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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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„Jeglicher Mund ist geschickt, die Speise zu fassen, Welche dem Körper gebührt, es sei nun schwächlich und zahnlos Oder mächtig der Kiefer gezahnt; in jeglichem Falle Fördert ein schicklich Organ den Gliedern die Nahrung“.

So mag nun also der Mund gar keine Zähne mehr haben, wie bei dem Ameisenigel, oder über zweihundert Zähne zählen, wie bei einem Delphin: immer wird er der Ernährungsweise des Tieres entsprechen.

An den Mund reiht sich die Speiseröhre an, welche sich niemals wie bei den Vögeln kropfartig erweitert. Der Magen, in welchen der Schlund übergeht, ist immer ein mehr oder weniger dünnhäutiger, einfacher oder bis dreifach eingeschnürter Sack. Ganz eigentümlich gebildet ist er bei denjenigen Tieren, welche ihre Speise nach dem Weiden noch einmal behaglich durchkauen und dann erst in die Abteilung für Verdauung senden, an den ersten Speichern vorüber. Über die ausscheidenden Drüsen, wie Leber, Mund- und Bauchspeicheldrüsen und Nieren, braucht hier im allgemeinen ebensowenig gesagt zu werden wie über den Darm: es genügt, wenn wir festhalten, daß der Harn nur bei Säugetieren besonders entleert wird, und daß in der Umgebung des Afters oft Drüsen vorkommen, welche eigentümliche, gewöhnlich sehr stark riechende oder stinkende Stoffe absondern.

Die Gefäße weichen wenig von dem allgemeinen Gepräge ab; Herz und Adern und Aufsauggefäße sind bei dem einen Säugetiere so ziemlich wie bei dem anderen gebildet, obgleich auch hier Schwankungen bemerklich werden. Das Herz besitzt immer zwei Kammern und zwei Vorkammern; die Schlagadern sind ausdehnbar, die Blutadern innen mit Klappen versehen; die Saugadern haben viele Vereinigungspunkte und münden durch einen Hauptgang in die große Hohlader.

Die Brusthöhle ist durch das Zwerchfell vollständig geschlossen; die Lunge hängt frei in ihr und steht nicht mit besonderen Luftsäcken in Verbindung; die Luftröhre teilt sich gewöhnlich in zwei Aste und hat immer nur einen einzigen Kehlkopf, welcher im Anfange der Röhre liegt und aus einer bei den verschiedenen Arten schwankenden Anzahl von Knorpeln gebildet wird. Mit ihm stehen bei einigen Säugetieren eigentümliche Stimmsäcke in Verbindung. Die Stimmbänder fehlen nur den Walen.

Gehirn und Nerven sind oft verschieden ausgebildet. Ersteres füllt zwar regelmäßig die Schädelhöhle aus; allein diese ist auch oft verhältnismäßig sehr klein und die Masse des Gehirnes dann äußerst gering. Bei keinem einzigen anderen Säugetiere überwiegt das Gehirn das Rückenmark in demselben Grade wie bei dem Menschen, und bei keinem ist das Großhirn jo entwickelt wie bei ihm. Hierin gibt sich schon leiblich die geiftige Über: legenheit des Menschen über alle übrigen Tiere kund. Bei einigen niederen Säugern ist das Großhirn glatt und ungefurcht; doch erreicht es bei vielen höheren eine außerordentliche Entwickelung und zeigt dann die bekannten eigentümlichen Windungen. Die Sinneswerkzeuge bekunden eine große Übereinstimmung in ihrer Anordnung; nur bei den Walen finden sich Abweichungen von der allgemeinen Regel. Diese besitzen wohl noch eine Nase, im günstigsten Falle aber nur einen sehr mangelhaften Geruchssinn. Übrigens fließen die sonst paarigen Nasenlöcher nur bei den Delphinen zu einem einzigen zusammen; bei allen Säugetieren sind sie von Knochen und Knorpeln umgeben, welche ihre Gestalt bedingen. Auffallend verlängerte Nasen oder Rüssel, welche zuweilen sehr umfassend bewegt werden können, sind regelmäßig Tastwerkzeuge geworden; der Rüssel des Elefanten ist ein Greifwerkzeug. Die Riechmuscheln stehen hinsichtlich ihrer Größe und Ausdehnung mit der Ausbildung des Sinnes im Einklange; ihr sehr entwickelter unterer Teil hat jedoch mit der Geruchsempfindung nicht in dem Grade zu thun wie ihr oberer Teil und der obere Teil der Scheidewand, auf denen der Riechnerv sich verzweigt. Die Werkzeuge des Gehörs sind meistens sehr vollkommen; das Ohr besitzt stets drei Bogengänge und namentlich bei den Landbewohnern eine oft sehr große Muschel. Das Gesicht überwiegt die übrigen Sinne nicht in dem Grade wie bei den Vögeln; die stets paarigen Augen sind meistens verhältnismäßig klein und niemals im Innern willkürlich beweglich wie die der zweiten Tierklasse; die Nickhaut ist fast überall stark verkümmert, die Lider aber sind vollkommen und hier und da bewimpert; der Stern ist rund oder senkrecht und seitlich verlängert. Bei einigen Säugetieren, wie bei dem Blindmoll, werden die Augen von der äußeren Haut überdeckt. Die

Muskeln, welche den Augapfel bewegen, sind oft zusammengesetzter und zahlreicher als bei dem Menschen; denn zu den vier geraden und zwei schiefen, welche hier wirken, treten noch andere hinzu. Der Geschmack ist weit vollkommener als der der Vögel, wie schon die fleischige, nervenreiche Zunge schließen läßt. Diese zeigt sich übrigens höchst verschieden hinsichtlich ihrer Gestalt, Beschaffenheitund Bewegungsfähigkeit: sie kann breit, platt, flach

Nund unbeweglich oder schmal, lang,ja wurmförmig und vorstreckbar sein, ist zuweilen an den Seiten gefranst, zuweilen mit Hautstacheln besetzt, wie die Zunge des Löwen und aller Katzen überhaupt, kann auch noch eine Art Unterzunge haben. Das Gefühl endlich zeigt sich als Tastsinn in oft hoher Ausbildung und kann insbesondere durch die Nase oder durch die Hand oder auch durch Schnurrhaare vermittelt werden. Das Vermögen der Empfindung macht sich stets und fast an allen Leibesteilen bemerklich.

Die Haare, welche wir als Grannen- und Wollhaare, Wolle und Borsten unterscheiden, find allerdings vorherrschend; doch kommen auch Schuppen und Stacheln, hornige Schilder und hornartige Hautschwielen oder die bloße Haut als äußere Leibesbedeckungen vor, wie ja überhaupt die Gebilde der Oberhaut höchst verschieden sein können, obgleich sie allesamt nur als mannigfaltige Ausprägungen eines und desselben Stoffes betrachtet werden müssen. Eine solche Verschiedenheit zeigt sich auch in den Nägeln, welche bald platt und dünn, bald rund und dick, gerade und gebogen, stumpf und scharf oder Nägel und Krallen, Klauen und Hufe sind. Das männliche Säugetier besitzt immer eine als Reiz- und Begattungsorgan dienende Rute, welche die von den paarigen Hoden abgesonderte Samenflüssigkeit in die Scheide des Weibchens überträgt. Alle weiblichen Säugetiere besitzen einen paarigen, aber bei dem Schnabeltiere und Ameisenigel auf der rechten Seite verkümmerten Eierstock. Der Eierstock ist rundlich, eiförmig oder traubig und enthält viele nur bei den Gabeltieren ansehnliche Eierchen, über die erst die Neuzeit Genaueres berichten konnte. Von hier aus führen die paarigen Eileiter zum Fruchtbehälter hinab, welcher bei den Gabel- und Beuteltieren bloß eine Erweiterung des Eileiters und somit gleichfalls doppelt vorhanden ist; ähnliches gilt auch von den Fruchtbehältern der meisten Nager und des Erdferkels. Bei den höher stehenden Ordnungen schmilzt der Fruchtbehälter zu einem einzigen Sacke zusammen. Er mündet mit dem Harnleiter bei den Schnabeltieren in den unteren Mastdarm, bei allen übrigen in die, bei den Beuteltieren doppelte, Scheide. — Die äußeren Ernährungsdrüsen für das neugeborene Junge, die Brüste, fehlen bei keinem Säugetiere, sind aber bei den Gabeltieren umgewandelte Schweiß-, bei den anderen Säugern zur Milchabsonderung tauglich gewordene Talgdrüsen. Bald sind sie an die Brust allein, bald zwischen die Leisten, bald endlich auf Brust, Bauch und Leistengegend zugleich gestellt und schwanken bedeutend auch in ihrer Anzahl. Kurz vor und nach der Zeugung treten sie in Wirksamkeit; in der Kindheit sind sie nur in der Anlage vorhanden. Eine Brustwarze oder Zitze kommt bei den Gabeltieren nicht zur Ausbildung.

Diese allgemeinen Bemerkungen mögen für unsere oberflächliche Vettuchtung des Säugetierleibes genügen. Wer sich darüber ausführlich belehren will, sindet Hand- und Lehrbücher genug, welche ihn in verständlicher Weise mehr berichten können. Unser Zweck ist, das Zusammenwirken von Leib und Seele, das Leben des ganzen Tieres kennen zu lernen, und 1 Zweck fassen wir daher vor allem ins Auge. |

Das Leben aller Angehörigen unserer Klasse bietet uns reichen Stoff zur Belehrung und Unterhaltung. Die Säugetiere sind nicht so leichtlebig wie die Vögel; sie sind viel bedächtiger und schwerfälliger als jenes bewegungslustige Volk der Höhe. Ihnen mangelt die

heitere Lebendigkeit und unerschöpfliche Lebensfröhlichkeit der Lieblinge des Lichtes; sie zeigen dafür eine gewisse Behäbigkeit und Lebensgenußsucht, welche vielen sehr gut und vielen sehr schlecht ansteht. Hinsichtlich ihrer Beweglichkeit und Bewegungsfähigkeit kommen sie den Vögeln nicht im entferntesten gleich. Nur wenige kennen die unbeschreibliche Lust einer ungebundenen Bewegung, nur wenige jagen jauchzend zwecklos umher. Sie haben ein ernsthaftes Wesen und verschmähen ein unnützes Anstrengen ihrer leiblichen Kräfte. Bloß in der Kindheit, und wenn die allmächtige Liebe sie kindisch oder kindlich macht, sind sie zu fröhlichem Spiele geneigt und geben sich ganz der Lust der Bewegung hin. Bei den Vögeln ist es anders. Hier heißt sich bewegen leben, und leben sich bewegen. Der Vogel ist in steter Unruhe und möchte am liebsten die ganze Nacht zum Tage machen, um seiner ewigen Regsamkeit volles Genüge zu leisten. Sein kleines Herz schlägt schneller, sein Blut jagt stürmischer durch seine Adern, seine Glieder scheinen gelenker, gestählter zu sein, als es bei den Säugetieren der Fall ist. Das Säugetier scheint die wahre Lebensbehaglichkeit erst zu empfinden, wenn es sich möglichst bequem hingelagert hat und sich, wenn nicht dem Schlafe, so doch wenigstens einem Halbschlummer hingeben kann. Ein in solchem Zustande verharrender, fauler Mensch, ein auf dem Rücken liegender Hund, eine auf weichem Polster ruhende Katze und vor allem der wiederkäuende Ochs mögen meine Behauptung bildlich erläutern: ersterer hat mit letzterem noch das gemein, daß er sich nach Kräften bemüht, während der Ruhe des Leibes auch dem Geiste die ausgiebigste Erholung zu gönnen. Ein solches „süßes Nichtsthun“ mit offenen Augen kommt unter den Vögeln höchstens bei einem tollund vollgefressenen Geier vor. Sie sind eben Bewegungs-, jene Empfindungstiere.

Man kann allerdings nicht sagen, daß die Bewegungsfähigkeit der Säugetiere gering sei; denn sie gehen, laufen, springen, klettern, „fliegen“, schwimmen und tauchen wie die Vögel. Aber die Masse beherrscht, die Scholle fesselt sie, und so wird ihre größte Schnelligkeit von den Seglern der Lüfte, von den erdfrei gewordenen, luftigen Vögeln durchschnittlich überboten. Ja selbst die Erdvögel, wie der Strauß oder der Kasuar, wetteifern im Laufen mit dem schnellfüßigen Rosse oder der behenden Antilope. Und wenn die armen Säugetiere nun gar versuchen wollen, den gefiederten Scharen es gleichzuthun, zeigen sie erst recht, wie weit sie hinter diesen zurückstehen: — die Fledermaus ist nur ein Zerrbild des Vogels. | | Die Säugetiere gehen auf zwei over auf vier Beinen. Einen aufrechten Gang hat bloß der Mensch, kein zweites Tier außer ihm. Kein Affe geht aufrecht; dieKänguruhs oder Springbeuteltiere, welche sich ausschließlich auf den Hinterbeinen fortbewegen, gehen nicht, sondern springen, d. h. fördern sich durch Aufschnellen ihrer Beine satzweise, und die Springmäuse, welche eins ihrer Hinterbeine um das andere bewegen, gehen nicht aufrecht. Alle übrigen Landtiere laufen auf ihren vier Füßen, und zwar indem sie ein Vorderbein und das gegenseitige Hinterbein zugleich oder fast zugleich aufheben, vorstrecken und wieder niedersetzen. Eine Ausnahme hiervon machen Elefant, Nilpferd, Kamel, Giraffe und mehrere Antilopen: sie bewegen beide Beine einer Seite fast genau zu gleicher Zeit. Diese Gangart, der Paß, kann auch unseren gezähmten Einhufern anerzogen werden. Jede Beschleunigung des Gehens hebt beide Gangarten, den Paß oder den Wechselschritt, wenigstens scheinbar auf. Man glaubt nämlich, daß ein im schnellsten Laufe dahinjagendes Tier zuerst beide Vorderfüße und dann beide Hinterfüße auf den Boden setze und wieder erhöbe, obgleich es in Wirklichkeit seinen ursprünglichen Gang behält. Die Schnelligkeit dieser Bewegung ist so verschieden, daß eine allgemeine Schätzung derselben hier unausführbar erscheint; zudem hat man sie auch nur beim Pferde genau gemessen. Auf freier ebener Bahn legen die schnellsten Renner mehrere Kilometer mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von etwa 15 m in 1 Sekunde zurück. Eine ähnliche Schnelligkeit dürfte im Freileben der Säugetiere

übrigens selten vorkommen. Und was ist sie gegen die des Vogelfluges? Schon die lang same Krähe würde mit dem Rennpferde wetteifern können; die Brieftaube überholt es bald, denn sie durchmißt in derselben Zeit bei kürzeren Flügen einen um die Hälfte größeren Raum. Alte Tauben der Hamburger Brieftaubengesellschaft „Courier“ haben die Entfernung von Paris bis Hamburg in 13½ Stunden zurückgelegt, in 1 Sekunde 15, m; die von Frankfurt a. O. bis Hamburg in 4½ Stunden, in 1 Sekunde 22,13 m; die von Lemförde bis Hamburg in 2 Stunden 38 Minuten 40 Sekunden, in 1 Sekunde 22,36 m. Und wenn nun erst ein Edelfalke zu ernster Jagd oder ein Segler zum Liebesreigen seine kraftgestählten, unermüdlichen Schwingen in Bewegung setzt: wo bleibt da die Schnelle des edlen Rosses? und die der Lokomotiven, deren höchste zulässige Schnelligkeit an 30 m in 1 Sekunde beträgt, während in Wirklichkeit einige der schnellsten Jagdzüge auf N Strecke nur 23 bis etwa 29 m in 1 Sekunde durcheilen?

Das Springen geschieht sehr verschiedenartig. Alle Säugetiere, welche springend laufen, wie die vorhin genannten, schnellen sich durch plötzliches Ausstrecken ihrer zusammengebogenen Hinterbeine vorwärts und machen Sätze anstatt der Schritte. Diejenigen, welche nur dann springen, wenn sie angreifen oder ein Hindernis übersetzen wollen, schnellen sich immer durch die Kraftanstrengung aller vier Beine empor, wenn auch die Hinterbeine das Hauptsächlichste dabei leisten müssen. Der Schwanz bestimmt oder regelt die Richtung des Sprunges: und deshalb ist auch bei fast allen Springern dieses notwendige Steuer besonders entwickelt, bei dem Affen ebensowohl wie bei der Springmaus, bei der Katze wie bei dem Känguruh. Ausnahmsweise, z. B. bei den Langarmaffen, verrichten die Hinterbeine anstatt des Schwanzes den Dienst des Steuerns, wie ja auch alle kurzschwänzigen Vögel (Alken, Steißfüße, Seetaucher u. a.) bloß mit den Füßen steuern. Die Kraft des Sprunges ist sehr bedeutend. Ein Affe kann einen in wagerechter Richtung 5 m von ihm entfernten Zweig springend erreichen; einige Arten sollen noch mehr leisten können. Ein Eichhorn springt ungefährdet aus einer Höhe von 20 und mehr Meter zur Tiefe nieder; ein Rothirsch setzt über eine Wand von 2,5, ein Löwe vielleicht über eine solche von 3 m Höhe, eine Gemse über eine Kluft von gleicher Weite; ein Springbock schnellt sich vielleicht bis 2 m senkrecht empor. Der hüpfende Gang der Springbeuteltiere fördert fast ebenso schnell wie der Lauf des Hundes; eine Springmaus wird niemals von einem laufenden Menschen eingeholt. Im Springen sind die Säugetiere Meister unter den Wirbeltieren; selbst der behende, starke Lachs, welcher doch oft unter den scheinbar ungünstigsten Umständen bedeutend hohe Sprünge macht, kann mit ihnen nicht wetteifern.

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