Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Querstreifen, welche aber nicht immer in gleicher Vollkommenheit ausgeprägt sind, insofern besonders der hintere den mannigfaltigsten Abänderungen unterworfen, einfach, wie wir ihn in der Abbildung sehen, oder doppelt, oder nur vorn gabelartig geteilt ist. Eine purpurne Saumlinie und ebenso gefärbte Fransen kommen noch hinzu; auch die dunkel ockergelben Hinterflügel, deren purpurrote Mittelbinde von unten auf der Oberseite nicht selten durchschimmert, umsäumen mit den vorderen gleichfarbige Fransen. Die ungeteilte Anhangszelle der Vorderflügel entsteht durch Kreuzung der 11. Rippe mit dem gemeinschaftlichen Stiele der 7. und 10., welcher vor der Ecke aus der Mittelzelle entspringt. Im Hinterflügel mündet die eine nur vorhandene Innenrandsrippe in den Afterwinkel, die 6. und 7. sind gestielt, und die Mittelzelle zeichnet sich durch ihre Kürze aus. Lange Haare an den Schenkeln, lange Kammzähne, welche fast bis zur Spitze reichen, an den männlichen Fühlern vollenden das Bild dieses die Trockenheit liebenden Spanners. Seine in den Gelenken etwas eingeschnürte Raupe hat auf dem braungelben Rücken einen lichten Längsstreifen; Seiten und Bauch sind dagegen grün; sie lebt an verschiedenen niedrigen Pflanzen, vorzugsweise aber auf dem kleinen Sauerampfer. |
Die Kleinfalter (Microlepidoptera), deren die europäischen Verzeichnisse in runder Zahl 2700 Arten aufzählen gegen 2583 Großschmetterlinge, von denen bisher die Rede war, enthalten die kleinen und kleinsten Falter. Ihre Kenntnis ist mit verschiedenen Schwierigkeiten verbunden, weil ihre Unterscheidung, ihre Behandlung, ihre Fangweise und Zucht infolge der Kleinheit und Neuheit dessen, was man unter den Händen hat, meist ein bewaffnetes Auge und andere Vorkehrungen erheischen. Es gibt ja in allen Ordnungen der Kerfe Gruppen, welche der Sammler und Liebhaber gern beiseite schiebt, weil er deren schwierige Untersuchungen scheut und daher lieber diesem und jenem, immer vereinzelten Forscher überläßt, welcher im Dienste der Wissenschaft Zeit, Mühe, Augen zu opfern bereit ist, und welchem das Bewußtsein, jener genützt zu haben, als einziger Lohn für seinen ausdauernden Fleiß bleibt. Neben jenem Bewußtsein erwirbt er sich womöglich noch ein — — mitleidiges Lächeln seiner dem Zeitgeist dienenden, dem reellen Nutzen huldigenden Nebenmenschen, deren Grundsatz „Zeit ist Geld“ er in seinen Beschäftigungen wenigstens nicht anerkennt.
Nach von Heinemanns Vorgang beginnen wir die Kleinschmetterlinge mit der Familie der Wickler (Tortricina), mittelkleine bis kleine Schmetterlinge, welche sich durch ihre Körpertracht und Flügelbildung scharf von den übrigen absondern und auf den ersten Blick als verjüngte Ausgabe der Eulen gelten könnten. Die gestreckten Vorderflügel, häufig metallisch glänzend und bunt in ihren Zeichnungen, haben einen kurzen Saum und einen an der Wurzel bauchigen Vorderrand, mithin vorspringende Schultern, sie sind „geschultert“, wie man sich kurz ausdrückt. Sie werden von einer wurzelwärts gegabelten Innenrandsrippe und noch 11 Rippen gestützt. Die zeichnungslosen, breiten Hinterflügel sind ohne eingeschobene Zelle, mit Haftborste, 3 freien Innenrandsrippen und noch 6 oder 7 Rippen versehen. Rippe 1b ist wurzelwärts gegabelt, Rippe 4 von 3 und 5 gleich weit entfernt. Aus dickem Grundgliede entspringen die einfach borstigen Fühler, welche die Vorderrandslänge der benachbarten Flügel nicht erreichen, die wenig vortretenden Taster richten ihr kurzes, fadenförmiges Endglied vorwärts oder abwärts, und Nebenaugen sind vorhanden. Freiwillig fliegen die Wickler nur am Abend oder in der Nacht, sie lassen sich aber aus Gebüsch und Gras aufscheuchen, wo sie, wie an Baumstämmen, mit dachartig den Hinterleib verbergenden Flügeln bei Tage ruhen. Um die zahlreichen Gattungen zu
unterscheiden, in welche neuerdings die alte Gattung Tortrix zerlegt worden ist, hat man auch die gegenseitige Lage der Rippen zu berücksichtigen, darauf zu sehen, ob die hintere Mittelrippe der Hinterflügel an der Wurzel aufstehend behaart oder nicht, und ob der Rüssel entwickelt ist oder fehlt. Bei Bestimmung der Arten kommen die Vorderflügel hauptsächlich in Betracht. Ihre Zeichnung ist sehr verschieden, meist ist ein dunkles Wurzelfeld vorhanden oder wenigstens durch seine Begrenzung angedeutet; dahinter kommt ein hellerer, oft bindenartiger oder als ein Innenrandsfleck auftretender Raum, sodann ein dunkles Schrägband, welches aus der Mitte des Vorderrandes gegen den Innenwinkel hinzieht. Zwischen demselben und der Spitze steht noch ein dunkler Fleck am Vorderrande, der sich, schmäler werdend, oft bis zum Innenwinkel ausdehnt; indessen fehlen diese Zeichnungen auch gänzlich. Zahlreiche Arten, namentlich die mit behaarter Mittelrippenwurzel im Hinterflügel, zeigen am Vorderrande meist paarweise gestellte Häkchen, vier Paare zwischen der Spitze und Mitte, setzen sich wohl auch noch weiter fort und werden von der Spitze aus gezählt, weil sie hier am regelmäßigsten auftreten. Entspringen aus ihnen lichte, metallisch glänzende Linien, so hat man dieselben als Bleilinien bezeichnet. Diejenigen, welche vom 3. und 4. Paare nach dem Innenwinkel ziehen, umschließen häufig über demselben einen durch andere Färbung ausgezeichneten, ovalen oder viereckigen Fleck, den sogenannten Spiegel, welcher in der Regel zwischen den Rippen eine Senkreihe schwarzer Punkte oder Längsstriche führt. Von Zeichnungen, wie sie dem vorderen Eulenflügel b sind, findet sich hier auch nicht die leiseste Andeutung.
Die 16 füßigen Raupen der Wickler tragen einzelne kurze Härchen auf kleinen en welche leicht übersehen werden können, und in der Regel ein festes, licht durchschnittenes Halsschild sowie eine chitinisierte Afterklappe, ziehen durch wenige Fäden die Blätter zusammen, zwischen welchen sie leben, und haben hiervon ihren Familiennamen erhalten, obschon viele andere Raupen eine gleiche Gewohnheit besitzen, und umgekehrt zahlreiche Wicklerraupen bohrend in den verschiedenen Pflanzenteilen, namentlich auch in Früchten, leben. Letztere pflegen zur Verpuppung ihren Weideplatz zu verlassen, während die zwischen Blättern eingesponnenen auch hier zu Puppen werden und in der Vorderhälfte der Puppenhülse hervortreten, wenn der Schmetterling ausgeschlüpft ist. Nur bei wenigen Arten sind zwei Bruten beobachtet worden. Obschon die Wicklerraupen nicht gesellig leben, wie so viele Spinnerraupen, so werden doch manche von ihnen den menschlichen Kulturen, namentlich in Garten, Wald und Weinberg, mehr oder weniger unangenehm, ja sogar gefährlich. Dicke Wicklerraupen von schwarzbrauner oder grauer Farbe und verschiedenen Arten angehörig sind es, welche an den jungen Triebspitzen der Gartenrosen zum Vorschein kommen, wenn man die zusammengezogenen Blätter auseinander zieht. Sie zerfressen hier alles, so daß keine Blüte zur Entwickelung kommt, wenn man nicht jede einzelne herausholt und tot tritt, sobald man solche, in der Entwickelung zurückgehaltene Triebspitzen bemerkt. Andere Arten leben in gleicher Weise in verschiedenen Obstsorten, namentlich solchen, welche mehr in Buschform erzogen werden. Eine fleischfarbene, an Kopf, Halsschild und Brustfüßen glänzend schwarze Raupe ist unter dem Namen der Traubenmade oder des Springwurms in den Blüten: ständen der Rebe berüchtigt, mehr aber noch, wenn sie bohrend in den unreifen Beeren vorkommt, indem sie einer zweiten Brut angehört und dann auch Heuwurm oder Sauerwurm in den Weinländern genannt wird. Sie gehört dem einbindigen Traubenwickler (Conchylis ambiguella) an und ist nur durch das sorgfältige Absuchen der überwinternden Puppen zu bekämpfen, welche hinter den Rindenfetzen der Rebe, in den Rissen der Weinpfähle, zwischen dem Anbindestoffe der Reben und an ähnlichen versteckten Stellen ihren Aufenthalt gewählt haben.
Eine zweite, weniger verbreitete und weniger häufige Art, der bekreuzte Traubenwickler (Grapholitha botrana), lebt in gleicher Weise wie der einbindige Trauben: wickler, soll aber den Weinreben der Gärten und Häuser mehr Schaden zufügen als denen, welche auf größeren Flächen gebaut werden.
Der Grün wickler, Kahneichenwickler (Tortrix viridana), tft leicht kenntlich an der hellgrünen Farbe des Vorderkörpers und der Vorderflügel; Hinterleib nebst Hinterflügeln glänzen in grauer Färbung. Wenn im Mai die Knospen der beiden deutschen Eichenarten sich zu entfalten beginnen, bemerkt man schon die Räupchen, welche den einzeln hinter den Schuppen jener überwinterten Eiern entsprossen sind und sich in die Knospen einbohren. Später leben sie frei an den Blättern, welche sie bespinnen, auch etwas zusammenziehen, so daß besonders zur Zeit der Verpuppung ihre Gespinstfäden von den Bäumen wie Spinnenweben herabhängen. Die gelbgrüne Raupe ist am Kopfe, am 8 des 1 an der Afterklappe und den bräunlich behaar— Sy 5 ten Warzen schwarz. Ende Mai oder Anfang Juni erfolgt die Verpuppung in der angegebenen Weise oder in Rindenritzen. Um Johanni erscheint der Schmetterling, seltener erst im Juli. Im Mai 1863 traten die Raupen im Tiergarten zu Berlin so massenhaft und verheerend auf, daß das junge Grün der f stellenweiseEichen alsbaldauchfastan gänzlichden Hainbuchen,wieder verschwand,Linden So* N800 N 0DM75MINE Ska I sowie anderen Laubhölzern, wo die Eichen wer er nicht mehr ausreichten, und daß der Johannis— e Ten trieb, welcher etwas verfrüht schon Anfang Juni eintrat, das Grünwerden kahler Bäume zum zweiten Male vorführte. Ahnliches konnte man 1879 und 1880 in den Wäldern längs der Elster von Ammendorf nach Leipzig zu beobachten.
Der Kieferngallenwickler (Retina resinella, s. Abbild. S. 456, Fig. 1) gehört zu denjenigen Wicklern, deren dunkle Vorderflügel sich durch zahlreiche Wellenlinien von meist Silberglanz vorteilhaft auszeichnen und deren Raupen in verschiedener Weise den Trieben und dem jungen Holze der Nadelbäume nachteilig werden. Er ist tief dunkelbraun auf den Vorderflügeln in derselben oder sehr ähnlicher Weise, wie unsere Abbildung zeigt, silberfarben und fliegt bereits an den schönen Maiabenden zwischen den Kiefernnadeln umher. Die Nachwehen seines Erscheinens werden zunächst im Herbst ersichtlich, und zwar durch Harzthränen unterhalb des für das kommende Frühjahr vorbereiteten Knospenquirles, von welchem sie immer noch durch einige Nadelpaare geschieden sind. Untersucht man dieselben näher, so findet man einen Gang, welcher bis zum Marke führt und von einer kleinen Raupe bewohnt wird, welche durch ihre Thätigkeit eben jenen Harzausfluß erzeugt hat. Derselbe wird im Laufe des nächsten Jahres bedeutend größer, bis er zuletzt den Umfang einer Lambertsnuß erreicht, eine schmutzig weiße Farbe bekommt und am Grunde des mittlerweile herausgewachsenen Quirles leicht in die Augen fällt (Fig. 2). Es liegen mithin fast 2 Jahre zwischen der Zeit, zu welcher das Weibchen seine Eier absetzte, und dem Frühling, in welchem die gelblich rotbraune, 11 mm lange Raupe mit dickem schwarzen Kopfe in der sogenannten Galle zur Puppe wird. Diese ist schwarz und läßt nicht lange auf die Entwickelung warten, falls die Raupe nicht von der Seite 346 erwähnten und hier dargestellten Glypta resinanae (Fig. 3) angestochen war. Nimmt man die Puppe aus ihrem Lager, so entwickelt sie sich niemals.
Der Kieferntriebwickler, Buolswickler (Retina Buoliana, Fig. 4), hat lebhaft fuchsrote Vorderflügel und weiße, silberglänzende Zeichnungen in der angezeigten Weise, während die Hinterflügel und Unterseite aller einfach rötlichgrau sind. Im Juli, wenn die Maitriebe der Kiefer bereits verholzt sind, fliegt das Wicklerchen des Abends in jungen Beständen und legt seine Eier zwischen die Knospen an den Spitzen der Triebe ab. Die Räupchen schlüpfen noch im Herbst aus und benagen die Knospen, welche infolge dessen etwas mehr Harz ausschwitzen. Erst im folgenden Mai, wenn sie sich zu Trieben entwickelt haben, bemerkt man den schädlichen Einfluß der Raupen, welche in der Jugend dunkelbraun, später etwas heller aussehen und einen schwärzlichen Kopf, ein schwarzes,
- Kieferngallenwickler (Retina resinella), 2) sogenannte Kieferngalle mit der Puppenhülse. 3) Glypta resinanae 4) Kieferntriebwickler (Retina Buoliana), 4a) dessen Puppe, 5) Raupe im aufgeschnittenen Triebe, 6) deren Puppenhülse 1 und 4a) vergrößert.
feingeteiltes Nackenschild und ebenso gefärbte Brustfüße haben. Der Trieb krümmt sich nämlich zur Seite da, wo jene einzeln unter einer Harz- und Gespinsthülle die Rinde und das noch junge Holz durchfressen, auch wohl von dem einen zu einem benachbarten Triebe übergehen. Die Krümmung bleibt, während der obere, unverletzte Teil regelrecht fortwächst. Ende Juni verwandelt sich die Raupe in eine schmutzig gelbbraune Puppe, welche mit dem Kopfe nahe am Eingangsloch liegt und zur oben angeführten Zeit, nachdem sie sich etwas herausgearbeitet hat, den Schmetterling entläßt.
Der rehfarbene Erbsenwickler (Grapholitha nebritana) entsteht aus der sogenannten Made in den grünen Erbsen. Daß es keine Made sei im Sinne der Kerfkundigen, ergeben die nicht schwer zu erkennenden 16 Beine, welche die blaßgrüne, an Kopf, Nackenschild, Afterklappe und den Brustfüßen dunkle Raupe hat. Bei einer Länge von höchstens 8,75 mm ist sie erwachsen, verläßt die Hülse, um in der Erde ein Gehäuse zu fertigen, in welchem sie in zusammengezogener, veränderter Gestalt, aber noch nicht verwandelt überwintert. Erst im nächsten Frühjahr erfolgt die Verpuppung, und im Mai erscheint der Schmetterling, welcher sich zur Blütezeit auf den Erbsen- und Linsenfeldern einstellt. Hier