Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Stinkdachs. 661
Surilho. 664
Zorilla 668
Gerippe des Fischotters 670
Seeotter 682
Aus dem Vorworte zur ersten Auflage.
Unser reiches Schrifttum besitzt viele tierkundliche Werke von anerkannter Trefflichkeit, aber wenige, in denen die Lebenskunde der Tiere ausführlich behandelt ist. Man begnügt sich, zumal in den oberen Klassen, mit einer möglichst sorgfältigen Beschreibung des äußeren und inneren Tierleibes, ja, man gibt sich zuweilen den Anschein, als halte man es für unvereinbar mit der Wissenschaftlichkeit, dem Leben und Treiben der Tiere mehr Zeit und Raum zu gönnen als erforderlich, um zu beweisen, daß der in Rede stehende Gegenstand ein lebendiges, d. h. nicht bloß ein fühlendes und NL sondern auch ein handelndes und wirkendes Wesen ist.
Die Ursachen dieses ebenso ungerechtfertigten wie einseitigen Verfahrens sind unschwer zu erkennen. Unsere Meister der Tierkunde zieren die Hochschulen oder wirken an den öffentlichen Sammlungen. Hier haben sie eine für die Zergliederungs- und Systemkunde verlockende Menge von Stoff zur Verfügung, und wenn sie diesen Stoff wirklich bewältigen wollen, bleibt ihnen zur Beobachtung des Lebens der Tiere keine Zeit — ganz abgesehen davon, daß zu solcher Beobachtung ein Jäger- und Wanderleben eine der ersten Bedingungen ist.
Wir danken gedachten Forschern überaus wichtige Aufschlüsse über den äußeren und inneren Bau des Tierleibes und hierdurch Erklärung gewisser Lebensäußerungen; wir sehen in ihnen immer die das Ganze überblickenden und ordnenden Meister der Wissenschaft und sind geneigt, die jagenden und sammelnden Reisenden jenen gegenüber als Gehilfen und Handlanger zu betrachten, obgleich wir uns nicht verhehlen können, daß nur sie es sind, welche uns mit dem ganzen Tiere bekannt machen. Denn erst das lebende Tier ist ein „fühlendes und bewegungsfähiges“ Wesen: das tote, ausgestopfte, in Weingeist aufbewahrte ist und bleibt immer nur ein Gegenstand.
Die Reisenden und die unsere Fluren jagend durchstreifenden Forscher also sind es, von denen wir Schilderungen des Tierlebens fordern müssen und fordern dürfen. Ihnen ist die Aufgabe geworden, vor allem das lebende Tier ins Auge zu fassen; für die wissenschaftliche Behandlung des toten Tieres finden sich andere Kräfte: denn auch für das ersprießliche Gedeihen der Tierkunde ist Teilung der Arbeit unerläßliche Bedingung.
Solche Ansichten haben mich bestimmt, das vorliegende Buch zu schreiben. Durch Lehre und Vorbild meines unvergeßlichen Vaters bin ich von Jugend auf zur eigenen Beobachtung der Tiere veranlaßt worden und habe hierzu später, während eines langjährigen Wanderlebens im Norden und Süden sowie in meinem späteren Wirkungskreise, manche Gelegenheit gefunden, die vielen anderen verschlossen blieb. Dessenungeachtet hielt ich meine Beobachtungen allein zu einer Veröffentlichung nicht für wichtig genug und glaubte deshalb, sie mit den Erfahrungen anderer verschmelzen zu müssen. Hierdurch mußte die Arbeit das Gepräge
einer allgemeinen Tierkunde erhalten, und da diese Allgemeinheit nun einmal angebahnt, beschloß ich, den ursprünglichen Plan so zu erweitern, wie er jetzt in der Ausführung vorliegt.
Alteren Beobachtern habe ich ihr Erstlingsrecht stets gewahrt, wenn ich fand, daß die Beobachtungen richtig oder mindestens wahrscheinlich; ich habe dies auch dann gethan, wenn ich die betreffenden Tiere selbst beobachtet hatte, und ebenso haben die Künstler es angegeben, ob sie das lebende Tier gezeichnet, oder nur eine gute Abbildung benutzt. Wo ich konnte, bin ich an die Quelle gegangen, und nur bei unwesentlichen Angaben, beispielsweise bei der Wiedergabe altklassischer Stellen, habe ich das unterlassen: ich hatte Wich-tigeres zu thun, als in altem Wuste zu wühlen. Wenn also hinsichtlich solcher Angaben Fehler bemerkt werden, mag Oken sie verantworten.
Vorwort zur zweiten Auflage.
Ein Buch wie das „Tierleben“, welches eine übereinstimmend günstige Beurteilung erfahren und eine allgemeine Verbreitung gefunden hat, von allen Lehrern mit Freude und Dank begrüßt, von allen Lernenden mit Vergnügen und Nutzen gelesen, auch in die Sprachen fast aller gebildeten Völker übertragen worden ist, legt seinen Verfassern die zwingende Verpflichtung auf, jede neu erscheinende Auflage der sorgfältigsten Umarbeitung zu unterziehen. Dieser Verpflichtung, ohne irgend welche Rücksicht auf den Inhalt der ersten Auflage, nachzukommen, habe ich mich nach besten Kräften bestrebt; sie ist ebenso von meinen Herren Mitarbeitern bedingungslos anerkannt und erfüllt worden; sämtliche mitwirkenden Künstler haben dieselben Grundsätze befolgt; die Verlagshandlung hat allen Wünschen Rech—⸗ nung getragen, überhaupt keine Opfer gescheut, um die gestellte Aufgabe zu ermöglichen; viele Freunde des Werkes endlich haben es sich angelegen sein lassen, dasselbe durch wertvolle Beiträge zu fördern. Das „Tierleben“ erscheint, dank solchem Zusammenwirken, in durchaus veränderter Gestalt, berichtigt, verbessert, bereichert und vervollständigt nach allen Richtungen hin: ein neues Buch unter altem Titel. Sein Gepräge aber haben wir nicht verwischen, seine Eigenschaft als volkstümliches Werk ihm nicht rauben wollen.
Nach wie vor soll das „Tierleben“ bestimmt sein, in gebildeten Familien sich einzubürgern und zu einem Hausschatze im besten Sinne des Wortes zu werden. Für streng wissenschaftliche Kreise ist es nicht geschrieben, für unreife Kinder ebensowenig; gleichwohl dürften jene auch in dem volkstümlichen Buche manches Beachtenswerte finden und werden diese, durch Vermittelung Erwachsener, seinen Inhalt sich erschließen können.
Von diesen und den früher erörterten Gesichtspunkten aus wolle man auch die neue Auflage betrachten. Das „Tierleben“ hat, meiner Ansicht nach, selbst eine strengere Beurteilung nicht zu fürchten. Wer in ihm sucht, was er nach Titel und Anlage zu finden berechtigt ist, wird sich nicht getäuscht sehen; wer sich des Titels stets erinnert, das nicht suchen, was er nicht finden kann. Mängel und Irrtümer haften erklärlicherweise wohl auch dieser Auflage an; sie hervorzuheben und zu berichtigen, damit sie später vermieden werden können, möge die dankenswerte Aufgabe des Lesers sein. Eine sachgemäße und wohlwollende Beurteilung wird mich stets zu warmem Danke verpflichten, eine von Mißgunst oder vom Parteistandpunkte beeinflußte, böswillige Bemängelung auch fernerhin unnahbar finden.
Berlin, am 6. März 1876. A. E. Brehm.
Vorwort zur dritten Auflage.
Auf den Wunsch des Bibliographischen Instituts, „Brehms Tierleben“ in dritter Auflage durchzuarbeiten und herauszugeben, bin ich um so freudiger eingegangen, als auch ich dem Werke nicht geringe Anregung und Belehrung zu verdanken habe.
Die glückliche Anlage und Gesamtauffassung treu zu wahren und bei der Bearbeitung die Rücksicht und Sorgfalt zu bekunden, welche dem Verfasser wie dem eigenartigen und so erfolgreichen Buche gebührt, erschien mir als erste Pflicht. Diese zu erfüllen habe ich mich bemüht, auch dort, wo durchgreifende Anderungen geboten waren.
Der Aufschwung der Erdkunde, hervorgerufen durch zahlreiche Expeditionen nach fremden Ländern und genährt durch die steigende Teilnahme an kolonialen Bestrebungen, hat auch die Kunde des Tierlebens wesentlich gefördert und zwar nicht zum wenigsten infolge von Brehms anreizendem Wirken. Die Bewohner ferner Gebiete werden jetzt vielseitiger und schärfer beobachtet, umsichtiger und schlichter geschildert als in früherer Zeit. Denn wer mit dem Tierleben mannigfaltig gearteter Länder vertraut geworden ist, hat nicht bloß eigene Erfahrungen zu verzeichnen, er hat auch, und dies ist wichtiger, an Unterscheidungskraft gewonnen, um die Tragweite der eigenen wie der Erfahrungen anderer abzuwägen und danach sein Urteil zu bemessen.
So hat sich, wie in der Anschauung über fremdartige Verhältnisse überhaupt, auch ein Wandel in der Auffassung vom Wesen vieler Tiere, zumal der Schreckgestalten der Wildnis, verhältnismäßig rasch vollzogen, und dieser Wandel der Auffassung mußte in der neuen Auflage des vorliegenden Buches zum Ausdruck kommen. Altere und einseitige Berichte habe ich durch neue und umfassendere ergänzt, vielfach auch ersetzt und Lebensschilderungen von Tieren, welche in die frühere Auflage noch nicht aufgenommen werden konnten, eingefügt. Dabei habe ich mich befleißigt, stets im Sinne Brehms zu arbeiten, der auch als Meister des Wortes anerkannt ist. Um seines Werkes eigenartiges Gepräge und fesselnden persönlichen Charakter möglichst zu erhalten, trete ich nirgends mit meinem eigenen Ich hervor: wo es galt, meine Beobachtungen einzureihen, gab ich sie, wie die jedes anderen Gewährsmannes, als fremde Anführung wieder, wie es Brehm früher schon selbst gethan hat. kur in einer Hinsicht habe ich dem abgeschiedenen Gelehrten gewissermaßen Gewalt angethan und das Wort gekürzt: ich habe alle die polemischen Stellen gestrichen, die wohl niemand ergötzen konnten, viele dagegen abstoßen und verletzen mußten. Das Abgestrichene hatte ohnehin nichts zu schaffen mit einer Darstellung des Lebens der Tiere, die doch bestimmt ist, einen jeden, welcher Gesinnung und welches Glaubens er immer sei, anzuregen, zu erfreuen, zu belehren.
Es ergab sich bald, daß die Aufgabe, die ich übernommen hatte, eine Arbeitsleistung erforderte, welcher der Einzelne in der vereinbarten Zeit nicht gerecht werden konnte. Deshalb wurde es notwendig, einen Mitarbeiter zu suchen, der geneigt war, das Systematische des Werkes zu übernehmen. Ich fand einen solchen in Herrn Dr. Wilhelm Haacke, dessen veränderte Einteilung des Stoffes den Gesamtinhalt nicht beeinflußt, aber den Einblick in den verwandtschaftlichen Zusammenhang der in ihrem Leben geschilderten Formen erleichtern soll. Wenn es uns nicht gelungen ist, die einschlägige Litteratur so zu verwerten und Brehms Werk derartig zu vervollständigen, wie es gewünscht werden könnte, so geschah es nicht, weil es uns an Eifer und gutem Willen gebrach, sondern weil die Arbeit, die eines Jahrzehntes bedürfte, in viel kürzerer Zeit vollendet werden muß und einen gewissen Umfang nicht überschreiten darf.
Nicht bloß der Text der neuen Auflage hat eine gründliche Durcharbeitung und mannigfache Bereicherung erfahren, auch die Ausstattung ist gehoben worden: der Druck ist größer und deutlicher hergestellt; viele veraltete Abbildungen sind erneuert und manche, die bis dahin fehlten, hinzugefügt worden und zwar in so trefflicher Ausführung, daß den Künstlern aufrichtiger Dank gebührt.
Diejenigen Tierfreunde, welche seit Jahren in der Stille ihre Beobachtungen und Berichtigungen an das Bibliographische Institut eingesendet haben, werden sich überzeugen, daß ihre nachmals mir übergebenen Beiträge allenthalben Verwendung gefunden haben. Mit dem warmen Danke für ihre Bemühungen verbinde ich die an sie und alle Beobachter gerichtete freundliche Bitte, in solcher Weise auch fernerhin den Aufbau der Tierlebenkunde zu unterstützen.
Jena, am 1. Juli 1890.
Pechuel · Coes che. |
R. BRENDAMOUR X.A.
[illegible artist signature]
A. Brehm
Alfred Edmund Brehm.
Von Dr. Ernst Krause.
Nur wenige Naturforscher unserer Zeit sind als Lehrer und Hausfreunde zu so weiten Kreisen des deutschen Volkes in innigste Beziehung getreten wie der Verfasser des „Tierlebens“, welches sich als Schatzbehälter des für alle Tierfreunde Wissenswürdigsten nicht nur in den Bibliotheken der vornehmen und reichen Leute, sondern auch auf dem Bücherbrette vieler einfacher Förster und Jagdliebhaber befindet, die sich den Kaufschilling am Munde absparen mußten. Sie alle ohne Zweifel werden begierig sein, näheres über das eigene Leben des ausgezeichneten Mannes zu erfahren, der ihnen das Leben und Treiben der Tiere so lebendig und wahrheitsgetreu vorführen konnte, weil er die Mehrzahl von ihnen teils in ihrer eigenen Heimat, teils im täglichen Umgange in der Gefangenschaft beobachtet hatte. Eben durch sein seit früher Jugend bekundetes Streben, das Benehmen der Tiere in der ihnen naturgemäßen Umgebung und den ihnen daselbst drohenden Gefahren gegenüber kennen zu lernen, wurde sein eigenes Leben reich genug, um unsere Aufmerksamkeit für eine kurze Stunde zu fesseln. Man fühlt sich versucht, zu sagen, daß das junge Menschenkind, welches am 2. Februar 1829 im Pfarrhause zu Unterrenthendorf im Neustädter Kreise des Großherzogtums Sachsen⸗Weimar das Licht der Welt erblickte, schon von seiner Geburt und Abstammung her dazu ausersehen gewesen sei, der begeisterte Freund und sorgsame Beobachter des Tierlebens zu werden, als welcher er in allen Weltteilen bekannt geworden ist. Denn sein Vater, der Pfarrer Christian Ludwig Brehm, war einer der genauesten Kenner der heimischen Natur und gehörte mit Bechstein, Naumann, Thienemann und Gloger zu den Begründern der deutschen Vogelkunde als Wissenschaft. Es war ein ganz eigentümliches Leben und Treiben, ziemlich abweichend von demjenigen in den meisten anderen Pfarrhäusern, unter welchem das dunkelblonde Kind heranwuchs. Des Pastors zweite Frau, die Mutter unseres Alfred, eine geborene Bertha Reiz, war eine Frohnatur wie einst die Frau Rat in Frankfurt am Main, welche die Kinder vermöge ihrer sehr lebendigen Erzählungs⸗ und Vorlesungsgabe früh mit der klassischen Litteratur bekannt machte und sie, wie auch der Vater that, in ihrem lustigen Jugendtoben mit äußerster Nachsicht gewähren ließ. Letzterer hing an manchem Wochentage schon am frühen Morgen das Jagdgewehr über die
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 15
Schulter und birschte in den damals fast Urwäldern zu vergleichenden Beständen in den Thälern der Roda bis zum späten Abend, wobei die Söhne ihn gelegentlich begleiten und die Beute, die meist nur in selteneren Vögeln bestand, nach Hause tragen durften. Im besonderen gilt dies von Alfred, der sich noch in späteren Jahren mit unendlichem Entzücken an dieses Umherschweifen in den thüringischen Wäldern erinnerte und erzählte, wie er an seinem achten Geburtstage ein eigenes Gewehr erhalten und am selben Tage seinen ersten Vogel, eine Goldammer, erlegt hatte, die dann der Merkwürdigkeit halber ausgestopft und der großen Vogelsammlung des Vaters einverleibt worden war. |