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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Es ist nötig, bei dieser Gelegenheit auf eine bestimmte Ausdrucksweise aufmerksam zu machen, die im weiteren Verlaufe manchmal gebraucht werden wird. Man spricht nämlich von einfacher Brut (Generation) eines Insektes, wenn es in Jahresfrist seine Verwandlungsstufen nur einmal durchlebt, von zwei, drei Bruten, wenn dies in derselben Zeit öfters geschieht, und unterscheidet, wenn es sich um deren zwei handelt, zwischen Sommer: und Winterbrut. Die letztere umfaßt immer einen längeren Zeitraum, weil der Kerf auf irgend einer seiner Entwickelungsstufen den Winter über ruht. Bei dieser Bezeichnungsweise denkt man nicht an das bürgerliche Jahr, sondern an einen Zeitraum von 12 Monaten, der für die verschiedenen Arten einen verschiedenen Anfang nimmt. Die Sommerbrut des großen Kohlweißlinges, um ein Beispiel anzuführen, beginnt mit dem April oder Mai, zu welcher Zeit die Eier gelegt werden. Von diesen fliegen die Schmetterlinge ungefähr im August, mit welchem Monate die Sommerbrut zum Abschlusse gelangt. Mit den Eiern dieser Schmetterlinge beginnt die zweite oder Winterbrut, die vor dem Winter bis zum Puppenstande gelangt und mit dem Ausschlüpfen des Falters im April zu Ende geht. Wenn man dagegen von der vierjährigen Brut des Maikäfers oder der siebzehnjährigen jener Cikade spricht, so legt man die Kalenderjahre zu Grunde.

Im Verhältnis zu der ungeheuern Anzahl aller Insekten ist erst von sehr wenigen die Entwickelung während des freien Lebens zuverlässig beobachtet; soweit aber unsere

Kenntnisse reichen, dürften sich ungefähr folgende Gesetze als maßgebend herausgestellt haben: 1) Das Larvenleben dauert länger als das Leben des geschlechtsreifen Kerfes, es sei denn, daß dieser zu überwintern habe; eine fernere Ausnahme von dieser Regel bilden die in Staaten lebenden Kerbtiere (Bienen, Ameisen, Termiten). 2) Die bohrenden oder unterirdischen Larven brauchen längere Zeit zu ihrer Entwickelung als die frei auf Pflanzen ꝛc. oder über der Erde lebenden. 3) Die fußlosen, ganz besonders aber die fußund kopflosen Larven gebrauchen am wenigsten Zeit zu ihrer Ausbildung. ) Je längere Zeit ein Insekt zu seiner Entwickelung braucht, desto kürzer ist ihm im Verhältnis hierzu die Lebenszeit für den vollkommenen Zustand bemessen. So wenig diese und vielleicht noch andere Gesetze, die sich aufstellen ließen, ausnahmslos find, ebensowenig werden die Zeiträume immer innegehalten, welche eine Art zur Vollendung ihrer Verwandlungen zu gebrauchen pflegt. Frauendorf hatte, um einige Beispiele anzuführen, Ende Juni 1836 Raupen eines an Birken nesterweise lebenden, für manche Gegenden Deutschlands gemeinen Spinners, der Gastropacha lanestris, und zwar zwei solche Nester, eingetragen. Die Raupen hatten sich Mitte August sämtlich versponnen. Den 18. September erschien der erste Schmetterling, den 14. Oktober ein zweiter, beides Männchen. Einige 20 Stücke beiderlei Geschlechtes schlüpften im Frühjahre 1837 aus (dies wäre der regelrechte Zeitpunkt), andere folgten im Herbste nach, einzelne in den folgenden Jahren, das letzte am 4. März 1842. Der Puppenzustand hatte bei diesem letzten Stücke also 5½ Jahre gedauert, beim ersten dagegen nur ebenso viele Wochen. Ahnliche Beobachtungen, wenn auch nicht mit so bedeutenden Zeitunterschieden, hat man auch bei anderen Schmetterlingen, bloß nicht bei Tag- und Kleinfaltern, gemacht. In einem Falle, welchen F. Smith erwähnt, verpuppten sich von 250 Larven einer gemeinen Mauerbiene (Osmia parietina) 25 erst im Sommer 1852, obschon die Eier 1849 gelegt waren und für gewöhnlich ein Jahr zur Entwickelung hinreicht. Es darf nicht wundernehmen, daß man besonders von Schmetterlingen dergleichen Beispiele kennt, weil gerade diese von jeher und von den ver: schiedensten Liebhabern beobachtet und daher am vollständigsten in ihrer Entwickelungsgeschichte bekannt geworden sind.

Daß Wärme mit der gehörigen Feuchtigkeit und für die fressenden Larven Überfluß an Nahrung die Entwickelung beschleunigen, der Mangel an jenen Erfordernissen dieselbe aufhält, hat die Erfahrung zur Genüge gelehrt, und diese Einflüsse treten noch hinzu, um das Auffinden gewisser Gesetze schwieriger zu machen, als es an sich schon ist. Der kundige Schmetterlingszüchter weiß, daß er aus der Puppe, welche im Freien ungefähr erst im Mai den Falter liefern würde, denselben schon um die Weihnachtszeit in gleich schöner Farbenpracht entlocken kann, wenn er jene dem warmen Ofen recht nahe bringt und sie öfter anfeuchtet. Im umgekehrten Falle hat er die Eier des Seidenspinners in der Kälte zu überwintern, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, im Frühjahre die Raupen vor ihrem Futter, dem Laube des Maulbeerbaumes, zu haben. Die beiden angeführten Beispiele waren nicht aus dem unumschränkten Walten der Natur selbst entnommen, sondern unterlagen teilweiser Beeinflussung seitens des Menschen. Aber auch ohne solche finden wir jene Behauptung bestätigt. Der aufmerksame Beobachter kann wahrnehmen, wie ein Insekt durch ungünstiges Wetter um etwa vier Wochen und noch länger im Erscheinen zurückgehalten wird gegen andere, seiner Entwickelung günstigere Jahre; es kann ihm nicht entgehen, wie ein und derselbe Kerf, wenn er im Sommer seine Verwandlung bestanden, dazu viel kürzere Zeit gebraucht, als wenn bei der nächsten der Winter dazwischen fällt. Am schlagendsten werden wir aber von dem Einflusse der Jahrestemperatur auf die Entwickelung der Insekten überzeugt, wenn wir uns nach einem umsehen, welches eine große Verbreitung auf der Erdoberfläche hat und in Gegenden von wesentlich verschiedenen

Graden mittlerer Jahreswärme zugleich lebt. Der schon oben erwähnte Kohlweißling ift ein solches. Im mittleren und nördlichen Deutschland fliegt er zum erstenmal im günstigsten Falle in der zweiten Hälfte des April und dann nochmals von Ende Juni bis in den September und überwintert unter allen Umständen als Puppe. Auf Sicilien, wo dieser Proletarier auch vorkommt, fliegt ervom November bis Januar. Bei uns geht seine Raupe im Winter zu Grunde, während doch andere Arten nur als Raupen überwintern; auf Sicilien kann sie die Kälte des gelinderen Winters ertragen. Man könnte nun glauben, daß in den heißen Ländern, wo die Temperaturunterschiede weit geringer sind als in den gemäßigten und kalten Gürteln, die Entwickelung der Insekten in gleichmäßiger Weise vor sich ginge und nur von der eigenartigen Natur der einzelnen bedingt wäre. Abgesehen davon, daß, wie schon oben erwähnt wurde, auch das Futter für die Larve eine bedeutende Rolle, ja, die wesentlichste während der Verwandlungszeit spielt, und in dieser Hinsicht die Gleicherländer sich das ganze Jahr hindurch nicht gleich bleiben, kommen auch hier ganz ähnliche Verhältnisse vor wie bei uns. Moritz erzählt z. B. von einem gesellschaftlich lebenden Spinner in Caracas, der sich zwar im November einspinne, aber nicht verpuppe, sondern erst mit Beginn der Regenzeit im Mai zur Entwickelung gelange; er erzählt weiter, wie ein anderer olivengrüner Spinner aus der weitverbreiteten Gattung Saturnia sehr ungleichmäßig aus der Puppe käme. Einen Moment nach der Verpuppung erschien ein Männchen im Oktober, dann ein Weibchen im Dezember, im Februar folgten mehrere Stücke beiderlei Geschlechtes, und noch waren andere lebende Puppen übrig, als er Ende des genannten Monates seinen Brief nach Europa abschickte. Wollen wir in solchen und ähnlichen Fällen (ein noch eigentümlicherer wurde ja oben schon erwähnt) einen Grund für so auffallende Unregelmäßigkeiten suchen, so wäre es kein anderer als der: die Natur will die Erhaltung der Art dadurch sicherstellen. Geht irgendwie das Tier bei seiner regelrechten Entwickelung zu Grunde, so bleiben andere übrig, die sich dem Gesetze nicht gefügt haben. | Für die Länder mit einem Winter, den Frost und Schnee kennzeichnen, verschwindet zwar während desselben alles Insektenleben unseren Augen; daß es aber nicht aufgehört habe, lehrt jedes darauf folgende Frühjahr von neuem. Die einen überwintern nur im Eizustande, andere nur als Larven, zu denen selbstverständlich alle diejenigen gehören, welche zwei und mehr Jahre zu ihrer Entwickelung bedürfen, eine dritte Reihe überlebt die böse Jahreszeit als Puppe, eine vierte als Geschlechtstier. Nur in seltenen Fällen dürfte ein und dasselbe Insekt auf zwei verschiedenen Entwickelungsstufen den Winter überdauern. Wer übrigens einen Begriff davon haben will, wie viele von ihnen im vollkommenen Zustande einen Winterschlaf halten, der gehe nur hin im Herbste, wo die Erstarrung noch nicht eingetreten ist, und suche im Walde unter dem dürren Laube nach, das sich seit Jahren angesammelt hat, oder unter dem trockenen Gestrüppe von Sträuchern, die an einer geschützten Stelle wachsen, oder unter Steinen und ähnlichen Orten, welche dem scharfen Luftzuge nicht ausgesetzt sind, da wird er eine ungeahnte Mannigfaltigkeit von Käfern und Fliegen, Wespen und Spinnen, Wanzen und anderem Geziefer finden, hier und da einen Nachtschmetterling aus dem dürren Laube herausspazieren sehen, alle aber bemüht, sich so schnell wie möglich seinen Blicken wieder zu entziehen. Manche bekannte Erscheinungen sind vielleicht darunter, die man in der besseren Jahreszeit anderwärts zu sehen gewohnt ist, aber auch viele, die dergleichen Schlupfwinkel zu ihrem stehenden Aufenthaltsorte wählen und kaum je an das Tageslicht kommen. Ein Paar Maikäferflügel, eine halb verschimmelte Hornisse ohne Beine und sonstige Überreste könnten glauben machen, daß man hier in einen großen Begräbnisplatz dieser kleinen Wesen geraten sei, und daß über Winter keins mit dem Leben davonkomme. Wohlan, gehe zum zweitenmal dorthin, wenn jener sich verabschieden will, wenn Frost und

Schnee es gestatten, einige Hände voll zerkrümelten Laubes in einem wohlverwahrten Säcklein beizustecken, und trage es heim. Schüttet man den Inhalt, nachdem er einige Stunden in der warmen Stube gelegen, in ein Drahtsieb aus, breitet diesem einen Bogen hellen Papieres unter und fängt an zu rütteln und zu schütteln, so wird man zu seiner nicht geringen Verwunderung auf dem Papiere ein reges Leben wahrnehmen und eine Menge derselben Tierchen wiedererkennen, die man im Herbste draußen im Freien antraf, vorausgesetzt, daß man ein treues Gedächtnis für dergleichen Dinge hat. Beiläufig gesagt, ist dieses Verfahren eine bekannte und vortreffliche Methode für den Sammler, sich mit einer Menge besonders kleinerer Tiere zu bereichern, die er auf den sommerlichen Sammelgängen (Exkursionen) übersieht oder absichtlich unberücksichtigt läßt, weil er gerade andere Zwecke verfolgt.

Im Wasser und auf dem Lande, an Pflanzen und Tieren, auf dem Boden kriechend oder in der Luft fliegend, allüberall, wo überhaupt tierisches Leben möglich, trifft man Insekten an. Selbst auf hoher See wurde schon von A. v. Chamisso im Stillen Ozean auf Seetang die von ihm Hylobates sericeus benannte Wasserwanze aufgefunden. Nach ihm wurden mehrere, den Wasserläufern nahe verwandte Arten und ein kleiner Käfer, Ochtebius marinus, als Meeresbewohner bekannt. Je weiter nach den Polen hin, desto vereinzelter, desto ärmer an Arten treten sie auf; dem entsprechend nehmen sie bis zu dem gänzlichen Verschwinden ab, je höher man auf den Schneebergen vordringt, wie beispielsweise auf den Alpen der Schweiz bei 2812 m Meereshöhe, zahlreicher, mannigfaltiger und wunderbarer in Form und Farbenpracht werden sie, je heißer der Himmelsstrich ist, in welchem sie wohnen.

Man kennt ungefähr 2000 vorweltliche Insektenarten, welche bereits im Silur und Devon beginnen, in der Steinkohlenbildung bereits zahlreicher vertreten sind, und veranschlagt die Anzahl der noch lebenden Arten auf 1 Million. Auch angenommen, es seien diese Ergebnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu hoch gegriffen, so ist immerhin das Insektenheer ein ungeheuerliches und übertrifft alle übrigen Tiere um ein Bedeutendes. Es ist daher auch unmöglich, in dem Folgenden die Vollständigkeit nur annähernd zu erreichen, mit welcher in den vorausgehenden Bänden die höheren Tiere behandelt worden sind. Bei der Auswahl der Arten wurden die heimatlichen aus vielerlei nahe liegenden Gründen besonders in das Auge gefaßt und die fremdländischen nur insoweit berücksichtigt, als sie ergänzend zu einem allgemeinen Überblicke für nötig erachtet wurden. Weil aber selbst die Heimat noch einen nicht zu bewältigenden Stoff bieten würde, so fiel die Auswahl auf solche Arten, die nach der einen oder anderen Seite hin ein allgemeines Interesse für sich in Anspruch nehmen dürften. Dieselben sind, um den Charakter des Ganzen zu wahren, in derjenigen Reihenfolge vorgeführt, welche im System zum Ausdrucke kommt.

Die Einteilung der Insekten in einzelne Ordnungen gründet sich vor allem auf die Verschiedenheiten in der Ausbildung der Mundwerkzeuge, des ersten Brustringes und der Flügel in Gemeinschaft mit denjenigen in der freien Entwickelung. Solcher Ordnungen hat bereits Linné sieben aufgestellt. Obgleich dieselben neuerdings von manchen Forschern um eine größere oder geringere Zahl vermehrt werden, können wir für unsere Zwecke im allgemeinen auf dem früheren Standpunkte beharren. Die sieben Ordnungen sind: Käfer, Hautflügler, Schmetterlinge, Zweiflügler, Netzflügler, Geradflügler und Schnabelkerfe.

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Erste Ordnung.

Die Rüfer (Coleoptera Eleutherata).

Beißende Mundteile, eine freie Vorderbrust, ein angewachsener Hinterleib und zu Decken erhärtete Vorderflügel, welche eine Naht bilden, sind die äußerlichen Kennzeichen, eine vollkommene Verwandlung die Entwickelungsweise der Käfer.

Der Kopf steht in den seltensten Fällen frei vor dem Halsschilde, sondern ist mehr oder weniger tief in dasselbe eingelassen und daher in seiner Beweglichkeit verschiedenartig beschränkt. Auf seine Anheftungsweise und auf seine Gestalt, von der die Verlängerung der vorderen Gegend zu einem Rüssel als die auffälligste erwähnt sein mag, begründen sich die mannigfachsten Unterschiede. Hinsichtlich der beißenden Mundteile wurde auf S. 8 u. f. das Nötige gesagt, in Bezug auf die Käfer sei hier nur noch bemerkt, daß ihre Kiefertaster aus vier, die Lippentaster aus drei Gliedern zusammengesetzt sind, und daß an der Unterlippe das Kinn gegen die meist ungeteilte Zunge bedeutend überwiegt. Die Netzaugen sind ganz oder ausgerandet, und zwar manchmal so tief, daß sie jederseits in eine obere und eine untere Gruppe von Augelchen zerfallen, dagegen kommen mit sehr wenigen Ausnahmen Punktaugen gar nicht vor. Nirgends findet sich eine so wechselnde Verschiedenheit der Fühler wie bei den Käfern. Am beständigsten zeigen sie sich in der Gliederzahl elf, obschon Schwankungen zwischen 4 und 30 Gliedern nicht ausgeschlossen sind; größere Unterschiede kommen in der Länge vor, die größten jedoch in der Form, welche an Borste, Faden, Keule, Säge, Kamm, Fächer und anderes erinnert oder auch ihrer Unregelmäßigkeit wegen keinen Vergleich zuläßt. Manche dieser Formen sind für gewisse Familien, wie Kammhörner, Blatthörner ꝛc., bei der Einteilung von Bedeutung geworden, wie wir später sehen werden.

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