Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
mußte auch eine Holzpflanze unter den Küchenzettel jeiner Raupe aufgenommen werden, was bisher neu war.
Die größten Eulen, welchen gleichzeitig ihre Hinterflügel einen bestimmten Charakter aufprägen und den größten Schmuck verleihen, hat man Ordensbänder (Catocala) genannt und sie weiter als blaue, gelbe und rote unterschieden. Das blaue Ordensband (Catocala fraxini), das größte von allen, denn es kann 105 mm und darüber spannen, wird ohne Mühe an der breit lichtblauen Binde, die mitten durch die schwarzen Hinterflügel geht, erkannt, die übrigen Arten führen auf den gelben oder roten in Betracht kommenden Flügeln außer der schwarzen Saumbinde noch eine zweite, mehr oder weniger gezackt durch die Mitte verlaufende. Eine der gemeinsten Arten ist die hier abgebildete, welche vorzugsweise das rote Weiden-Ordensband, Bachweideneule,
Frau (Catocala nupta) heißt. Die Vorderflügel bieten in ihrem grauen Gewande
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Rotes Weiden-Ordensband (Catocala nupta) nebft Raupe. Natürliche Größe.
wenig Abwechselung, lassen jedoch die gewöhnlichen Eulenzeichnungen außer dem Ring- und Zapfenfleck deutlich erkennen. Die bogig weiß befransten Hinterflügel find lebhaft blut: rot und unterscheiden sich durch die etwas anders verlaufende, besonders knieförmig gebogene Mittelbinde von einer zweiten, sehr ähnlichen Art (Catocala elocata). Von Mitte Juli ab kann man dieses stattliche Tier anBaumstämmen, in Winkeln der Häuser, unter Wetterdächern mit angezogenen Flügeln ruhen sehen; dieselben find zu groß, um im gewöhnlichen Sinne dachförmig den Leib zu bedecken. Naht man der betreffenden Stelle, husch, so ist es auf und davon, mit öfters hörbarem Flügelschlag sucht es sich hastig einen sichereren Platz; denn es ist sehr scheu wie alle seine Brüder. Mit einbrechender Dunkelheit umflattert es von freien Stücken, einer kleinen Fledermaus gleichend, die Bäume und sucht seine andere Hälfte, das bereits befruchtete Weibchen aber Rindenrisse eines Pappel- oder Weidenstammes, um hier einige Eier abzulegen, nie viele an einer Stelle. Hier verbringen dieselben ohne weiteren Schutz, als ihnen die Borke bietet, den Winter und beleben sich erst im Frühling, wenn die jungen Blätter den Räupchen das nötige Futter gewähren. Bis Mitte Juni sind sie erwachsen. Am Tage ruhen sie lang ausgestreckt am Stamme, des Nachts begeben sie sich höher hinauf. Um sie vor feindlichen Angriffen einigermaßen zu schützen, verlieh ihnen die Natur ungefähr dieselbe Farbe, welche der Baumstamm auch
hat; überdies zeichnen sie sich durch Fransen aus, welche seitlich am Bauche stehen und dann besonders als ein schmaler Rand erscheinen, wenn der Bauch glatt auf seine Unterlage angedrückt wird. Faßt man eine Ordensbandraupe an, so schlägt sie mit dem Vorderund Hinterteil des Körpers um sich, gerade so wie ein mitten im Körper gehaltener Fisch, beißt auch, wenn sie den Finger fassen kann; kurz, sie gebärdet sich sehr wild. Unter Rinde, Moos oder dürrem Laub zieht jede schließlich einige Fäden um sich und wird zu einer schlanken, bläulich bereiften Puppe. In der angegebenen Weise treiben es alle Ordensbänder, nur an zum Teil anderen Futterpflanzen (Eichen, Pflaumen ꝛc.); die gelben, überall selteneren, erreichen nicht die Größe der anderen, sondern haben durchschnittlich nur 52 mm Flügelspannung. Nordamerika ernährt gleichfalls viele Arten.
Weil es bei den Schmetterlingen, besonders wenn man die ausländischen nicht gänzlich außer acht lassen will, überhaupt schwierig wird, die Familien mit wenigen Worten zu kennzeichnen, da Übergänge nach allen Seiten hin eine scharfe Abgrenzung nicht wohl gestatten, so können auch die Merkmale der Familie der Spanner (Geometridae, Phalaenidae) hier unmöglich in einer allgemeinen Schilderung erschöpft werden. Der dünne Leib der meisten und die breiten Flügel, deren hintere in Färbung den vorderen gewöhnlich gleich, in Zeichnungsanlage wenigstens nahekommen, erinnern an die Tagschmetterlinge, von denen fie sich jedoch durch die borstigen oder bei manchen Männchen gekämmten Fühler wesentlich unterscheiden. Den Eulen stehen sie in mehr als einer Hinsicht schon ferner; zwar fehlt es nicht an Querbinden auf den Flügeln, wohl aber an den Flecken, statt deren sich die Linien vermehren. Die dickleibigeren, welche nicht selten vorkommen, haben oft große Spinnerähnlichkeit, daher man hier eine größere Menge von Merkmalen zu Hilfe nehmen muß, um einer Verwechselung vorzubeugen. Die Spanner stimmen der Hauptsache nach in folgenden Merkmalen überein: Am kleinen Kopfe, der keine Nebenaugen auf dem Scheitel verbirgt, treten die Taster nur wenig vor, der Rüssel dagegen durchläuft die verschiedensten Stufen der Vollkommenheit. Im Vorderflügel zählt man 11 oder 12 Rippen, darunter nur eine des Innenrandes, das Vorkommen von nur 10 gehört zu den Seltenheiten. Dem breiten, kurz befransten Hinterflügel kommen eine Haftborste, höchstens 2 Innenrandsrippen und außerdem noch 6 oder 7 andere zu; von jenen beiden pflegt die erste in der Mitte des Innenrandes, die zweite in den Innenwinkel zu münden. Die Vorderrandsrippe kommt aus der Wurzel und berührt in der Regel die vordere Mittelrippe bald nach ihrem Ursprung auf einer kurzen Strecke, oder sie entspringt aus ihr selbst, ein Unterschied, welcher die neueren Systematiker veranlaßt hat, zwei Hauptabteilungen darauf zu gründen. Die meisten Spanner tragen in der Ruhe ihre zarten Flügel etwas ausgebreitet, wenn auch nicht so weit, wie wir sie in Sammlungen sehen; einige halten sie halb geschlossen hoch, und einige verbergen ihren Hinterleib dachartig mit denselben. Viele fliegen bei Tage oder lassen sich wenigstens leicht aus Gras und Gebüsch aufscheuchen, in der Nachtzeit zeigen aber die meisten größere Lebendigkeit.
Schärfer als im entwickelten Zustand grenzen sie sich durch die Raupen von den übrigen Familien ab. Daß bei denselben die Bauchfüße außer dem letzten Paar verkümmern und ihr Gang darum ein spannender ist, wurde früher bereits erwähnt. Sie verfügen mithin nur über zehn, in seltenen Fällen über zwölf zum Gehen taugliche Füße und klammern sich in der Ruhe gern mit den Nachschiebern an einen Zweig an, den schlanken Leib steif ausstreckend oder auch schleifenartig krümmend, so daß die ganze Raupe bei der vorwiegend braunen Farbe, welche vielen eigen, einem dürren Astchen zum Verwechseln ähnlich sieht.
Einige wenige heften sich wie Tagfalter mittels einer Schlinge zur Verpuppung an ein Blatt, die meisten jedoch spinnen sich mit einigen Fäden in grüne wie dürre Blätter oder gehen in die Erde. Wenn nur die deutschen Arten berücksichtigt werden, so überwintern vom Hundert 6,5 als Eier, 35 als Raupen, 58 als Puppen und nur 0,5 im vollkommenen Zustand. Man kennt gegenwärtig ungefähr 1800 Arten aus allen Weltteilen, deren wenigste eine mittlere Größe überschreiten (Nyctalemon Patroclus aus China ist der Riese derselben). Linné beschrieb die ihm bekannten in der Gruppe „Geometrae“ unter der Gattung Phalaena und ließ die Na: men sämtlich auf aria oder ata endigen, je nachdem er ihre Fühler gekämmt oder einfach fadenförmig fand; die neue: ren Schriftsteller haben wie überall, so auch hier möglichst zahlreiche Gattungsnamen geschaffen. Wir müssen uns auf wenige Arten beschränken, die entweder die wesentlichsten Formen zur Anschauung bringen, oder durch das Auftreten ihrer Raupen allgemeineres Interesse bieten, und werden uns dabei nicht um die wissenschaftliche An ordnung kümmern, sondern eine unseren Zwecken entsprechende Gruppierung wählen.
Der Birkenspanner (Amphidasis betularia) gehört seiner Körperbeschaffenheit nach zu den spinnerähnlichen Spannern und infolge der gestreckten Vorderflügel zu den größten heimischen Arten. Die weiße Grundfarbe erscheint überall, Leib, Fühler und Füße nicht ausgenommen, braun: schwarz besprenkelt. Viele punktgroße Sprenkel fließen hier und da, besonders am Vorderrande der Vorderflügel,
Weiblicher Birkenspanner (Amphidasis betularia) nebst Raupen z Se un 2) a an unterschei⸗8 0 Männchen kleinere merklich Natürliche Größe. und Puppe. det sich durch einen schlankeren Leib und, mit Ausschluß der Spitze, durch doppelt gekämmte Fühler vom Weibchen. Die Raupe ist überall gleich dick, am Scheitel des kleinen Kopfes tief ausgeschnitten, an jeder Seite des achten Gliedes mit einem warzenartigen Knötchen versehen und veränderlich in der Farbe, wie es scheint je nach der Futterpflanze, grünlichgrau, seltener bräunlich oder gelblich. Sie sitzt zwar an Birken, Ebereschen und anderen Laubhölzern, scheint aber die Eiche allen vorzuziehen und nimmt in der Ruhelage die vielen Spannerraupen eigne Astähnlichkeit an. Im September oder Oktober hat sie ihre volle Größe erlangt und geht in den Boden, um in einer Höhlung noch vor dem Winter zur Puppe zu werden. Im Mai oder Juni schlüpft der Schmetterling aus, welchen man nie bei Tage fliegen, wegen seiner Größe und lichten
Färbung jedoch öfter mit halb klaffenden Flügeln an einem Baumstamm im Walde sitzen sieht. Andere Arten aus der nächsten Verwandtschaft und gleichfalls von spinnerartigem Ansehen, neuerdings verschiedenen Gattungen zugeteilt, erscheinen sehr früh im Jahre aus der überwinterten Puppe, namentlich habe ich das Männchen des Birnspanners (Phigalia pilosaria), dessen Weibchen flügellos ist, nach einigen milden Tagen im Februar schon an Baumstämmen angetroffen, den Zeitverhältnissen gemäß allerdings ziemlich regungs- und teilnahmlos.
Der Blatträuber, Entblätterer, große Frostspanner (Hibernia defoliaria,
Fig. 1), fliegt spät im Jahre, zu einer Zeit, wo die meisten anderen Kerfe ihre Winter—
Großer Frostspanner (Hibernia defoliaria), 1) Männchen, 2) Weibchen, 3) Raupe. — Hibernia aurantiaria, 4) Männchen, 5) Weibchen. Kleiner Frostspanner (Cheimatobia brumata), 6) Männchen, 7) Weibchen, 8) Raupe. Natürliche Größe.
quartiere aufgesucht haben und zum Teil schon der Erstarrung anheimgefallen sind, weil die Sonne keine Wärme mehr spendet und die Pflanzen aufgehört haben, die nötige Nahrung zu liefern. Im Oktober und November erscheint dieser träge Spanner, welcher nicht einmal bei Tage die wenigen Sonnenblicke benutzt, sondern in den kalten Nächten taumelnd umherfliegt, um an den Stämmen der Bäume eine Lebensgefährtin zu suchen, welche ihm nicht auf halbem Wege entgegenkommt, weil ihr das Flugvermögen versagt wurde. Das Männchen hat große, zarte und dünn beschuppte Flügel von hell ockergelber Grundfarbe; ein dunkler Mittelpunkt und feine Sprenkelung zeichnet alle aus und breit rostbraune Um: säumung des Mittelfeldes die vorderen noch insbesondere. Die Beine tragen anliegende Schuppen und die Fühler zwei Reihen Kammzähne. Das flügellose, gelb und schwarz gescheckte Weibchen (Fig. 2) kriecht gegen Abend an den Baumstämmen in die Höhe, in der Erwartung, daß das Männchen seine Pflichten erfülle; denn es will gesucht werden, und dieses weiß es zu finden. Nach der Paarung legt es seine Eier einzeln oder in geringer Anzahl vereinigt oben an die Knospen der Bäume, welche es mit seinen langen Beinen
zu Fuße in der kürzesten Zeit erreicht. Schon vor Mitte April, wenn es sonst die Witterung erlaubt, schlüpfen die Räupchen aus, finden unter den Schuppen der Knospen Schutz und beginnen ihr Zerstörungswerk, bevor die Entwickelung dieser möglich wird; an den Obit: bäumen machen sich dieselben am leichtesten kenntlich und mitunter für den Besitzer empfindlich fühlbar, an den Waldbäumen weniger, weil hier die Zerstörung der Fruchtknospen wenig schadet. Die erwachsene Raupe (Fig. 3) it auf dem Rücken braunroth, an der Bauchhälfte schwefelgelb und führt hier rotbraune Striche auf jedem Gliede. Zur Verpuppung sucht sie die Erde auf, spinnt mit wenigen Fäden die kleine Höhle aus und verwandelt sich in eine rotbraune Puppe, welche in eine Stachelspitze endet. Noch eine zweite gelbe
Art derselben Gattung (Hibernia aurantiaria, Fig. 4 u. 5), die wir auf unserer Abbildung sehen, fliegt gleichzeitig, zwei andere, eine gleichfalls gelbe (Hibernia progemmaria) und eine weißgraue (Hibernia leucophaearia), im ersten Frühjahr.
Der kleine Frostspanner, Winterspanner, Spätling (Cheimatobia brumata, s. Abbild. S. 447, Fig. 6 u. 7), hat fast ganz die Lebensweise des vorigen, fliegt aber noch später; denn sein wissenschaftlicher Artname bezeichnet den kürzesten Tag (bruma); dagegen verläßt seine Raupe die Futterpflanze etwas früher, wodurch gegen dort die Puppenruhe durchschnittlich um einen Monat verlängert wird. Ein weiterer Unterschied zwischen beiden besteht darin, daß die Raupe (Fig. 8) auch im erwachsenen Alter nicht frei an der Futter: pflanze sitzt, sondern zwischen zusammengezogenen und zum Teil vertrockneten Blattüberresten. Der kleine Frostspanner ist für die nördlichen Gegenden Europas, was der große für die südlicheren: ein Zerstörer der Obsternten, wo er massenhaft auftritt. In Mitteldeutschland, beispielsweise in der Provinz Sachsen, kommen beide häufig genug nebeneinander an Waldbäumen vor, der kleine ausschließlich schädlich für die Obstbäume, und wo die „Spanne“ in der Blüte ungestört haust, kann Jahre hintereinander die Obsternte vollständig fehlschlagen. Die zarten und gerundeten Flügel des Männchens sind staubgrau sparsam beschuppt, die vorderen durch rötlichen Anflug dunkler und mit noch dunkleren Querlinien unregelmäßig und veränderlich gezeichnet. Ihre Anhangszelle ist ungeteilt, und Rippe 7 und 8 entspringen getrennt voneinander; im Hinterflügel übertrifft die Mittelzelle die halbe Flügellänge, und die einzige Innenrandsrippe mündet in den Afterwinkel. Das staubgraue Weibchen zeichnet sich durch Flügelstümpfe mit je einer dunkeln Querbinde und durch weißgefleckte lange Beine aus. Das Räupchen kriecht im ersten Frühjahr grau aus dem Eie, ist nach der ersten Häutung gelblichgrün, am Kopfe und Nackenschild schwarz. Nach der zweiten Häutung verliert sich das Schwarz, die Grundfarbe wird reiner grün, und eine vorher angedeutete weiße Rüden: linie tritt schärfer hervor. Nach der letzten Häutung ist sie bei 26 mm Länge gelblichgrün oder dunkler gefärbt, am Kopfe glänzend hellbraun, über den Rücken in einer feinen Linie noch dunkler; diese letztere ist beiderseits weiß eingefaßt, und ebenso zieht noch eine lichte Linie über den als dunkle Pünktchen erscheinenden Luftlöchern hin. Ein pralles, festes Wesen zeichnet diese Raupe überdies noch vor vielen anderen Spannerraupen aus. Spätestens zu Anfang des Juli verläßt sie ihre Futterpflanze, um flach unter der Erde zu einer gelbbraunen, an der Spitze mit zwei auswärts gerichteten Dörnchen bewehrten Puppe zu werden.