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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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eines erhabenen Zustandes ihres Lebens an, eines Zustandes, in welchem alle ihre Fähigkeiten entwickelt werden und sie zur Vollendung ihrer Natur gelangen, wo sie, nicht mehr an die Erde gebunden, die Gefilde der Luft durchstreifen, den Nektar saugen aus Blumenkelchen und Liebe ihre beseligende Herrschaft über sie auszuüben beginnt. Wenn wir dies alles mit ansehen, sollten wir darin nicht ein lebhaftes Bild von dem dreifachen Zustande erblicken, inwelchem sich der Mensch nach und nach befindet, und besonders von jenem glücklichen Tage, wo auf den Ruf der großen Sonne der Gerechtigkeit alle die, welche inden Gräbern ruhen, hervortreten, wo das Meer seine Toten wiedergeben und der Tod von dem Leben ver: nichtet wird, wo die Scharen der Glücklichen leben und lieben werden in alle Ewigkeit?“

Der vergoldete Schmetterling auf den Grabkreuzen unserer Verstorbenen soll, wie es sich jeder am liebsten deuten mag, ein Sinnbild sein: für die Auferstehung, bei einem ähnlichen Gedankengange eines Swammerdam, oder für die Unsterblichkeit der Seele, die dem hinfälligen Körper entwichen ist, wie der dem himmlischen Lichte entgegenschwebende Schmetterling seiner auf der Erde zurückbleibenden Puppenhülle.

Wißt ihr nicht, daß wir Würmer sind, Geboren, um den engelähnlichen Schmetterling zu bilden?

Die Entwickelung der Insekten, mag sie nun, wie bei der unvollkommenen Verwandlung, in stetigem Fortgange oder, wie bei der vollkommenen, scheinbar sprungweise sich vollenden, ist in der That eine allmähliche, von mehrmaligen Häutungen der Larve begleitete. Die Häutungen erfolgen nach bestimmten Zeitabschnitten, für die einen früher, für andere später, wiederholen sich öfters oder seltener, jedoch meist nicht häufiger als sechsmal, und tragen den Charakter einer Krankheit an sich. Die Larven sitzen regungslos da, nehmen keine Nahrung zu sich und sind in dieser Zeit außerordentlich empfänglich für äußere Einflüsse, besonders die ungünstigen der Witterung, bis endlich im Nacken die alte Körperhaut zerreißt und sich unter krampfhaften Windungen das neu bekleidete Wesen, bisweilen mit anderer Färbung, anderem Schmucke angethan, daraus hervorarbeitet. Die Umwandlung geschieht aber nicht bloß äußerlich, das ganze innere Wesen nimmt teil an der Verjüngung, die Luftröhren, der Nahrungskanal stoßen ihre chitinigen Auskleidungen ab und erleiden allmählich sogar wesentliche Veränderungen; denn die im Wasser lebenden Larven verlieren bei der letzten Häutung ihre Kiemen, die bekanntlich kein vollkommenes Insekt besitzt. Bei den freilebenden Larven finden die Häutungen ausnahmslos statt, aber nicht immer bei solchen, welche, abgeschlossen von der äußeren Umgebung und deren Einflüssen entzogen, in anderen Tieren leben. Es scheint, abgesehen von dem bestimmten Bildungsgesetze, dem die einzelne Art unterworfen, daß das Abwerfen der Haut nur da nötig wird, wo fie der Witterungs: einflüsse wegen einen Schutz zu bilden hat, der zu fest ist, um bei der Vergrößerung der Körpermasse weiter nachgeben zu können. In den letztgenannten Fällen bedarf die Larve dieses Schutzes nicht, ihre Oberhaut bleibt weicher und elastisch genug, um beim fortschreitenden Wachstum immer noch weit genug zu sein. Der Stand der Larven ist für die Insekten die einzige Zeit ihres Wachstums, daher die unerhörte Gefräßigkeit und der vorherrschend entwickelte Verdauungskanal. In 24 Stunden kann beispielsweise eine Schmetterlingsraupe mehr als das Doppelte ihres eignen Gewichtes an Pflanzennahrung zu sich nehmen und dadurch ein Zehntel ihrem früheren Gewichte hinzufügen, welches sich in 30 Tagen auf das 9500fache steigert, wenn man es mit dem vergleicht, was fie im Augenblicke ihrer Geburt hatte. Welche Verheerungen die von Pflanzenstoffen lebenden Larven in unseren Gärten und Wäldern, auf Feldern und Wiesen anrichten können, wissen diejenigen am besten zu beurteilen, welche den Schaden zu tragen hatten.

Die Larven der Insekten mit vollkommener Verwandlung haben vorherrschend eine gestreckte, durch gleichmäßige Ringelung geschlossene Gestalt, sind darum aber keine „Würmer“,

wie sie der Laie mit besonderer Vorliebe nennt, denn vom „Kornwurm, Drahtwurm, Wurm in Haselnüssen oder Apfeln“, von „wurmstichigem“ Obste ist vielfach die Rede. Trotz der Wurmähnlichkeit vieler weichen sie bei näherer Betrachtung wesentlich von den Würmern ab. Zunächst gibt es Larven mit Beinen und Larven ohne Beine. Die ersteren zeigen dann regelmäßig an den drei ersten, auf den hornigen Kopf folgenden Körperringen, dem künftigen Brustkasten, drei Paar gegliederter, in eine oder zwei Klauen auslaufende Beine, denen man ihrer sehr bestimmten Stellung wegen den Namen der Brustfüße beigelegt hat. Fehlen sie, so muß die Larve für fußlos erklärt werden, selbst dann, wenn warzige Hervorragungen die Stelle jener vertreten sollten. Außer den Brustfüßen können an einigen oder nahezu allen Ringen auch noch Bauchfüße vorkommen, welche nie gegliedert sind, sondern als fleischige Ausstülpungen der Haut erscheinen. Da 11— 12 Ringe außer dem Kopfe den Larvenkörper aufbauen, so sind 22 Beine die höchste erreichbare Anzahl. Der hornige Kopf ist auch in dem Falle mit beißenden Mundteilen ausgestattet, wo das Geschlechtstier zu einem Sauger wird. Sehr viele Larven besitzen in ihrem Inneren zwei Spinndrüsen, in welchen sich ein zäher Stoff entwickelt, welcher sich in Faden ziehen läßt und an der Luft erhärtet; zwei mikroskopische Offnungen in der Unterlippe gestatten diesem Stoffe einen Ausweg, und die Gesamtheit dieser Einrichtungen bezeichnet das Spinnvermögen der Larven. Es wird besonders im Jugendalter oder auch später als Schutzmittel, in Zeiten der Not zum Entfliehen, vorherrschend aber beim Übergange aus dem Larvenstande zu dem der Puppe als Schutz für diese letztere verwendet, indem viele Larven ein Gespinst (Kokon) anfertigen, in welchem die Verpuppung vor sich geht. Bekanntlich liefert uns der Spinnstoff gewisser bevorzugter Larven die kostbare Seide.

Die fußlosen Larven heißen Maden und haben entweder einen hornigen Kopf, oder ihr vorderes Ende nimmt keine bestimmte Form an, indem es sich spitz vorstrecken und weit zurückziehen kann, und läßt keine Spur von einem Kopfe mit beißenden Mundteilen erkennen. Man hat sie daher kopflose Larven genannt, von denen bei den Zweiflüglern, wo sie allein nur vorkommen, eingehender berichtet werden soll.

Schon der bereits erwähnte Umstand, daß saugende Insekten als Larven ihre Nahrung zerbeißen, weist auf die Vielgestaltigkeit in der Lebensweise der einzelnen Arten hin und läßt auf weitere Unterschiede der Larven hinsichtlich ihres Verhaltens zu der Außenwelt schließen. Die einen leben frei auf Pflanzen und zeichnen sich nicht selten durch bunte Farben oder allerhand Bekleidungsschmuck aus, oder sie halten sich unter Steinen, faulendem Laube oder in sonstigen Verstecken auf, welche sie zeitweilig, namentlich während der Nacht, verlassen; wieder andere kommen nie zum Vorschein, indem sie ihr Leben in der Erde, bohrend oder minierend in den verschiedensten Pflanzenteilen, in tierischen Körpern oder im Wasser verbringen. Die lichtscheuen Larven zeichnen sich durch unbestimmte helle Färbung aus und pflegen nur an den mit Chitin bedeckten Stellen eine bestimmtere, auch dunklere Farbe anzunehmen; unmittelbar nach jeder Häutung sind sie am bleichsten.

Der Ruhezustand, welcher bei den Insekten mit vollkommener Verwandlung am Ende des Larvenlebens eintritt, heißt bekanntlich Puppe (Nymphe). Man hat auch bei denen, die sich nur unvollkommen verwandeln, von einer solchen gesprochen und darunter die Larve vor ihrer letzten Häutung verstanden, die man ihr jedoch in den wenigsten Fällen ansieht, weshalb mir die Bezeichnungsweise mindestens bedenklich erscheint. Unmittelbar nach der Häutung zur Puppe lassen sich an dieser die Gliedmaßen: Fühler, Flügelstumpfe, Beine, einzeln in glasige Häutchen eingeschlossen, vom Rumpfe abheben, kleben aber nach kurzer Zeit fest aneinander und bilden ein Ganzes, welches nicht nur in den Gliedmaßen, sondern auch in den drei Hauptabschnitten des Körpers und in der Gliederung des Hinterleibes

ein entsprechendes Bild von dem zukünftigen Kerf liefert. Dieses Bild ist nicht immer ein so deutliches, wie in der sogenannten freien Puppe oder Mumienpuppe, sondern die einzelnen Teile schließen sich eng an den Körper an, stellen mit ihm eine gemeinsame Fläche dar und werden von einer harten Chitinhaut umschlossen, wie bei der bedeckten Puppe der Schmetterlinge, wo die mit allerlei Ecken und Vorsprüngen versehenen noch den besonderen Namen der Chrysaliden erhalten haben. Die Bedeckung kann den künftigen Kerf noch weiter verhüllen, indem die letzte Larvenhaut sich von ihrem Inhalte etwas abhebt, allmählich erhärtet und in dieser Weise einen Schutz für die aus jener entstehende Mumienpuppe bildet. Insofern diese den Fliegen eigentümliche Verpuppungsweise bei den meisten eine Tönnchenform nachahmt, hat man solche Puppen Tönnchenpuppen oder schlichtweg Tönnchen genannt. Dieselben sind nicht zu verwechseln mit oft sehr ähnlich erscheinenden, aber wesentlich anders entstandenen Puppen. Häufig webt, wie vorhin schon erwähnt, die Larve ein Gehäuse, Gespinst (Kokon) um sich, welches durch seine Dichtigkeit und pergamentartige Festigkeit im äußeren Ansehen die Entstehungsweise vollkommen verwischt. Die meisten Gehäuse lassen übrigens die Fäden der Weberei noch erkennen. Die freien Puppen sind nie dem Sonnenlichte und dem Witterungswechsel unmittelbar preisgegeben, sondern in der Erde, unter Laub, Rinde, im Inneren anderer Körper verborgen. Nur bedeckte oder von Gehäusen umschlossene Puppen finden sich im Freien, so daß man wohl annehmen darf, daß die Bedeckung, welcher Art sie auch sein mag, dem wehrlosen, der Ortsbewegung baren, einer Entwickelung zur Vervollkommnung entgegenharrenden Wesen zum Schutze diene. Natürlich erscheint es, daß die Puppe sich allemal da finden müsse, wo die Larve sich aufhielt, und doch trifft diese Annahme nicht immer zu. Ich wüßte keine in der Erde lebende Larve zu nennen, die zur Verpuppung aus derselben herausginge, genug dagegen, die auf Blättern, in Früchten oder im Stengel, ja, in anderen Tieren hausen und zur Verpuppung die Erde oder, wenn sie bisher verborgen lebten, wenigstens das Freie aufsuchen. Worin die Notwendigkeit dieser Ortsveränderung liege, läßt sich nicht immer angeben; denn wenn man sagen wollte, die bohrend lebenden Raupen müßten aus ihren Verstecken vor der Verpuppung herausgehen, weil der Schmetterling, der keine beißenden Mundteile hat, sich aus dem Schilfstengel, dem Holz ꝛc. nicht hervorarbeiten könne, so könnte diese Annahme gerechtfertigt erscheinen, ist aber in Wirklichkeit nicht begründet. Gerade von diesen bleiben vielleicht die meisten auch als Puppe da, wo die Raupe gelebt hat, indem diese den natürlichen Trieb empfand, vor ihrer Verwandlung bis auf die äußerste feine Pflanzenhaut oder auch bis in das Freie ein Flugloch zu nagen und es dann wieder mit feinem Gespinste zu verschließen, welches der künftige Schmetterling ebenso leicht wie jene stehen gelassene dünne Pflanzenhaut durchbricht. Übrigens sind sehr viele Puppen mit Dörnchen oder sonstigen dem Auge wenig bemerkbaren Einrichtungen versehen, mit denen sie an ihrer Umgebung haften, um dadurch dem ausschlüpfenden Geschlechtstiere einen gewissen Widerstand entgegenzusetzenund so die ermüdende Arbeit bedeutend zu erleichtern, Wenn gewisse Wasserlarven das Wasser zur Verpuppung verlassen, so hängt dies mit der jetzt eintretenden Veränderung ihrer Atmungswerkzeuge auf das engste zusammen. Die Tracheenkiemen verschwinden äußerlich, und die Luftröhren im Inneren bleiben allein zurück. Es gibt aber auch Fälle, in denen wir bekennen müssen: warum dies hier so, dort anders sei, wissen wir nicht; die Natur hat es einmal so eingerichtet, vielleicht will sie uns nur ihre unendliche Mannigfaltigkeit, ihre unbegrenzte Erfindungsgabe zur Anschauung bringen.

Wie die einjährige Pflanze in ihrem Leben nur einmal Stengel, Blätter, Blüten und Früchte treibt und mit der Reife der letzteren ihren Lebenszweck erfüllt hat, indem sie im keimfähigen Samen das Fortbestehen ihrer Art sicherte, so das Insekt. Es hat seine

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Bestimmung erfüllt, wenn es, durch den Ei-, Larven- und Puppenzustand hindurchgehend, seine Reife erlangt und sich gepaart hat. Das Männchen stirbt sehr bald nachher, das Weibchen dann erst, wenn es sich der befruchteten Eier entledigt hat, wozu es kürzerer, bei Zwischentreten des Winters längerer Zeit bedarf. Die Thatsache, daß eine Bienenkönigin dieses Geschäft jahrelang betreiben kann, stößt die allgemeine Regel nicht um. Somit muß das Leben des Insektes als ein kurzes bezeichnet werden, wenn auch als kein gerade einjähriges, wie bei den Pflanzen, mit welchen es eben verglichen wurde. Manche Arten entwickeln sich so schnell, daß in Jahresfrist einige Bruten zu stande kommen, andere brauchen mehrere, bis etwa fünf Jahre zu einer einzigen. Wie im südlichen Amerika die Agave erst nach einer Reihe von Jahren aus ihrer Blattrosette einen haushohen Schaft treibt, der in wenigen Wochen sich zu einem stattlichen, pyramidenförmigen Armleuchter entfaltet und in Tausenden von Blütenbüscheln prangt, die an den Spitzen der Aste wie ebenso viele Flämmchen leuchten, dann aber abstirbt, also hier viele Jahre nötig sind zu dem, was unsere Sommergewächse in kaum einem Jahre erreichen: so ernährt Nordamerika, wie behauptet wird, einen Kerf, welcher sich bei seiner Entwickelung auch mehr Zeit nimmt als alle anderen. Eine Cikade nämlich soll gerade 17 Jahre zu ihrer Entwickelung bedürfen und darum die Cicada septendecim genannt worden sein. Das Weibchen legt 10 bis 12 Eier in einen tiefen Schnitt, den es mit seiner messerartigen Legröhre in einen Zweig, wie beispielsweise in den vorjährigen Trieb eines Apfelbaumes, ausführt. Nach 52 bis 60 Tagen kriechen die Lärvchen aus, lassen sich von oben herabfallen, um sich sofort nahe bei der Wurzel in die Erde einzugraben; mittlerweile stirbt der Zweig am Baume ab. Hier in der Erde leben sie 17 Jahre vom Safte der Wurzeln; einen jo langen Zeitraum nimmt man darum an, weil die Cikaden nach diesen Zeitabschnitten in ungeheuern Massen erscheinen. Dann endlich kriechen die puppenartigen Larven aus ihren unterirdischen Verstecken hervor, setzen sich an dem ersten besten, etwas über dem Boden erhabenen Gegenstande fest, bersten im Nacken, und das geflügelte Insekt erfreut sich seines oberirdischen Daseins. Ist es ein Männchen, so zirpt es, aber in anderer Weise, wie unsere Grillen, die Weibchen stellen sich ein, und die Paarung erfolgt. Das Weibchen legt seine Eier, und in einem Zeitraume von etwa 36 Tagen ist alles abgethan, die Tiere sind wieder verschwunden.

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