Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Zu den mannigfachen Genüssen, welche dem Naturfreund ein Frühjahrsgang durch einen Laubwald bietet, gehört auch das muntere Spiel einer an Kopf und Beinen zottig schwarz behaarten, an den Vorderflügeln metallisch dunkelgrün erglänzenden Motte, welche man den grünen Langfühler (Adela viridella) nennen könnte. An einem und dem
anderen von der Nachmittagssonne beschienenen, das Grün des jungen Laubes in wunderbarem Zauber zurückwerfenden Eichenbusche habe ich Hunderte dieser Mottchen auf und ab tanzen sehen, wobei sie ihre langen Fühler senkrecht in die Höhe halten, die beim Weibchen die Flügellänge merklich, beim Männchen mehr als um das Doppelte überragen und gleich Silberfädchen, getragen von den herrlich glänzenden Flügeln, fortwährend auf und nieder gehen. Es ist entschieden der Hochzeitsreigen, welchen diese Tierchen in lautloser Stille nur nach dem Takte der Farbentöne aufführen; denn ab und zu begibt sich ein Weibchen mit weit ausgebreiteten Flügelchen auf eins der Blätter und winkt mit den Fühlern nach rechts und links. Es bleibt aber unbeachtet und fliegt nach kurzer Zeit der Ruhe wieder auf, um sich von neuem unter die muntere Schar zu mischen, welche so dicht gedrängt, als es die langen Fühler gestatten, ihr Auf- und Abwogen unterhält. Kurze Zeit ruht dann auch ein Männchen, und in dieser Weise geht das lustige Spiel weiter, bis schließlich nach dem Scheiden der Sonne unter dem westlichen Himmel der Knäuel sich löst und die einzelnen Pärchen zwischen dem würzigen Laube verschwinden. In manchen Jahren trifft man diese Motten sehr häufig und dann an den sonnigen Nachmittagsstunden in der eben geschilderten Weise, sonst träge an dem Laube sitzend und die Fühler in gemessenem Takte wiegend, oder in Gesellschaft anderer Brüder und Schwestern und der verschiedensten Kerfe an blühenden Weidenkätzchen, der um diese Jahreszeit am reichlichsten fließenden Honigquelle, ihr kurzes Dasein fristend. Ihre früheren Lebensverhältnisse sind mir unbekannt.
Die Apfelbaum⸗Gespinst- oder Schnauzenmotte (Hyponomeuta malinella,
Fig. 2, S. 466) ist ein 19 mm spannendes Mottchen von vorherrschend weißer Färbung mit Atlasglanz. Auf den gestreckten Vorderflügeln stehen drei Längsreihen schwarzer Pünktchen, welche vor den Fransen des Saumes durch einige weitere Pünktchen verbunden sind, die dunkelgrauen, an der Wurzel weißlichen Hinterflügel haben gleichmäßig lichtgraue Fransen und der Hinterleib ebenfalls graue Färbung. Ende Juni oder Anfang Juli kriecht und sitzt bei Tage dieser bescheidene Falter an Apfelbäumen, fliegt jedoch des Abends umher, vorausgesetzt, daß sich ebenda zwischen den Asten florartige Gespinste zeigen und bereits früher vorhanden waren. Es sind die Weideplätze seiner bräunlichgrauen, schwarz bewarzten Raupe. Dieselbe wird erst durch die zarten Gespinstschleier bemerklich, mit denen sie die Blätter umwickelt, welche sie sich zur Nahrung ausersehen hat, und die sie nach Bedürfnis mehr und mehr erweitert. Weil mehrere Eier beisammengelegt werden, die Raupen also gesellig leben und bei größerer Häufigkeit sich mehrere Gesellschaften nicht selten vereinigen, so kann es geschehen, daß ganze Aste eines Apfelbaumes überschleiert sind und innerhalb dieses Netzwerkes das Grün mehr und mehr durch Skelettieren der Blätter schwindet. Sind die Raupen, welche sich lebhaft im Neste bewegen (Fig. 1, S. 466), wenn sie nicht der Ruhe nach eingenommenem Mahle oder bei den jedesmaligen Häutungen pflegen, einem Angriffe ausgesetzt, so läßt sich jede sofort an einem Faden herab, um vom Boden aus in schleunigem Laufe zu entfliehen. Sobald sie erwachsen sind, spinnen sie sich gedrängt bei einander ein, und das ganze Nest enthält in Klumpen ebenso viele klebrige Hülsen, durch welche die rötlichgelbe, untersetzte Puppe durchscheint, als vorher Raupen vorhanden waren. Die befruchteten Weibchen legen ihre Eier an die Rinde eines Zweiges in länglichen Haufen. Wie behauptet wird, kriechen dieselben in etwa 4 Wochen aus. Weil man sie immer erst im erwachseneren Alter und durch die Gespinste wahrnimmt, so möchte ich glauben, daß die Eier überwintern. Eine sehr ähnliche, aber an den Vorderflügeln licht grau angehauchte Art (H. variabilis) hatte sich 1888 in verschiedenen Orten des Unstrut- und Saalethales in verderblicher Weise auf den Pflaumenbäumen eingenistet. Andere leben an Sträuchern, namentlich am Pfaffenhütchen, deren kleinere Büsche von den Raupen nicht selten vollständig entblättert
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 30
und gänzlich übersponnen werden. Da die meisten Arten nach den Futterpflanzen benannt worden find, sich aber nicht auf eine solche beschränken, jo herrschte große Verwirrung hin: sichtlich der Namen unter den Schriftstellern, bis Zeller, seiner Zeit einer unserer gründlichsten Kenner der Kleinschmetterlinge, mehr Ordnung hergestellt hat.
Die Ackereulenmotten (Depressaria) vertreten unter den Schaben die Eulengattung Agrotis in Rücksicht auf die mehr düsteren Farben der platt auf dem breitgedrückten Hinterleibe aufliegenden Flügel, deren vordere breit, hinten stark gestutzt oder gerundet sind, während die hinteren am Saume einen Ausschnitt haben. Sie fliegen in derselben Weise auf wie jene, wenn sie am Tage gestört werden, oder laufen dahin, um sich zu verstecken. Ihre großen Taster schließen aneinander, steigen hoch auf und bergen einen wohlentwickelten
„ N 2 2 u
5 4 6 1
Apfelbaum-Gespinstmotte (Hyponomeuta malinella), 1) ein Gespinststück mit Raupen, 2) die Motte. — Dunkelrippige Kümmelschabe (Depressaria nervosa), 3) ausgebreitete und vergrößerte, 4) ruhende Motte in natürlicher Größe, 5) vergrößerte Raupe, 6) Puppe im geöffneten Lager. 7) Gemeines Geistchen (Pterophorus pentadactylus). Außer 3 und 5 alle natürliche Größe.
Rüssel, auf dem Scheitel des polsterartig beschuppten Kopfes stehen Nebenaugen. Von den zahlreichen Arten, welche als Schmetterlinge überwintern, leben viele als Raupen im Blüten- und
Fruchtstande von Dolden, und es ist als für den Feldbau verderblich zu nennen: die dunkelrippige Kümmelschabe, der Pfeifer im Kümmel (Depressaria nervosa, Haemylis daucella Hübners, Fig. 3 u. 4 obiger Abbild.). Die Motte hat wenig für sich Gewinnendes infolge der rötlich graubraunen Vorderflügel, welche auf den Rippen, besonders saumwärts, schwärzlich bestäubt sind, am meisten aber durch einen lichten Winkelhaken vor der Spitze auffallen. Die Hinterflügel sind graubraun, das Endglied der Taster zweimal schwärzlich geringelt. Die Flügelspannung beträgt durchschnittlich 20,15 mm. Je nach der warmen oder kühlen Witterung kommen die Schaben früher oder später aus ihren winter: lichen Verstecken, und das Weibchen legt seine Eier mehr einzeln an die Kümmelpflanzen, wenn es deren habhaft werden kann, wo nicht, an andere Dolden, unter denen Oenanthe aquatica (Phellandrium aquaticum) und Sium latifolium neben noch einigen anderen genannt werden. Am Kümmel wird die Raupe bemerklich, sobald er mitten in der Blüte steht. Sie sitzt halb oder ganz erwachsen in den Dolden, die sie in der Regel durch wenige
Fäden zusammenzieht, und frißt die Blüten und jungen Samen; sollten beide nicht mehr ausreichen, so nagt sie auch die zarteren Zweige an. Es sind Fälle vorgekommen, in denen man den Ausfall der Ernte durch ihre Schuld auf mehr denn die Hälfte veranschlagt hat. Das sechzehnfüßige Räupchen (Fig. 5) ist ungemein lebendig, schnellt um sich, wenn man es berührt, oder läßt sich an einem Faden zur Erde hinab, auf der es eilfertig davonkriecht. In der Gefangenschaft weiß es sich durch die engsten und verborgensten Spalten durchzuzwängen, um ihr zu entgehen. Nach viermaliger Häutung ist die Raupe erwachsen, wozu fie vom Ei an durchschnittlich 5 Wochen gebraucht, wenn ungünstige Witterung ihre Entwickelung nicht aufhält. Sie ist etwa 15 mm lang und ziemlich bunt gefärbt: ein breiter orangener Seitenstreifen mit den schwarzen Luftlöchern teilt den Körper in eine blaß olivengrüne, breitere Rücken⸗ und eine lichtere Bauchhälfte, an jener stehen auf jedem Ringe vom vierten an in einer Querreihe vier glänzend schwarze, weiß geringelte Warzen und je zwei noch dahinter, auf dem vorletzten Gliede nur vier in einem nach vorn offenen Halbkreise, auf dem zweiten und dritten dagegen sechs in einer Querlinie. Kopf, Nackenschild und Afterklappe glänzen schwarz, beide letztere umgibt ein rotgelber Saum, jenes teilt überdies noch eine ebenso gefärbte Längslinie. Die untere Körperhälfte zeichnen gleichfalls mehrere Warzenreihen aus. Zur Verpuppung bohrt sich die Raupe in den Stengel der Futterpflanze ein und nagt sich ein bequemes Lager aus, spinnt das Flugloch durch ein schräges Deckelchen zu und wird zu einer etwas flachgedrückten Puppe (Fig. 6), welche, von einigen Seidenfädchen in der Stengelhöhlung festgehalten, gestürzt über dem Flugloche zu liegen pflegt. Sind die Raupen sehr zahlreich, Jo kann man 30—40 Löcher in einer Staude zählen, Zugänge zu ebenso vielen Puppenlagern, und ihre Ahnlichkeit mit einer Flöte dürfte größer sein als bei der vom Pfeifer angebohrten Rapsschote. Die Raupe ist übrigens nicht leicht verlegen, wie ich an gefangenen beobachtet habe. Hat sie keinen geeigneten Stengel, so verpuppt sie sich in der etwas zurecht genagten und zugesponnenen Dolde, wie viele ihrer Gattungsgenossen, oder auch frei an der Erde. Zur Zeit, in welcher man den Kümmel rauft, find alle Raupen in den Stengeln verpuppt, einzelne Schmetterlinge schon ausgeschlüpft. In den ersten Tagen des Juni erhielt ich bereits dergleichen aus zerbohrten Stengeln, welche ich eingetragen hatte. In einem anderen Jahre traf ich dagegen am 13. August noch Raupen und Puppen in den Stengeln der Oenanthe aquatica und erzog aus letzteren nach zwei Tagen die ersten Schmetterlinge. So können die Entwickelungszeiten in verschiedenen Jahren und an verschiedenen Futterpflanzen auseinander gehen; denn diese Erfahrungen möchten schwerlich zu der Annahme von zwei Bruten berechtigen.
Vor mehreren Jahren fiel mir die Verunstaltung der Blätter an den Syringen in den städtischen Promenaden zu Halle auf, und nachdem ich den Urheber kennen gelernt und in seinem Treiben beobachtet hatte, lese ich in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie, daß auch dort die öffentlichen Anlagen und die Privatgärten in gleicher Weise seit längerer Zeit verunstaltet werden, und in Frankreich kommen gleiche Wahrnehmungen vor; denn sicher ist es nur Verunstaltung zu nennen, wenn die überwiegende Anzahl der Blätter eines Baumes oder Strauches nicht ihre natürliche Gestalt und Farbe hat, sondern eingerollt, zerfressen und schließlich gebräunt erscheint. Die Wirkungen der winzigen Räupchen der ebenso winzigen
Fliedermotte (Gracilaria syringella) beleidigen hier ganz entschieden das Auge. Das sechzehnfüßige, lichtgrüne Wesen mit braunem Kopfe lebt in Gesellschaften bis zu 20, nicht nur an den Blättern des gemeinen und persischen Flieders, sondern auch an denen der Esche (Fraxinus excelsior), des Pfaffenhütchens (Evonymus europaeus), der Rainweide (Ligustrum vulgare) und noch einiger anderen Sträucher. Sie nagen zunächst die Oberhaut weg, dann das darunter befindliche Blattfleisch, die Haut der Unterseite bleibt 30*
immer stehen und bräunt sich allmählich. Nach der ersten Häutung verlassen sie die Mine des Nachts und bewirken durch gezogene Fäden, daß sich die ausgefressene Blattspitze aufzieht und aufrollt. So treiben sie es allnächtlich, kriechen am Tage wieder in die Rolle und verzehren die Blattmasse mit Ausnahme der unteren Haut. Zwischen je 10 oder 12 Tagen häuten sie sich, und zwar dreimal, hierauf suchen sie sich ein frisches Blatt, behandeln es wie das frühere und lassen sich nach der gleichen Zeit herab, um in der Erde die Verpuppung in einem sehr dünnen Gewebe zubestehen. Die gelbbraune, spindelförmige Puppe endigt stumpf, die Scheiden ihrer Fühler und Hinterbeine reichen bis zur Spitze, letztere nicht genau so weit; sie liefert in 14 Tagen (Ende Juni oder Anfang Juli) den Schmetterling. Gegen Abend fliegen diese um die Futterpflanze, um sich zu paaren, und sofort wird der Grund zu einer zweiten Brut gelegt, deren Raupen es vorzugsweise sind, welche die oben geschilderten Verunglimpfungen vornehmen; sie gelangen vor Beginn des Winters bis zur Verpuppung. Im nächsten April und Mai fliegen ihre Schmetter: linge aus. Jedes Weibchen kann durchschnittlich 100 Eier legen. Der zierliche Falter sieht staubgrau aus und hat ungemein lange, gleichgefärbte Fransen an seinen Flügeln, besonders am Innenwinkel der vorderen, die wie ein hoher Kamm hervortreten, wenn sie in der Ruhelage dachartig den Leib verstecken. Die Vorderflügel erscheinen gescheckt durch sechs silberweiße Querbinden, deren drei hinterste feiner und unvollständiger sind als die vorderen. Die grau und weiß geringelten Fühler erreichen die Länge der Vorderflügel, die anliegend beschuppten und daher dünnen Lippentaster stehen schwertförmig vor dem glatten, runden Kopfe, ihr Endglied spitzt sich zu und bildet die Hälfte ihrer ganzen Länge; e 5 us Rüssel und Kiefertaster sind deutlich. Eine interessante suite der Lerche mit ansgefressenen Nadelspthen Stellung nimmt das Mottchen am Tage ein, wenn es und anhaftenden Säckchen. schläft. Der Körper ist schräg aufgerichtet und ruht auf den beiden langen Vorderbeinen, deren Kniee in einer Fluchtlinie mit der Stirn liegen, die Füße greifen weiter hinten Platz, von den anderen Beinen sieht man nichts, weil sie sich zwischen Leib und Flügel verbergen, an deren Fläche nach außen angedrückt der geringelte Fühlerfaden in schnurg erader Linie nach hinten zieht. Die Flügelspannung beträgt durchschnittlich 11,5 mm.