Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
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- Futtergras-Eule (Neuronia popularis) nebft Raupe. 2) Mangoldeule (Brotolomia meticulosa). 3) Graseule (Charaeas graminis). Alle natürliche Größe.
vereinigen; zwischen den beiden äußeren dieser Linien und den Luftlöchern bemerkt man noch eine weniger reine und mehrfach unterbrochene Linie. Ihre Verpuppung erfolgt gleichfalls unter Steinen. Des Nachts kommt sie hervor und befrißt in der angegebenen Weise die Gräser ihrer Nachbarschaft, am liebsten das Queckengras (Triticum repens); mit Lölch (Lolium temulentum), von welchem sie den Namen hat, konnte ich sie nicht erziehen.
Verrufener als die vorige ist die, wie schon erwähnt, ganz gleiche, nur etwas kleinere
Raupe der Graseule (Charaeas graminis, Fig. 3), eines mehr im Norden verbreiteten schönen Falters, den unsere Abbildung gleichfalls vergegenwärtigt. Er hat behaarte Augen wie der vorige, einen schopflosen, wolligen Mittelrücken, das Männchen gekämmte Fühler. Die Vorderflügel zeichnen sich durch eine staubig olivengrünliche Grundfarbe und sehr veränderliche Zeichnungen aus. Das Mittelfeld und die äußere Hälfte des Saumfeldes sind in der Regel dunkler als die Grundfarbe, die drei Flecken heller als diese, mehr oder weniger weiß. Der breit gezogene Ringfleck verbindet sich mit dem besonders hellen Nieren: fleck durch die hier fast weiße Mittelrippe. Wellen: und Querlinien lassen sich nicht wahr: nehmen, dagegen bisweilen eine Saumlinie, gebildet von dunkleren Längsfleckchen zwischen den Rippen. Die weißgelb befransten, gelblichgrauen Hinterflügel werden nach der Wurzel hin heller. Im Juli und August entschlüpft das zierliche Eulchen seiner glänzend rotbraunen, in zwei Hakenspitzchen endenden Puppe und fliegt manchmal im Sonnenschein an Wiesen—⸗ blumen. Schweden und andere Teile des nördlichen Europa, besonders aber Nordamerika, haben öfter von den Raupen leiden müssen als unsere deutschen Wiesen. Vom Jahre 1771 berichten die Jahrbücher aus der unteren Wesergegend und später (1816 und 1817) aus
dem braunschweigischen Anteil des Harzes böse Dinge von ihnen. Bei Bremen hatten sie in einer Nacht zwei Morgen Wiesen verwüstet und saßen so gedrängt bei einander, daß auf dem Raume einer ausgebreiteten Hand zwölf und mehr Stück gezählt werden konnten. In der Harzburger Gegend zeigten sie sich 1816 in unglaublichen Mengen. Die an ihren Weideplätzen vorbeiführenden Wege wurden schlüpfrig und kotig, und hand: hoch füllten sich die Wagengeleise. Das Jahr darauf fraßen sie mehr denn 3000 Waldmorgen Wiese gänzlich ab, da man nichts gegen sie gethan, sondern die Zeit mit Beratungen hatte hingehen lassen. Alle Vorsichtsmaßregeln, welche man für das dritte Jahr gegen sie getroffen hatte, kamen zu spät; denn die Raupen waren auf ihr ursprüngliches Maß zurückgeführt. Man vermutete, daß ein 48stündiger Regenguß Mitte Mai, infolgedessen Flüsse und Bäche aus ihren Ufern traten, den Verheerungen ein Ende gemacht habe. — Wir kennen noch einen schwarzbraunen Schmetterling (Neuronia caespitis), dessen Wellen- und Querlinien wie die Umsäumungen der Flecke fein gelb hervortreten. Er ist viel seltener, seine Raupe dem äußeren Ansehen und der Lebensweise nach aber die dritte im Bunde.
Einen wesentlich anderen Eindruck macht der Blick auf die ebenfalls hier abgebildete
Mangoldeule, oder den Achatvogel (Brotolomia meticulosa, Fig. 2), bei welchem sich der Saum der Vorderflügel in einer Weise auszackt, wie es bei den Eulen nur selten vorkommt. Dieselben tragen sich rötlich ledergelb, im Mittelfeld olivenbraun in den Zeichnungen, welche das Bild veranschaulicht. In der dachförmigen Ruhelage falten sie sich ein wenig der Länge nach. Die Hinterflügel find licht ledergelb, am Saume verwischt dunkler gestreift. Den Rücken des Mittelleibes ziert vorn ein schneidiger Längskamm, welcher sattelartig nach hinten aufsteigt und in einen abgestutzten Querwulst endigt. Die Augen sind nackt und unbewimpert, der Rüssel stark. Diese schöne Eule erscheint zweimal im Jahre, zuerst im Mai und Juni, dann wieder im August und September. Von der zweiten Brut überwintert die Raupe. Sie schwankt in der Färbung zwischen Grün und Zimtbraun, hat eine gelbe, nach oben dunkler besäumte Seitenlinie über den Füßen, eine weiße, unvollkommene Linie längs des Rückens und oben dunkle, nach vorn offene Winkelzeichnungen. Sie frißt allerlei niedere Pflanzen und kommt vereinzelt fast überall in Deutschland vor.
Interessant durch die Lebensweise ihrer Raupen wird die Sippe der Rohreulen (Nonagria), zeichnungslose, graugelb, wie trockenes Schilfrohr aussehende Schmetterlinge, welche sich durch nackte, unbewimperte Augen, einen vorstehenden Stirnschopf, unter welchem sich eine wagerecht vortretende, viereckige Hornplatte versteckt, durch einen gewölbten, glattwolligen Mittelleibsrücken und einen gestreckten Hinterleib auszeichnen, für den Sammler aber noch die üble Eigenschaft an sich haben, daß fie leicht ölig werden. Sie fliegen bei Nacht vom August bis zum Oktober nur in der Nähe ihrer Geburtsstätten und breiten sich weit aus, einige Arten jedoch nur im nördlichen Deutschland. Ihre Raupen leben bohrend im Rohrstengel von Schilf und schilfartigen Gräsern, welche dadurch an den Spitzen der Blätter vergilben. Abgeschlossen vom Lichte haben sie bleiche Farben und ein wurmartiges Ansehen. Sie verpuppen sich auch in ihrer engen Klause, nachdem sie vorher ein Flugloch für den Schmetterling genagt haben, welches durch die Oberhaut des Stengels verschlossen bleibt oder durch Bohrspäne verstopft wird. Je nach der Art liegt die Puppe gestürzt unmittelbar über diesem Loche, oder aufrecht gleich darunter. Zu den verbreitetsten und größten
Arten gehört die 39 mm spannende gemeine Rohrkolbeneule (Nonagria typhae). Die schilffarbenen bis rotgrauen, neben den weißlichen Rippen mehr oder weniger dunkel bestäubten Vorderflügel haben eine stumpfe Spitze und einen ziemlich geraden, schwach gewellten Saum, an welchem zwei Reihen schwarzer Pünktchen stehen. Statt der vorderen Querlinie bemerkt man sehr einzelne, an Stelle der hinteren zahlreichere schwarze Punkte,
Pfeilfleckchen vertreten die Wellenlinie. Eine helle Stelle deutet den Nierenfleck an, und bisweilen markiert sich in gleicher Weise sein runder Nachbar. Die gelblichen Hinterflügel haben eine dunklere, von den Rippen lichter durchschnittene Saumbinde; Federbüschchen und je zwei längere Borsten zieren die Kammzähne der männlichen Fühler. In den beiden
Rohrkolbenarten (Typha latifolia und angustifolia) lebt die schmutzig fleischfarbene Raupe. Drei lichte Rückenlinien, schwärzliche Luftlöcher, ein bräunliches Nackenschild und eine noch dunklere Afterklappe bringen wenig Abwechselung in das eintönige Kleid. Die schlanke, gelbbraune Puppe, welche sich durch eine stumpf nach oben gerichtete Rüsselscheide und eine nabelartige Erhöhung gegen das Leibesende hin auszeichnet, steht auf dem Kopfe, mithin über dem Flugloch. Trotz der Abgeschlossenheit der Raupe ist fie vor feindlichen Nach: stellungen nicht sicher. Man erzieht nicht selten aus der Puppe (diese nur darf man ein= sammeln, wenn man den Schmetterling zu haben wünscht) eine Schlupfwespe, den Exe-phanes (Ichneumon) occupator, welcher zum Legen eines Eies den Augenblick benutzt, wenn die Raupe beim Herausdrängen ihres Kotes aus dem Flugloch sichtbar wird. — Sehr eng an die Nonagrien schließen sich die Leucanien an, teils durch die Tracht und Färbung der Schmetterlinge, teils durch die Lebensweise der Raupen, die jedoch meist außen an den Grasblättern fressen; jenen fehlen die Stirnplatte, den männlichen Fühlern die Zähne, und gewisse andere Eigentümlichkeiten lassen eine Vereinigung beider Gattungen nicht zu. Eine Art, die Leucania extranea, hat durch ihre Verheerungen als Raupe, namentlich in den westlichen Staaten Nordamerikas (1861), unter dem Namen des ameri: kanischen Heerwurmes (Army worm) eine gewisse Berühmtheit erlangt. Diese Raupe nährt sich wie die unserer heimischen Arten von Gräsern und hat in der kürzesten Zeit ganze Wiesen verheert; gebricht es ihr dann an Futter, so wandert sie nach anderen Weideplätzen aus und fällt auch über Roggen, Mais und Sorghum her. Nach einem Bericht aus jenem Jahre hat ein solcher Raupenzug in der Zeit von 5 Stunden 60 englische Ellen (Yards) zurückgelegt. Man sah die Raupen in drei Schichten übereinander fortrücken und manchmal eine halbe englische Meile weit von einem Orte zum anderen wandern. Der Schmetterling legt seine Eier im Juni oder Juli an die Grashalme, und im nächsten Frühjahr entwickeln sich die Raupen aus denselben. Man brennt deshalb im Spätherbst oder Winter die trockenen Grasstoppeln an solchen Stellen, wo sich die Raupen gezeigt haben, als Vorbeugungsmittel gegen weiteren Schaden ab.
In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts richtete in den fränkischen und sächsischen Kiefernwaldungen plötzlich eine Raupe so gewaltige Verheerungen an, daß die dortigen Behörden ihre Naturgeschichte untersuchen ließen, um womöglich den weiteren Verwüstungen derselben ein Ziel zu setzen. Man schlug die Akten nach und fand, daß dieselben Raupen schon 1725 die Föhrenwälder verheert hatten, und zwar binnen 14 Tagen im Juli mehrere hundert Morgen. Die Raupen saßen auf den Gipfeln der höchsten Bäume und fraßen die Nadeln von der Spitze an ab, bis jene in kurzer Zeit kahl und wie verbrannt aussahen und — — nach einigen Jahren abstarben. Im August ließen die Raupen vom Fraße ab, wurden matt und fielen in solchen Mengen herunter, daß der Boden von ihnen schwarz gefärbt wurde. Die gesunde Raupe hat nichts Schwarzes an sich, den grünen Körper durchziehen mehrere weiße Rückenlinien und ein orangenfarbener Streifen in den Seiten. In jenem zuerst genannten Jahre geschah es auch, daß in der Kurmark, einem Teile der Neumark und Vorpommerns sowie in der Görlitzer Gegend die Forsten durch dieselbe Raupe und stellenweise ganz besonders durch die früher erwähnte des Kiefernspinners dem Verderben preisgegeben waren. Seitdem ist sie dann und wann, so 1808 und 1815 wieder in Franken, in letzterem Jahre auch in Ostpreußen, in den dreißiger Jahren besonders in Pommern, Mecklenburg, in der Ukermark und um Berlin, in den
fünfziger Jahren in Preußen, Posen, abermals in der Mark Brandenburg in Bedenken erregenden Massen aufgetreten und hat für lange Zeit die Spuren der Verwüstung zurückgelassen. Ohne sehr bemerklich zu werden, findet sie sich von Ende Mai bis Mitte Juli wohl in allen Kiefernwäldern und hält sich am liebsten in den 30 —40jährigen Beständen auf. Die jungen Räupchen spinnen die Nadeln zusammen, lassen sich zur schnelleren Fortbewegung oder zu ihrem Schutze an Fäden herab, haben einen spannerähnlichen Gang und bohren sich zum Teil bei dem Fraße tief in den Maitrieb, welcher durch Braunwerden sein Absterben verrät. Dies alles läßt sich im Freien weniger wahrnehmen, da sie ihr Unwesen hoch oben auf den Bäumen treiben, aber in Raupenzwingern angestellte Beobachtungen haben es gelehrt. Erwachsen erreichen sie ungefähr die Länge von 35 mm und kommen herab, um sich unter Moos in einer Höhlung in eine anfangs grüne, später dunkelbraune Puppe zu verwandeln, welche auf dem Rücken ihres vierten Hinterleibsringes ein nach hinten
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durch einen Wulst begrenztes Grübchen erkennen läßt und überwintert. Die am Schlusse jener amtlichen Mitteilung erwähnte Erfahrung hat sich später vielfach wiederholt. Man hat die Raupen vertrocknet an den Nadeln hängend oder auf dem Boden reichlich ausgestreut und faulend gefunden und diesen Umstand zum Teil auf Rechnung feuchter und kalter Witterung bringen können, welche gerade diese Raupe wenig verträgt, zum Teil aber auch für eine unter ihnen ausgebrochene Epidemie erklären wollen. Weiß doch die Natur überall Rat, das irgendwo gestörte Gleichgewicht bald wiederherzustellen. Es versteht sich von selbst, daß in solchen Fällen ihre sichtbaren Hilfstruppen nicht fehlen; denn Tausende und abermals Tausende von kleineren und größeren Schlupfwespen umschwärmen die belagerten Bäume und bringen ebenso vielen Raupen einen gewissen Tod. Man kennt einige 30 ver: schiedene Schmarotzer an dieser Art, welche fast alle in der Puppe zu ihrer vollkommenen Ausbildung gelangen. Wenn gegen Ende März die Sonne mehrere Tage hintereinander warm geschienen, so kommt die Forleule, Kieferneule (Trachea piniperda, Fig. 2), denn ihr gehört die besprochene Raupe an, schon in diesem Monat, sicher aber im folgenden zum Vorschein. Sie schließt sich den buntesten Eulen an, sitzt mit dachförmigen Flügeln an den Kieferstämmen oder zwischen den Nadeln und durchstreift auch bei Tage nach blühenden Weidenkätzchen ihr Revier. Man findet kaum zwei Stücke, welche vollkommen gleich wären, so ändert sie in Färbung und Zeichnung ab. Im allgemeinen find die Vorderflügel und der zottige, schopflose Brustkasten zimtrötlich gefärbt mit gelbgrauer Beimischung; die innere Beschattung der Wellenlinie ist rotbraun, jeder der beiden großen Flecke weiß; eine weitere Angabe der Farbenverteilung erspart uns die beigegebene
Abbildung. Der Hinterleib und dessen benachbarte Flügel sind einfarbig dunkel graubraun. Durch die Bemerkung, daß die Augen behaart, die kurzen, dünnen Fühler bei dem Männchen etwas perlschnurartig und bewimpert sind und die kurzen Taster sich in der wolligen Behaarung verstecken, möge das Bild der Kieferneule vervollständigt sein. Im Mai legt das Weibchen seine Eier, 6—8 gereiht, an die Nadeln.