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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Die Larve unterscheidet sich in ihrem Baue in nichts von den bekannten Carabus- Larven, weil man sie aber in der Regel wohlgenährt antrifft, so stellt sie sich weniger walzenförmig als von der dicken Mitte nach beiden Enden hin verschmälert dar; auch scheinen die Chitinschilder den Rücken nicht vollständig zu decken, denn sie lassen die angespannten, lichten Verbindungshäute zwischen sich erkennen, wogegen bei einer mageren Larve jene

sich vollkommen aneinander schließen. Die Dornen am letzten Leibesgliede sind hakig nach oben umgebogen und an ihrer Wurzel mit einem Zahne bewehrt. Gleich dem Käfer klettert auch die Larve gewandt und in gleicher Absicht, saugt aber ihre Beute aus. In den Nestern der Prozessionsraupen richtet sie manchmal arge Verwüstungen an, und sind ihrer mehrere in einem solchen vorhanden, so ist diejenige, welche am lüsternsten war und sich fast bis zur Unbeweglichkeit voll fraß, nicht sicher, die Beute einer ihrer noch beweglicheren Schwestern zu werden. Wenn sie zur Verpuppung reif ist, gräbt sie sich flach unter der Erde ein Lager, in welchem sie nur wenige Wochen Puppenruhe hält.

Der kleine Kletter-Laufkäfer (Calosoma inquisitor) kommt nur in Laubwäldern des nördlichen und mittleren Europa vor und besucht nicht alte Bäume, wie der Puppenräuber, sondern Stangenholz von Eichen, Buchen und Hainbuchen, also solche Stämme, welche sich durch einen Stoß mit dem Ballen der Hand noch erschüttern lassen. Ich habe ihn von Eichenstangen im Frühlinge besonders dann zahlreich herabgeklopft, wenn jene von vielen Spannraupen bewohnt waren. Es gewährte immer ein ergötzliches Schauspiel, wenn beim Anprällen an einen solchen Stamm drei und mehr Kletterlaufkäfer auf das dürre Laub fielen, sich mit knisterndem Geräusche auf das schleunigste unter dasselbe verkrochen und gleichzeitig von allen Asten Raupen wie Erhängte an ihren Fäden baumelten. Ist die Gefahr vorüber, so bäumen die Kletterer wieder auf, mögen indes manchmal auf ihrem Marsche am Boden durch einen fetten Bissen für das erlittene Un: gemach reichlich entschädigt werden. Der kleine Kletterlaufkäfer ist 20 (15) mm lang, auf den gerieften Flügeldecken wie der vorige mit je drei Reihen tieferer Punkteindrücke versehen und von Farbe oben bronzebraun mit einem Stich in grün, seltener in blau, unter: wärts und an den Außenrändern der Flügeldecken lebhafter metallisch grün.

Wenn bei allen bisher besprochenen Laufkäfern die Vorderschiene ohne weitere Auszeichnung bis nach der Spitze verläuft, so hat sie bei den nachfolgenden an der Innenseite einen stärkeren oder schwächeren Ausschnitt, hinter welchem der eine der beiden Enddornen steht. Das Heer der in eben bezeichneter Weise Gekennzeichneten ist gegen jene bedeutend überwiegend, und ihm gehören alle die mittelgroßen schwarzen, grünen oder bronzebraunen Laufkäfer an, welche, obschon Nachtschwärmer, wegen ihrer großen Menge auf den Wegen auch bei Tage angetroffen werden, die einen geschäftig umherlaufend, um ein passendes Versteck zu finden, die anderen von den Füßen der ihrer nicht achtenden Wanderer zertreten. Nur auf wenige Arten aufmerksam zu machen, sei noch vergönnt.

Ein eiförmiger, hinten wenig verengerter Kopf, kräftige, fadenförmige Fühler, ein herzförmiges, an seiner hinteren Partie gleichläufiges Halsschild, hinten breit abgestutzte Flügeldecken, deren Außenecke sich jedoch rundet, und ein untersetzter, wenig niedergedrückter Körper mit acht sichtbaren Hinterleibsringen beim Männchen, sieben beim anderen Geschlecht vereinigt eine große Anzahl sehr ähnlich aussehender Laufkäfer, die auch in ihren Sitten mehr: fach Übereinftimmendes haben. Vor allem leben sie gesellig unter Steinen oder zwischen Baumwurzeln und besitzen vorherrschend das Vermögen, zu ihrer Verteidigung einen übelriechenden Dunst mit Geräusch aus der Hinterleibsspitze zu entlassen, weshalb man ihnen den deutschen Namen Bombardierkäfer (Brachinus) beigelegt hat. Recht deutlich kann man dieses Schießen beobachten und das damit verbundene eigentümliche Geräusch vernehmen, wenn man einen solchen Käfer nach Sitte der Sammler in ein Fläschchen mit Weingeist wirft. Ein ziemlich lautes Zischen erfolgt einige Male hintereinander,bis der zum Tode Verurteilte sein Pulver verschossen hat und ermattet die Waffen streckt. Diese interessanten Käfer kommen in allen Ländern, mit Ausnahme von Australien, vor, in den wärmeren Gegenden zahlreicher an Arten als weiter nach Norden hin, und zwar nehmen sie

in dieser Richtung so schnell ab, daß, während z. B. in Frankreich noch elf Arten leben, deren nur vier in Deutschland und sogar nur eine — sehr selten — in Schweden angetroffen wird. Überdies sind sie teilweise schwer zu unterscheiden, weil nur die Färbung einzelner Teile und deren gegenseitige Formenverschiedenheiten bei der Erkennung in Betracht kommen. Die großen, bis etwa 17,5 mm langen Arten haben auf schwarzem Untergrunde meist zierliche gelbe Zeichnungen; unsere heimischen sind mit entwickelten Flügeln versehen, welche vielen Südeuropäern und Nordafrikanern fehlen, schwarz und ziegelrot, an den Flügeldecken einfarbig, meist blauschimmernd, und erreichen nur geringe Größe. Zu den stattlichsten gehört der bis 8 mm messende Brachinus crepitans, an Kopf samt den Fühlern, Halsschild und Beinen ziegelrot, die seicht gerieften, in keiner Weise punktierten Flügeldecken dunkelblau, der Reit der Unterseite schwarz; bei genauerer An: sicht erscheint das dritte und vierte Fühlerglied etwas gebräunt und ein sehr kurzes Haarkleid am ganzen Körper einschließlich der Flügeldecken. Diese Art ist über ganz Mitteleuropa verbreitet,. — in den südlichen Ländern entschieden häufiger | + ME und größer als in den nördlichen. Bedeutende ““ — KL

Schwankungen in den Größenverhältnissen kom⸗ Bom bardierkäfer (Brachinus erepitans). Natürliche ts 2 Größe und vergrößert. men bei vielen Arten vor und lassen bei der bisher noch unbekannt gebliebenen Entwickelungsgeschichte nur schließen, daß die Ernährung der Larve unbeschadet der weiteren Ausbildung eine sehr ungleichmäßige sein könne. Schließlich sei noch bemerkt, daß sich auf dem Körper oder an den Gliedmaßen der Bombardierkäfer häufig Pilze entwickeln, welche dieselben seit 1850, wo Rouget zuerst die Aufmerksamkeit auf diesen Umstand lenkte, zu einer gesuchten Ware für die pilzbeflissenen Botaniker werden ließen. Entschieden die abenteuerlichste Form aller Laufkäfer begegnet uns in dem Gespenst—

Laufkäfer (Mormolyce phyllodes) aus Java, wo er sehr hoch in die Gebirge hinaufgeht. Die beistehende Figur, nach einem kleinen Käfer entworfen, da derselbe eine Länge von 78 mm erreichen kann, läßt die wunderbaren Verzerrungen der einzelnen Teile und die blattartige Erweiterung der Flügeldecken zur Genüge erkennen, um weiterer Auseinandersetzung zu bedürfen. Allen diesen Ausschreitungen eine Bedeutung beilegen und sie erklären zu wollen, wäre hier, wie in vielen ähn⸗ a *

lichen Fällen, ein undankbares Geschäft; Gespenst⸗Laufkäfer (Mormolyce phyllodes). fie bringen durch ihren Einfluß auf die Sehr kleines Exemplar. Körpergestalt den Käfer in einen schroffen Gegensatz zu dem langhalsigen Sandkäfer aus dem seiner Heimat benachbarten Festlande. Fühler und Beine sind schwarz, das übrige glänzend pechbraun, nur die dünnen, durchscheinenden Ränder, wie sich erwarten läßt, etwas lichter. Die Larve gleicht in der gestreckten Form denen unserer Caraben, hat aber einen runden Kopf, seitlich gerundete Körperglieder, von denen nur das erste vollkommen, die folgenden von je zwei viereckigen, kleinen Chitinplatten unvollständig bedeckt werden; zwei griffelartige Fäden, keine

Geſpenſt⸗Laufkäfer (Mormolyce phyllodes). Sehr kleines Exemplar.

Hornspitzen, bilden die Anhängsel am letzten Gliede. Diese Larve lebt in einer Art von Baumschwämmen, welche die Japanesen „Gammur“ nennen, und ernährt sich ohne Zweifel von anderen Mitbewohnern dieser Schwämme.

Einen wesentlich anderen Formenkreis und der Eigentümlichkeiten mancherlei Art entfalten die Fingerkäfer (Scarites). Der kurze Zapfen, eine Erweiterung des Mittelbrustringes nach vorn, um den beinahe halbmondförmigen Vorderbrustring aufzunehmen, deutet auf außergewöhnliche Beweglichkeit dieses letzteren; die breiten, nach außen scharf gezahnten Vorderschienen lassen auf Grabfertigkeit schließen, zeichnen sich überdies an der Unterseite ihrer Spitze durch eine tiefe Auskehlung und zwei beweglich eingelenkte Enddornen aus. Am großen, quadratischen Kopfe erlangen die drohenden Kinnbacken bei weitem das Übergewicht; die dreilappige Oberlippe und die Fühler find kurz, letztere perlschnurförmig und im Grundgliede so lang, daß man sie fast für gebrochene Fühler erklären könnte. Die ungefähr 100 Arten, alle ungezeichnet und schwarz von Farbe, die meisten von bedeutenderer Körpergröße, bewohnen nur wärmere Gegenden aller Erdteile. Sie graben sich an Flußufern, am Gestade des Meeres, oder wo sonst das Graben möglich, Röhren, die sie bei Tage nicht gern verlassen, sondern auf Beute lauernd durch ihren Körper am Eingange verschließen. Nach Sonnenuntergang kommen sie vorsichtig aus denselben hervor, huschen aber eiligst wieder hinein, wenn sie Gefahr argwöhnen, und zeigen in diesem Betragen Ahnlichkeit mit unserer Feldgrille. Die weiter vorgerückte Dunkelheit erhöht ihren Mut und läßt sie ungezwungener ihre Raubzüge verfolgen. Lacordaire traf in Amerika einige Arten in den Wäldern unter Steinen oder in faulenden Baumstümpfen, bei 1 f Buenos Aires eine Art (Scarites anthracinus) nur unter trockenem

Riesen⸗Fingerkäfer Aase. Der Riesen-Fingerkäfer (Scarites gigas) zeichnet sich ee durch glänzende, stumpf eiförmige Flügeldecken ohne jegliche Strei: fung oder Punktierung und durch einen kurzen Zahn am Seitenrande des Halsschildes aus, dessen Vorderecken außerdem etwas vorspringen, und dessen Vorderrand bis zu einer eingedrückten Querlinie mit feinen Kerbstrichen versehen ist. Dieser Fingerkäfer bewohnt die Küsten des Mittelmeeres und ist schwer zu erhaschen; es sei dies nur möglich, wie mir ein Freund versicherte, welcher mir mehrere Stücke aus Spanien mitbrachte, wenn es gelungen wäre, durch einen Stock oder ein anderes Werkzeug den Eingang zu feiner Höhle früher zu versperren, als er fie bei seinen abendlichen Streifzügen wieder erreicht hatte. Seine blinde Larve lebt, abweichend von denen der meisten anderen Arten, tief im Sande, ist träger Natur und sucht ihre Nahrung nicht an der Oberfläche. Heer lernte auf Madeira die Larve des Scarites abbreviatus kennen und berichtet, daß sie sich durch den augenlosen großen Kopf vor anderen Laufkäferlarven auszeichne; die Beine seien ziemlich kurz, die Hüften verhältnismäßig lang und abstehend, Schenkelringe und die zusammengedrückten Schenkel auf der Innenseite mit einer Doppelreihe kurzer Dornen sowie das schmale Endglied des Körpers mit zwei zweigliederigen Anhängen versehen. Die in Deutschland grabenden Laufkäfer erscheinen gegen die Fingerkäfer wie Zwerge und gehören hauptsächlich der Gattung Dyschirius an.

Wir haben Flieger, Kletterer und Gräber unter den fleischfressenden Läufern kennen gelernt. Durch einige Pflanzenfresser kommt noch weitere Abwechselung in die Lebensweise der Familienglieder. Die dicken und plumpen Arten der Gattung Zabrus. Ein stark gewölbtes, quer rechteckiges Halsschild und sein enger Anschluß an die gleichfalls

stark gewölbten und vorn gleich breiten Flügeldecken bringen die gedrungene, weniger zierliche Körperform hervor, durch welche sich die Gattung Zabrus kenntlich macht. Beim Männchen sind die drei ersten Vorderfußglieder durch starke Erweiterung herzförmig und die Flügeldecken in der Regel glänzender als beim Weibchen. Die bekannten Arten, 61 an Zahl, bewohnen vorherrschend die Mittelmeerländer mit Einschluß der Azoren, einige wenige das mittlere Europa, und nur eine Art erstreckt sich von Portugal bis nach Preußen und von Cypern bis nach Schweden, hat mithin die örtlich weiteste Verbreitung.

Diese eine Art ist der Getreide-Laufkäfer (Zabrus gibbus), der durch sein massenhaftes Auftreten in einzelnen Gegenden eine gewisse Berühmtheit, aber keineswegs im guten Sinne, erhalten hat. Es war im Jahre 1812, als im Mansfelder Seekreise der Provinz Sachsen die Larve an den Wintersaaten und später an der jungen Gerste bedeutenden Schaden anrichtete, und zwar so unerwartet, so vereinzelt und so vollständig der Natur der übrigen Laufkäfer widersprechend, daß die Gelehrten die von Germar bekannt gegebene Thatsache, als auf irgend welchem Irrtume beruhend, in Zweifel zu ziehen begannen. Seit den dreißiger Jahren hat sich das unliebsame Erscheinen des Getreide-Laufkäfers öfter wiederholt in den verschiedensten Teilen der Provinz Sachsen, am Rhein, in der heutigen Provinz Hannover, in Böhmen und anderwärts. Je öfter und je allseitiger die Aufmerksamkeit auf diesen Getreidefeind gelenkt worden ist, desto bestimmter hat man sich von der Schädlichkeit nicht nur der Larven, sondern auch des Käfers selbst, wenn beide in größeren 5. Mengen auftreten, überzeugt. Letzterer ist seiner Gestalt e Ba und Größe nach aus unjerer Abbildung, jeinen übrigen Merkmalen nach aus den bereits angegebenen Gattungscharakteren gekennzeichnet; ergänzend sei nur noch hinzugefügt, daß er oben schwarz oder schwarzbraun, an der platten Unterseite und an den Beinen heller, pechbraun gefärbt, das Halsschild am Grunde dicht und fein punktiert und an den Hinterecken rechtwinkelig ist, daß die Flügeldecken tief gestreift und in den Streifen punktiert und die Flügel vollkommen entwickelt sind, welch Letzteres nicht von allen Arten gilt. Der Getreide-Laufkäfer bewohnt zu der Zeit, in welcher die Roggen⸗, Weizen- und Gerstenkörner noch im Milchsafte stehen, die betreffenden Felder oder deren Nachbarschaft und war in der Sommerzeit seiner Puppe entschlüpft. Wie die meisten seiner Verwandten kommt er am Tage wenig zum Vorschein, sondern ruht unter Steinen, unter Erdschollen und in ähnlichen Verstecken. Sobald die Sonne am abendlichen Himmel verschwunden ist (von 8 Uhr an), verläßt er seinen Hinterhalt, klettert an einem Halme der genannten Getreidearten bis zu der Ahre in die Höhe, und findet er die Körner noch weich, so setzt er sich fest, schiebt mit den Vorderbeinen die Spelzen beiseite und benagt von obenher das Korn. Bei dieser Beschäftigung entwickelt er einen so großen Eifer, daß weder ein Luftzug, noch sonst eine unerwartete Erschütterung ihn von seinem Weideplatze herabzuwerfen vermag. Man findet meist die Ahren von unten nach oben befressen und zerzaust, in dieser mehr, in einer anderen weniger Körner benagt. H. Breiter berichtet (1869) über ein Roggenfeld in der Grafschaft Bentheim, das zur Fraßzeit von abends 8s bis morgens 7 Uhr von obenher schwarz ausgesehen habe, indem auch nicht eine Ahre frei von diesem Fresser gewesen sei. An dergleichen Orten finden sich nun auch die Geschlechter zusammen und paaren sich. Das befruchtete Weibchen legt alsbald seine Eier haufenweise, ohne Zweifel flach unter die Erde an Gräser, welche auf den Ackern und auf den Feldrainen wachsen. Denn daß gemeine Gräser diesem Kerf zur Nahrung

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