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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Die Reisenden segelten am 6. Juli 1847 von Triest ab, und der junge Brehm ahnte damals nicht im geringsten, daß es volle 5 Jahre dauern würde, bis er die thüringischen Wälder wiedersehen sollte. Nach einem kurzen Aufenthalte an der griechischen Küste kamen sie nach Agypten, um daselbst bald die Erfahrung zu machen, daß man im Lande der Palmen nicht ungestraft mit unbedecktem Haupte wandeln darf, denn beide litten in der Wunderstadt Kairo an den Folgen des Sonnenstichs und erlebten daselbst eine schreckensvolle Minute, als am 7. August ein kurzes Erdbeben die Häuser der Hauptstadt erschütterte, während sie krank und elend, völlig unfähig, sich ins Freie zu retten, auf ihrem Schmerzenslager stöhnten. Später indessen verlebten sie in Gesellschaft des Baron von Wrede noch sehr angenehme Tage in Kairo, der Stadt, welche in Brehms Erinnerung jederzeit die Krone der orientalischen Städte geblieben ist, und schlossen sich dann einer Mission katholischer Geistlichen an, die am 28. September nach dem Innern Afrikas aufbrach, und mit der sie gemeinsam eine Nilbarke für die Reise bis Assuan mieteten. Ihr nächstes Ziel war Chartum, die neuerdings in den Kämpfen der Mahdisten vielgenannte Hauptstadt des ägyptischen Sudan. Sie gingen der stromaufwärts nur langsam vorwärts kommenden Barke gewöhnlich jagend am Ufer voraus, denn für diese Reisenden war Agypten nicht bloß durch seine alten Kulturdenkmäler, die natürlich nach Möglichkeit besucht wurden, eine neue Welt. Der Naturforscher erlebt im fremden Weltteile sozusagen mit jedem Schritte neue Überraschungen, von denen der Alltagsreisende nichts weiß; jeder Vogel beinahe, dessen sie ansichtig wurden, stellte sich als erstrebenswertes Gut dar, und fast jedesmal kehrten sie mit Beute reich beladen zu ihrem Schiffe zurück. In Dongola, woselbst die Mission Aufenthalt nahm, trennten sich die beiden Reisegesellschaften, die „Müllersche Expedition“ gelangte mit eigener Barke nach Ambukol,

woselbst die Vorbereitungen zu einer kurzen Reise durch die Wüstensteppe Bajuda zu treffen waren, die am 30. Dezember angetreten wurde. Das denkwürdige Jahr 1848 begann gleich am Neujahrstage nicht gerade angenehm mit Verirrung und Durstqualen. Aber schon am 4. Januar war das Land der Schwarzen des Sudan mit seinen schattigen Wäldern erreicht; Nashornvögel und Marabus, der bis hierher zurückgedrängte heilige Ibis und der kleine schwarze Storch des Sudan bereiteten sie auf eine neue Zone des Tierlebens vor. Das letztgenannte Tier ist dort und noch in höherem Grade als sein schwarzweißer Vetter bei uns Hausfreund, wie denn überhaupt der Mohammedaner dazu neigt, jedem unschädlichen Tiere Gastfreundschaft zu erweisen, und seine Kinder von frühester Jugend auf anhält, die Eier und Brut der Vögel zu schonen. Deshalb brüten dort viele Vögel sehr vertrauensvoll in der Nähe der menschlichen Wohnungen, und Brehm vermochte sich nur durch die Vorspiegelung, Arznei daraus bereiten zu wollen, die Eier des verehrten „Simbil“ zu verschaffen. Am 8. Januar erreichten die Reisenden Chartum, die damals erst 25 Jahre alte Hauptstadt des Sudan, und wurden von dem Gouverneur Soliman Pascha sehr freundlich empfangen. Da hier ein längerer Aufenthalt in Aussicht genommen war, wurde alsbald eine kleine Menagerie angelegt, ein zahmer und sehr drolliger Marabu, einige Affen, Gazellen und Strauße angeschafft, worauf Brehm sogar mit einigen jungen Hyänen Züchtungsversuche zu machen begann. Die Jagd war sehr ergiebig, namentlich in den Wäldern an den Ufern des Blauen Flusses, wohin sich Brehm mit zwei nubischen Dienern begeben hatte; aber ein starker Anfall des klimatischen Fiebers, welches sich schon während der Nilreise eingestellt hatte und ihn hier mitten im Urwalde an seinem 20. Geburtstage durchschüttelte, zwang ihn, im elendesten Zustande nach Chartum zurückzukehren, um sich die einzige dagegen wirksame Arznei, Chinin, zu holen. Einigermaßen wiederhergestellt, kehrte Brehm in den Urwald zurück, um seine bereits zu 130 präparierten Vogelbälgen angewachsene Beute zu holen, und bei dieser Gelegenheit hätte eine Mißhelligkeit mit dem Baron beinahe zu einem Bruche und vorzeitigem Abschlusse der afrikanischen Reise geführt. Letzterer hatte nämlich auf eine größere Ausbeute gerechnet, obwohl diese bei der Schwierigkeit, in dem unwegsamen, von Stacheln und Dornen starrenden Urwalde vorwärts zu kommen, ganz abgesehen von den Krankheitsanfällen, ansehnlich genug war. „Mich empörte“, schreibt Brehm in seinem Reisebericht, „diese Undankbarkeit; ich hatte selbst fieberschwach noch gearbeitet. Damals habe ich zum ersten Male gefühlt, daß die Bemühungen eines Sammlers oder Naturforschers nur selten anerkannt werden. Und hätte nicht gerade die Wissenschaft ihre unwiderstehlichen Reize, wäre sie es nicht, welche die ihr Ergebenen durch den Genuß, ihr, der hohen, dienen zu können, belohnt, ich würde von jener Stunde an keine Beobachtung mehr gemacht, kein Tier mehr gesammelt haben. Und damit würde ich mir selbst die Thore meines Glückes verschlossen haben, denn mehr und mehr lerne ich es verstehen: meine beschwerlichen Reisen, meine trüben Erfahrungen haben mir überreichen Lohn gebracht.“

Ende Februar schlossen sich die Reisenden dem Major Petherik, einem in ägyptischen Diensten stehenden Engländer, welcher der Landessprache kundiger war als sie, zur Weiterreise nach Kordofan an, woselbst der Genannte geologische Untersuchungen vorzunehmen

hatte. Man fuhr aus dem Blauen in den Weißen Fluß bis zum Dorfe Torrah, wo Brehm und Baron Müller, von heftigen Fieberanfällen gepeinigt, nicht ohne Bangen der Landreise entgegensahen, die am 9. März angetreten wurde und sie bald ins Innere des glühenden und ungesunden Kordofan brachte. Nach einem längeren Aufenthalte in El Obeid zogen sie weiter, und es wurde sogar ein Vordringen bis zum Lande der Takale-Neger (12 Grad nördlicher Breite) geplant, welches zum Glücke für den bereits schwer am Fieber leidenden Brehm nicht zur Ausführung kam. Die Ausbeute an Adler-, Falken- und Geierarten sowie an Prachtvögeln der Wälder war zwar sehr ergiebig, und auch sonst wäre der Aufenthalt lehrreich und romantisch genug gewesen, denn Hyänen und Leoparden umkreisten allnächtlich die Dörfer, und mehrmals raubten sich Löwen, die nicht wie die ersteren von den Hunden zurückgewiesen wurden, ihre Beute aus dem Vieh der Hürden. Aber das mörderische Klima zwang die Reisenden, nach 4 Monaten umzukehren, und es war die höchste Zeit gewesen, denn Brehm stand auf der Rückreise durch die Wüste auf dem Rücken seines Kamels so entsetzliche Qualen aus, daß er nicht glaubte, mit dem Leben davonzukommen. „Flehentlich beschwor ich den Baron und die Bedienten, mir einige Tropfen Wasser zu übergeben, „denn weiter bedürfe ich ja doch nichts mehr‘, und mich dann meinem Schicksale zu überlassen; nur solle man mich nicht fort und fort auf jene Folter, den Sattel, zurücktreiben. Ich erinnere mich nicht, mich jemals unglücklicher gefühlt zu haben. Wenn mich der Baron oder der alte ehrliche Giterendo (ein zu Obeid in Dienst genommener Nubier) von neuem zum Reiten zwangen, glaubte ich meine ärgsten Feinde vor mir zu sehen, und doch thaten gerade sie alles, was in ihren Kräften stand, um mir meinen qualvollen Zustand zu erleichtern.“ Gleichwohl wurden die Zwischenzeiten der Anfälle zu Beobachtungen ausgenutzt. Endlich wurde der Bahr el Abiad erreicht, dessen Wellengeplätscher den Reisenden wie Himmelsmusik erklang. Binnen 2 Tagen brachte sie ein Schifflein nach der Hauptstadt Ostsudans zurück, und nicht einmal die Fülle der verschiedenartigsten Vögel, die den Fluß bedeckten und fast unwiderstehlich zur Jagd einluden, konnte fie auf ihrem Wege zurücd-halten. Froh, dem mörderischen Klima entronnen zu sein, sehnten sie sich nach dem Umgange gebildeter Menschen und vernahmen in Chartum staunenden Ohres die Umwälzungen, welche inzwischen (im Frühjahre 1848) sich im alten Europa vollzogen hatten.

Obwohl die nunmehr anbrechende Regenzeit noch eine reichliche Vermehrung der Sammlungen versprach, mußte der zweite Aufenthalt in Chartum des Fiebers wegen abgekürzt werden, und die Reisenden, denen der Generalgouverneur zwei für Agypten bestimmte Barken zur Verfügung stellte, traten mit ihren Sammlungen und ihrer zu den mannigfachsten Studien Anlaß bietenden Menagerie lebender Tiere am 28. August die Rückreise nach Agypten an; sie gewährten dabei einem ausgedienten türkischen Soldaten, Ali, in welchem Brehm für seine ferneren Reisen einen getreuen Diener erwarb, das erbetene Plätzchen auf den Schiffen. Mit Lebensgefahr wurden die Katarakte passiert, sogar der große Katarakt von Wadi Halfa, obwohl alle von dem Wagnisse abrieten, dem sich noch kein Europäer ausgesetzt hätte, und bei welchem selbst geschickte nubische Schwimmer oft das Leben verlören.

Weiterhin wurden noch die Krokodilkatakomben bei Monfalut besucht und daraus die Sammlungen um mehrere Menschen- und Krokodilmumien bereichert, wobei Brehm, der

einst mit knapper Not dem Rachen eines Krokodils entgangen war, als er einen in den Fluß gefallenen Seeadler wieder herausholen wollte, und seitdem den Krokodilen ewige Feindschaft geschworen hatte, angesichts der Tausende von Krokodilen, die einbalsamiert in diesen engen Gängen aufgestapelt liegen, zu der Ansicht gelangte, daß diese Scharen jedenfalls keines natürlichen Todes verblichen, sondern vielmehr in der Notwehr erschlagen und zur Sühne für den an ihnen geübten Totschlag einbalsamiert worden seien. Am 28. Oktober kamen sie in Kairo an, froh und glücklich, nun allen Gefahren der Wüste und des Klimas entronnen zu sein und ihre eroberten Schätze in Sicherheit gebracht zu haben. Der Rest des Jahres wurde mit einigen von dort aus unternommenen Jagdausflügen verbracht, und dann begleitete Brehm am 29. Januar den Baron, der sich mit dem nächsten Lloyddampfer nach Europa zurückbegab, nach Alexandrien, wo sie sich trennten. Sie hatten verabredet, daß Brehm in Agypten zurückbleiben solle, um auf Wunsch und Rechnung des Barons eine zweite, besser ausgerüstete Reise ins Innere Afrikas zu unternehmen und dort für diesen zu sammeln. „Es that mir weh“, schreibt Brehm, „mich von dem Baron trennen zu müssen. Ich hatte mit ihm Deutschland verlassen und Nordostafrika bis zu den Negerländern bereist, Freud' und Leid zwei Jahre lang mit ihm geteilt; wir hatten zusammen viel Schönes erlebt, viel Schweres ertragen, in einem Zelte gelebt, unter einer Decke geschlafen und mit einem Becher aus den Brunnen der Wüste Wasser geschöpft. Obgleich er manchmal ungerecht gegen mich gewesen war, hatten wir doch im ganzen wie Brüder zusammen gelebt. Jetzt trennten sich unsere Wege: er eilte der lieben, teuren Heimat zu, ich sollte mich nach dem fernen | Eden wenden 4

verwendete Brehm nicht nur dazu, Natur und Tierwelt des Landes genau zu studieren, sondern er begann auch den Bewohnern mit ihren Sitten und Gebräuchen, ihrer Lebensweise und ihren sozialen Verhältnissen eine eingehendere Aufmerksamkeit zuzuwenden, so daß er den gesamten zweiten Band seiner später veröffentlichten Reisebeschreibung dem Lande Agypten und seinem Volke widmen konnte. Um in dieses fremdartige Leben genauer einzudringen und sich zugleich für seine weiteren Reisen zweckentsprechend vorzubereiten, nahm er einen arabischen Sprachlehrer, mit dem er Stadt und Land durchwanderte, die Berührung aller Gesellschaftsklassen suchte, in den Kaffeehäusern den Deklamationen des Meddah (d. h. des Märchenerzählers und Improvisators) lauschte, orientalische Tracht anlegte, teil an den Festaufzügen der Gläubigen nahm und sich so verhielt, daß viele in ihm bereits einen Abtrünnigen sahen. Dieses gründlichere Einleben in die von den unserigen so verschiedenen Lebensverhältnisse gab nicht nur seinen späteren Schilderungen einen erhöhten Reiz, sondern ebnete ihm auch auf seinen weiteren Reisen in den mohammedanischen Ländern die Wege, erwarb ihm das Vertrauen der Anhänger des Propheten und eröffnete ihm Blicke in Verhältnisse, die dem flüchtigen Reisenden meist gänzlich unbekannt und unverständlich bleiben. So konnte er unbehindert den Festlichkeiten der Nileröffnung, des Bairam ꝛc. bei: wohnen und nahm schließlich sogar den arabischen Namen und Titel Chalihl-Efendi an. Wenn er einem Araber seinen wirklichen Namen nannte, so sagten sie: „Brehm? was ist

das? das ist ja gar kein Name, du heißest wahrscheinlich I-Bre-hm, d. h. Ibrahim (Abraham), der Freund Gottes (Chalihl-Allah).“ Noch weniger fand der Vorname Alfred Gnade vor den Ohren der Gläubigen, weil er ihnen viel zu nahe an das arabische Afreihd (d. h. Teufel) anklang, um gebraucht zu werden. Um allen diesen Bedenken und Weitläufigkeiten aus dem Wege zu gehen, nahm Brehm ein für allemal den Namen Chalihl (Freund) an, von dem man ihm sagte, daß das ein sehr guter Name sei. Und da er nun arabisch zu lesen und zu schreiben gelernt hatte, so setzte man Efendi, den üblichen Titel gebildeter Leute bei den Arabern, hinzu und nannte ihn Chalihl-Efendi. |

Auch manche wichtige Bekanntschaften wurden während dieses zweiten ägyptischen Auf: enthaltes neu angeknüpft oder aufgefrischt, die zum Teile für die geplante Sudanreise von größter Bedeutung wurden. So z. B. die des Dr. Konstantin Reitz, des späteren Konsuls in Chartum, der sich damals bei dem österreichischen Generalkonsulat in Alexandrien befand, welches seit jeher eine besondere Ehre darin gesetzt hat, auch den deutschen Reisenden nützlich zu sein. Ferner die des bekannten Reisenden und Naturforschers Rüppell aus Frankfurt am Main, der schon in früheren Jahrzehnten einen bedeutenden Teil Nordostafrikas durchforscht hatte und manche nützliche Ratschläge erteilen konnte. Eine angenehme Abwechselung brachte das Eintreffen des Schriftstellers Bogumil Goltz aus Thorn, Verfassers des vielgelesenen „Kleinstädters in Agypten“, in dessen Gesellschaft mehrere genußreiche Tage verbracht wurden. Noch enger gestaltete sich naturgemäß der Umgang mit dem Baron von Wrede, der bereits die Türkei, Syrien und Palästina, einen großen Teil Kleinasiens und Arabiens bereist hatte und vom Baron von Müller ebenfalls für seine „dritte wissenschaftliche Expedition“ angeworben worden war. Wie schon im vorhergegangenen Winter, verbrachte Brehm auch im nächsten längere Zeit am Mensalehsee, wo sich unzählige einheimische und fremde Vögel ein Rendezvous geben, so daß wiederum reiche Studien und Sammlungen gemacht werden konnten. Und noch im Vorfrühlinge 1850 sah er die geflügelten nordischen Wanderer, die aus Innerafrika nach Europa zurückkehrten, hier Station machen und gab den Schwalben, Staren, Grasmücken ꝛc., die vielleicht beim Pfarrhause von Renthendorf vorbeiziehen mochten, sehnsüchtige Grüße nach der lang entbehrten Heimat mit.

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