Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Trotz des außerordentlich freundlichen Entgegenkommens, welches die Teilnehmer fast überall fanden, war die Reise zum Teil recht beschwerlich, namentlich in ihrem zweiten Teile auf der Tundra Nordwestsibiriens, woselbst zu der von Brehm in seinen späteren Vorträgen mit äußerster Anschaulichkeit geschilderten Unwegsamkeit und Mückenplage noch die damals in jenen Strichen wütende Renntierseuche kam, die den Lebensunterhalt und das Vorwärtskommen durch das Fehlen des wichtigsten Nahrungs- und Zugtieres jener Striche bedeutend erschwerte. Die Expedition war in ethnologischer Beziehung vielleicht ergebnisreicher als in zoologischer und botanischer Richtung, denn die Reisenden waren ja in diesen
ansiedelungsarmen Gegenden auf den beständigen und unmittelbarsten Verkehr mit der einheimischen Bevölkerung angewiesen, mußten in den Jurten der Nomaden schlafen und ihre
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der Gegend angemessene Lebensweise nachahmen. Sie hatten sich selbst über die verrufenen Ostjaken und Samojeden in keiner Weise zu beklagen, und Finsch hat ihnen inseiner Reisebeschreibung ein Charakterzeugnis ausgestellt, um das sie, namentlich was ihre Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit anbetrifft, manches zivilisierte Volk beneiden könnte. Auch gingen die Prophezeiungen eines samojedischen Schamanen, der ihnen mit Hilfe der Zaubertrommel wahrsagte, daß fie glücklich nach Haufe kommen und Orden nebst anderen Auszeichnungen davontragen würden, zum Teil, wie wir sehen werden, bestens in Erfüllung, und wenn der zweite Teil der Prophezeiung, daß sie schon im nächsten Jahre nach dem gesegneten Lande wiederkommen würden, nicht in Erfüllung gegangen ist, so sind daran offenbar einzig und allein die Reisenden, nicht aber der Prophet schuld gewesen.
Für den Verfasser des „Tierlebens“ war der Ausflug insofern nicht unergiebig, als er dazu gelangte, zahlreiche Gebirgs- und Steppentiere zu beobachten und zu erlegen. Diese Steppenjagden und deren großartige Zurüstung hatten die Reisenden besonders der Fürsorge des Gouverneurs General von Poltoratzky und dessen Gemahlin, die daran teilnahm, zu danken. Um den letzteren zu ehren, erschienen kirgisische und andere Steppengrößen aus weitem Umkreise, und es entfaltete sich dann ein reiches Bild des fremdartigen Nomadenlebens mit festlichem Gepränge im Zelte des Gouverneurs, das von einer Zeltstadt umgeben erschien. Brehm, der das Glück gehabt hatte, das einzige Argalischaf zu erlegen, wurde dafür von dem kirgisischen Improvisator am Abend als der europäische Nimrod im Liede gefeiert. Überhaupt zeigte sich, daß das „Tierleben“ den Namen feines Verfassers schon damals bis zu den Grenzen Sibiriens und Chinas getragen hatte, und sein durch lange Erfahrung erworbenes Geschick im Verkehre mit fremden Völkern bewährte sich auch hier wieder auf das glänzendste. Hatte er doch sogar den tatarischen Molla in Kasan zur Bewunderung gezwungen, als er ihm bewies, daß er den Koran in seiner arabischen Ursprache besser verstehe als er, der mohammedanische Priester. Nach etwa neunmonatlicher Abwesenheit trafen Brehm und Finsch wieder in der Heimat ein, während Graf Waldburg-Zeil einstweilen noch in Rußland zurückblieb.
In seinen späteren Vorträgen, die zum Teil nach seinem Tode in der „Gartenlaube“ zum Abdruck gekommen sind, hat Brehm mit Vorliebe Einzelheiten dieser Reise geschildert; sein sehr sorgfältig geführtes Tagebuch gedenkt sein Sohn Dr. Horst Brehm demnächst zu veröffentlichen. Bald nach der Ende 1876 erfolgten Rückkehr aus Sibirien begannen Brehms Beziehungen zu dem vielbeklagten Kronprinzen Rudolf von SEsterreich, der, selbst ein eifriger Weidmann und Forscher auf dem Gebiete der Vogelkunde, seine Verdienste vollauf zu schätzen wußte, ihm die aufrichtigste Zuneignng entgegenbrachte und ihn bald durch seine persönliche Freundschaft auszeichnete. Der nähere Verkehr begann 1877, und schon im nächsten Jahre begleitete Brehm den Kronprinzen auf einer Reise nach Ungarn, 1879 nach Spanien, Reisen, die man mehr als wissenschaftliche denn als bloße Vergnügungsreisen bezeichnen darf, denn sie galten zu einem guten Teile der von Brehm früh in Angriff genommenen „Adlerfrage“, für die sich Kronprinz Rudolf, der ein eifriger Mitarbeiter ornithologischer Zeitschriften war, lebhaft interessierte. Auch der kürzlich verstorbene Ornitholog Eugen von Homeyer wurde zu diesen Untersuchungen eingeladen, und der
Kronprinz bemühte sich, die beiden von ihm verehrten Vogelkundigen beständig mit frischem Forschungsmaterial zu versorgen. Im Jahre 1879 hatten Brehm und Homeyer beispielsweise auf Veranlassung des Kronprinzen nicht weniger als 80 Adler untersucht, um zu erforschen, ob zwischen dem Steinadler und dem Goldadler eine Artverschiedenheit festzustellen sei. Oft erhielt Brehm ausführliche, bis zu 20 Seiten (!) lange Handschreiben des Kronprinzen mit Jagdberichten und ornithologischen Beobachtungen, und der persönliche Verkehr war ein so ungezwungener, daß Brehm, wenn er wochenlang als Gast bei seinem hohen Gönner auf dem Hradschin in Prag weilte, in seiner „historischen“ Jagdjoppe einherging. Das in dieser Ungezwungenheit des Verkehrs gewiß seltene Verhältnis zwischen dem Thronerben und dem Naturforscher bestand trotz mancherlei Anfeindungen bis zum Tode des letzteren fort. Die erwähnten Forschungsreisen in Osterreich-Ungarn und Spanien, die er als Begleiter des Kronprinzen Rudolf angetreten hatte, waren reich an Ehren und Auszeichnungen geworden. Im Jahre 1878 hatte ihm Kaiser Franz Joseph den Orden der Eisernen Krone verliehen, mit welchem damals noch die Erhebung in den persönlichen Adelsund Ritterstand verbunden war. Nun durfte er wenigstens keine Beleidigung mehr darin finden, wenn ihn die Osterreicher nach landesüblicher Gepflogenheit als Herrn von Brehm begrüßten. In Außer⸗Osterreich hat er, soviel mir bekannt, keinen Gebrauch davon gemacht. Das folgende Jahr brachte ihm das Komturkreuz des spanischen Ordens Isabella la Catholica und das Komturkreuz des St. Jago-Ordens von Portugal. Allen diesen ausländischen Auszeichnungen voran war die Verleihung der großen Medaille für Kunst und Wissenschaft gegangen, mit welcher der Herzog von Meiningen dem Forscher seine Hochachtung bezeigte, und ebenso die Ernennungen zur Mitgliedschaft zahlreicher gelehrten Gesellschaften.
Aber diese Jahre, die so reich an Auszeichnungen waren, schlugen seinem Herzen auch tiefe Wunden durch die herbsten Verluste, die er jemals zu überwinden hatte. Schon bald nach seiner Rückkehr aus Sibirien mußte er (1877) seine alte Mutter begraben, und im folgenden Jahre verlor er bei der Geburt seines jüngsten Söhnchens die unersetzliche Gattin, sie, die ihm im schönsten Sinne des Wortes die beste Stütze, Gehilfin und Mitarbeiterin bei seinem Tagewerke gewesen war. Es war ein Schlag, von dem er sich nie völlig wieder erholt hat, denn die Sonne seines Lebens war untergegangen! — Anderseits wuchs der Kreis seiner Verehrer und der Beifall seiner Vorlesungen von Jahr zu Jahr, und seine äußeren Lebensverhältnisse gestalteten sich jo günstig, daß er alljährlich im Sommer 3—4 Monate einzig der Erholung auf seiner Besitzung in Renthendorf widmen konnte, woselbst der nur als Tierfreund bekannte Naturforscher eifrig — Rosen züchtete und es zu einer bedeutenden Sammlung der schönsten und seltensten Arten brachte. Im Winter ging es dann wieder mit neuen Kräften auf die Reise, um womöglich ein Vermögen zu erwerben, welches die Zukunft der Töchter und Söhne nach menschlichem Berechnen sichern sollte.
Ohne Zweifel — denn für sich selbst brauchte er nicht viel — war es auch diese liebevolle Fürsorge für die Seinigen, die ihn 1883 dazu veranlaßte, ein ihm angetragenes Abkommen für eine größere Vortragsreise in Nordamerika zu unterzeichnen, die wahrscheinlich infolge
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der damit verbundenen Anstrengungen und Aufregungen viel dazu beigetragen hat, seinem arbeitsreichen Leben ein verfrühtes Ziel zu setzen. Kurz vor Antritt der Reise, die von Ende 1883 bis April 1884 währte, erkrankten seine fünf Kinder sämtlich an Diphtheritis, und er hätte seine Reise unter diesen Umständen natürlich unterlassen, wenn ihn sein Kontrakt nicht zu schwerem Reugelde verpflichtet hätte, wozu noch kam, daß der behandelnde ——— Arzt die beruhigendsten Zusicherungen über den Zustand der Kinder geben zu können glaubte. In der That kamen vier von ihnen glücklich davon, aber den jüngsten Sohn, das letzte Vermächtnis der geliebten Frau, seinen und der ganzen Familie Liebling, raffte die tückische Krankheit dahin, bevor Brehm noch den Fuß auf das amerikanische Festland gesetzt hatte. „So schonend und allmählich“, schreibt mir sein Sohn, von dem wir vielleicht später eine ausführlichere Lebensschilderung zu erwarten haben, „ihm auch diese Nachricht beige bracht wurde, so tief erschütterte sie ihn doch. Man kann sagen, daß er seitdem völlig inner lich gebrochen war. Mechanisch erledigte er seine schwere Arbeit von 50 Vorträgen, dann im Mississippithal warf ihn eine Malaria, der die seelische Erschütterung nur allzu wirksam vorgearbeitet hatte, aufs Krankenlager........ und er erholte sich nur langsam. Ein an Körper und Geist gebeugter Greis kehrte er heim. Wir erschraken über sein er: Haar, über das trübe Auge, als wir ihn wiedersahen....... “
Er brachte nach der Rückkehr zunächst einige Wochen zu feiner Erholung in Friedrichstanneck bei Eisenberg zu und trat dann die letzte seiner vielen Reisen nach Unterrenthendorf an. Es bildete sich eine schwere Nierenerkrankung (Morbus brightii) bei ihm aus, die seine Kräfte sehr schnell aufzehrte, wobei ihn das Nachlassen der früher unermüdbaren Arbeitskraft am meisten beunruhigte. Den Sommer über hielt sich sein starker Körper aufrecht, aber zum Herbste ging es dann langsam mit ihm zu Ende. Der noch nicht 56jährige Mann, der sich noch mit so reichen Plänen getragen und noch so viel für seine Forschungsgebiete hätte leisten können, erlag am 11. November 1884 nachmittags gegen 5 Uhr seiner Krankheit. Ein Schlaganfall erlöste ihn unvermutet von seinen Leiden. Die damals durch die Zeitungen gegangenen Nachrichten, daß er kurz vor seinem Tode erblindet sei, waren übrigens unrichtig. Allerdings hatte er an geringen Sehstörungen, wie sie bei dieser Krankheit häufig vorkommen, zu leiden gehabt, aber von Blindheit war keine Rede.
In den Jahren seiner Kraft war Brehm ein schöner, schlanker Mann mit höchst ausdrucksvollem Gesicht, dem die hohe Stirn, die kräftige Adlernase, die freundlichen graublauen Augen, der dunkle Vollbart und das meist langgetragene dunkle Haupthaar etwas Apostelmäßiges gaben. Und so als ein begeisterter Verkünder der Naturgröße, als ein Verächter und Bekämpfer der Bemühungen, die Menschheit der Naturkenntnis zu entfremden, faßte er seine Mission zu allen Zeiten mit einem heiligen Eifer auf, der ihm manchmal scharfe Worte in die Feder gab. Sein Wesen war aller Halbheit abhold, er konnte weder den Höfling abgeben, noch unter schmeichlerischen Worten seine wahre Gesinnung verbergen und mußte sich naturgemäß dadurch viele Feinde, nicht nur im klerikalen Lager, sondern auch unter Fachgenossen, machen. Mit dieser Geistesanlage ist ein starkes Selbstgefühl untrennbar verbunden, und es ist wohl möglich, daß er dabei manchmal aus den reinsten Absichten anderen zu viel gethan hat.
Es scheint mir aber auf einem Mißverständnis zu beruhen, wenn man ihm dieserhalb ein hochfahrendes Wesen zugeschrieben hat. Denn im Grunde war ihm eine kindlich heitere Natur und Unbefangenheit eigen. Er konnte ebenso wie durch seine Vorträge eine große Zuhörerschaft, einen kleinen Kreis durch Erzählung seiner Erlebnisse fesseln, und dabei war ihm alle Großsprecherei so weit fremd, daß er seine Kinder zu deren größtem Leidwesen aus dem Zimmer schickte, wenn er im engeren häuslichen Kreise von seinen Reisen erzählte. Sie sollten ihn nicht als den berühmten Reisenden kennen lernen! Seine Gemütsart neigte in jüngeren Jahren, wie schon oben angedeutet, sogar zu allerlei lustigen und humoristischen Streichen, die er stets mit der hölzernsten Trockenheit abzumachen pflegte. „Wir saßen“, erzählt mir Dr. Otto Dammer, „eines schönen Tages während der Leipziger Messe beim Frühschoppen. Da kam plötzlich Brehm herein und erzählte von einer riesig großen Schildkröte, die er in einer Schaubude gesehen, und er ruhete nicht, bis die ganze Gesellschaft, er mit Roßmäßler voran, ihm folgte. Angekommen, stieg er über den niedrigen Zaun, kletterte auf die Schildkröte und wußte das Tier so zu reizen, daß es mit ihm in dem engen Raume herumkroch — unter freiem Himmel, zum großen Jubel des Publikums. Und dabei verzog er keine Miene!“ Höchst wahrscheinlich war dabei die Absicht, dem Tierbudenmann eine Mehreinnahme zu verschaffen, nicht ganz ohne Einfluß gewesen.
Soll ich nun hier noch weiter von dem schriftstellerischen Wirken Brehms und von seinen gedruckten Werken reden? Ich glaube, es ist für die Freunde und Leser des „Tierlebens“ gänzlich überflüssig, und nur für die Gegner desselben mag ein kurzes Wort hier am Platze sein. Brehms Schriften sind oft hart getadelt und angegriffen worden, denn durch seine ständige Mitarbeiterschaft an der „Gartenlaube“, durch seine Verteidigung des freien Standpunktes der Forschung, durch seine Hinneigung zu Darwin und seinen unverhüllten Haß gegen die fromme Heuchelei hatte er sich unzählige Feinde, namentlich im klerikalen Lager, erworben. Man hat daher an seinen Werken viel zu mäkeln gewußt und von seinem „Tierleben“ (in einem Konkurrenzblatt der „Gartenlaube“) gesagt, es sei nichts weiter als eine unwissenschaftliche Zusammenstellung aus dem Munde von Jägern und Jagdliebhabern und daher auch nur für solche brauchbar. Man hat im besonderen hervorgehoben, daß sich aus dem Benehmen einzelner, durch Gefangenschaft eingeschüchterter oder schlecht erzogener Tiere keine Schlüsse über Gemütsart und geistige Fähigkeiten ihrer Sippschaft im allgemeinen ziehen ließen. Der eine Vorwurf ist aber genau ebenso unberechtigt wie der andere. Daß Brehm keine „wissenschaftliche Zoologie“ schreiben wollte, in welcher eine Berücksichtigung der unscheinbarsten Merkmale geboten wäre, sagen Titel und Vorwort. Wenn man ihm aber vorwarf, nicht individualisieren zu können, und daß er die aus dem Benehmen eines einzelnen Tieres gezogenen Schlüsse geneigt gewesen sei, auf die ganze Artgenossenschaft auszudehnen, so that man ihm bitter unrecht. War ein bestimmtes Tier bisher nur in einem einzigen Stück der Beobachtung zugänglich gewesen, so konnte er allerdings nichts weiter thun, als die Ergebnisse dieser alleinstehenden Beobachtung mitzuteilen. In all den Fällen aber, wo eine größere Anzahl von Gewährsmännern zu haben war, urteilte er durchaus nicht nach vereinzelten Beobachtungen. Daß er als Anwalt der Tiere manchmal geneigt war, ihre II®*