Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Larven kennt man leider von nur wenigen Arten. Sie zeichnen sich durch einen gestreckten, auf dem Rücken mehr oder weniger mit Chitinschildern bedeckten, in zwei (meist harte, ungegliederte) Anhänge auslaufenden Körper mit sechs zweiklauigen Brustfüßen und vorgestrecktem Kopfe aus. Die Kinnbacken dienen meist nur zum Festhalten und Verwunden der Beute, nicht zum Zerbeißen derselben, die Mundöffnung dagegen zum Aussaugen.
Die ungefähr 9000 bekannten Laufkäferarten verteilen sich auf 613 Gattungen und bewohnen die ganze Erde, scheinen in den gemäßigten und kalten Teilen derselben das Übergewicht über die dort überhaupt lebenden Käfer zu haben, dringen bis in die kältesten Gegenden und auf die höchsten Berge vor und werden stellenweise zu Charakterkerfen; so kommen namentlich gewisse unter ihnen ausschließlich im Gebirge, niemals in der Ebene vor, und umgekehrt, andere wieder ausschließlich in heißen Erdstrichen.
Der Ufer⸗Raschkäfer (Elaphrus riparius) samt feinen 25 Gattungsgenossen er: innert in mancher Beziehung an die Sandkäfer, namentlich durch die mehr als bei allen anderen Laufkäferarten vorquellenden Augen und durch die Form des ganzen, allerdings stets kleineren Körpers, wie ein Vergleich der betreffenden Abbildung ergibt. Auch hinsichtlich des Betragens könnte man den Käfer als Übergangsglied zwischen Sand- und Laufkäfern betrachten. Er liebt nämlich den Sonnenschein, indem er während desselben mit außer: ordentlicher Schnelligkeit umherläuft, jedoch nicht an trockenen Stellen, sondern auf schlammigen Rändern der Gewässer, auf dem Boden der im Austrocknen begriffenen Wasserlachen, auf feuchten Wiesen, wo spärlicher Graswuchs sproßt. Auch entzieht er sich Verfolgungen
nicht durch fortwährendes Auffliegen, sondern vertraut allein seiner Schnellfüßigkeit und seinem guten Glücke, einen sicheren Schlupfwinkel zu erreichen. Mit unglaublicher Hast ist er unter einem Stücke Rinde, unter einem faulenden Schilfstengel verschwunden, zwischen den Binsen und Grashalmen der Wiese, und vortrefflich kommen ihm die Risse im Boden zu statten, welche mit der Natur seines Tummelplatzes nach einigen sonnigen Tagen in so innigem Zusammenhange stehen. In diesen Verstecken hält er sich auch bei unfreundlichem Wetter auf, ungesehen von der gelben Wiesenbachstelze, den Regenpfeifern und anderen Insektenfressern unter den Vögeln, welche an gleichen Stellen das zahlreich sich sonnende Geziefer überrumpeln und verspeisen.
Der erzgrüne Körper unseres Käferchens ist dicht punktiert und jede Flügeldecke mit „—. vier Reihen violetter, eingesenkter Warzen verziert. Im Kinnausschnitte steht ein Doppel-zahn, und die vier ersten Glieder der männlichen Vorderfüße erweitern sich, jedoch nur schwach. Überdies besitzt der Käfer einen Tonapparat: der Rücken des vorletzten Hinterleibsringes ist nämlich in drei Felder geteilt, von denen die beiden seitlichen am Hinter: rande je eine etwas gebogene und gezähnelte Leiste tragen. Mit diesen Leisten reibt der Käfer bei der Bewegung des Hinterleibes gegen eine erhabene und hohle, äußerlich stark geriefte Ader auf der Unterseite der Flügeldecken, wie Landois alles dieses weitläufiger auseinandersetzt. Die Raschkäfer bewohnen alle Länder außerhalb der Wendekreise, nur innerhalb derselben werden sie durch die Sandkäfer vertreten. Bei uns kommen neben der besprochenen noch einige sehr ähnliche andere Arten vor.
Ufer-Raschkäfer (Elaphrus ri 8 5 0ie I Für den Naturfreund möchten sich keine anderen Laufkäfer so dazu eignen, ein Bild von der ganzen Familie zu geben, wie die Gattung Carabus mit ihren nächsten Verwandten, lieh sie doch der ganzen Familie ihren Namen und wird fie Doch wegen ihrer stattlichen Arten selbst von dem Käferkenner und Sammler mit Vorliebe gepflegt! Durch ansehnliche Größe, metallische Farben, den Familiencharakter aussprechende Körperform fallen sie gegen das Heer der anderen mittelgroßen oder kleinen Arten draußen im Freien, besser allerdings in einer geordneten Sammlung, auch dem Laien in die Augen. Die Arten haben eine durchschnittliche Größe von 22 mm und gehen seltener bis auf 15 mm herab, als über das Durchschnittsmaß hinaus. Der vorgestreckte Kopf ist merklich schmäler als das Halsschild, die Oberlippe zweilappig, der Kinnausschnitt mit einem kräftigen Mittelzahne versehen und das Endglied der Taster beilförmig (Fig. 5, S. 8). Das Halsschild, vorn immer etwas breiter als hinten, setzt sich scharf gegen die eiförmigen Flügeldecken ab. Diese stimmen in Farbe mit dem Halsschilde und dem Kopfe überein, zeigen höchstens an ihren Außenrändern einen lebhafteren, wenig veränderten Farbenton, hinsichtlich der Oberflächenverhältnisse aber die größte Mannigfaltigkeit. Wenige erscheinen dem unbewaffneten Auge vollkommen glatt, sind es indessen nicht, sondern wie mit einer Nadel gerissen; viele haben feine Längsstreifen in regelmäßigem Verlaufe oder stellenweise mit gleichsam zerfressenen Rändern, so daß dem Auge der Eindruck einer besonderen Art von Runzelung entsteht; auf den feingerieften zeigen sich regelmäßige Reihen von Anschwellungen, von Punkteindrücken, von größeren Grübchen mit abweichendem und erhöhtem Farbenglanze, wie bei dem hier vorgeführten Garten-Laufkäfer. Wird die Oberfläche unebener, so treten wenige Längsrippen (drei auf jeder Decke) als stumpfe Leisten heraus und lassen tiefe Rinnen zwischen sich, welche wiederum in der verschiedensten Weise verziert sein können. Abgesehen von Einzelarten, deren Flügel ausnahmsweise vollkommen ausgebildet sind, verkümmern dieselben stets, so daß sämtliche
Carabus-Arten nur als tüchtige Fußgänger ihr Fortkommen finden. Die Beine sind daher kräftig und dem Familiencharakter entsprechend gebaut, bei dem Männchen nur die drei ersten Vorderfußglieder erweitert und mit filziger Sohle bekleidet. Bei den meisten zeigt auch das vierte die Erweiterung, jedoch keinen Filz an der Sohle oder mindestens unvollkommeneren. Goldgrün, Blau und Bronzebraun bilden neben Schwarz die metallischen Farben, in welche sich die Caraben kleiden, die jedoch im Tone je nach der Gegend abändern und neben gewissen Abweichungen in der Plastik der Oberfläche auf den Flügeldecken der Feststellung der Art manche Schwierigkeit bereiten.
Die 285 bekannten Carabus-Arten beschränken sich auf die gemäßigten Gegenden der nördlichen Halbkugel und gehen in der Alten Welt, mit Ausschluß einiger ansehnlichen Arten Syriens, Palästinas und des Kaukasus, nicht über die Mittelmeerländer hinaus, weiter nach Süden kommen sie in Nordamerika und selbst in zehn Arten in Südamerika (Chile) vor. Viele von ihnen sind nur Gebirgsbewohner, prachtvolle die pyrenäischen; unsere deutschen Gebirge beherbergen durchschnittlich dieselben Arten. Die Steine an den Berglehnen und in den Thälern sowie die verwesenden Baumstubben bilden ihre wesentlichsten Verstecke, unter und in welchen sie der Sammler von der letzten Hälfte des August ab am erfolgreichsten aufsucht. Denn hier oder zwischen dem Moose werden sie geboren, hier halten sie sich über Tag verborgen, hier liegen sie in der winterlichen Erstarrung. Die in der Ebene lebenden Arten finden in den Wäldern dieselben Verstecke, in den Gärten und auf den Feldern wenigstens Steine, Erdschollen, Graskaupen, Mauselöcher und ähnliche, sie dem Sonnenlichte entziehende Ortlichkeiten, an welchen andere Mitbewohner, wie Schnecken, Regenwürmer, Insektenlarven ꝛc., ihnen reichliche Nahrung bieten. In der Nachtzeit ziehen fie auf Raub aus, ver: kriechen sich aber wieder, sobald die Sonne emporsteigt.
Die wenigen bekannten Larven gleichen einander nicht nur in der Lebensweise, sondern auch in der äußeren Erscheinung. Der gestreckte, halbwalzige Körper ist durch die sämtliche Glieder auf dem Rücken deckenden Chitinschilder glänzend schwarz, am Bauche heller, weil neben den weißen Verbindungshäuten nur schwarze Schwielen und Leisten die erhärteten Stellen andeuten. Der viereckige, vor— (tg gestreckte Kopf ist mit viergliederigen Fühlern, sechs braunen Tastern, sichel— 1 förmigen Kinnbacken und jederseits mit einem Ringe von sechs Augen aus— ZEN gestattet, die kleine Mundöffnung nur zum Saugen geeignet. Über den N l Rücken der zwölf Leibesringe zieht eine feine Mittelfurche, und der letzte 2 endet nach oben in zwei Dornenspitzen von verschiedener Länge und Zähnelung, je nach der Art, nach unten in einen zapfenartig ausstülpbaren After. Das erste Glied zeichnet sich vor allen, jedes der beiden folgenden wenigstens d vor den noch übrigen ziemlich gleichen Gliedern durch die Länge aus. Die Larven leben an gleichen Orten und in gleicher Weise wie die Käfer, wie es scheint, vom ersten Frühlinge bis gegen den Herbst hin, doch dürfte die Entwickelung nicht überall gleichmäßig vor sich gehen; denn ich fand beispielsweise im Thüringer Walde Ende August (1874) einzelne Larven, welche der Gebirgs-Goldhenne (Carabus auronitens) anzugehören schienen, obschon dieselbe im vollkommenen Zustande schon häufig genug vorkam. Die breite, weiße Puppe liegt in einem erweiterten Lager an Stellen, wo die Larve zuletzt hauste, und braucht entschieden nur kurze Zeit zu ihrer ferneren Entwickelung.
Der Garten-Laufkäfer (Carabus hortensis), wie Linné die Art genannt hat, lebt häufiger auf Feldern als in Gärten; bezeichnender nannte ihn daher Fabricius den Edelstein-Laufkäfer (C. gemmatus), weil die Ränder der feingestreiften Flügeldecken und auf jeder einzelnen drei Reihen flacher Grübchen durch ihren Kupferglanz sich wie Edelsteine von dem mattschwarzen Untergrunde vorteilhaft abheben. Er lebt hauptsächlich
in den Wäldern des östlichen Deutschland, geht im Süden bis Tirol und Schweiz, nach Osten bis Rußland, nördlich bis Schweden.
Der goldgrüne Laufkäfer, die Goldhenne, der Goldschmied (Carabus auratus) wird im Westen Deutschlands während des Sommers auf Feldern und in Gärten stellenweise häufig angetroffen; er fehlt von der Wittenberger Gegend an, in der Mark Brandenburg und in Pommern fast gänzlich, tritt dagegen in Preußen wieder auf; in England und Schweden trifft man ihn selten, Frankreich und die Schweiz dürfen wieder als seine Heimat betrachtet werden. Er gehört zu den stark gerippten Arten, indem sich auf jeder Decke drei Rippen in gleicher Weise wie die Naht erheben und fein gerunzelte Zwischenräume zwischen sich lassen. Die Unterseite des Käfers ist glänzend schwarz, die Oberseite erzgrün, Beine und die Wurzel der schwarzen Fühler sind rot. Klingelhöffer in Darmstadt erzählt von dieser Art eine interessante Beobachtung, welche entschieden
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- Garten-Laufkäfer (Carabus hortensis). 2) Puppenräuber (Calosoma sycophanta). 3) Goldhenne (Carabus
auratus) nebst Larve. Alle in natürlicher Größe.
Zeugnis von einem gewissen Grade Nachdenkens bei diesem Käfer ablegt, wie folgt: „In meinem Garten, unweit der Bank, auf welcher ich mich niedergelassen hatte, lag ein Maikäfer auf dem Rücken und bemühte sich umsonst, wieder auf die Beine zu kommen. Unterdessen erschien aus dem nahen Boskett ein Carabus auratus, fiel über den Maikäfer her und balgte sich unter großen Anstrengungen von beiden Seiten mindestens 5 Minuten mit demselben herum, ohne ihn bezwingen zu können, wovon er sich zuletzt zu überzeugen schien; denn er verließ ihn bei einer passenden Gelegenheit und eilte in das Boskett zurück. Nach kurzer Zeit jedoch erschien er im Gefolge eines zweiten wieder auf dem Kampfplatze; sie beide besiegten den Maikäfer und schleppten ihn nach ihrem Verstecke.“
Die Gebirgs-Goldhenne (Carabus auronitens) steht der vorigen Art ungemein nahe, die Rückenfarbe ist eine entschieden mehr goldgelbe, ihr Glanz dadurch auch lebhafter, Naht und Rippen der Flügeldecken sind schwarz und die Zwischenräume entschieden unebener als dort. Der Käfer gehört in allen deutschen Gebirgen keineswegs zu den Seltenheiten, sowenig wie in den Karpathen, in den Schweizer Alpen und im östlichen Frankreich, während er in der Ebene nur sehr vereinzelt angetroffen wird. Heer erzielte in der Schweiz am 3. Juni aus der Larve eine Puppe, aus dieser am 15. Juni bereits
den Käfer, welcher weiß aussah, aber nach Zeit von 24 Stunden seine Ausfärbung und volle Härte erlangt hatte. Die Larve hat auf der Stirn einen spitzen Höcker, zwei stumpfe Vorsprünge am ausgerandeten Kopfschilde und hinten zwei Dornenspitzen von der Länge des Endgliedes und durch zwei Nebendornen dreizackig von Gestalt.
Der Puppenräuber, Bandit, Mordkäfer (Calosoma sycophanta; Fig. 2, S. 40) steht in sehr nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den eben besprochenen Caraben, und seine mehrfachen deutschen Benennungen deuten auf eine gewisse Popularität, deren er sich zu erfreuen hat. Die Gattung „Schönleib“, wie man Calosoma übersetzen müßte, unterscheidet sich von Carabus durch das auffällig verkürzte zweite Fühlerglied, durch das querstehende, seitlich stark gerundete Halsschild, die breiten, nahezu quadratischen Flügel: decken und durch meist vollkommen ausgebildete Flügel. Der Puppenräuber und die übrigen über die ganze Erde ausgebreiteten Gattungsgenossen (beiläufig 79 an Zahl) halten sich allerdings auch an der Erde auf, vorherrschend jedoch anBaumstämmen. Hier steigen sie auf und ab und spähen nach Raupen und Puppen von Schmetterlingen und nach den Larven anderer freilebender Kerfe, welche sie mit großer Gier verzehren, weshalb die Bezeichnung „Kletterlaufkäfer“ für die Gattung vollkommen gerechtfertigt erscheinen dürfte. Unsere Art ist stahlblau, an den regelmäßig gestreiften, mit zusammen sechs Punktreihen versehenen Flügeldecken grünlich oder rötlich goldglänzend, während die Mundteile, die Fühler mit Ausnahme ihrer bleicheren Spitze und die kräftigen Beine rabenschwarz glänzen. An letzteren erweitern sich beim Männchen zwar vier Vorderfußglieder, aber nur ihrer drei bekleiden sich mit Filzsohle. Man findet den Käfer vorherrschend in Kiefernwaldungen und besonders zahlreich in Raupenjahren; er ist also dazu berufen, das gestörte Gleichgewicht wiederherstellen zu helfen. Man hat in einem solchen Falle beobachtet, wie ein und derselbe Käfer wohl 10 —15mal einen Baum bestieg, fi) mit einer Raupe der Forleule hinabstürzte, diese würgte und dann sein Werk von neuem begann. In offenem Kampfe, ohne Hinterlist und ohne Furcht geht der Puppenräuber auf seine Beute los. Die große, etwas behaarte Kiefernraupe schlägt, wenn sie angegriffen wird, mit dem freien Körperteile heftig um sich; er aber läßt nicht los und stürzt mit ihr vom Baume. Auf der Erde angelangt, wird die Balgerei fortgesetzt, er unsanft umhergeschleudert, aber alles umsonst für das auserwählte Schlachtopfer; geschwächt und ermüdet, muß sich die Raupe zuletzt in ihr Schicksal ergeben. Der mühsam errungenen Beute froh, setzt sich der Sieger vor ihr zurecht, die vorderen Klauen in sie, die hinteren in den Erdboden einschlagend, und verarbeitet mittels der kräftigen Kinnbacken und der übrigen Mundteile das Fleisch zu einem Brei, den er verschluckt. Sollte ihm bei seinem Mahle ein Ruhestörer zu nahe kommen, so strampelt er mit seinen Hinterbeinen abwehrend oder beißt auch um sich, bis er den Zudringlichen verjagt hat. Dergleichen Beobachtungen lassen sich, wie bereits erwähnt, nur anstellen, wenn die genannten Raupen oder die der Nonne und des Prozessionsspinners für den Forst verderblich auftreten; sind dieselben verschwunden, so kommt der Puppenräuber so vereinzelt vor, daß Jahre hingehen können, ehe man auch nur einen im Freien zu Gesicht bekommt. Seine Entwickelung aus der Puppe erfolgt im Spätsommer oder Herbste, die Paarung nach der Überwinterung.