Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Schon während des Erscheinens vom ersten Bande des „Tierlebens“ war aus Hamburg der verlockende Ruf an Brehm gelangt, die durch den Tod des Barons von Merk erledigte Stelle eines Direktors des dortigen zoologischen Gartens zu übernehmen. Da der Plan vorlag, den Garten völlig umzuschaffen, und auch die Mittel dazu vorhanden waren, diesen zu einer der ersten Anstalten dieser Art in Deutschland zu erheben, so mußte der Antrag für ihn doppelt verführerisch erscheinen, zumal in anbetracht der Aussicht, daß er dadurch Gelegenheit erhalten sollte, gefangene Tiere in noch viel größerem Umfange und mit größerer Bequemlichkeit als bisher zu beobachten und diese Studien für sein begonnenes Werk auszunützen. In der That ist es ihm auch gelungen, den Garten und das damit in Verbindung gebrachte Aquarium schnell zu einem bis dahin noch nicht vorhandenen Glanze zu bringen. Allein das Amt hatte seine schweren Schattenseiten in der Abhängigkeit von den Meinungen einer vielköpfigen „Zoologischen Gesellschaft“, deren Wünsche oft seine besten Absichten durchkreuzten, seine Thätigkeit lähmten und bald ganz verleideten. Brehms Charakter hatte sich während der fünfjährigen afrikanischen Reise zu einer starken Subjektivität und zu einem lebendigen Unabhängigkeitsgefühl entwickelt. Als Führer einer kleinen Karawane, der gegenüber Entschlossenheit und Entschiedenheit notwendige Bedingungen waren, niemand als sich selbst verantwortlich und dem Besterkannten rücksichtslos folgend, war er nicht der Mann geworden, sich irgendwie unterzuordnen und fremden Wünschen, die ihm unzweckmäßig schienen, im geringsten, selbst nur scheinbar entgegenzukommen. Sonst von weicher Gemütsart, wohlwollend gegen jedermann, den Freunden in der Not ein zuverlässiger Freund, war er unbeugsam, wenn es die Vertretung seiner Überzeugung galt, und ganz unmöglich schien es ihm, der sich brüstenden Mittelmäßigkeit oder unfähigen, aber einflußreichen Leuten eine Schmeichelei zu sagen. Er hätte einen vortrefflichen Selbstherrscher abgegeben, aber für den gewöhnlichen, auf ein wenig Heuchelei und Schmiegsamkeit beruhenden gesellschaftlichen Verkehr war er nicht geschaffen, und mochte die kleine Frau, der er sonst nicht leicht etwas abschlagen konnte, noch so sehr bitten, dem oder jenem III“
Einflußreichen ein freundliches Gesicht zu machen und seinen Rat zu erbitten, die kurze Antwort lautete fast immer: „Wozu denn? Ich thu's nicht!“ und damit war die Sache abgethan. Man begreift, daß eine solche Unbeugsamkeit bald zu Reibungen und endlich zum Bruche führen mußte. Obendrein war zu dieser Zeit der Tod seines verehrten und geliebten Vaters (am 23. Juni 1864) dazu gekommen, seine Stimmung zu verschlechtern. Unermübliche geistige Arbeit — denn es galt ja, das „Tierleben“ fertigzustellen — half ihm über diese Aufregungen und Zerwürfnisse hinwegzukommen.
Gleichwohl begab er sich von neuem in ein ähnliches Joch, was man bei seinem Charakter und nach den gemachten Erfahrungen als einen Fehler und Irrtum bezeichnen muß, den er dann auch wieder schwer genug zu büßen hatte. Aber als er Ende 1866 Hamburg verließ, eröffnete sich ihm unter, wie er glaubte, ungleich günstigeren Anzeichen die Aussicht, eine Musteranstalt für Tierpflege in der preußischen Hauptstadt begründen zu helfen und dieser als unabhängiger, d. h. keinem wissenschaftlichen Komitee untergeordneter, Leiter zur Blüte verhelfen zu können, und einer solchen Aussicht mochte es allerdings schwer sein, zu widerstehen. Es handelte sich um die Begründung des Berliner Aquariums, dessen Bau von einer Aktiengesellschaft geplant war, und zu dessen Leitung dann auch Brehm bald gewonnen wurde. Mit dem frühverstorbenen genialen Baumeister W. Lüer aus Hannover wurde nunmehr ein Plan entworfen und ausgeführt, der weder in seinem großartigen Entwurfe noch in seiner poetischen Ausgestaltung bis dahin ein Vorbild gehabt hatte. Es durfte nicht ein nüchternes Gebäude mit Sälen voller kastenförmiger Wasserbehälter werden, sondern ein halbunterirdischer Grottenbau, in dessen Gängen man sowenig wie möglich an künstliche Veranstaltungen erinnert werden sollte, so daß der Beschauer, gleichsam auf dem Meeresgrunde wandelnd, in natürliche Felshöhlungen blickt, in denen das von oben hereinfallende Licht jedesmal eine andere Tierwelt sichtbar macht, ohne daß die Wassertiere durch den An: blick des im Dunkeln bleibenden Besuchers gestört werden. Ursprünglich hatte man wohl wie bei den älteren Anlagen dieser Art sich auf die Schaustellung der Wassertiere zu beschränken gedacht, aber durch Brehms Eintritt wurde der Plan alsbald umgestaltet, denn er erkannte mit Recht die Vielseitigkeit des Inhalts für eine Grundbedingung der gedeihlichen Entwickelung eines solchen Unternehmens und wollte vor allem und unter keinen Umständen seine Lieblinge, die Vögel, darin vermissen. Brehms Grundidee war mit seinen eigenen Worten, daß dem Besucher in verlockender Kürze ein Spaziergang von der Wüste aus durch den Urwald zum Meere dargeboten werde. Wie richtig die eben erwähnte Forderung der Vielseitigkeit war, geht daraus hervor, daß noch heute neben den eigentlichen Wassertieren stets besondere „Zugstücke“ nötig sind, um das Interesse der Besucher lebendig zu erhalten, und es darf nur an die Rolle der anthropoiden Affen erinnert werden, welche trotz der bedeutenden, durch ihre Hinfälligkeit verursachten Kosten fast niemals im Berliner Aquarium gefehlt, ja dessen besonderen Ruhm ausgemacht haben.
Die verschiedensten Gebirgsgegenden Deutschlands mußten dazu beitragen, durch Lie-ferung der Bausteine diesen „Tempel der Natur“ zu einem schon in seinem Aufbau lehrhaften zu gestalten. Basaltsäulen vom Siebengebirge, Tropfstein vom Deister, Felsblöcke aus dem Harz, Thüringer Wald und Erzgebirge wurden herbeigeschafft, um unter der geschickten
Leitung des Maurermeisters Seiffarth nicht nur zu den phantastischen Grottenwerken zusammengefügt zu werden, die das Erstaunen jedes Besuchers fesseln, sondern auch zu einer „geologischen Grotte“ geordnet zu werden, in der man den Bau der Erdrinde mit Einem Blicke übersieht. Auch sonst wurde die anregende Belehrung überall und unmerklich der Schaulust verschwistert, so z. B. in einer Darstellung der künstlichen Fischzucht, die Brehm um so mehr am Herzen lag, als er damals dem hilflos daniederliegenden Berliner Schriftsteller H.Beta den Stoff zu seinem Werke über „Die Bewirtschaftung des Wassers“ beschaffte und ihm unermüdlich beistand, es in entsprechender Weise zu vollenden. Denn Beta verstand als ursprünglich politischer Schriftsteller wenig genug von diesen Dingen und hätte das Buch ohne Brehms Unterstützung gar nicht schreiben können.
Es war eine Lust, zu sehen, mit welchem Eifer und Erfolge Brehm daran ging, seine Anstalt auch in Bezug auf den Inhalt des Wunderbaues zu der reichsten der Welt zu machen. Sein Name, seine vielseitigen Verbindungen und vor allem seine alte Übung und sein Geschick in der Tierpflege kamen ihm hierbei natürlich auf das beste zu statten. Ich erinnere mich eines Besuches bei Brehm noch vor Eröffnung des Aquariums, bei dem ich Gelegenheit hatte, seine Fürsorge und sein Geschick in der Behandlung der Tiere zu beobachten. Wir fanden ihn mitten unter Kisten und Kasten, die ihm Tierschätze aus allen Teilen der Welt zugeführt hatten, und zwischen den Kisten war ein förmliches Gewächshaus von Zimmerpflanzen aufgebaut, auf denen eine große Schar von Chamäleons, wohl an die 40— 50 Stück, saßen. Brehm erzählte uns, wie er anfangs in großer Not gewesen wäre, die wunderlichen Tiere am Leben zu erhalten, denn sie hätten eine jämmerliche Pergamentfarbe angenommen und wollten weder Speise noch Trank zu sich nehmen. Da sei er auf die Idee gekommen, daß ihnen vielleicht der starke Morgentau ihrer Heimat fehle, und er habe sie mit einem sogenannten Verstäuber leicht abgebraust, worauf sie so frisch grün und munter wurden, wie wir sie sahen. Es war ein wunderbares Genrebild, den Naturforscher so in seiner Versuchsanstalt zu sehen, besonders als sein kleiner Sohn, der jetzige Arzt Dr. Horst Brehm, hereinkam und ein junges Krokodil, fast so lang wie er selbst, quer unter dem Arme trug, ohne sich vor dem drohend aufgesperrten Rachen desselben zu fürchten.
Nach alledem war es nur natürlich, daß sich das Berliner Aquarium seit seiner Eröffnung (1869) unter Brehms Leitung bald einen Weltruf erwarb und zum Vorbilde für die meisten später errichteten Anstalten dieser Art dienen mußte. Noch heute ist die oben angedeutete Grundidee Brehms für den Besuch des Aquariums maßgebend geblieben. Man gelangt vom Eingange her zunächst durch den „Schlangengang“, in dem sich zu beiden Seiten allerhand Reptile und Schlangen nebst Skorpionen und ähnlichem Gezücht im heißen Wüstensande regen, in die vom Geschrei vielfarbiger Vögel erfüllte Hauptgrotte, die den „Urwald“ mit seinen Nester bauenden Vögeln, fliegenden Hunden, Affen und anderen Kletter-tieren repräsentiert, bevor man an Krokodil- und Schildkrötenbecken, Biberbauten und anderen Anlagen vorbei zu dem eigentlichen Aquarium und zwar zuerst zu den Süßwasserbecken und dann zu den Meeresbecken im untersten Geschoß des Baues gelangt. Natürlich fehlte es auch hier nicht an sachlichen und persönlichen Hindernissen. So bereitete die Her: stellung eines den Meerestieren zuträglichen künstlichen Seewassers anfangs Schwierigkeiten,
bis es dem damaligen Chemiker, jetzigen Direktor der Anstalt, Dr. Hermes, gelang, diesem Übelstande abzuhelfen. Ernsthafter waren auch hier die persönlichen Reibungen, die sich nach und nach zwischen den zum Zusammenwirken berufenen Männern entwickelten. In dem Bewußtsein des reinsten Strebens für das Beste der ihm anvertrauten Anstalt und in den Mitteln nicht kargend, wurde Brehm leicht schroff in seinen Abweisungen, wenn man in seine Pläne hineinzureden oder sie gar zu durchkreuzen suchte, und so wurde auch hier ein ersprießliches Zusammenwirken mit der Zeit unmöglich und das Amt zuletzt zu einem wahren Martyrium für den selbstbewußten Mann. Auf welcher Seite dabei die größere Schuld gelegen hat, soll hier nicht untersucht werden, nur das muß erwähnt werden, daß die Gegenpartei so weit ging, durch allerhand dunkle Ehrenmänner die erbärmlichsten Gerüchte gegen die Lauterkeit der Brehmschen Geschäftsführung auszustreuen. Niedrige Seelen haben zuletzt kein anderes Mittel zu ihrer Kriegsführung als die Verleumdung, aber daß er sie so weit reizen mußte, war sein tragisches Verhängnis.
Nach etwa achtjähriger, äußerlich erfolgreicher Leitung legte er im Frühjahre 1874 müde und krank das Amt nieder, welches er besser nicht übernommen hätte, und wie schlimm die Erregungen der letzten Jahre auf seine Gesundheit eingestürmt hatten, geht daraus hervor, daß er unmittelbar darauf in eine heftige Krankheit (Gehirnentzündung) verfiel und nur mit Mühe und Not aus drohender Lebensgefahr errettet werden konnte. Um sich zu erholen, verlegte der vom schweren Krankenlager Erstandene für einige Zeit seinen Wohnsitz nach Kunersdorf bei Hirschberg am Riesengebirge, woselbst er sich in der frischen Gebirgsluft auch bald so erholte, daß er zu Michaelis desselben Jahres mit seiner Familie wieder nach Berlin zurückkehren konnte. Von da ab ist er ein freier Mann geblieben, der nur seiner natürlichen Anlage und Befähigung, als Naturforscher und Volksschriftsteller zu wirken, lebte und seine Zeit fortan so einteilte, daß er in der Regel im Sommer an seinen Büchern arbeitete, während er im Winter jene Vortragsreisen durch die größeren Städte Deutschlands und der benachbarten Länder unternahm, die unter den Gebildeten aller Stände einen so außerordentlichen Beifall gefunden haben. Brehms Vortrag hatte große Vorzüge, denn abgesehen von seinem klangvollen Organ, verfügte er über die Gabe, ohne falsches Pathos und ohne schauspielerische Künste einfach und doch überaus eindringlich und lebensvoll zu schildern. Obwohl er meist über seine eigenen Beobachtungen in Afrika oder im hohen Norden berichtete, hatte man niemals das Gefühl, einen berühmten „Afrikareisenden“, der zehnmal „im Interesse der Wissenschaft“ in Gefahr war, zu verhungern oder aufgefressen zu werden, vor sich zu haben, und dieses bescheidene Zurücktreten der eigenen Persönlichkeit übte auf alle Zuhörer einen unwiderstehlichen Zauber.
Er konnte seine Muße damals wohl gebrauchen, denn er hatte sein Buch „Gefangene Vögel, ein Hand- und Lehrbuch für Liebhaber und Pfleger einheimischer und fremdländischer Käfigvögel“, von dem 1872 der erste Band erschienen war, und in dem er seine eigenen Erfahrungen wie diejenigen der namhaftesten Praktiker wiedergab, zu beendigen, und neben der Vollendung dieses Werkes (1876), welches der Stubenvogelpflege zum ersten Male eine gediegene Grundlage gab, und von welchem der große Aufschwung dieser Liebhaberei datiert, für die er auch in der „Gartenlaube“ fortdauernd wirkte, kam die Bearbeitung
einer neuen Auflage von Roßmäßlers „Süßwasser-Aquarium“ (1875) und vor allem diejenige der zweiten Auflage des „Tierlebens“ an die Reihe, von dem der erste Band 1876 ausgegeben wurde. Wer die erste Auflage dieses großen Werkes mit der zweiten vergleicht, weiß, daß die Neubearbeitung ein Stück ernster Arbeit einschloß, denn Brehm hatte sich durch den seltenen und verdienten Erfolg nicht verführen lassen, die Hände in den Schoß zu legen, sondern ergänzte, feilte, verbesserte und berichtigte unermüdlich weiter. Das Werk, welches ursprünglich nur 6 Bände umfaßte, wuchs fast auf das Doppelte des Umfanges heran. Zu den erprobten Zeichnern der ersten Auflage war eine Reihe vortrefflicher neuer Künstler getreten, denen gegenüber es unrecht sein würde, wenn wir nicht wenigstens Guftav Mützels und Ludwig Beckmanns besonders gedenken wollten.
Aber lange bevor er diese Arbeit vollendet hatte, gelangte wieder eine Aufforderung zur Mitreise in ferne Himmelsstriche an ihn, der er bei feinem unzähmbaren Forscher-, Jagd: und Reisedrang nicht zu widerstehen vermochte, zumal die auf Vermehrung seines Ruhmes mehr als er selbst bedachte Gattin dazu drängte, die Gelegenheit, neue Länder zu sehen, nicht ungenutzt vorübergehen zu lassen. Wir sprechen von dem Vorschlage und der Aufforderung seines langjährigen Freundes und Berufsgenossen Dr. Otto Finsch aus Bremen, an der wissenschaftlichen Expedition zur Erforschung von Westsibirien, die von dem „Verein für die deutsche Nordpolarfahrt in Bremen“ ins Leben gerufen wurde, teilzunehmen. Im wesentlichen bestand diese Expedition, zu deren Kosten A. M. Sibiriakoff in Irkutsk 20,000 Mark beitrug, nur aus Brehm und Finsch, welche beide ihrem eigentlichen Fache nach Ornithologen waren, und es darf als ein günstiger Umstand bezeichnet werden, daß sich ihnen ein württembergischer Offizier, Graf Karl von Waldburg-Zeil-Trauchburg, der zugleich Botaniker war, auf eigene Kosten anschloß. Die Reise wurde nach den besten Vorbereitungen im Vorfrühling 1876 angetreten, und schon am 19. März langten die Teilnehmer mit der Eisenbahn in Nishni-Nowgorod an, von wo die Weiterbeförderung auf bösen, durchgetaueten Wegen in Schlitten über den Ural erfolgte, dann teils zu Pferde, teils auf Kamelen durch Kosaken-, Tataren- und Kirgisensteppen bis zum Alatau und Altai fortgesetzt wurde, worauf nach einem kurzen Ausfluge über die chinesische Grenze, durch die Gebiete der Samojeden und Ostjaken nordwestlich nach den Tundren aufgebrochen wurde, bis zum Karischen Meere hin, wobei ein ansehnlicher Teil des Hin- und Rückweges zu Wasser, teils in kleineren Fahrzeugen, teils mit Flußdampfern, zurückgelegt wurde.