Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Der Hirsengrasfalter, Grasfalter (Epinephele Hyperanthus), ist ein echter Wiesenbewohner in sehr schlichtem Gewande. Seine dunkelbraunen Flügel kennzeichnen weiße Fransen und je zwei schwarze, weiß gekernte, fein gelb umringte Augen, beide nahe bei einander. Die Unterseite hüllt sich in Graugelb und zeigt auf dem Vorderflügel einen kleinen dritten Augenfleck unter den beiden oberen und außerdem in der Mitte des Vorderrandes zwei zu einer 8 zusammenhängende auf den Hinterflügeln. Die Vorderrandsrippe und die innere Mittelrippe verdicken sich schwielig an der Wurzel, und der Innenrand des Hinterflügels schweift sich nahe der Innenecke schwach aus, wodurch diese mehr vorgezogen
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 25
erscheint. Die Fühler verdicken sich allmählich zu einer langen, dünnen Keule, die Taster laufen in ein langes, dünnes Endglied aus, und die Mittelschiene ist wenig kürzer als der Fuß. Die Flügelspannung des größeren Weibchens beträgt 41 cm. Von Mitte Juni bis in den August tummelt sich dieser Grasvogel überall, hängt sich an die Halme mit halbgeöffneten Flügeln und besucht fleißig die Blumen der grünen Wiesendecke, des begrasten Grabens oder Hügelabhanges. Sein Flug ist schwankend und ohne Ausdauer. Wenn der Abend kommt, schläft er, wie alle Tagfalter, mit zusammengelegten Flügeln. Seine Raupe nährt sich vorzugsweise vom Hirsengras (Milium effusum), aber auch von anderen Arten, wie von dem jo vielen Grasfressern genehmen Rispengras (Poa annua). Sie ist in der Mitte am stärksten, graurötlich, samtartig behaart, hat über den grauen Füßen einen weißen Streifen und einen braunen längs des Rückens, welcher jedoch erst vom fünften Ringe an deutlich hervortritt. Nach der Überwinterung verwandelt sie sich anfangs Juni in eine kurz kegelförmige, vorn gerundete Puppe, deren hellbraune Oberfläche von dunklen Streifen durchzogen wird. Das große Ochsenauge, Sand— . auge, der Riedgrasfalter oder gemeine e Wiesen vogel (Epinephele Janira), e beweist durch seine vielen Namen, daß er einer der gemeinsten und bekanntesten Augler ist; und in der That treibt er sich vom Juni ab ein Vierteljahr auf allen Wiesen umher und bietet hinreichende Gelegenheit, seine unbedeutende Persönlichkeit kennen zu . lernen. Männchen und Weibchen unter—
Mauerfuchs (Pararge Megaera). Natürliche Größe. scheiden sich hier mehr als bei mancher anderen Art. Jenes ist oben dunkelbraun, ziemlich langhaarig an Wurzel und Mittelfeld der Vorderflügel, auf welchen gegen die Spitze hin ein blindes Auge steht. Dasselbe bekommt einen weißen Kern auf der gelbroten, ringsum gebräunten Unterseite. Der augenlose Hinterflügel trägt sich hier grau: braun und deutet das Streben an, nach dem Saume hin eine lichte Binde zu bilden. Das Weibchen (Fig. 5, S. 379) sieht bedeutend lichter aus, hat die eben erwähnte Binde der Hinterflügel entschiedener und einen roten Fleck um das weiß gekernte Auge auf der Oberseite der Vorderflügel. Die grüne oder gelblichgrüne Raupe (Fig. 6) hat einen weißen Längsstreifen über den Füßen und kurze, gekrümmte Härchen über den ganzen Körper. Sie frißt verschiedene Gräser, besonders Wiesenrispengras (Poa pratensis), und lebt wie die vorige. Die am Kopfe schwach zweispitzige Puppe zeichnet sich durch mehrere bräunlich violette Längsstreifen und zwei Reihen brauner Rückenpunkte auf grünlichem Untergrunde aus.
Der Mauerfuchs, Mauer- oder Bandargus (Pararge Megaera), liebt es, sich mit halb offenen Flügeln an Lehmmauern, an steile Wände der Hohlwege oder Gräben, in Steinbrüche oder auf die nackte Erde zu setzen und legt somit wenig Sinn für das Grün des Wiesenteppichs oder Laubdaches und für bunte Blumen an den Tag; denn er fliegt auch nur an jenen Stellen, wo er ausruht, auf und ab in schlaffer Haltung seiner rotgelben, schwarz bandierten und gefleckten Schwingen und läßt sich höchst selten auf Blumen betreffen. Zu dem obenstehenden Bilde braucht über die Färbung nur hinzugefügt zu werden, daß die Augen einen feinen weißen Kern und die Fransen zwischen den Rippen ebenfalls diese Farbe haben, daß ferner die bleiche Rückseite der Flügel auf den gelbbraunen Hinterflügeln weißgrau angeflogen ist.
Die behaarten Augen unterscheidendie Scheckenäugler (Pararge) von den Ochsenaugen (Epinephele), mit welchen sie die an der Wurzel schwielig verdickte Vorderrandsrippe und innere Mittelrippe gemein haben, ferner sind bei allen Gattungsgenossen die Fühler schwarz und weiß geringelt und enden mit einem lang eiförmigen Knöpfchen; die Taster sind länger als der Kopf, ihr Endglied ist anliegend behaart, die Mittelschiene wenig kürzer als der Fuß. Der Mauerfuchs fliegt in mehreren Bruten vom Frühjahr bis tief in den Herbst hinein; verspätete Schmetterlinge sollen auch überwintern, wie bei der Raupe Regel ist. Dieselbe lebt an allerlei Gräsern, ist samtartig behaart, blaßgrün von Farbe; an den Seiten, über die dunklen Luftlöcher hinweg, läuft ein weißer, vorn allmählich verschwindender Streifen, fünf dunkelgrüne, blaß eingefaßte Streifen ziehen den Rücken entlang. Die schwärzlichgrüne Puppe trägt zwei Reihen heller Knöpfchen auf dem Rücken.
Das Viereichenfalterchen, Eichenschillerchen, der kleine Changeant (Thecla quercus), fällt im Freien weniger in die Augen als die meisten anderen Sippengenossen; denn er kommt nur einzeln vor und verläßt die höheren Luftschichten des Waldes, wenigstens das Eichengebüsch, nur selten. Mit dicht zusammengeklappten, nicht gleichzeitig zusammengeschobenen Flügeln spaziert er auf einem Eichenblatt, welches die Sonne bestrahlt, umher und scheint die Einsamkeit aufzusuchen. Wie in einem fallenden, kurzen Fluge ist er von diesem Blatte verschwunden, um auf einem anderen seine Spaziergänge zu wiederholen. Nur wenn das Weibchen den Besuch eines Männchens erwartet, dann breitet es seine Flügel aus, von denen die vorderen eine keilförmige Gestalt haben, die hinteren sich abrunden, im Innenwinkel schwach lappig und in geringer Entfernung davon in einem schmalen Zähnchen heraustreten. Sie bieten eine einfarbig schwarzbraune Fläche dar, welche bei günstiger Beleuchtung wie mit violettem Dufte überzogen erscheint. Jetzt schlägt auch das Männchen seine Flügel auseinander und brüstet sich, der gefallsüchtigen Dame gegenüber. Es trägt in der That den Preis der Schönheit davon, denn zwei Keilflecke von prächtigstem Azur erglänzen an der Wurzel der Vorderflügel dicht bei einander, der innere in größerer Erstreckung als der äußere. Wir wollen aber die beiden Verliebten nicht stören und uns einen verlassenen Spaziergänger besehen, um sein alltägliches Gesicht, seine Außenseite kennen zu lernen. Dieselbe ist glänzend silbergrau und hat im Saumfelde eine weiße, nach innen dunkler gefaßte Strieme nebst einigen rötlichen Fleckchen dahinter. Die zierlich weißgeringelten Fühler verdicken sich allmählich zur Keule und reichen mit ihrer Spitze bis zur Hälfte des Flügelvorderrandes. Die zart weiß umschuppten Augen sind behaart, die Vorderbeine bei beiden Geschlechtern etwas schwächer als die anderen. Die Flügelspannung beträgt 32,5—35 mm. Seine Unterseite und Raupe zeigt die obere linke Ecke der Abbildung auf S. 317.
Dieser hübsche Falter fliegt im Juni allerwärts in Europa, wo es Eichen gibt, nachdem er die überwinterte Puppe verlassen hat. Das Weibchen legt nach einiger Zeit seine Eier einzeln an die Blätter der Eichbäume oder des eichenen Stangenholzes, und die ihnen entschlüpften Räupchen, von denselben fressend, erlangen nicht nur im Laufe des Sommers ihre volle Größe, sondern kriechen zur Verpuppung zuletzt auch noch unter Moos. Sie gehören zu den sogenannten Asselraupen, weil sie nach oben gewölbt, nach unten platt gedrückt und gedrungen, in der Gestalt den bekannten Kellerasseln gleichen. Den braunen, hinten gelblichen Untergrund decken feine Härchen, und auf dem Rücken stehen reihenweise gelbe, erhabene Dreieckchen, welche durch eine schwarze Längslinie geteilt werden. Das lichte, braun gefleckte Püppchen wäre eiförmig zu nennen, wenn es sich nicht vor der Mitte etwas einschnürte; es liegt steif und unbeweglich und schnellt bei der Berührung nicht lebhaft
mit dem Hinterleibsende hin und her, wie es die schlanken Puppen der Tagfalter zu thun pflegen. Noch viele andere Theklas (spini, pruni, rubi, ilicis und andere) find in Deutschland heimisch, welche mit der eben beschriebenen hinsichtlich der Bildung der Flügel, Fühler, Beine und Augen übereinstimmen und an anderen Holzgewächsen auf dieselbe Weise leben, wie die Thecla quercus an Eichen; die Oberfläche ihrer Flügel ist dunkelbraun, auch dunkelgrün (Thecla rubi), mit unbestimmten roten oder rotgelben Flecken gezeichnet,
- Weibchen des großen Eisvogels (Limenitis populi). — Feuervogel (Polyommatus virgaureae), 2) Weibchen, 3) Männchen. 4) Gefleckter Feuerfalter (Polyommatus Phlaeas). 5) Adonis (Lycaena Adonis). 6) Strichfalterchen (Hesperia comma), Weibchen. 7) Kleinste Perlbinde (Nemeobius Lucina). Alles natürliche Größe.
oder ohne solche. Die Unterfläche erscheint immer lebhafter gefärbt, niemals jedoch mit Augenflecken geziert.
Der Feuervogel, Dukatenfalter, Goldrutenfalter (Polyommatus virgaureae, s. obenstehende Abbild., Fig. 2, 3), hat dieselbe Größe und Gestalt wie der vorige. Das Männchen ist der feurigste unserer heimischen Falter, nicht dem Wesen, sondern der Farbe nach, denn die Oberseite seiner Flügel glänzt wie ein stark mit Kupfer versetzter Dukaten, die schwarzen Ränder ausgenommen, während das Weibchen mit schwarzen Flecken wie besäet erscheint, wenigstens auf den Hinterflügeln; an den vorderen ordnen sich dieselben
in zwei Querreihen des Saumfeldes, und für das Mittelfeld bleiben noch zwei nebeneinander stehende übrig. Die Unterseite stimmt bei beiden so ziemlich überein; auf glanzlosem Gelbrot sind schwarze Pünktchen über den Vorderflügel zerstreut, darunter drei in gerader Linie innerhalb der Mittelzelle, als Gattungscharakter. Der Hinterflügel ist ärmer an solchen, gegen den Saum hin mit zwei weißen Tupfen geziert, die sich beim Weibchen zu einer ziemlich vollständigen Binde erweitern. Sein Rand ist etwas eckig, zumal am Hinterwinkel, ohne Zahn, wie bei dem vorigen, wodurch sich diese Rötlinge, deren gemeinster der gefleckte Feuerfalter (Polyommatus Phlaeas, Fig. 4, S. 388) sein dürfte, von der vorigen Gattung unterscheiden. Der Dukatenfalter fliegt im Juli und August geschäftig an Blumen in den Wäldern und deren nächster Nähe umher und läßt sitzend die Oberseite seiner Flügel sehen. Er fehlt im nordwestlichen Deutschland. Die grüne, gelbstreifige
Asselraupe lebt auf der Goldrute (Solidago virgaurea) und dem Spitzampfer. Das Püppchen hat die gedrungene Gestalt und Regungslosigkeit der vorigen, überhaupt aller aus Asselraupen entstandener, ist bräunlichgelb, an den Flügelscheiden dunkler.
Die eigentlichen Bläulinge (Lycaena) haben ihren Namen von der schön blau gefärbten Oberseite der männlichen Flügel; auf denen der Weibchen herrscht Dunkelbraun vor, und Blau bleibt nur an der Wurzel oder als Schiller übrig. Die Unterseite ist ärmer oder reicher mit schwarzen Punkten (blinden Augen) oder Augenflecken bestreut, welche sich nach dem Saume zu in Reihen ordnen und nicht selten durch Silberkerne lebhaft erglänzen. Eins dieser blinden Augen steht immer auf der Querrippe des Vorderflügels als Kennzeichen der Gattung. Die Netzaugen können nackt oder behaart sein. Einige Arten, welche früh im Jahre an Buschwerk fliegen, haben je ein zartes Schwanzspitzchen am Hinterflügel, welches den meisten übrigen fehlt. Man kennt mehrere hundert Arten aus allen Weltteilen, welche sämtlich aus Asselraupen entstehen. Alle diese kleineren Falter treiben ihr munteres Spiel überall im Hochsommer auf den Blumen der Wiesen und Felder, der Wälder und dürren Heideflächen, scheinen aber weitere Ausflüge nicht zu unternehmen. Das Gruppenbild zeigt zwischen den Ranunkelblüten das hübsche Männchen des Hauhechelfalters (Lycaena Icarus Borkhausens, Alexis Fabricius'). Er hat noch viele Namen, wie die meisten seiner Gattungsgenossen, woraus hervorgeht, wie schwer es bei der großen Übereinstimmung vieler den Schriftstellern wurde, die von einem anderen bestimmte Art aus der Beschreibung wieder zu erkennen. Die Oberseite der Flügel schimmert hier schön rötlichblau und ist mit einem feinen schwarzen Rändchen vor den weißen Fransen umsäumt. Die Unterseite ist bräunlichgrau, an der Wurzel grünbläulich und mit zahlreichen Augenflecken und rotgelben Fleckchen auf den Hinterflügeln besetzt. Der Falter fliegt fast das ganze Jahr hindurch in zwei Bruten und ist überall gemein, aber nicht immer beständig in den Zeichnungen. Die blaßgrüne Raupe kennzeichnen ein dunkler, weißlich besäumter Rückenstreifen und zwei Reihen dunkler Schrägstriche. Sie findet sich im Mai und dann wieder im Juli an der gemeinen Hauhechel (Ononis spinosa), deren Blüten sie besonders verzehrt. Der schöne Argus, Adonis (Lycaena Adonis, Fig. 5, S. 388), ist entschieden der prächtigste unserer deutschen Bläulinge, denn das Blau seiner Flügel wird in Feuer und Glanz von keinem anderen erreicht; in Jahren, welche ihn zahlreich erzeugten, kommen auch Weibchen vor, deren sonst braune Flügel reich in Blau erglänzen. Der Falter hat zwei Bruten und lebt als Raupe auf Klee und anderen Schmetterlingsblümlern, scheint aber nur strichweise vorzukommen; dem nördlichen Tieflande fehlt er. Bei Halle und im Saalthal weiter aufwärts findet er sich dagegen häufig. Aber noch weit größere Arten als unsere heimischen fliegen in den heißen Ländern, wie auf Ceylon die schöne Amplybodia amantes, Nr. 1 auf der farbigen Tafel „Ausländische Tagfalter“ (bei S. 370).