Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Flügeldecken (Chlorophanus viridis), sein Männchen auf dem Rücken, marschiert eben etwas höher hinauf, weil es da unten zu feucht ward. Sie alle saßen und fraßen und kosten hier, ehe die Flut kam, und werden das Geschäft fortsetzen, wenn jene sich verlaufen hat; sie wohnen hier, ziehen allenfalls ein Stockwerk höher, wenn es not thut, und halten gute Nachbarschaft mit noch manchen anderen, grünen oder blauen, hüpfenden oder nur kriechenden Blattkäferlein. Unser Bild „Die Käfer in Wassersnot“ soll einen schwachen Begriff von einem Akte dieses Dramas geben, welchem sich noch andere vor unseren Blicken abspielen, wenn wir nur die rechte Stelle gefunden haben, wie etwa eine freie Wasserfläche, welche die kahlen, noch hervorragenden Ränder einer kleinen Bucht bespült. Hier ist die Hilflosigkeit entschieden noch größer und an ein Flüchten auf das Trockene, und wäre es nur für wenige Augenblicke, nicht zu denken. Das Wasser treibt Blätter, Schilf, Holz, Baumrinde und anderes in größeren oder kleineren Bruchstücken in Menge an, Korkpfropfen, Pflanzensamen ꝛc., alle reich belebt von unfreiwilligen Schwimmern. Da kommt auf einem Schilfstückchen ein kleiner Mistbewohner (Aphodius) angesegelt, der gewiß schon eine tüchtige Wasserreise auf diesem gebrechlichen Fahrzeuge zurückgelegt hat; 25 läßt sich
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.
eine Landassel, ein Tausendfuß, die beide den Kerfen nicht angehören, herbeiflößen oder in den ruhigeren Hafen treiben. Ruhe herrscht in demselben, aber die Ruhe der Verzweiflung. Die angetriebenen Stückchen schwanken auf und nieder, stoßen und drängen einander, das eine sinkt, um seinem eben auftauchenden Nachbar den Platz einzuräumen. Alles kocht und wallt durcheinander, ohne Feuer, ohne Geräusch. Zwischen dem allen nur lebende Landbewohner, denen es nicht möglich, an dem Ufer emporzukommen oder auch nur auf der Oberfläche des Wassers sich auf einige Augenblicke zu erhalten. Man denke sich an die Stelle dieser Bedrängten, und man wird die Traurigkeit ihrer Lage in voller Größe begreifen. Ihre Lebenszähigkeit ist jedoch größer, als man glauben sollte: sie bieten den Naturkräften, welche Häuser umwerfen und Steinblöcke fortwälzen können, Trotz und — sie sind gerettet. Hier strandet eine Schicht Röhricht, gehoben von sanfter Welle, dort bleibt sie im Trockenen zurück, sobald das Wasser zurückweicht, was in der Regel bald geschieht, und es wiederholt sich für die Streifen des angeschwemmten Röhrichts das, was schon oben erzählt wurde, nur mit dem Unterschiede, daß das Krabbeln und Kribbeln und Durcheinanderrennen des Insektenheeres sofort beginnt, wenn die haftende Kraft des Wassers aufgehört hat. Wenn man aber zu diesem Zeitpunkte die Schar der Geretteten mustert, muß man sich wundern, eine große Menge solcher anzutreffen, welche unter Mittag im Sonnenschein oder des Abends vom Geruche ihrer Nahrung angelockt oder sonst zum Vergnügen lustig umherfliegen. Hatte sie die Flut überrascht? Mochten sie keinen Gebrauch von ihrer Flugfertigkeit machen, weil es eine ungewöhnliche Zeit, eine außergewöhnliche Veranlassung war? Auch bei anderen Gelegenheiten, z. B. wenn sie in die vom Forstmann angelegten Fanggräben geraten sind, befreien sie sich nicht durch Wegfliegen, sie sind eben vorherrschend und mit Vorliebe Fußgänger.
Damals, als größere Wassermassen unsere Erde bedeckten und ganz andere Umwälzungen auf ihr vorgingen, als eine heutige Überschwemmung erzeugen kann, ging, wie zur Jetztzeit, mancher Käfer zu Grunde, der nach und nach, aber in fossiler Form, den Forschern wieder zu Gesicht gekommen ist. Man kennt jetzt über 1000 Arten; sie beginnen im Steinkohlengebirge, mehren sich aber im Tertiär und im Bernsteine.
Was die Einteilung der Käfer betrifft, so hat sich seit Linné eine nicht unbedeutende Anzahl der tüchtigsten Entomologen bemüht, eine möglichst natürliche Anordnung berzu-stellen; denn es läßt sich nicht leugnen, daß keine andere Insektenordnung von jo zahl: reichen Männern der Wissenschaft bearbeitet worden ist, wie gerade die Käfer. Ein Fabricius, Latreille, Westwood, Burmeister, Erichson, Le Conte und wie alle die Neueren heißen mögen, haben sich hohe Verdienste um die Erkenntnis und Klassifikation der Käfer erworben. Da es sich jedoch hier um das Tierleben handelt und nicht um die Systematik, der Raum außerdem eine Vollständigkeit nicht gestattet, so führen wir die paar näher zu besprechenden Arten unter den Familien und in der Reihenfolge auf, welche Lacordaire annimmt. Derselbe hat uns in feinen „Genera des Coleoptères“ ein unsterbliches Werk hinterlassen, das seit dem Jahre 1854 die volle Thätigkeit seines Verfassers in Anspruch genommen hat, nach seinem Tode von M. F. Chapuis fortgesetzt und 1876 mit dem 12. Bande abgeschlossen worden ist; es charakterisiert keine Art, sondern nur die Gattungen und Familien.
Der Feld⸗Sandkäfer (Cicindela campestris) ist ein mittelgroßer grüner Käfer von außerordentlicher Behendigkeit, welcher sich während der Sommerzeit auf sonnigen
Feldwegen vorherrschend sandiger Gegenden umhertreibt. Nie läßt er jedoch den Beobachter nahe genug herankommen, daß er eine genauere Kenntnis von ihm erlangen könnte, denn scheu fliegt er auf, dabei einen blauen Schimmer verbreitend (weil der jetzt entblößte Hinterleib diese Farbe trägt), läßt sich aber in einiger Entfernung wieder nieder, und zwar stets mit gegen die Flugrichtung halb gewendetem Körper. Behält man die Stelle im Auge, auf welche er sich setzte, in der Hoffnung, ihn doch noch zu überraschen, so fliegen, wenn die Gegend einigermaßen reich an ihnen ist, inzwischen rechts und links zwei, drei andere auf, und ehe man behutsamen Schrittes jenem Punkte naht, wo man den ersten mit Sicherheit erwartet, husch! ist er wieder auf und davon, und so treibt er das neckische Spiel fort, bis er ermüdet ist, und dann in mehr hüpfendem Laufe seine Flucht fortsetzt. Man sieht eine Menge dieser Tiere um sich und vor sich, fängt aber trotzdem an einem sonnigen Tage so leicht nicht ein einziges, wenn man nicht ganz besondere Kunstgriffe anwendet. Es gelang mir bei dergleichen Jagden öfters, einen Käfer, der durch wiederholtes Auffliegen ermüdet war, durch das plötzlich auf ihn gewor-fene Taschentuch in meine Gewalt zu bekommen. Noch gibt er sich nicht gefangen. Ein unvorsichtiges Lüften des Tuches an einer Stelle, wo nicht gleichzeitig die Finger zufassen — und er ist wieder auf und davon. u 00 % Wie aber gebärdet er sich, 35 z ih N
wenn jene ihn glücklich er: Läufer (Cieindela hybrida) nebst Larve und Puppe in schwacher Vergrößerung. wischt haben! Mit seinen fichelförmigen Kinnbacken beißt er wütend um sich, strampelt mit den schlanken Beinen und bietet alle seine schwachen Kräfte auf, um die gewohnte Freiheit wiederzuerlangen. Jene sind vorn sehr spitz, an der Innenseite gleichfalls mit noch drei langen, spitzen Zähnen bewehrt und so lang, daß sie beim Schlusse weit übereinander greifen. Sie verleihen dem Gesichte einen wilden Ausdruck und verraten die Raubtiernatur; dazu die stark vorquellenden Augen, die große Beweglichkeit aller Teile, namentlich auch der elfgliederigen Fadenfühler, welche über der Kinnbackenwurzel eingelenkt sind, stimmen zu der vorher geschilderten Wildheit. Der Körper ist grasgrün, die Fühlerwurzel und die merklich behaarten Beine schimmern kupferrötlich, fünf kleine Fleckchen am Außenrande jeder Decke, ein größerer hinter der Mitte auf der Scheibe, sowie das große, nicht gekielte Kopfschild sind weiß, letzteres wenigstens an seiner Spitze. In der Grundfarbe, welche mitunter in blau übergeht, und in der Zeichnung der Flügeldecken kommen manche Abänderungen vor. Der Feld⸗Sandkäfer hält sich an trüben Tagen zwischen Gras und Getreide verborgen und zeigt geringere Beweglichkeit.
Ganz in derselben Weise treibt es der oben abgebildete Läufer (OCicindela hybrida). An der abenteuerlichen Larve fallen das blasig aufgetriebene Untergesicht und zwei nach vorn gerichtete Dornen auf dem Rücken des achten Ringes sofort in die Augen. Der hornige Kopf trägt jederseits vier Augen, zwei größere auf der oberen, zwei an der unteren Seite,
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viergliederige Fühler und die Freßwerkzeuge, ähnlich denen des Käfers. Die drei vordersten Leibesglieder sind auf dem Rücken mit je einer Chitinplatte, an der Brust mit je einem Paare zweikralliger Beine versehen. Die Larve gräbt sich eine senkrechte, federkieldicke, bis 47 cm tiefe Röhre, an deren Eingange sie auf Insekten, kleine Laufkäfer, Ameisen und andere Larven lauert. Hat sie eins erwischt, so zieht sie sich mit ihm in den Grund ihres Baues zurück, zerbeißt es und saugt den Saft aus. Die Überreste werden herausgetragen, wobei der ausgehöhlte Scheitel sowie die Rückenhaken beim Auf- und Absteigen in der Röhre zu statten kommen. Es läßt sich wohl erwarten, daß nicht immer die gehörige, zur Stillung des Hungers nötige Menge von unglücklichen Opfern an der Gefahr bringenden Stelle vorbei kommt, und darum verläßt die Larve in nächtlicher Weile ihren Hinterhalt, um auf Jagd auszugehen. Ob sie im Laufe eines Jahres ihre Entwickelung vollende, weiß ich nicht, möchte es aber bezweifeln, da in der ersten Hälfte des August die Verpuppung beobachtet worden ist und sich nicht annehmen läßt, daß von frühestens Ende Mai, zu welcher Zeit der Käfer erscheint, die Entwickelung jo weit vorgeschritten sein sollte. Bevor fie sich verwandelt, erweitert sie den Grund ihrer Röhre, schließt dieselbe am Eingange und wird zu einer Puppe, welche durch die dornenartigen Auswüchse zu beiden Seiten des Rückens auffällt, die auf dem fünften Hinterleibsgliede besonders stark hervortreten und wahrscheinlich das Ausschlüpfen des Käfers unterstützen. Nach den gemachten Beobachtungen scheint die Puppe nur 14 Tage zu ruhen. Außer den beiden genannten Arten breiten sich noch wenig ander über Deutschland, mehr als 400 Arten über alle Gegenden der Erde aus, mit besonderer Vorliebe für trockene, sandige Gegenden, im Binnen: lande und am Meere, in der Ebene und in den Gebirgen; den heißen 8 \ Erdstrichen geben sie jedoch den Vorzug. Abgesehen von einigen, fait Langhalsiger Sandkäfer durchaus elfenbeinweiß gefärbten Arten charakterisieren die meisten e 1 weiße Zeichnungen auf dunklerem, z. B. bronzefarbenem Grunde der . Flügeldecken, Zeichnungen, welche in einem Mondflecken an Schulter und Spitze sowie in einer geknickten Binde durch die Mitte in den verschiedenartigsten Abänderungen zu bestehen pflegen. In der Lebensweise, in der Körpergestalt, in einer durchschnittlichen Größe von 12— 15 mm stimmen sie überein, und folgende Merkmale verbinden alle zu einer Gattung. Von den beim Männchen aus sieben, beim Weibchen aus sechs Ringen bestehenden Hinterleibe sind die drei ersten miteinander verwachsen. Die schlanken, fünfzehigen Laufbeine entspringen aus runden, nur die hintersten aus breiten, an der Innenseite der Schenkel weit herabgehenden Hüften und enthalten in den Vorderfüßen einen weiteren Geschlechtsunterschied, indem sich bei dem Männchen die drei ersten Glieder merklich erweitern. Die äußere Lade des Unterkiefers bildet einen zweigliederigen Taster, und die Spitze der inneren trägt einen beweglichen Zahn (Fig. 6, S. 8). Diesen beweglichen Zahn, und wo er ausnahmsweise fehlt, die den Sandkäfern eigne Körpertracht haben noch etwa 400 andere, auf verschiedene Gattungen verteilte Arten miteinander gemein, welche man daher neuerdings zu der Familie der Sandkäfer (Cieindelidae) vereinigt und von den Laufkäfern abgezweigt hat.
Der langhalsige Sandkäfer (Collyris longicollis) aus Ostindien möge eine der gestrecktesten Formen aus dieser Familie vergegenwärtigen: das dritte Fühlerglied ist vorzugsweise lang, dünn und breitgedrückt; der ganze Käfer erglänzt, mit Ausnahme der roten Schenkel, blauschwarz. Diese und mehrere verwandte Arten bewohnen als ausnehmend flinke Käfer ausschließlich den Süden der indischen Halbinseln und die benachbarten Sunda—
inseln. Die nahe verwandte Gattung Pogonostoma lebt in einer Anzahl von Arten in den Wäldern Madagaskars, wo sie in Schraubenwindungen auf ihren langen Beinen an glatten Baumstämmen ungemein schnell umherlaufen, aber höchst selten Gebrauch von ihren Flügeln machen.
Die Laufkäfer (Carabidae) stehen in jeder Beziehung und vor allem durch die Tasterform der äußeren Unterkieferlade den Sandkäfern so nahe, daß sie mit ihnen zu einer Familie vereinigt wären, wenn ihnen nicht der bewegliche Zahn an der Spitze der Innenlade fehlte. Das tief ausgeschnittene Kinn, im Ausschnitte verschiedenartig gezahnt, die Bildung der nicht immer so schlanken Beine, an denen die männlichen Vorderfüße in 3—4 Gliedern sich erweitern, und die allgemeine Körpergestalt wiederholt sich somit auch hier. Die Kinnbacken sind aber nie von der Länge, wie dort, nie mit spitzen Zähnen längs der ganzen Innenseite bewehrt; die Flügeldecken reichen meist bis zu der Hinterleibspitze, kommen jedoch auch abgestutzt vor, umfassen seitlich den Körper und sind entweder glatt oder vorherrschend einfach gestreift, punktreihig gestreift, gerippt in den mannigfachsten Abänderungen, nicht selten fehlen die Flügel unter ihnen oder verschwinden wenigstens bis auf unscheinbare Läppchen, und auch da, wo sie vollkommen entwickelt sind, werden sie höchstens in der Nachtzeit zum Fluge gebraucht. Der Hinterleib besteht vorherrschend bei beiden Geschlechtern aus sechs Ringen, deren drei vorderste gleichfalls verwachsen sind. Die den Sandkäfern eignen bunten Farben kommen zwar ausnahmsweise auch hier vor, doch verleiht Einfarbigkeit inSchwarz, Grün, Kupferrot, Bronzebraun den meisten Familiengliedern ein ungemein eintöniges Ansehen. Das Sonnenlicht fliehen die Laufkäfer viel mehr, als daß sie es aufsuchen, deshalb halten sie sich bei Tage am liebsten unter Steinen, Erdschollen, in faulem Holze ꝛc. verborgen und sind nächtliche Käfer, welche vom Fleische anderer Tiere leben.