Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
guten Seiten zu überschätzen, und bei anderen wieder durch Reiseberichte sich verlocken ließ, ihre Furchtbarkeit mehr als billig hervorzuheben, mag zugegeben werden. Man darf aber solche Außerungen nicht aus einem großen Ganzen herausgreifen und ein Gewicht darauf legen, das sie nicht beanspruchen. Jedenfalls war Brehm von aller Empfindsamkeit in der Naturauffassung frei, und die Verbreitung des vorliegenden Werkes zeigt, welche außerordentlich bedeutende Menschenzahl er für die Versenkung in das Seelenleben der Tiere und die Größe der Natur gewonnen hat. Das aber ist, abgesehen von seinen wertvollen eigenen Forschungen, die er in Fachzeitschriften niedergelegt hat, ein Verdienst, welches niemand versuchen darf, ihm streitig machen zu wollen.
Ein Blick auf das Leben der Gesamtheit.
Alle mit den Ergebnissen der zeitgenössischen Tierkunde vertrauten Männer wissen, daß in den Lehrbüchern dieser Wissenschaft der Gebieter der Erde die Reihe der belebten Wesen, welche wir „Tiere“ nennen, eröffnet oder schließt: Erste Ordnung, erste Familie, einzige Gattung: Mensch, jo heißt es im Lehrbuche, und es gilt in unserer Zeit als selbst verständlich, daß unmittelbar hinter dem Homo sapiens der Gorilla oder der Orang— Utan folgt. Denn der Mensch ist nichts mehr und nichts minder als ein Säugetier oder ein Tier mit rotem, eigenwarmem Blute, dessen Junge von ihrer Mutter gesäugt werden: und jede Mutter, welche ohne zu grübeln und mit namenloser Wonne ihrem Kinde sich hingibt und jo das schönste Bild des Menschen daritellt, beweist, daß fie der ersten Klasse des Tierreichs angehört; ja auch jeder, selbst der unwissenschaftlichste und oberflächlichste Beobachter gesteht zu, daß zwischen dem Menschen und dem Schimpansen die Ahnlichkeit größer ist als zwischen dem Affen und dem Pferde oder Rinde.
Erst in der Neuzeit hat die Frage über die Stellung des Menschen im Reiche der Tiere die allein richtige Beantwortung gefunden, denn unseren Vorgängern fehlte noch das Beste: ausreichender Stoff zur Vergleichung. Man kannte genau genug bloß den höchststehenden Menschen und zu wenig die nächsten Verwandten desselben. Der allein richtige Weg der vergleichenden Untersuchung wies dem Menschen erst seine natürlichen Verbindungen an.
Die heutige Naturwissenschaft setzt unter allen Umständen das Erforschte und Erkannte an die Stelle des Erdachten und Erträumten. Sie vergleicht den gegenwärtigen mit dem gewesenen, den am weitesten vorgeschrittenen mit dem am tiefsten stehenden Menschen, folgt seinem Entwickelungsgange bis in die tiefste Nacht der Vergangenheit und gelangt so zu einem in vollster Entwickelung begriffenen Wesen und damit zu ganz anderen Ergebnissen, als die Wissenschaft früherer Zeiten zu finden im stande gewesen ist.
Nach dieser Vorbemerkung, durch welche sich das „Tierleben“ ohne Vorbehalt auf den Boden der heutigen Wissenschaft stellen will, erscheint es zwar kaum gerechtfertigt, wenn ich im nachfolgenden das oberste Glied der Säugetierklasse ganz überspringe oder höchstens hier und da berücksichtige. Aber unser Buch darf sich um so mehr ausschließlich mit den übrigen Säugetieren beschäftigen, als es in Rankes Werk „Der Mensch“ eineausführliche Ergänzung aus berufenster Feder erhalten hat.
Der Begründer wissenschaftlicher Tierkunde und der bedeutendste ihrer Vertreter im klassischen Altertume, Aristoteles, verteilte die ihm bekannten Tiere auf neun Gruppen: Die lebendig gebärenden Vierfüßer, welche den heutigen Säugetieren nach Ausschluß der Waltiere entsprechen, die Vögel, die eierlegenden Vierfüßer, unsere ee
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. R
und Lurche umfassend, die Waltiere und Fische. Diesen fünf Gruppen „blutführender“ Tiere, in denen wir unschwer die Wirbeltiere der gegenwärtigen Tierkunde erkennen, reiht er die übrigen vier Gruppen als „blutlose“ an, ohne indessen solchergestalt zwei große Hauptgruppen aufzustellen, was erst um den Beginn dieses Jahrhunderts durch die von Lamarck getroffene Gegenüberstellung der „Wirbeltiere“ und „Wirbellosen“ geschah. Die blutlosen Gruppen des Aristoteles entsprechen allerdings genau den letzteren. Es sind: die Weichtiere, zu denen er freilich nur die Kraken zählte, die Weichschaltiere, mit unseren Krustern zusammenfallend, die Kerftiere, zu denen auch die Spinnen, Tausendfüßer und Würmer gestellt wurden, und endlich die fußlosen Schaltiere, nämlich die Schnecken, Muscheln und Seeigel. 5 Erst im vorigen Jahrhundert wurde die durch den großen Stagiriten in Angriff genommene übersichtliche Gruppierung der tierischen Formen um ein Bedeutendes gefördert, als Karl von Linns neben folgerichtiger Durchführung einer knappen und bestimmten wissenschaftlichen Kunstsprache zum ersten Male das ganze Tierreich auf Gruppenstufen höherer und niederer Wertigkeit verteilte, insbesondere aber für die wichtigste dieser Grup—⸗ penstufen, die Tierart, die zuerst im 17. Jahrhundert bei John Ray als bestimmter Begriff auftritt, die doppelte Namengebung einführte. Die Tierarten vereinigte Linné zu
Gattungen; so bilden der Löwe (Felis leo) und der Tiger (Felis tigris) zwei verschiedene Arten der Gattung der Katzen (Felis). Aus den Gattungen setzen sich die Familien und aus diesen die Ordnungen zusammen; endlich vereinigen sich die Ordnungen zu Klassen. Von letzteren unterschied Linné sechs: Säugetiere, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und Würmer. Mit George Cuvier, welcher, gestützt auf seine außerordentlichen Kenntnisse vom inneren Leibesbau der Tiere, das Tierreich nach den Besonderheiten des Nervensystems und den Lagerungsbeziehungen der Hauptorgane in vier durch ebenso viele „Baupläne“ ausgezeichnete Kreise teilte, gelangen wir allmählich zu den heutigen Hauptabteilungen. Cuvier unterschied Wirbel- und Weich-, Glieder- und Strahltiere. Durch berichtigende und verbessernde Trennungen und Zusammenfassungen der diesen vier Kreisen Cuviers untergeordneten Gruppen gelangten seine Nachfolger zur Aufstellung einer größeren An: zahl oberster Gruppenstufen des Tierreiches, welche man, neueren Anschauungen entsprechend, mit Vorliebe Tierstämme nennt. Wir werden deren neun unterscheiden: die Wirbel-, Mantel- und Weichtiere, die Weichtierähnlichen, die Gliederfüßer, Würmer, Stachelhäuter, Hohl- und Urtiere. Will man diese neun Kreise in zwei große Hauptabteilungen sondern, so empfiehlt sich mehr als die Unterscheidung von Wirbeltieren und Wirbellosen diejenige von Darm⸗ und Urtieren. Jene besitzen einen allerdings hier und da verkümmerten Darm und mehrere durch die Verschiedenartigkeit des feineren Gefüges gekennzeichnete Körperschichten; diesen fehlt mit dem Darme der Aufbau aus gesonderten Schichten; sie besitzen nur den Formenwert einer einzigen „Zelle“ oder höchstens einer kleinen Gemeinde gleichartiger Zellen.
Es ist unerläßlich, daß wir, wenn auch nur flüchtig, einen Blick auf die Gesamtheit der Wirbeltierklassen werfen, von denen uns diejenige, der wir selbst angehören, demnächst zuerst beschäftigen soll. Alle Wirbeltiere kennzeichnet vor allem ein inneres, knorpeliges oder knöchernes Achsenskelett, an dessen Rückenseite die Hauptmasse des Nervensystems liegt, während die Werkzeuge der Verdauung und Atmung, das Herz und die Harn- und Geschlechtsorgane an der Bauchseite des Achsenskeletts liegen. In der Richtung dieses Achsenskeletts weist der Wirbeltierkörpereine Gliederung in eine Reihe von Folgestücken auf, an welcher die meisten Organe mehr oder weniger deutlich teilnehmen, und alle Organe zeigen im
großen und ganzen eine Anordnung, welcher zufolge der gesamte Körper in zwei einander spiegelbildlich gleiche Hälften zerfällt, deren Ebenmaß indessen häufigen Störungen unter: worfen ist. Bei keinem Wirbeltiere überschreitet die Anzahl der paarig angeordneten Gliedmaßen vier, ohne daß diese Anzahl indessen bei allen Wirbeltieren erreicht oder beibehalten wäre. Das in einem vollständig geschlossenen Gefäßnetze kreisende Blut der Wirbeltiere ist mit Ausnahme des farblosen Blutes des Lanzettfischchens von roter Farbe, gebunden an die in der Blutflüssigkeit schwebenden Blutkörperchen. Die Atmungsorgane der Wirbeltiere, mögen sie aus Kiemen oder Lungen bestehen, sind stets mit dem vorderen Abschnitte des Darmes verbunden. Innerhalb des Kreises der Wirbeltiere werden wir, den herrschenden Anschauungen entsprechend, nur fünf Klassen unterscheiden: die Säugetiere, Vögel, Kriechtiere, Lurche und 5 che.
Die Säugetiere schienen früher die am schärfsten und bestimmtesten nach außen hin abgegrenzte Wirbeltierklasse zu bilden. Heute läßt sich solches kaum von ihnen aussagen. Als wichtigstes und allen anderen Tieren fehlendes Merkmal der Säugetiere konnte, ihrem Namen entsprechend, bis vor kurzem der Besitz von Milchdrüsen zur ersten Ernährung der Jungen aufgefaßt werden. Allein nach Gegenbaur scheiden die Säugedrüsen der Schnabeloder Kloakentiere keine wirkliche Milch, verflüssigten Hauttalg, sondern eine schweißartige Ernährungsflüssigkeit ab, denn eine sorgfältige Untersuchung hat ergeben, daß diese Drüsen umgewandelte Schweiß-, nicht aber, wie bei den übrigen Säugern, ursprünglich Talgdrüsen sind. Zudem ist der Besitz von wirklichen Haaren, welche bei keinem anderen Wirbeltiere vorkommen und deshalb zur Kennzeichnung der Säuger dienen könnten, nicht allen Säugetieren eigen. Bei allen Walfischen ist nur noch die Oberlippe, und diese oft nur beim ungeborenen Jungen, mit vereinzelten Haaren besetzt. Das warme Blut, das indessen bei dem zu den Kloakentieren gehörigen Ameisenigel beträchtlich weniger warm ist als bei anderen Säugern, teilen diese letzteren mit den Vögeln; nicht minder auch den Besitz der Lungen als ausschließlicher Atmungsorgane. Ein doppelter Gelenkhöcker am Hinterhaupte kommt außer den Säugern auch den Lurchen zu. Auch die Eigenschaft des Lebendiggeborenwerdens findet sich nicht bei allen Säugetieren, denn die Kloakentiere legen Eier mit fester, pergamentartiger Schale, und beim Ameisenigel werden diese Eier längere Zeit hindurch regelrecht in einem Hautbeutel bebrütet. Dagegen besitzen die Säugetiere in dem vollkommenen, die Brust⸗ von der Bauchhöhle trennenden Zwerchfelle eine besondere Auszeichnung.
Der Schädel ist bei den Säugetieren von der Wirbelsäule getrennt und besteht überall aus den nämlichen, im wesentlichen gleichartig verbundenen Knochenstücken; sein Oberkiefer ist stets mit ihm verwachsen, und die in ihm und dem Unterkiefer stehenden Zähne haben, so verschiedenartig sie gebaut oder gestellt sein mögen, doch das Eine gemein, daß sie immer in Zahnhöhlen oder Alveolen eingekeilt sind. Meistens sieben Wirbel bilden den Hals, mag er nun kurz oder lang sein, den Hals der Giraffe ebensowohl wie den des Maulwurfes. Schon den Vögeln gegenüber zeigt sich der Hals der Säugetiere somit als durchaus einhellig gebaut: denn dort nimmt mit der Länge des Halses auch die Zahl der Wirbel beträchtlich zu. Der Brustteil der Wirbelsäule wird von 10— 24, der Lendenteil von 2— 9, die Kreuzbeingegend von 1—9 und der Schwanz von 4—46 Wirbeln gebildet. Rippen oder Rippenstummel kommen zwar an verschiedenen Wirbeln vor; doch versteht man gewöhnlich unter den Rippen bloß diean den Brustwirbeln sitzenden, platten und gebogenen Knochen, welche sich mit dem Brustbeine entweder fest oder durch Knorpelmasse verbinden und die Brusthöhle einschließen. Ihre Anzahl stimmt regelmäßig mit jener der Brustwirbel 1*
überein; die Anzahl der wahren oder das Brustbein erreichenden im Verhältnisse zu den sogenannten falschen oder durch Knorpelmasse mittelbar an das Brustbein gehefteten oder frei endigenden Rippen ist aber großen Schwankungen unterworfen. Die Gliedmaßen sind diejenigen Teile des Säugetierleibes, welche schon im Gerippe die größten Verschiedenheiten bemerklich werden lassen: — fehlt doch das hintere Paar manchen Waltieren gänzlich oder verkümmert wenigstens bis auf unbedeutende Reste! Auch am vorderen Gliederpaare weisen namentlich der Schultergürtel und die Hand oft wesentliche Abweichungen auf; das Schlüsselbein kann sehr stark sein oder gänzlich fehlen; die Finger sind sämtlich vorhanden oder zum Teil verkümmert, je nachdem die Hand zur Pfote oder Tatze, zum Hufe oder zur Flosse geworden ist: es kann die gewöhnliche Fingerzahl Fünf bis auf Eins herabsinken. Die Ausbildung der Knochen des Beines ist nicht minder verschiedenartig.
Das Knochengerüst des Säugetierkörpers wird durch die Muskeln bewegt, durch dieselben Gebilde, welche bei vielen Tieren für uns weitaus das Wichtigste des ganzen Leibes sind, weil sie uns zur Nahrung dienen. Diese Muskeln, welche wir im gewöhnlichen Leben einfach „Fleisch“ zu nennen pflegen, sind an den Knochen befestigt und bewegen diese nach verschiedenen Richtungen hin. Ich würde eine genaue Kenntnis des menschlichen Leibes voraussetzen müssen, wollte ich sie beschreiben, und ich will meinen Lesern nicht gern durch nicht streng hierher gehörige Auseinandersetzungen lästig werden. So mag es genügen, wenn ich bemerke, daß die Muskeln durchaus im Einklange mit den Eigentümlichkeiten des Gerippes und mit der Lebensweise des Tieres stehen, welche, teilweise wenigstens, mit der Gestalt desselben eng zusammenhängt. Mannigfache Veränderungen der ganzen Anlage erschweren zudem eine übersichtliche Beschreibung. Dem einen Tiere fehlt dieser Muskel ganz, bei dem andern ist er besonders entwickelt: der Wal besitzt gar keine eigentlichen Halsmuskeln, bei dem Affen sind sie fast ebenso ausgebildet wie bei dem Menschen; die Säugetiere, welche klettern, graben, flattern oder greifen, haben starke Brustmuskeln zur Beugung des Armes, diejenigen, welche laufen, starke Hüft- und Schenkelmuskeln; die, welche den Schwanz als fünftes Bein oder überhaupt statt der hinteren Beine benutzen, besitzen an ihm kräftige Schwanzmuskeln; die Gesichtsmuskeln sind bei allen Raubtieren auffallend verstärkt. Kurz, jedes Tier zeigt eine seiner Lebensweise entsprechende Ausrüstung.
Sehr verschiedenartig gebaut sind auch die Weichteile des Säugetierleibes. Die Verdauungswerkzeuge lassen, so sehr sie einander im ganzen ähneln, viele Abweichungen in ihrem Baue erkennen. Der Mund hat durchweg fleischige und feinfühlende Lippen. Die in beide Kiefern eingekeilten und sie bewaffnenden Zähne kommen in höchster Ausbildung nur bei Säugetieren vor und sind für die Lebensweise sowie für die wissenschaftliche Einordnung und Bestimmung von entscheidender Bedeutung. Ihre Einteilung in Schneide⸗, Eck⸗, Lücken⸗ und Backenzähne ist bekannt, und ebenso weiß man wohl auch, daß wiederum der Mensch in seinem Gebisse eine seltene Einhelligkeit der verschiedenen Zahnarten zeigt; denn jeder meiner Leser hat gesehen, wie sehr die Eckzähne im Maule des Hundes die Schneidezähne oder wie sehr diese im Maule des Eichhornes die Backenzähne durch ihre Ausbildung überbieten. Die Zähne stehen immer in hohem Einklange mit der Ernährungsweise des Tieres: