Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
dienen, dürfte aus den Beobachtungen hervorgehen, welche man in Mähren, Böhmen und Ungarn gemacht hat, wo immer solche Felder am meisten zu leiden hatten, welche früher Wiese oder Weide gewesen waren, oder solche, die an Wiesen angrenzten.
Die Larve läßt nicht lange auf sich warten, ernährt sich von den zarten Keimen und Herzblättchen der Gräser und ist zu wiederholten Malen bereits im Herbste, mehr noch nach der Überwinterung im Frühjahre als Zerstörerin der Wintersaaten angetroffen worden. Sie kann nicht leicht mit einer anderen Larve verwechselt werden, welche sich unter ähnlichen Verhältnissen auf den Ackern findet, und trägt vollständig, wie unsere Abbildung auch zeigt, den Charakter aller Laufkäferlarven an sich. Der von oben etwas gehöhlte Kopf ist länger als breit und wenig schmäler als der Halsring, trägt in eine scharfe 2.c Spitze auslaufende, in der Mitte mit stumpfem Zahne bewehrte Kinnbacken, hinter deren Wurzel viergliederige Fühler und sechs Augen in zwei senkrechten Reihen jederseits. Den Rücken sämtlicher Körperringe decken Chitinplatten, deren vorderste größer und braun, die weiter folgenden kleiner und mehr rot find, alle aber von einer lichten Längsfurche durch: zogen werden. Außer diesen Hauptschildern haben die fußlosen Hinterleibsringe noch eine Menge kleinerer Hornfleckchen, welche am Bauche zierliche Zeichnungen hervorbringen. Das stumpf zugespitzte Leibesende läuft in zwei zweigliederige kurze Fleischspitzchen aus, an denen, wie am ganzen Körper, besonders aber am Kopfe, kurze Borstenhärchen zerstreut wahrgenommen werden. Erwachsen mißt die Larve durchschnittlich 28mm. Bei Tage hält sie sich 150 mm und tiefer in einer selbstgegrabenen Erdröhre auf und kommt nur abends und nachts zum Fraße hervor. Die Fraßweise und die sonstigen Gewohnheiten der Larve bieten allerlei Eigentümlichkeiten dar. Was bereits von anderen Laufkäferlarven bemerkt worden ist, gilt auch von dieser: fie zerkleinert die Blättchen der Wintersaaten nicht, um fie zu verschlucken, sondern zerkaut dieselben, um den Saft aus dem hierdurch erhaltenen Breie zu saugen; darum verwandelt sie die im Herbste noch zarten Pflänzchen vollkommen, im Frühjahre nach der Bestockung derselben wenigstens einzelne Triebe in Knäuel, welche vertrocknen und als dürre Pfröpfchen den Boden bedecken. Der Regenwurm bringt sehr ähnliche Erscheinungen hervor. Auf diese Weise verschwinden vor Winters die Saaten vollständig, nach der Überwinterung teilweise und zwar von den Feldrändern her oder im Inneren platzweise. Diese Verbreitungsweise der Beschädigungen weist auf die Geselligkeit der Larven, also auch auf das klumpenweise Ablegen der Eier hin und läßt bei gehöriger Aufmerksamkeit den Herd erkennen, von welchem aus eine Weiterverbreitung erfolgt ist. Wenn schon ein Anblick der Art, wie er eben geschildert wurde, auf die Gegenwart des Zerstörers schließen läßt, so gehört immer noch ein Kunstgriff und eine gewisse Übung dazu, seiner selbst habhaft zu werden. Er sitzt, wie bereits erwähnt, bei Tage in seiner Röhre, welche mit seinem Wachstum tiefer gearbeitet wird und, wenn auch etwas gekrümmt, doch in der Hauptrichtung senkrecht in die Erde führt. Sowie die Larve das Herannahen einer Gefahr, wie eine durch kräftige Tritte hervorgerufene Erschütterung der Erde, verspürt, ahmt sie dem Maulwurfe nach: sie läßt sich bis auf den Boden ihrer Wohnung hinabfallen. Wollte man sie jetzt ausgraben, so könnte man manchen Spatenstich thun und möglicherweise alle umsonst, da sie, an die Oberfläche gelangt, aber von loser Erde bedeckt, schnell und unbemerkt das Weite suchen würde. Um sich ihrer zu vergewissern, hat man vorsichtig gegen Abend den Eingang in die Rohre und deren Richtung zu ermitteln — die trockenen Pfröpfchen, welche jenem nicht selten aufsitzen, weisen darauf hin —, mit einem rasch die Röhre schneidenden, schräg geführten Spatenstiche die Erde auszuwerfen und wird dann meist in dem ausgeworfenen oberen Röhrenteile die hier sich aufhaltende Larve bloßgelegt, sie jedenfalls verhindert haben, in die Tiefe hinabzugleiten. Es ist noch nicht gelungen, durch künstliche Zucht
die Lebensdauer der Larve zu ermitteln. Die gefangenen Larven fressen sich gegenseitig an und auf, sobald das gebotene Getreide nicht die hinreichende Nahrung liefert. Der Umstand, daß die gleichzeitig lebenden Larven verschiedene Größe haben, und daß andere unter ähnlichen Verhältnissen vorkommende Käferlarven zu ihrer Entwickelung mehrere Jahre bedürfen, veranlaßte mich früher, auch von dieser Art eine mehrjährige Brut anzunehmen; ich bin aber neuerdings nach verschiedenseitigen Beobachtungen zu einer anderen Ansicht gelangt. Die Nachkommen der ungefähr Mitte Juni geborenen Käfer überwintern in verschiedener Größe, kommen nach der Überwinterung um die Mitte des Mai zu der Verpuppung und werden spätestens 4 Wochen nachher zu Käfern, so daß mithin nur von einjähriger Brut die Rede sein kann. Es mögen auch hier, wie dies schon von anderen Laufkäfern bemerkt wurde, nicht immer die Zeiten pünktlich innegehalten werden; denn sonst ließe sich nicht erklären, wo im ersten Frühjahre die Käfer herkommen, die ich sehr vereinzelt angetroffen habe. Es braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden, sondern erscheint selbstverständlich, daß die Verpuppung im Grunde der etwas erweiterten Röhre erfolgt.
| Wo nach den Berichten ganze Roggenfelder durch die fressenden Käfer ein schwarzes
Ansehen bekommen oder die Larven so dicht beisammen fressen, daß man mit jedem Spatenstiche 15— 30 Stück derselben zu Tage fördert, wie 1869 im Kreise Minden, da liegt es sicher im Interesse der Feldbesitzer, diesen Zerstörern möglichste Schranken zu setzen und sich ihrer zu erwehren. Nachdem das Betragen der Laufkäfer im allgemeinen geschildert, der wesentlichsten Abweichungen davon bei einzelnen Sippen gedacht und die Grundform ihres Körperbaues durch mehrere Abbildungen versinnlicht worden ist, so würde ein weiteres Eingehen auf diese Familie nur ermüden. Wer zahlreiche Arten aus der nächsten Verwandtschaft des Getreidelaufkäfers, der von allen jedoch der am stärksten gewölbte ist, bei einander zu sehen wünscht, dem können wir nur raten, sie in der Zeit vom Oktober bis zum Beginn des nächsten Frühjahres in ihrem Winterlager aufzusuchen. Hierzu sind keine besonderen Kunstgriffe und keine praktischen Erfahrungen nötig, sondern es reicht aus, einen und den anderen größeren Stein auf einem beliebigen Feldwege zu lüften und die von ihm bedeckt gewesene Bodenfläche anzuschauen. Da zeigt sich ein Bild, verschieden je nach der Ortlichkeit und nach der Jahreszeit, immer jedoch geeignet, einen Blick in das geheime Getriebe der Kerfwelt zu thun, im Winter starr und regungslos, je näher dem Frühlinge voller Leben und Angst verratender Beweglichkeit. Unter dem mancherlei Geziefer haben aber die Läufer sicherlich das Übergewicht.
Der sinnige Spaziergänger, welcher Gefallen an der schönen Natur findet und auch das Kleine und Unbedeutende bemerkt, welches sich seinen Blicken darbietet, bekommt diesen und jenen Laufkäfer zu sehen, mit den im Wasser lebenden Kerfen hat es freilich eine andere Bewandtnis. Um diese zu beobachten, muß man mehr Muße und Interesse haben als ein gewöhnlicher Spaziergänger; man muß an Tümpeln, Lachen, Gräben mit stehendem Wasser sich umhertummeln und aufmerksam ausschauen. Da gibt es allerlei wunderbare Dinge zu sehen und viel zu berichten für den, welcher sich einigermaßen kümmert um das Geschmeiß, das hier zeitweilig oder für immer lebt, um zu fressen und gefressen zu werden. Denn nimmt das Morden unter dergleichen Gesindel in der Luft und auf der weiten Erdoberfläche kein Ende, so gehört es zum fast ausschließlichen Handwerke derer, welche das Geschick in ein Wasserloch einsperrte, wo so leicht kein Entkommen ist und der Schwächere dem Stärkeren immer unterliegen muß. Könnten wir durch die Berichte, die sich auf die Schwimmkäfer beziehen, unsere Leser für einen nur kleinen Teil jener Wasserbewohner
interessieren und sie veranlassen, selbst hinzugehen und zu sehen, so würden wir unseren Zweck erreicht haben, und sie wären reichlich belohnt; denn sie würden mehr sehen, als wir ihnen hier erzählen können.
Die Schwimmkäfer, Tauchkäfer Dyticidae und Hydrocanthari), um welche es sich zunächst handelt, sind für das Wasserleben umgeschaffene Laufkäfer. Da aber dieses weniger Abwechselung bietet als das Leben in der freien Luft, so finden wir hier auch bei weitem nicht den Formenreichtum wie dort. Mundteile und Fühler der Schwimmkäfer unterscheiden sich nicht von denen der Läufer, namentlich ist die äußere Lade der Unterkiefer in die charakteristische Tasterform übergegangen, der Körper jedoch verbreitert und verflacht, in seinen drei Hauptteilen geschlossen,nach oben und unten so ziemlich gleichmäßig gewölbt und in den Umrissen ein regelmäßiges Oval darstellend. In gleicher Weise werden die Beine, vorzugsweise die hintersten, breit und bewimpern sich zur Nachhilfe stark mit Borsten, denn sie dienen als Ruder, ihre Hüften sind meist groß, quer, reichen fast bis zum Seitenrande des Körpers und verwachsen mit dem Hinterbrustbeine vollständig. Bisweilen verkümmert das vierte Fußglied der Vorderbeine, während beim Männchen die drei ersten desselben Paares, manchmal auch des folgenden in zum Teil eigentümlicher Weise sich erweitern, und auch die Verwachsung der drei vordersten von den sieben Bauchringen findet hier wie bei den Gliedern der beiden voraufgehenden Familien statt. Neben der Fähigkeit zum Schwimmen fehlt den Dytieiden keineswegs die zum Fliegen. Da sie fast ausschließlich in stehenden Wässern leben, deren manche im Sommer austrocknen, so würden sie einem sicheren Tode entgegengehen, wenn nicht die Flugfertigkeit vorgesehen wäre. Am Tage bei Sonnenschein oder in der Dämmerung verlassen sie ihr Element von einer Wasserpflanze aus, an der in die Höhe gekrochen wurde, und daher ist es zu erklären, daß man in Regenfässern, in Röhrtrögen und in ähnlichen Wasserbehältern manchmal gerade die größeren Arten zu sehen bekommt, daß sie des Morgens, weit entfernt von ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, auf dem Rücken hilflos daliegend, auf den Glasfenstern von Treibhäusern und Warmbeeten gefunden worden sind, die sie entschieden für eine glänzende Wasserfläche gehalten haben mußten. Sehr viele benutzen ihr Flugvermögen, um unter Moos in den Wäldern ihr Winterquartier zu suchen, wo ich sie schon neben Laufkäfern, Kurzflüglern und anderen in der Erstarrung angetroffen habe. Da sie nicht durch Kiemen atmen, so bedürfen sie der Luft oberhalb des Wassers, kommen dann und wann aus der Tiefe hervor und hängen gleichsam mit ihrer Hinterleibsspitze, wo das letzte Luftröhrenpaar mündet, an dem Wasserspiegel, um frische Luft auf- und am filzig behaarten Bauche mit in die Tiefe hinabzunehmen. Warmer Sonnenschein lockt sie besonders an die Oberfläche und belebt ihre Thätigteit, während sie sich an trüben Tagen im Schlamme verkriechen oder verborgen unter Wasserpflanzen sitzen; denn fehlen diese einem Wassertümpel, so fehlen auch sie. Die überwiegende Anzahl von ihnen, mit sehr großen und nach vorn erweiterten Hüften, schwimmen unter gleichzeitiger Bewegung der Hinterbeine, also nach den Regeln dieser edlen Kunst, einige kleinere Arten, mit schmalen Hinterhüften, unter abwechselnder Bewegung der Hinterbeine; diese sind die Wassertreter. In Bezug auf die Larven müssen wir wieder unsere große Unwissenheit bekennen; von den paar beschriebenen läßt sich nur anführen, daß sie mit sechs schlanken, bewimperten und zweiklauigen Beinen ausgerüstet sind, aus elf Leibesgliedern bestehen, welche auf dem Rücken von Chitinschildern bedeckt werden; nur das letzte röhrenförmige ist durchaus hart und läuft in zwei ungegliederte, aber eingelenkte und gefiederte Anhängsel aus, welche mit dem letzten Luftlochpaare in Verbindung stehen und früher (S. 16) als Tracheenkiemen bezeichnet worden sind. Der wagerecht vorgestreckte platte Kopf zeichnet sich durch
einfache, sichelförmige Kinnbacken, freie Kinnladen mit eingliederigen Tastern, ein kurzes, fleischiges Kinn mit zweigliederigen Tastern und keine Spur einer Zunge, durch den Mangel der Oberlippe, durch viergliederige Fühler und jederseits durch eine Gruppe von sechs, in zwei Senkstrichen stehenden Punktaugen aus. Die Kinnbacken dienen diesen Larven nicht nur zum Festhalten und Verwunden ihrer Beute, wie den Laufkäferlarven, sondern in Ermangelung einer Mundöffnung gleichzeitig als solche. Sie sind nämlich hohl, vor der Spitze in einer Spalte offen und bilden ein Saugwerk, mit welchem die flüssige Nahrung aufgenommen wird. Wegen der Übereinstimmung hinsichtlich der Freßwerkzeuge bei dieser mit den beiden vorangehenden Familien sind alle drei von früheren Systematikern als Fleischfresser (Adephagi) zu einer Gruppe zusammengestellt worden.
Die etwa 600 bekannten Schwimmkäfer breiten sich über die ganze Erde aus, vorwiegend jedoch in der gemäßigten Zone, und stimmen wie in der Gestalt auch in der meist eintönigen Färbung überein, so zwar, daß hier in keinerlei Weise die Bewohner heißerer Erdstriche eine Auszeichnung vor unseren heimischen aufzuweisen haben. Schwarz, braun, bei den größten wohl auch olivengrün mit oder ohne schmutziggelber Zeichnung, welche vorherrschend einige Ränder trifft, sind die einzigen Farben, welche den Schwimmkäfern zukommen. Gegen den Herbst findet man sie am zahlreichsten und, wie es scheint, alle als Neugeborene und zur Überwinterung bestimmt.
Der gesäumte Fadenschwimmkäfer (Dyticus marginalis) in unserer umstehenden Abbildung (Fig. 1 und 2) gehört zu den größten der ganzen Familie, hängt jetzt mit der äußersten Spitze seines Hinterleibes an der Oberfläche des Wassers, fährt im nächsten Augenblicke hinab und wühlt sich in den Schlamm des Grundes, oder versteckt sich in das Gewirr der dort wurzelnden Pflanzen, kommt wieder hervor, eine kleine Larve oder einen anderen Mitbewohner des schmutzigen Tümpels so lange verfolgend, bis er den leckeren Bissen triumphierend zwischen seinen scharfen Freßzangen festhält. Der Bau des Körpers und der gleichmäßig rudernden Hinterbeine verleihen ihm die ausreichende Gewandtheit. Die Mittel- und Vorderbeine find zum Klettern und Festhalten eingerichtet, in beiden Geschlechtern aber verschieden gebaut. Während die fünf seitlich etwas zusammengedrückten Fußglieder beim Weibchen untereinander ziemlich gleich sind, höchstens das Klauenglied durch seine Länge sich mehr auszeichnet, erweitern sich die drei ersten der männlichen Mittel-füße und sind, wie bei vielen Laufkäfern, an der Sohle mit einer Bürste kurzer Borsten dicht besetzt. An den Vorderbeinen bilden dieselben zusammen eine kreisrunde Scheibe, welche auf der Sohle außer der Bürste noch zwei Näpfchen trägt. Eine einfache und doch wunderbare Einrichtung. Wenn das Tier seine Vorderfüße platt aufdrückt auf einen Körper, z. B. ein im Wasser liegendes Aas, die polierte Oberfläche seines Weibchens, so kommt die Innenseite jener Näpfchen mit zur Berührung, dann aber zieht ein mitten durch gehender Muskel die Innenwand zurück und es bildet sich ein luftleerer Raum innerhalb dieses kleinen Schröpfkopfes, die Beine haften auf diese Weise fester, als es unter Aufwand von vielleicht zehnmal mehr Muskelkraft möglich wäre.