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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Seine Gedanken weilten jetzt noch unablässiger als sonst daselbst, denn sein ungefähr sieben Jahre älterer Stiefbruder Oskar hatte sich entschlossen, die Gefahren der Sudanreise, deren Vorbereitungen nun immer ernstlicher betrieben wurden, zu teilen. Der vom österreichischen Konsulat erwirkte Ferman der ägyptischen Regierung, welcher den Reisenden alle möglichen Erleichterungen zu verschaffen und bei allen ägyptischen Behörden freundliche und ehrenvolle Aufnahme zu sichern bestimmt war, befand sich bereits seit März 1849 in Brehms Händen und war ihm schon jetzt im Verkehre mit den letzteren von wesentlichem Vorteile. Allerdings hatte er sich nun auch sonst genugsam eingelebt, um zu wissen, wie man türkischen Beamten entgegentreten muß, um seinen Zweck zu erreichen. Er hatte seinen auf der Nilfahrt als Diener angenommenen Ali, den ausgedienten türkischen Soldaten, als Khawas mit silberbeschlagenen Pistolen im Gürtel ausgerüstet, um ihn, der seine Rolle mit der erforderlichen Unverschämtheit spielte, bei allen Gelegenheiten in den Diwan der türkischen Machthaber, von denen irgend etwas erlangt werden sollte, vorauszuschicken. Diesem auf

genauer Volkskenntnis begründeten, wenn auch für den einfachen Pfarrerssohn ziemlich anspruchsvollen Auftreten verdankte er große Annehmlichkeiten, da viel darauf ankommt, auf diese jahrtausendelang geknechteten und an Unterwerfung unter jedes machtvolle Auftreten gewöhnten Völker zunächst durch den Schein Eindruck zu machen.

Während der Baron von Müller in den wissenschaftlichen Zeitschriften Deutschlands großartige Ankündigungen über das beabsichtigte Vordringen seiner „dritten Expedition“ bis zum Herzen des schwarzen Weltteiles verbreitete und die österreichische Regierung dafür zu gewinnen suchte, wartete Brehm in Kairo sehnsüchtig auf die verheißenen Geldsendungen zur Ausrüstung derselben. Der erstere hatte sich einen Kostenanschlag für eine auf dem Weißen Nil bis zu den Bari⸗Negern unter dem 4. Grad nördlicher Breite ausgedehnte Expedition ausgebeten, denn dort sollten die Reisenden dauernden Aufenthalt nehmen, Anpflanzungen machen, die Sprache erlernen und das Vertrauen der Eingeborenen gewinnen, um ihn (den Baron Müller) daselbst zu erwarten. Brehm berechnete die Kosten einer solchen Expedition für zwei Europäer mit Dienerschaft, einschließlich der Ausrüstung mit einer Nilbarke und anderen Gegenständen, für die Dauer von 18 Monaten auf 84,000 Piaster (ca. 5600 Thaler). Am 24. November traf Brehms Bruder Oskar mit dem Dr. med. Richard Vierthaler aus Köthen, der sich der Expedition auf eigene Kosten anschließen wollte, ein, brachte aber vom Baron von Müller statt der beanspruchten 84,000 nur 30,000 Piaster mit, eine Summe, die bereits durch die Ausrüstung und Anschaffung der Lebensmittel nahezu aufgebraucht war, so daß Brehm als Führer der Expedition (da Baron von Wrede unter diesen Verhältnissen vorgezogen hatte, zurückzutreten) es nicht hätte verantworten können, seine Gefährten mit den wenigen hundert Thalern, die noch übrig waren, in so weite Fernen zu führen. Endlich, nachdem der Baron noch 500 Thaler gesendet und fest versprochen hatte, zum 1. Juli mit weiteren Mitteln in Chartum einzutreffen, konnte die neue Reise am 24. Februar 1850 angetreten werden. Alle Teilnehmer waren frohester Hoffnung, und keiner ahnte, daß von der gesamten Expedition nur der Führer die Heimat wiedersehen würde.

Die Reise, zu der außer dem türkischen Invaliden Ali noch zwei deutsche Bediente, Karl Schmidt und August Tischendorf, sowie mehrere Nubier geworben waren, ließ sich denn auch anfangs glücklich an. Neben der höheren Jagd wurde diesmal auch die niedere Jagd auf Käfer und andere Insekten (von Brehms Bruder) eifrig betrieben, namentlich als die Reisenden von Wadi Halfa ab ihren Weg auf Kamelen nach Neu-Dongola fortsetzten, woselbst sie am 26. April eintrafen, und so war alle Aussicht vorhanden, daß die Ausbeute diesmal noch erheblich über die der ersten Reise hinausgehen würde. Allein bereits in Dongola, woselbst man für mehrere Tage Aufenthalt genommen hatte, wurden diese Hoffnungen durch einen überaus harten Schicksalsschlag grausam vereitelt. Bei einem gemeinsamen Bade der Brüder im Nil ertrank Oskar Brehm am 8. Mai 1850 und mußte in der Wüste bei Dongola bestattet werden. „Sein Tod“, schrieb Brehm einige Jahre später, „war der härteste Schicksalsschlag, der mich je betroffen hat.“ Die aufrichtige Teilnahme von fünf Religionsparteien, welche dem Fremdlinge aus Deutschland die letzte Ehre erwiesen, mochte einige Linderung gewähren; der Gouverneur der Provinz kam persönlich, um Brehm zu trösten, und sandte von dem Baue einer Moschee Steine, um das Grab zuzuwölben. Mit

welchen Gefühlen die Reisenden am 14. Mai weiterzogen, kann man sich vorstellen; die Frage, ob irgend einer von ihnen die Heimat wiedersehen würde, wich monatelang nicht aus ihren Gedanken. Auch für die Expedition an sich war der Tod des älteren Brehm ein unersetzlicher Verlust, denn er war ein überaus eifriger Sammler und hatte jene Liebe und jenen Blick für das Kleinleben in der Natur, die dem jüngeren Brehm gemangeltzu haben scheinen, wenigstens findet man in seinen Reisewerken nur ausnahmsweise eines Käfers oder Schmetterlings gedacht, die doch in jenen warmen Zonen einen so auffälligen Bestandteil des Tierlebens ausmachen. Am 13. Juni erreichte die Karawane nach mancherlei Beschwernissen Chartum, fand bei den alten Freunden Brehms einen herzlichen Empfang und auch von seiten des inzwischen eingesetzten neuen Generalgouverneurs der Königreiche des Sudan, Abd el Latif Pascha, eine gute Aufnahme. Der letztere, ein als Sklave nach Konstantinopel und später nach Agypten gelangter, im Dienste des Vizekönigs Mohammed Ali emporgekommener Tscherkesse, hatte inzwischen mit kräftiger Hand der bei Brehms erstem Aufenthalte vorhandenen Un: ordnung und dem rein auf persönlichen Erwerb gerichteten Ausbeutesystem der einheimischen Beamten wie der dort ansässigen Europäer gesteuert, und es wurdefür Brehm von größter Wichtigkeit, daß er sich bald die entschiedene Gunst dieses noch jungen, zwar herrschsüchtigen und strengen, aber, wie wir sehen werden, auch freigebigen und großdenkenden Mannes erwarb. Die mitgebrachten Mittel waren bereits zu Ende gegangen, aber sobald es ihm gelungen war, eine kleine Anleihe aufzunehmen, trat Brehm im September einen sechswöchentlichen Jagdausflug in die Wälder am Blauen Nil an, welcher sich durch reiche Ausbeute belohnte. Allerdings stellte sich auch, wie vorauszusehen, das Fieber wieder ein, und der in Chartum zurückgebliebene Dr. Vierthaler erschrak über das Aussehen Brehms, als dieser Ende Oktober von seinem Ausfluge zurückkehrte.

Da inzwischen weder der Baron von Müller in Person noch eine Sendung von demselben eingetroffen war, so geriet Brehm bald in die höchste Geldverlegenheit, under wäre unrettbar schlimmen Wucherern in die Hände gefallen, wenn sich nicht der eben erwähnte Gouverneur Latif Pascha auf das uneigennützigste seiner angenommen und ihm die Summe von 5000 Piastern ohne Zinsen vorgestreckt hätte. Kaum war das Fieber wieder bezwungen, als Brehm, diesmal in größerer Gesellschaft, darunter auch Dr. Vierthaler, einen neuen Jagdausflug in die Tropenwälder am Blauen Flusse unternahm, der 3 Monate dauerte und sich weit über Sennar hinaus, bis nach Rosaires, der ehemaligen Hauptstadt der Fungi, ausdehnte und die kühnsten Hoffnungen, die er sich jemals in seinen Jugendträumen von dem Vogelleben der wärmeren Länder ausgemalt haben mag, verwirklichte. Man beobachtete und erbeutete die seltensten Vögel, hörte allnächtlich den Löwen in der Nähe des Lagers, sah Elefantenherden und Affengesellschaften und machte Jagd auf Krokodile und Nilpferde, wobei Brehm einmal in Gefahr geriet, der Verfolgung eines gereizten Hippopotamus zum Opfer zu fallen. Mehr als 1400 Vogelbälge bildeten die Ausbeute dieses Jagdausfluges am Blauen Nil. a Bald nach ihrer Rückkehr nach Chartum (März 1851) langte der neuernannte österreichische Konsul, Dr. Konstantin Reitz, dessen Bekanntschaft Brehm bereits in Alexandrien

| gemacht hatte, daselbst an und brachte mit einem Briefe des Barons von Müller die Bestätigung der bereits gerüchtweise zuBrehms Ohren gelangten bösen Nachricht mit, daß

dieser bankrott sei. Der Brief enthielt nur Beileidsbezeigungen und Beteuerungen, daß er völlig außer stande sei, Geld zu senden. Brehm, als Führer der Expedition, befand sich nun in der denkbar übelsten Lage. Er hatte soeben noch für drei Engländer, die nach Chartum gekommen und in Geldverlegenheit geraten waren, und von denen der eine wenige Tage nach ihrer Abreise dem Klima erlag, eine kleine Summe auf seine Rechnung entliehen und sah sich nun, mehr als 3000 km von der Heimat entfernt, im Innern Afrikas verlassen und verraten, vielleicht, wenn sich nicht in Chartum selbst hilfreiche Menschen gefunden hätten, der äußersten Not, ja dem Hunger preisgegeben! Aber hier trat nun die allezeit Zutrauen erweckende Persönlichkeit Brehms in ihre Rechte, denn mehrere der hilfreichen Menschen, welche ihn in uneigennützigster Weise mit Geldmitteln versorgten, ohne jede Bürgschaft für deren Rückerstattung, waren Mohammedaner, deren vollstes Vertrauen er durch sein Auftreten und den Zauber seines Wesens gewonnen hatte. Einstweilen, während er noch auf Geldmittel aus der Heimat wartete, die ihm als Lösegeld dienen sollten, bot neben der Jagd und dem Verkehre mit den Freunden die Beobachtung eingefangener und gezähmter Tiere dem selbst gefangenen Naturforscher Trost und Unterhaltung. Auf ihrem Hofe hielten sie unter anderem eine Gesellschaft sehr anhänglicher Ibisse, gelegentlich auch Geierarten, allerlei Affen und einmal auch ein Krokodil, welches sich alle möglichen Quälereien gefallen ließ und nur durch in die Nasenlöcher geblasenen Tabaksrauch wütend gemacht werden konnte. „Ja, wahrlich, ich hätte nicht klagen sollen“, schreibt er später über diese Zeit der Not und Ungewißheit, „ich hatte bei aller meiner Armut doch noch viel, sehr viel. Ich hatte Gottes Sonne und seine hochheilige Natur, ich hatte in meinem Hofe eine eigene kleine Welt. Wieviel Vergnügen machten mir meine zahmen Ibisse, die lebenden großen Tiere; wie schmeichelten mir die Affen, wie liebkoste mich Bachida!l..... Ich gewann sie sehr lieb, sie wurde meine beste Freundin. In ihrem Charakter fand man noch Offenherzigkeit, Kraftfülle, Ehrlichkeit und Gemütlichkeit vereint...... “ Bachida war eine junge Löwin, welche Latif Pascha einem Freunde und Hausgenossen Brehms, dem deutschen Kaufmann Bauerhorst aus St. Petersburg, geschenkt hatte. Sie wurde so anhänglich, daß sie Brehm wie ein großer Hund auf Schritt und Tritt folgte und nicht selten sein Lager teilen durfte. Mitunter bekam sie zwar noch Wildheitsrückfälle und mußte dann gezüchtigt werden (einmal sogar mußte Brehm ein Kind ihren Krallen entreißen!), sie wurde aber ihrem Pfleger gegenüber immer wieder sanft und zutraulich. Auch ein Meerkatzenmännchen (Cercopithecus griseo-viridis) gab Gelegenheit zu merkwürdigen Einblicken in die Tierseele, sofern es sich durchaus untröstlich zeigte, als ein von ihm an Kindesstatt angenommenes Affchen seiner Art starb. Brehm hat die rührende Geschichte bei seiner Schilderung der Meerkatzen genauer erzählt, und ich erwähne sie nur, um anzudeuten, wie sich hier seine tieferen Studien über

das Tierseelenleben vorbereiteten.

Nach 14 monatlichem Aufenthalte im Sudan hatte er immer noch keine Mittel auftreiben können, um seine Schulden zu bezahlen, und doch drängte das immer häufiger und nachdrücklicher sich wiederholende Fieber zum Verlassen des mörderischen Himmelstriches. Die Abreise

des eben erwähnten Petersburger Kaufmanns, der sich erbot, Brehm und sein Gepäck mit nach Kairo zu nehmen und sämtliche Reisekosten auszulegen, bot eine nicht so leicht wiederkehrende Gelegenheit, der Heimat näher zu kommen, aber wie konnte er fort aus Chartum, ohne seine Verpflichtungen gegen den Gouverneur.und andere dortige Freunde und Gönner erfüllt zu haben? Er mußte sich demnach entschließen, Latif Pascha die Bitte vorzutragen, seine Schuld von Kairo aus bezahlen zu dürfen, und dieser willigte nicht nur ohne weiteres darein, sondern drängte Brehm noch außerdem 5000 Piaster Reisegeld auf. „Welchen Namen gebe ich nun den Handlungen dieses Mannes?“ frägt der letztere. „Christliche? Im Vergleiche zu den Handlungen der Christen Chartums wäre dieser Ausdruck doch eine Herabsetzung jener Wohlthaten, die ich bei mir selbst nicht verantworten könnte.... Ich muß es meinem Leser überlassen, selbst einen Namen für sie aufzufinden. Nur wundere man sich nicht, wenn ich die Türken achte und liebe. Sie haben mich dazu gezwungen durch viele Thaten des Edelmutes, der reinsten Menschlichkeit, Menschenliebe und Barmherzigkeit.“ 5

Es bedarf eines Hinweises, daß diese „Christen“ Chartums, an die sich Brehm vergeblich um Hilfe gewandt, eben vorzugsweise Abenteurer und Emporkömmlinge waren, die teils vom Wucher lebten, teils viel zu habsüchtig waren, um ihre an dem schnell aufgeblühten Handelsplatze erworbenen Glücksgüter aufs Spiel zu setzen, um einem kranken Deutschen, der den nächsten Tag sterben konnte, zu helfen. Die deutschen Freunde ver-fügten nicht über mehr Mittel, als sie notwendig gebrauchten. So mußte er sich eben an vermögende Mohammedaner wenden, die das in ihre Menschenliebe gesetzte Vertrauen über alle Erwartung rechtfertigten. In der That benahm sich Hussein Arha, ein anderer mohammedanischer Gläubiger des verlassenen Deutschen, gleich edelmütig, und ebenso hatten sich Ali, der türkische Diener, der sich in Chartum verheiratete und dort blieb, sowie seine nubischen Diener stets treu wie Gold erwiesen. Es wurde Brehm natürlich nicht leicht, von allen diesen treuen Menschen, von dem trefflichen Reitz und seinem Reisebegleiter Vierthaler zu scheiden; die letzteren beiden begleiteten die Abreisenden noch eine Strecke auf dem Nil, auf welchem sie sich am 18. August 1851 einschifften. Sie tranken auf fröhliches Wiedersehen in Deutschland und dachten gewiß nicht, daß sie sich zum letzten Male die Hände schüttelten, aber Vierthaler, der in Chartum blieb, erlag im folgenden Sommer dem Fieber, Reitz ein halbes Jahr jpäter. Brehm verdankte wohl nur seinem jugend-frischen, abgehärteten Körper (er stand ja erst im Beginne der zwanziger Jahre!), daß er dem heimtückischen Klima, dem fast alle seine Gefährten so bald erlagen, glücklich entronnen war. Die Rückreise verlief bis auf einen Unfall bei den Nilkatarakten, der ihm für etwa 600 Thaler Naturalien kostete, glücklich, und am 26. Oktober langten die Reisenden wieder in Brehms Lieblingsstadt Kairo an. Die im Sudan eingegangenen Verbindlichkeiten konnten mit Hilfe dortiger Christen, welche Brehm wieder einigermaßen mit seinen Glaubens: _ genossen aussöhnten, schon von hier aus gelöst werden, und Brehm erholte sich in dem während des Winters herrlichen Klima der ägyptischen Hauptstadt bald von den Strapazen und Krankheitsanfällen der letzten Monate. In Gesellschaft des Naturforschers Theodor von Heuglin, des Dr. med. Theodor Billharz aus Sigmaringen sowie einiger anderer

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