Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Zu der zweiten Lacordaireschen Legion, zu den Rüsselkäfern mit freien, nicht bedeckten Kinnbacken, zählen alle weiterhin aufzuführenden Arten, zunächst die Stengelbohrer (Lixus). Diese ungemein gestreckten, walzigen Käfer besitzen die merkwürdige
Eigentümlichkeit, sich mit einem ausgeschwitzten gelben Staube zu überziehen und denselben bis zu einem gewissen Grade zu erneuern, wenn er durch Abreiben verloren gegangen ist. Sie breiten sich über alle Erdteile aus, und die Larven der heimischen leben in den Stengeln verschiedener Stauden bohrend.
Der lähmende Stengelbohrer (Lixus paraplecticus) ist ein eigentümlich gebauter Käfer, dessen Gestalt unsere Abbildung vergegenwärtigt, dessen Farbe, wenn der gelbe Überzug abgerieben, graubraun erscheint; das Halsschild ist äußerst fein runzelig punktiert und an dem Vorderrande in der Augengegend lang bewimpert. Ihren Beinamen hat die Art infolge der irrigen Ansicht erhalten, daß die Pferde durch den Genuß der Larve gelähmt würden. Dieselbe lebt nämlich in den dicken, hohlen Stengeln des
Pferdekümmels (Phellandrium aquaticum, neuer: dings Oenanthe aquatica) gleichzeitig mit denen eines gelbgestreiften, grünen Blattkäfers (Helodes phellandrii), in Sium latifolium und anderen am Wasser stehenden Dolden. Wenn man zur Blütezeit einen kleinen Wald der erstgenannten am Rande eines Sumpfes näher ins Auge faßt, kann man einzelne Bohrlöcher von der Größe eines großen Schrotkornes daran entdecken. In solchem Falle flog der Vogel bereits aus, beim Spalten der unverletzten Stengel findet man zu dieser Zeit lose in einem der inneren Fächer ruhende Puppen, eben ausgeschlüpfte, noch ganz weiche und weiße Käfer, aber auch vollkommen ausgebildete, welchen nur noch übrigbleibt, sich herauszunagen. In jedem Fache lebt nur ein Stengelbohrer, während die anderen Mit: bewohner in der Regel zahlreicher beisammen getroffen = 4 Wi werden. | LiLähmender Stengelbohrer. x Derx Käfer überwintert 2 in einem” 2 sicheren— — Verstecke 7 in Gres Patche Order per Nähe folcher Orte, wo im Frühling die jungen Triebe der Futterpflanze aufsprossen; ich habe ihn sehr vollkommen und dicht bestäubt unter anderen am 30. September 1872 in einer mit seiner Futterpflanze umsäumten, zu der Zeit fast ausgetrockneten Lache massenhaft mit dem Streifnetze eingefangen und zum Teil in fest aufeinander sitzenden Pärchen. Auch im nächsten Frühjahr folgt nach anderen Beobachtern die Paarung. Werden seine Wohnplätze vom Frühjahrswasser überschwemmt, so zeigt er sich als geschickter Schiffer oder Schwimmer. Er kriecht dann auch an der Pflanze in das Wasser hinab, und hier unter demselben legt das befruchtete Weibchen seine Eier einzeln. Es geschieht dies zu einer Zeit, wo die wenigsten seiner Futterpflanzen schon aus dem Wasser herausgewachsen sein dürften. Damit er deren Hervorkommen nicht erst abzuwarten brauche, hat die Natur ihn so organisiert, daß er unter dem Wasser jenes Geschäft verrichten kann.
Die Gabelspitzchen an den Enden der Flügeldecken kommen außer ihm in dieser Entwickelung nur noch einer Art zu, sie alle aber stimmen in dem walzigen, mäßig langen Rüssel, dessen Fühlerfurche nach der Kehle hin verläuft, überein. Die ovalen Augen stehen frei vor dem Halsschilde, dessen Hinterrand zweimal seicht gebuchtet ist. Das Schildchen fehlt; die Vorderschenkel ruhen auf kurz zapfenförmigen Hüften, und die sämtlichen Schienen laufen in einen kurzen Haken aus, mit welchem fie sich sehr fest an ihre Unterlage ans klammern. Sofort lassen sie los und mit angezogenen Beinen sich fallen, wenn sie eine Gefahr bemerken, Erschütterung ihres Standortes fühlen ꝛc.; darum streift man sie so leicht in das Netz, welches in mähender Bewegung die oberen Partien der Futterpflanze bearbeitet.
Den bunten Heilipen (Heilipus) in Südamerika sehr nahe steht die Gattung Pissodes, die Vertreter jener in den gemäßigten und kalten Strichen der nördlichen Halbkugel bildend. Die braunen, durch lichte Borstenhaare gezeichneten Arten leben, wie die un: gemein ähnlichen Hylobien, auf Kosten der Nadelhölzer, welche sie, an den jungen Trieben saugend, zur Saftzeit anzapfen. Der Saft fließt aus den zahlreichen Löchern aus, die Rinde bläht und löst sich und der Zweig stirbt ab. Pflanzenkulturen werden hierdurch vorzugsweise beeinträchtigt. Die beiden in dieser Beziehung als „Kulturverderber“ bei der Forstverwaltung besonders schlecht angeschriebenen Käfer haben wir S. 145 u. 147 abgebildet.
Der große Fichtenrüsselkäfer oder große braune Rüsselkäfer (Hylobius abietis) entscheidet sich mit Vorliebe für Fichten und überwiegt an Größe, daher die Namen. Seine Körperform bedarf keiner weiteren Erörterung, hinsichtlich der Färbung sei nur bemerkt, daß auf heller oder dunkler kastanienbraunem Grunde die bindenartig gereihten Flecke rostgelben Borstenhaaren ihren Ursprung verdanken. Drei wesentliche Merkmale unterscheiden ihn von dem folgenden: die nahe am Munde dem dickeren Rüssel angehefteten Fühler, das ebene, dreieckige Schildchen und ein ziemlich tiefer Ausschnitt im Vorderrande der Vorderbrust. Eine stumpfe Schwiele vor der Spitze jeder Flügeldecke und die Dornspitze, in welcher die Schienen nach innen auslaufen, hat er mit dem folgenden gemein; der an jedem seiner dicken Schenkel bemerkbare Zahn endlich unterscheidet ihn von anderen Gesinnungsgenossen. Mit Hilfe jenes Schienendornes können sich die trägen Käfer ungemein festhalten, so daß es schwer und sogar schmerzhaft wird, sie von einem Finger wieder los zu bekommen. Die Hauptflugzeit des Käfers und a N mithin auch feine Paarung fällt in die Monate Mai und PA 0 0 A
% Juni, doch finden sich vereinzelt geeinigte Pärchen auch ee 5 Auf NN e noch im September, ohne daß von dieser Zeit an das Brut: f 8 Nu geschäft seitens der Weibchen weiter verfolgt wird. Wenn 11755ee em! 9 5 von einer Flugzeit gesprochen wird, so meinte man damit Käfer auch vergrößert. die Zeit des allgemeinen Erscheinens, ohne damit immer an Umherfliegen zu denken. Unser Käfer fliegt bei Sonnenschein und zieht sich namentlich behufs des Brutgeschäftes nach entfernter gelegenen Brutplätzen, sobald seine Geburtsstätte sich zu solchen nicht eignet; ist er aber an einem solchen angelangt, so sieht man ihn in trägem Marsche zu Fuße gehen oder an Stämmchen und Zweigen sitzen und fressen. Wie bereits erwähnt, ist er ein Kulturverderber, indem er älteren Stämmen mit dicker, härterer Rinde nicht zu nahe kommt, sondern nur schwache Rinde platzweise benagt. Infolge der Verletzung dringt das Harz hervor, erhärtet und gibt dem Stämmchen oder dem Zweige ein unangenehm grindiges Ansehen, dem das Vergilben der Nadeln und das Absterben der ganzen Pflanze nachfolgt. Während der Paarung besteigt das kleinere Männchen das Weibchen, beide verweilen längere Zeit in dieser Stellung und lassen sich an Stämmen, Klaftern, Planken ꝛc. beobachten; ist dieselbe vorüber, so hört auch der Fraß allmählich auf, die Männchen sterben, die Weibchen erst dann, wenn sie sich ihrer Eier entledigt haben.
Die schmutzig weißen und durchscheinenden Eier werden in die Rindenritze von Stöcken, unterhalb des Wurzelknotens, an die vorstehenden Wurzeln, namentlich aber an die Enden der abgehauenen Wurzeln, gelegt, und daher find Kiefern- und Fichtenschläge, auf weiteren Flächen sich ausdehnende mehr als kleine, die wahren Brutstätten für diesen Käfer.
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Die Larven schlüpfen 2—3 Wochen später aus den Eiern und arbeiten sich in mehr oder weniger geschlängeltem, mit ihrem Wachstum natürlich an Breite zunehmendem Gange bis auf den Splint, bei dünner Rinde auch etwas in diesen hinein, verfolgen die Wurzeläste bis in die Erde hinab, bis 64 cm unter die Oberfläche gehend. Schließlich findet sich am breitesten Ende des Ganges in einem Polster von Bohrspänen die Puppe. Über das Aussehen dieser sowie der Larve bedarf es keiner Worte weiter, da beide durch das Bild zur Anschauung gebracht worden sind. Was die Zeitdauer der Entwickelung anlangt, so ist dieselbe keine so gleichmäßige, daß sie mit voller Bestimmtheit beurteilt werden könnte; denn im Winter findet man Larven, Puppen und Käfer, letztere unter Moos, Bodenstreue, in Bohrlöchern anderer Insekten oder auch in der Erde. Und wenn von der einen Seite eine einjährige, von der anderen eine zweijährige Brut angenommen wird, so können beide Teile recht haben, weil die Lage der Brutstätte, einige Wärmegrade mittlerer Jahrestemperatur mehr oder weniger, begünstigende oder verzögernde Witterungsverhältnisse in dem einen oder dem anderen Jahre an denselben Ortlichkeiten, früheres oder späteres Ablegen der Eier bei der Art, wie unsere Larve lebte, wohl von wejent: lichem Einfluß auf ihre schnelle oder verzögerte Entwickelung sein können.
Wie wir gesehen haben, ist es hier nicht die Larve, sondern der Fraß des Käfers, welcher seine Schädlichkeit bedingt, und zwar unmittelbar durch das Töten der jungen Pflanzen oder mittelbar dadurch, daß der kleine Kiefernrüsselkäfer oder Borkenkäfer angelockt werden und das Zerstörungswerk, ein jeder in seiner Weise, fortsetzen. Die empfindlichste Fraßweise des Käfers ist bereits erwähnt worden; er benagt aber auch Knospen, welche dann nicht zu einer Entwickelung gelangen können, junge Maitriebe, welche der Wind leicht umbricht und geht mit den geringsten Beschädigungen auch an die Knospen junker Birken, Elsen und Cbereschen.
Am sichersten beugt man den Beschädigungen vor, wenn man mit dem Wiederanbau der eben durch Abtrieb entstandenen Blößen 2—3 Jahre wartet, weil dann die in den Stöcken und Wurzeln der geschlagenen Stämme vorhanden gewesene Brut nicht mehr zu finden ist und der ihr entsprossene Käfer in Ermangelung von Nahrung für sich andere Stellen hat aufsuchen müssen. Diese Vorsichtsmaßregel ist namentlich im Harz mit bestem Erfolge in Anwendung gebracht worden, andere übergehen wir hier mit Stillschweigen, weil wir nicht für den Forstschutzbeamten schreiben. Nur des wichtigsten Vertilgungsmittels für den bereits vorhandenen Käfer sei noch in der Kürze gedacht. Man legt Fangrinde und Fangkloben aus und sammelt in den frühen Morgen- und späteren Nachmittagsstunden die sich gern hier anhäufenden Käfer. Als Fangrinde eignet sich die länger frisch bleibende der Kiefer besser als die früher trocknende der Fichte. Es werden Rindenstreifen nach innen eingeknickt und mit der Innenseite der Erde zugekehrt hingelegt, an einem Ende unter Umständen auch durch einen Stein beschwert, damit die Lage gesichert bleibt. Im Königreich Sachsen wurden 1855 in sämtlichen Staatsforsten auf solche Weise 6,703,747 Stück Käfer mit einem Kostenaufwande von 1933 Thlr. 20 Ngr. und im Jahre zuvor 7,043,376 Käfer für 2001 Thlr. 6 Ngr. vom 1. Mai bis 15. Juli eingesammelt, wobei der 30. Mai den reichlichsten Ertrag geliefert hat.
Der kleine braune Fichtenrüsselkäfer (Hylobius pinastri) ist um die Hälfte kleiner und durch die blasser gelbe Behaarung weniger binden: als fleckenartig gezeichnet. Er kommt nach des Forstrates Kellner Beobachtungen häufig im Thüringer Walde (auf sechs große kam ein kleiner) vor und schadet in gleicher Weise, doch soll er sich durch größere Flugfertigkeit und durch den Aufenthalt auf höheren Bäumen vor dem großen auszeichnen.
Der kleine Kiefernrüsselkäfer oder Weißpunktrüsselkäfer (Pissodes notatus) stellt sich uns als zweiter und gefährlicherer „Kulturverderber“ S. 147 ebenfalls vor.
Er unterscheidet sich im Wesen von dem großen Fichtenrüßler durch die in der Mitte des dünneren Rüssels angehefteten Fühler, durch ein rundes und erhabenes Schildchen und durch eine einfache, d. h. nicht ausgeschnittene Vorderbrust. Auch er hat eine braune, bald mehr in Gelb, bald mehr in Rot ziehende Körperfarbe. Die lichten, fast weißen Borstenbüschel, von welchen einige auf dem gekielten Halsschilde stehen, gruppieren sich auf den Flügeldecken zu größeren Flecken vor der Mitte, bindenartig hinter derselben. Die helle Zeichnung war nicht bei allen in der Anlage dieselbe und ändert sich über: dies durch Abreiben der Borsten. Häufig kann das Verschwinden solcher Haaroder Schuppenzeichnungen einem alten, vom Zahne der Zeit benagten Rüsselkäfer ein wesentlich verschiedenes Ansehen von dem jugendlich frischen verleihen. Unser Pissodes notatus läßt sich unter mehreren anderen Gattungsgenossen an der ungleichen Punktierung jeiner Flügeldecken erkennen. Die Punkte nämlich, welche in Streifen über dieselben hinziehen, werden auf der Mitte der Decken viel größer und nehmen eine beinahe viereckige Gestalt an gegen die kleineren und runden ringsum. Wie der große braune Sr WM. Rüsselkäfer,1 1 erscheint, auch „ J,NG e,,NIT} IN2, N dieser kleine im Mai, jedoch ; 3; Kleiner Kiefernrüsselkäfer (Pissodes notatus) an einer Kiefer thätig, deren in größerer Menge und in untere Partie entrindet ist, um das Puppenlager zu versinnlichen. Außerdem Käfer, weiterer Verbreitung als Larve und Puppe etwas vergrößert. jener. Anfangs geht er nur dem Fraße nach, indem er die Rinde der Kiefern und Weimutskiefern, seltener der Lärchen und Fichten ansticht, den Rüssel versenkt und nur wenig Nahrung herauszieht, so daß er viele Wunden beibringt. Diese gleichen groben Nadelstichen und veranlassen infolge des Harzausflusses grindiges Ansehen der Oberfläche. Meist hält er sich an 4- bis Sjährige Pflanzen, verschmäht aber, in Ermangelung dieser auch ältere, bis 30 jährige, nicht. Werden nun die Tage anhaltend wärmer, so nimmt die Lebendigkeit des Käfers zu, und die Paarung erfolgt in derselben Weise und an den gleichen Orten, wie es bei dem großen angegeben worden ist, beim Ablegen der Eier unterscheiden sich beide wesentlich. Das Weibchen dieser Art sucht nicht nur kränkliche Stangenhölzer von 15- bis 30 jährigem Alter, unterdrückte Stämme noch höheren Alters auf, sondern auch gesunde und nur sehr ausnahmsweise Wurzelstöcke oder aufgeklaftertes Holz. Die Larvengänge beginnen meijt 10*