Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Hirsezünslers (Botys silacealis oder lupulina) lebt bohrend in den Hirsehalmen oder in den Stengeln des Hopfens oder Hanfes und kann diesen Pflanzen schädlich werden.
Die Rüsselmotten (Crambidae) beleben den ganzen Sommer hindurch die Wiesen und mit Gras bestandene Blößen der Wälder und fahren rechts und links aus der Pflanzendecke, wenn sie der Schritt des Fußgängers aufscheucht, um sich entfernter von neuem zu verstecken und mit mantelartig den schlanken Leib umhüllenden Flügeln zu ruhen, bis die Abenddämmerung sie zu freiwilligen Umflügen auffordert. Die Taster sind lang und stehen wagerecht vor wie ein Rüssel, die pinselförmigen Nebentaster liegen ihnen auf. Die langen und schmalen Vorderflügel werden von zwölf, selten von nur elf Rippen gestützt, deren erste nicht gegabelt ist, und fallen bei vielen durch weiße Längsstriche oder Keilflecke
auf mehr oder weniger dunklerem Grunde oder durch metallisch glänzende Linien, besonders Fransen des Saumes auf. Die sehr breiten, einfarbig grauen Hinterflügel, welche der Länge nach gefaltet werden müssen, um Deckung von den Vorderflügeln zu erlangen, haben eine offene Mittelzelle und an der Wurzel eine behaarte hintere Mittelrippe. Manche dieser zierlichen Schmetterlinge finden sich nur an den trockensten, von der Sonne verbrannten Stellen in Gemeinschaft gewisser Phycideen, mit denen sie äußerlich große Übereinstimmung haben, und leiten somit auch in der Lebensweise zu dieser Sippe über. Die Mitglieder derselben unterscheiden sich durch die geschlossene Mittelzelle im Unterflügel und durch weniger (11, 10 oder 9) Rippen im Vorderflügel von der vorigen, haben hier Rippe 7 und 8 geftielt oder vollkommen vereinigt und dort Behaarung an der Wurzel der Mittelrippe; auch zeichnen sich die Männchen vielfach durch eigentümliche Gebilde an der Fühlerwurzel sowie durch andere Formen der Nebentaster vor den Weibchen aus, wo diese Teile regelmäßig verlaufen. Viele Arten ruhen bei Tage in gleicher Weise wie die Rüsselmotten im Grase, an dem Laube der Eichen oder anderen Buschwerkes im Walde, werden aber nur dann bemerklich, wenn man ihre Ruhestätten erschüttert und sie zum Herabfliegen oder Herabfallen veranlaßt. Erst nach Sonnenuntergang werden sie lebhaft.
Zum Schlusse der Zünsler sei noch der Wachsschabe, Honig- oder Bienenmotte (Galleria mellonella, Fig. 3—6, ©. 462), gedacht, eines Mitgliedes der letzten kleinen Sippe, welche folgende Merkmale kennzeichnen: die männlichen Taster sind kurz und laufen in ein spitzes, innen ausgehöhltes, nacktes Endglied aus, während sie bei dem Weibchen beschuppt vorstehen. Im Vorderflügel kommen 12, 11 oder 10 Rippen vor, von denen Rippe 1 an der Wurzel gegabelt, 7 und 8 gestielt sind. Im Hinterflügel ist die hintere Mittelrippe an der Wurzel behaart, die Mittelzelle ganz oder nur an der hinteren Hälfte geschlossen. Bei der genannten Art sind die Vorderflügel aschgrau, am Innenrande ledergelb, rotbraun gefleckt, am kurzen Saume schwach geschweift und am Innenwinkel scharf geeckt, die Hinterflügel beim Männchen grau, beim größeren Weibchen weißlich, die Fußwurzel bei beiden Geschlechtern mit einem weißen Schuppenzahn versehen. Die Motte erscheint zweimal im Jahre, im Frühling und dann wieder vom Juli ab. Die beinfarbene 16 füßige Raupe (Fig. 4) ist am Kopfe und Nackenschilde kastanienbraun, lichter an der Afterklappe, auf dem zweiten und dritten Ringe stehen gelbe, geborstete Wärzchen paarweise in einem Kranze beisammen, auf den übrigen je acht einzeln. Sie lebt in den Stöcken der Honigbiene, besonders in alten Brutwaben, gerät mitunter auch in honiggefüllte und ernährt sich vom Wachse, welches sie gangartig wegfrißt, dabei eine lose Gespinströhre anlegend, welche ihre Straße anzeigt (Fig. 3). Sie ist schon in fortlaufenden Bruten erzogen worden, indem die folgende sich immer mit dem Kote der vorhergehenden ernähren mußte, welcher wenig von dem Wachse verschieden zu sein scheint. Réaumur hat sie jahrelang mit Leder, Wollzeug, dürrem Laube, Papier und dergleichen gefüttert. Sie ist besonders des Nachts thätig und während derselben vor den Nachstellungen der Bienen am sichersten, kann übrigens den ganzen Stock verderben, wenn man sie gewähren läßt. Die Entwickelung der Raupe geht rasch vor sich und beansprucht im Sommer nur drei Wochen. Die letzte Brut überwintert als Puppe, welche in einem dichten, gestreckten Gespinste steckt, deren man meist mehrere der Länge nach dicht aneinander findet. In diesem Gespinste liegt die Raupe vier Wochen, ehe sie zu einer braungelben, auf dem rotgrauen Rücken gekielten Puppe (Fig. 5) wird. Hat diese bis etwa 18 Tage geruht, so erscheint im Mai der Falter (Fig. 6), welcher flink davon läuft und das Dunkle aufsucht, sobald man ihn dem Tageslichte aussetzt.
Bei weitem die größere Hälfte aller Kleinschmetterlinge ist zu der Familie der Schaben oder Motten (Tine ina) vereinigt worden, die jedoch eine allgemeine Schilderung wegen des großen Wechsels in Körpertracht und Lebensweise ihrer Glieder kaum zuläßt. Stellen wir uns die Urbilder vor, so erscheinen die Flügel schmal und zugespitzt, linien- oder lanzettförmig und bekommen erst durch die ungemein langen Fransen ihren einem Schmetterlingsflügel eignen Umriß, werden gewissermaßen erst zu Flügeln. In der Ruhe liegen sie dem Körper auf, decken ihn dachartig, wobei nicht selten die langen Fransen das Dach am Ende in Form eines Kammes überragen, bei wieder anderen wickeln sie sich um den schlanken Körper gleich einem Mantel. Die Hinterflügel pflegen wie bei den Wicklern und den meisten Eulen einfarbig, meist grau und unansehnlich zu sein, während die Vorderflügel durch ihre oft lebhaften bunten Farben, durch die in dem herrlichsten Metallglanze
- Kornmotte (Tinea granella) nebst Raupen. 2) Raupe der Kleidermotte (Tinea pellionella). 3) Bienen wabe mi 4) Raupe, 5) Puppe, 6) der Wachsschabe (Galleria mellonella). 5
strahlenden Zeichnungen die Motten entschieden zu den prächtigsten aller Schmetterlinge erheben. Leider wird diese Pracht infolge der Kleinheit dem Blicke vielfach entzogen und kommt nur dem bewaffneten Auge zum vollen Bewußtsein. Die Mehrzahl trägt Borstenfühler von mäßiger Länge; es kommen aber auch sehr lange Fühler vor, welche besonders bei gewissen Männchen um ein sehr Vielfaches die Körperlänge übertreffen, auch trägt das genannte Geschlecht mancher Arten stattliche Kammzähne an denselben. Die Taster sind meist stark entwickelt, in Richtung, Bekleidung namentlich des Endgliedes großen Schwankungen unterworfen und zu Erkennungszeichen von der größten Wichtigkeit; auch die Kiefertaster oder Nebentaster, wie wir fie immer genannt haben, sind gleichfalls gut ent: wickelt und vortretend. Die Bekleidung des Kopfes, ob beschopft, buschig oder glatt behaart, die des Mittelrückens und allerlei ähnliche Verhältnisse, welche nur ein geübtes Auge herausfindet, müssen berücksichtigt werden, um die zahlreichen Gattungen und weit zahl: reicheren Arten mit Sicherheit unterscheiden zu können. Nehmen wir hierzu noch den Umstand, daß im Hinterflügel Rippe 8 getrennt und entfernt von 7 entspringt, daß die Hinter: schienen nicht über doppelt so lang wie ihre Schenkel, die Augen nackt sind und das letzte Tasterglied aufsteigt oder in der Richtung des Mittelgliedes verläuft, so haben wir die Punkte beisammen, die zu der Erkennung einer Motte führen.
Ä Dieser Vielgestaltigkeit in der äußeren Erscheinung der Falter entsprechen auch die 14: oder 16 füßigen Räupchen mit ihrer Lebensweise. Die einen halten sich gesellig bei einander in einem großen Gespinste, mit welchem sie ganze Aste und kleinere Sträucher schleierartig umstricken, andere wickeln Blätter oder ein Blatt und bewegen sich in der dadurch entstandenen, vorn und hinten offenen Röhre mit gleicher Schnelligkeit rückwärts wie vorwärts, immer bereit, an einem Faden herabzugleiten, wenn sie in Gefahr sind. Noch andere (Coleophoren ꝛc.) leben in einem Hörnchen, welches sie aus den Abnagseln der Futterpflanze anfertigen und mit sich herumtragen, wie die Schnecke ihr Haus, und gar verschiedengestaltig und verschiedenfarbig können diese Futterale sein. Sehr viele leben als Minierer zwischen der Ober- und Unterhaut eines Blattes, eigenartige Gänge fressend, welche natürlich mißfarbig werden und dadurch leicht in die Augen fallen, hier verpuppen sie sich auch (Lithocolletis) oder verlassen die Mine, um dies in der Erde zu vollziehen, oder auch an der Außenseite des Blattes ein Puppengespinst anzulegen, während wieder andere einfach in den verschiedensten Pflanzenteilen bohren. Diese Andeutungen mögen genügen, um einen Begriff von der Vielgestaltigkeit des Lebens dieser kleinsten Falter zu geben, denen sich erst in den letzten Jahrzehnten zahlreichere Liebhaber zugewendet haben als früher. Nicht einmal auf die Charakteristik einiger Sippen können wir hier eingehen, sondern müssen uns darauf beschränken, wenige, einem allgemeinen Interesse nahe tretende Arten in der Kürze zu besprechen, obschon eine größere Reihe durch das Zerstörungswerk der Raupen unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken vermag.
Bei der Gattung Tinea in der Fassung der heutigen Schmetterlingskundigen treten die sehr entwickelten vier- bis siebengliedrigen Nebentaster weit hervor, das zweite Glied der Lippentaster ist am Ende beborstet, der Rüssel verkümmert, der Kopf mit einem großen Haarschopfe, aber keinen Nebenaugen ausgestattet. Die Borstenfühler erreichen nicht die Länge des Vorderflügels; dieser ist gestreckt und zugespitzt und wird von zwölf Rippen gespannt, von denen 3, 4 und 5 gesondert entspringen und 7 in den Vorderrand mündet. Der Hinterflügel ist gestreckt, fast lanzettförmig, beschuppt und lang gefranst. Mehrere Arten führen sich in unseren Behausungen mißliebig auf.
Die Kornmotte, der weiße Kornwurm (Tinea granella, Fig. 1, S. 462), wird als Raupe, wie der früher erwähnte „schwarze Kornwurm“, dem Getreide auf den Speichern schädlich. Man kann den 13 mm spannenden Schmetterling während des Juni im Freien allerwärts bei Tage fest sitzen sehen, dachartig mit den durch die Fransen nach hinten verbreiterten Vorderflügeln den Leib deckend. Die stumpf lanzettförmigen Vorderflügel (diese Gestalt haben sie ohne die Fransen) sind silberweiß, dunkelbraun bis schwarz marmoriert. Die Fransen und Ränder erscheinen dunkelfleckig, und ziemlich beständig verläuft der größte Fleck von der Mitte des Vorderrandes bindenartig bis zum Innenwinkel. Die Hinterflügel sind einfarbig, glänzend weißgrau. Die fadenförmigen, schwarzen Fühler erreichen ungefähr zwei Drittel der Vorderflügellänge, die walzigen Taster stehen geradeaus und wenig über den Stirnschopf hervor. An den bläulichgrauen Beinen sind die Schienen mit zwei silberweißen Sporenpaaren bewehrt, die der hintersten mit langen, weißen Haaren besetzt. Eben ausgekrochen paaren sich die Tierchen, und das Weibchen sucht nachher mit Vorliebe die Getreidespeicher auf, wenn es nicht daselbst geboren wurde, legt 1— 2 Eier an ein Korn, welcher Art, scheint ihm ziemlich gleichgültig. Bis Mitte Juli spätestens beendigt es dieses Geschäft und büßt es mit dem Leben. Dort kann man die kleinen Leichen zahlreich in den Spinnengeweben hängen sehen. Nach 10— 14 Tagen kriechen die Räupchen aus. In der letzten Woche des Juli wird man fie schon gewahr an den kleinen Kothäufchen, welche an den von ihnen benagten und zu drei, vier oder mehr zusammengesponnenen.
Körnern hängen, sie halten sich nicht an ein Korn, sondern naschen an mehreren und verbinden dieselben durch ein Gewebe, unter dessen Schutze sie äußerlich daran fressen. Die Raupe ist beinfarben, an Kopf und Nackenschild dunkler, hat 16 Beine und erreicht in einer Länge von etwa 10 mm ihr volles Maß. Ende August oder Anfang September wird sie unruhig, läuft auf dem Getreide umher, überall Seidenfäden zurücklassend, und sucht ein geeignetes Plätzchen zur Verpuppung. Dasselbe findet fie ebensowohl in ausgehöhlten Körnern, wie in den Ritzen der Dielen oder Balken. Im Gespinste, welches fie aus den Abnagseln ihrer Umgebung anfertigt, bleibt sie bis zum Frühlinge liegen, dann erst wird fie zu einer bräunlichgelben Puppe, deren Kopfende in eine stumpfe Spitze ausläuft. Die Gespinste finden sich öfter in kleinen Gesellschaften beisammen.
Von den Raupen der Kleider- oder Pelzmotten (Fig. 2, S. 462) ist bekannt, daß fie in unseren Wohnungen an Plätzen, wo sie nicht gestört werden, als da sind Kleiderschränke, gepolsterte Stühle und Sofas, Schubladen, in denen wollene Stoffe aufbewahrt werden, auch in Naturaliensammlungen jeder Art, mit Ausschluß der Steine, arg wirtschaften und da, wo sie recht zahlreich vorkommen, über Winter an den Decken in kleinen Säckchen hängen, welche sie als Wohnung aus Stoffen ihrer Umgebung anfertigten, um sich später darin auch zu verpuppen. Es kommen zwei Arten durcheinander vor, die Tinea pellionella, gelblich seidenglänzend, Vorderflügel mit einem oder zwei dunkeln Pünktchen in der Mitte, die jedoch auch fehlen können, mit lehmgelbem Kopfhaare und grauen, gelblich schimmernden Hinterflügeln (sie ist die kleinere, 11— 17,5 mm) und die 15— 22 mm spannende Tinea tapezella, deren Kopfhaare weiß, Vorderflügel an der kleineren Wurzel: hälfte violettbraun, dahinter gelblichweiß, an der Spitze mit einem violettgrauen Flecke gezeichnet sind, die Hinterflügel, wie vorher, grau und gelb schimmernd. Sie hält sich mehr an das Pelzwerk und die Felle ausgestopfter Tiere. Juni und Juli umfassen die Schwärmzeit beider Schmetterlinge, welche jedoch einzeln früher oder später vorkommen, je nach den Wärmeverhältnissen der von ihnen bewohnten Örtlichkeiten. Sie find natürlich thunlichst zu verfolgen, in der Regel aber schwer zu fangen, weil sie nach Mottenart aus dem Fluge oft in eine rutschende Bewegung auf fester Unterlage übergehen und sich schleunigst verstecken. Sobald man einzelne Motten bemerkt, sind alle Gegenstände vor den legenden Weibchen möglichst zu schützen, die Polster fleißig auszuklopfen, die Kleidungsstücke öfter zu lüften und gleichfalls auszuklopfen, wodurch man auch die etwa schon vorhandenen Raupen, welche sich vom August an finden, zum Herausfallen veranlaßt. Werden Pelzwaaren beiseite gelegt, so muß man sie vorher sorgfältig lüften, in ein leinenes Tuch einpacken, am besten einnähen (mit Insektenpulver bestreuen), und an einem gut schließenden oder luftigen Orte aufbewahren. Der Geruch von Terpentinöl und aller dasselbe enthaltenden Stoffe sowie der verschiedenen Mineralöle ist den Motten wie jedem anderen Ungeziefer zuwider und ein gutes Schutzmittel gegen dieselben. In dunkeln, dumpfen Winkeln gedeihen sie, wenn daselbst wollene Stoffe oder andere ihnen genehme Nahrungsmittel unbeachtet liegen, am besten, was schon den Alten bekannt war; denn Aristoteles (5, 26) erzählt, daß in Wolle und wollenen Zeugen Tierchen entständen, wie beispielsweise die Tuchmotten, besonders wenn die Wolle staubig und noch mehr, wenn eine Spinne mit eingeschlossen werde; denn diese trockne die Wolle, indem fie alle Feuchtigkeit, die etwa da sei, wegtrinke. Heutigestages würden wir der Meinung sein, daß die Spinne die Motte aussauge. |