflügeln erreicht der Innenrand stets eine größere Ausdehnung als der Saum; zwölf Rippen durchziehen sie meist, deren Verlauf wenig Unterschiede und mit Ausnahme einiger Sippen eine Anhangszelle zeigt; diese entsteht dadurch, daß die aus der vorderen Mittelrippe entspringende zehnte Rippe einen Schrägast in die aus der vorderen Ecke der Mittelzelle in die Spitze gehende Rippe entsendet, welcher diese meist schneidet und als siebente Rippe in den Saum ausläuft. Hinsichtlich der Zeichnung, für welche bei der großen Übereinstimmung alle möglichen und feinsten Unterschiede aufgesucht werden müssen, wenn man eine Art genügend beschreiben will, gelten allgemein eingeführte Ausdrücke, welche an der umstehenden schematischen Figur mit wenigen Worten erläutert werden müssen.
Nahe der Wurzel zieht die halbe Querlinie (a); die beiden ganzen, die vordere (b) und die hintere (e), wurden schon öfters erwähnt, und wir wissen, daß sie das Mittelfeld begrenzen. In diesem können drei anders gefärbte Flecke (Makeln) vorkommen: der
Ringfleck (d) in der Mittelzelle, der Nierenfleck (e) auf der Querader, beide in der Regel mit einem lichteren Kern versehen, und der schon weniger beständige, nur dunkler gefärbte Zapfenfleck (f). Wenn zwischen den beiden ersteren eine dunklere Färbung durch die Fläche zieht, so führt diese den Namen Mittelschatten, welcher andeutet, daß an eine scharfe Grenze dabei nicht gedacht werden dürfe. Im Saumfelde, dasselbe etwa in der Mitte durchziehend, bemerkt man die Wellenlinie (h), an welcher oft zwei Zacken (=) als sogenannte W.Zeichnung deutlich hervortreten; die dunkeln, von der Wellenlinie nach innen zwischen einigen Rippen ausstrahlenden Spitzen heißen Pfeilflecke. Es braucht wohl nicht erst bemerkt zu werden, daß alle diese Zeichnungen nicht immer in jedem Flügel vor⸗ 5 kommen. Die kürzeren und breiteren Hinterflügel pflegen Schematischer Vorderflügel einer Eule. zeichnungslos und düster gefärbt zu sein, meist am Saume a Halbe, b vordere, e hintere Querlinie, allmählich dunkler als an der Wurzel; haben fie eine lichtere, d Ringe, bdienen Zabfensteh, lebhafte Färbung (gelb, rot, blau), fo fehlt in der Regel auch die Zeichnung nicht, und sollte sie nur in einer schwarzen Saumbinde bestehen. Die Flügel bedecken in der Ruhe dachartig den Hinterleib, manchmal liegen fie ihm aber auch wagerecht auf, was besonders von den Ackereulen (Agrotis) gilt.