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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Diese Streifzüge dehnten sich über ein größeres Gebiet aus, als es jemals ein thüringischer Privatmann beschossen hat, denn dem weit und breit bekannten, in jedem Forsthause freudig willkommen geheißenen „alten Brehm“ wurde von Privatleuten und forstamtlichen Behörden gern der Vorzug eingeräumt, seine „Jagd“ überall unbehindert auszuüben, wußte man doch, daß sie nicht zu irgend einem persönlichen Vorteile, sondern einzig zum Nutzen der Wissenschaft betrieben wurde. Daß er aber seine Söhne so früh an diesen Streifzügen teilnehmen ließ, erklärt sich daraus, daß er selber von seiner frühesten Jugend an Sammler und Vogelliebhaber gewesen war und keinen Nachteil für seine Lebensführung dabei entdeckt, sondern im Gegenteile gefunden hatte, daß die Beschäftigung mit den Wundern und Geheimnissen der Natur das menschliche Gemüt nur veredeln kann. Übrigens be-teiligte er sich, obwohl an Treffsicherheit niemand nachstehend, durchaus nicht an Treibjagden und ähnlichen Vergnügungen; seine „Waldspaziergänge mit der Flinte“ waren, selbst wenn er das Gewehr an die Wange legte, immer nur der Beobachtung seiner Lieblinge gewidmet, so daß er in seinen zahlreichen ornithologischen Werken einen Wissensstoff sammelte, an dem Jahrzehnte gezehrt haben und noch zehren.

In unseren Tagen, wo eine strengere Richtung wieder vielfach hervortritt, erscheint ein dem edlen Weidwerk huldigender Landpfarrer allerdings wie eine Gestalt aus der Vorzeit, und es hat seiner Zeit auch keineswegs an strengblickenden Amtsbrüdern gefehlt, die über die „Allotria“ des alten Herrn Pfarrers von Renthendorf eifrig zu Gerichte saßen. Indessen wußten seine Gemeindekinder, von denen er zwei Generationen getauft, getraut und zu Grabe geleitet hat, besser, was sie an ihm hatten, und sie wünschten sich keinen anderen Seelsorger als gerade diesen Mann mit offenem Auge und offener Hand, der die Herrlichkeiten der Schöpfung so genau bis in die verborgensten Winkel hinein studiert hatte und mit kurzen, kräftigen Worten Erbaulicheres und, wo es not that, Tröstlicheres zu sagen wußte als mancher seiner Amtsbrüder. Er gehörte nicht zu denjenigen, welche sich mit Vorliebe in biblischen Wendungen bewegen und die Gottheit beständig in die kleinen Angelegenheiten der Menschen einmischen; aber alles, was er sprach und schrieb, entquoll einer tief religiösen Grundstimmung, der die Kenntnis der allwaltenden Natur eine höhere Weihe gab.

Es ist nach alledem kein Wunder, daß dem „jungen Brehm“ der Vater als das Urbild eines echten und wahren Priesters, wie er sein soll, stets vor Augen blieb, und weil er nun bei einer großen Anzahl geistlicher Herren nichts von der Milde und Gerechtigkeitsliebe seines Vaters und im allgemeinen so wenig Ahnlichkeit mit dem Wesen dieses treuen Beraters seiner Gemeinde zu finden vermeinte, so erklärt sich daraus der für einen Pfarrerssohn 0³¹

wohl befremdliche Ingrimm Brehms gegen die „Pfaffen“ von selbst. Die hier gegebene Charakteristik des Vaters entstammt in den allgemeinen Zügen der Schilderung des Sohnes in der „Gartenlaube“. Da der letztere keine eigenen Aufzeichnungen über seine Jugendjahre hinterlassen hat und trotz aller angewandten Mühe keine ausführlichere Auskunft darüber zu erlangen war, so sind wir auf dasjenige angewiesen, was er hierüber gelegentlich seinen Freunden und namentlich dem Berliner Schriftsteller H.Beta (gestorben 1876) zum Behufe einer kurzen Lebensschilderung erzählt hat.! Wir ersehen daraus, wie der Keim zur Beobachtung des Lebens der Tiere auf diesen unter der väterlichen Leitung unternommenen Ausflügen durch Wald und Flur gelegt wurde: „Da fliegt eine Feder, von welchem Vogel ist sie, Alfred? Hörst du es dort pfeifen und

| fingen? Wer ist der Tonkünstler, wie heißt er, und wie sieht er aus? Wie machen wir's,

um ihn aufzusuchen? Hier ist ein Nest. Welcher Vogel kann es nur gebaut haben? Wie erkennt man überhaupt den Vogel nicht nur an den Federn, sondern an irgend einer Feder? An seinem Neste? Seinen Eiern? Seinem Schlage oder Rufe? Wie spricht dieser oder jener Vogel in Liebe, Zorn, Gefahr oder Furcht?“ — — — Zuweilen wurde schon lange vor Sonnenaufgang aufgebrochen, um in Gesellschaft befreundeter Weidmänner ein besonderes Schauspiel der Natur, ein Morgenkonzert der Künstler, welche alle „vom Blatt“ singen, oder ein Ballett berühmter Tänzer unter den Vögeln zu besuchen. Der Morgen graut durch den tautriefenden, wasserdichtenden Wald herein und schimmert mit zweifelhaftem Lichte auf den Tanzplatz des balzenden Auerhahnes. Die Weidmänner schleichen sich, mit dem Knaben Brehm in der Mitte, heran und harren mit schlagenden Herzen des ersten Tones. Bald dringt auch ein vernehmliches „Töd“ durch die Zweige, und ihm folgt mit beschleunigter Geschwindigkeit eine ganze Reihe von Töd-öd⸗öd⸗öds, welche mit einem schnalzenden „Glack“ abschließen. Niemand rührt sich, und auch der blonde Junge muß mäuschenstill sein, bis der eigentliche Tanz beginnt, wozu sich der verliebte Hahn mit einem schleifenden und wetzenden „Heide⸗heide⸗heide⸗heide⸗heide⸗heiderei“ selbst die Musik macht. Das ist der Augenblick, sich auf kunstgerechte Weise näher heranzuschleichen und das tödliche Rohr zu richten. Plötzlich knallt es durch die Waldesstille, und der Knabe sieht es..... noch als Mann, wie sich die Dampfwolke schwer auf das nasse Gesträuch senkt, als wollte es den mitten in seinem Lieblingstanze dahingestreckten Tänzer wie mit einem Leichentuche bedecken. Aber der Auerhahn, der höchste Triumph des Waldjägers, wird freudig dem alten Priester Gottes und der Natur für sein unvergleichliches Vogelmuseum übergeben.

Unter dieser frühen und unübertrefflichen Anleitung erwarb sich schon der Knabe jenes Späherauge, das den Vogel in Wolkenhöhe und den Vierfüßler am Horizonte verfolgen konnte, und dem so leicht kein Getier entging, mochte es sich am Boden hindrücken oder im dichten Laube verbergen. Aber sein Blick wurde auch auf die feineren Unterschiede in Form

„Gartenlaube“ 1869, S. 20. — Einige weitere Einzelheiten verdankt der Verfasser dieser Zeilen der freundlichen Mitteilung des einzigen lebenden Sohnes, Herrn Dr. med. Horst Brehm, und des Herrn Archidiakonus O. L. Korn in Eisenberg sowie einigen Freunden Brehms. Der Hauptstoff für die vorliegende Lebensschilderung mußte den eigenen Schriften Brehms entnommen werden, so daß die Angaben allerseits zuverlässig sein dürften. II *

und Färbung verwandter Arten hingelenkt, und in dieser Beziehung hätte kein angehender Naturforscher einen besseren Lehrmeister finden können als der junge Brehm in seinem Vater. Denn dieser war ein mit solcher Sorgfalt und Scharfsichtigkeit ausgerüsteter Beobachter, daß viele seiner Mitforscher klagten, er sähe die Tiere allzu genau an und nähme mehr an ihnen wahr, als zu ihrer Unterscheidung nötig wäre. In der That fand der alte Brehm so feine Unterschiede an den von ihm gesammelten Vögeln heraus, daß er immer neue, bestimmten Gegenden eigentümliche Formen aufstellen mußte, die er dann als besondere Arten oder Unterarten beschrieb und, um sie auseinander zu halten, mit besonderen Namen belegte. Er geriet darüber oft mit seinen Fachgenossen, welche diese Unterformen nicht als feststehende Arten anerkennen wollten, in wissenschaftlichen Streit, der indessen von ihm selbst immer mit der gebührenden Ruhe und Besonnenheit geführt wurde, obwohl er nach seinen ausgebreiteten Erfahrungen darauf bestehen mußte, daß diese Unterarten der verschiedenen Länder und Gebiete an sich ebenso beständig und feststehend seien wie die bisher allein anerkannten, sogenannten typischen Formen der ersten Beschreiber. Es war der Streit um die Beständigkeit der Art, der hier seinen Schatten vorauswarf, und der alte Brehm war in dieser Richtung einer der kenntnisreichsten Vorgänger Darwins, sofern er besser als die meisten anderen Tierforscher wußte, daß dasjenige, was man als Art bezeichnet, keinen festbegrenzten Formenkreis umschließt, sondern sich selber wieder aus Unterarten zusammensetzt, die man nur darum nicht voneinander zu trennen weiß, weil sie durch eine oft lange Reihe von Übergängen miteinander verbunden sind.

Nach einer entgegengesetzten Richtung arbeiteten seine Studien auch wieder darauf hin, die Überzahl der Formen einzuschränken. Denn seine allmählich auf ca. 9000 Stück angewachsene Sammlung meist einheimischer Vögel enthielt die einzelnen Arten nicht nur in zahlreichen Spielarten aus allen Gegenden Deutschlands und in beiden Geschlechtern, jon-dern auch in mannigfachen Alters- und Entwickelungszuständen, in denen manche Arten ein höchst verschiedenes Ansehen darbieten und infolge einer doppelten Mauser oft sogar ein sehr ungleiches Jahreszeitenkleid tragen. Auf alle solche Fragen und im besonderen auf die nach den klimatischen und örtlichen Abänderungen gab das Brehmsche Museum, welches der Sohn vor seinen Augen wachsen sah und vergrößern half, die ergiebigste Auskunft, und oft kamen berühmte Forscher aus weiter Ferne nach dem kleinen thüringischen Orte, um sich hier Gewißheit zu verschaffen oder das Urteil des alten Brehm, der trotz seiner in manchen Punkten abweichenden Ansichten von allen Ornithologen als eine Autorität ersten Ranges anerkannt wurde, in Anspruch zu nehmen. Dadurch entwickelte sich ein leb: hafter Austauschverkehr in Ideen und Beweisstücken, dessen wir Erwähnung thun müssen, um es verständlich zu machen, wie der Landpfarrer mit seinen bescheidenen Mitteln eine der reichhaltigsten Vogelsammlungen der Welt zusammenbringen konnte, die allein gegen 700 Stück der meist größeren Raubvögel enthielt. Reisende, die fremde Länder besuchten, sandten große Kisten mit Bälgen seltener Vögel, und so hat Karl Werner den „alten Brehm“ auf einem im Britischen Museum befindlichen Gemälde in seinem Arbeitszimmer dargestellt, neben ihm eine von dem Afrikareisenden Theodor von Heuglin gesandte und halb ausgepackte Kiste mit Vogelbälgen, von denen aber erst eine damalige Neuheit, der

Schuhschnabel (Balaeniceps rex), ausgestopft auf dem Tische steht, während er zur Erinnerung an seine Vorliebe für deutsche Vögel ein zutrauliches Blaukehlchen auf der Hand hält.

Natürlich wurde nicht immer bloß Naturkunde getrieben, gesammelt und ausgestopft, sondern der Vater ergänzte die Lücken, welche der Besuch der Elementarschule naturgemäß bei seinen Kindern zurücklassen mußte, durch sorgsamen, selbsterteilten Privatunterricht, so daß sie später wohlvorbereitet höhere Lehranstalten beziehen konnten. Abends saß Alfred oft — und hier lasse ich wieder Beta das Wort — „mit seinen Geschwistern still und lauschend in dem Studierzimmer des Vaters, und sie sahen zu, wie er stopfte“, während die Mutter sehr dramatisch Erlebnisse erzählte oder aus Schiller und Goethe vorlas. Ihr dramatisches Talent war sehr bedeutend und ist ziemlich ungeschwächt auf den Sohn und dessen Bruder Reinhold, den Doktor in Madrid, übergegangen. Mit einer von den Brüdern gemeinsam verfaßten Posse, benannt ‚Die beiden Zimmerleute‘, die beide Meier heißen, beide aus Ruhla und beide verheiratet sind (die ganze Handlung des spannenden Stücks), haben sie manchen Thüringer Philister und Bauer in Lachkrämpfen unter den Tisch gebracht. Er (Alfred) hätte einen vortrefflichen Schauspieler gegeben und auch als Sänger seinen Mann gestellt.“ Sein lebelang blieb ihm die Vorliebe für die Poesie im allgemeinen und für die dramatische Dichtung im besondern treu, und noch auf der sibirischen Reise (1876) verkürzte er den Reisegefährten durch Deklamationen aus Goethes „Faust“ die Fahrt auf dem einsamen Irtisch. Sicherlich hat dieser von mütterlicher Seite ererbte Geschmack an Schönheiten der Sprache und des Gedankenausdrucks die Lebendigkeit und Anschaulichkeit seines Stils vorteilhaft beeinflußt. Seine Erstlingsschriften waren mit Anführungen in gebundener Rede fast überladen, und Dichtungen, welche tieferen Eindruck auf ihn gemacht hatten, wie das herrliche Gedicht Rückerts über das Leben des Eichhörnchens im Baumwipfel, wurde er nicht müde, immer von neuem zu wiederholen. |

Mit einer gewissen Verwunderung erfahren wir nach alledem, daß der angehende Natur: forscher nach seiner 1843 erfolgten Konfirmation sich nicht, wie fein Bruder Reinhold, dem Studium der Medizin oder der reinen Naturwissenschaft zuwendete, sondern ein praktisches Fach erwählte und Architekt zu werden beschloß. War es Zaghaftigkeit, die ihn befürchten ließ, als Beobachter niemals seinem Vater gleichkommen zu können? War es die klare Erkenntnis, daß nichts für die Anerkennung eines jungen Naturforschers hinderlicher sein kann, als wenn er gerade das Fach erwählt, in welchem sein Vater einen bedeutenden Namen gewonnen? Oder geschah es nur, um zunächst einen festen Anhalt für das Leben zu gewinnen, da die Aussichten eines bloßen Naturwissenschaftlers für eine anständige Versorgung damals noch geringer waren als heute? Er widmete sich in der That dem Baufache in Altenburg bis 1847, also volle 4 Jahre lang, und er hat die dabei erworbenen praktischen Kenntnisse später ohne Zweifel bei der Leitung und Einrichtung zoologischer Institute recht gut verwerten können. Die sich unerwartet darbietende Gelegenheit, fremde Länder zu besuchen, riß ihn ziemlich plötzlich aus diesen Brotstudien.

Der württembergische Baron John Wilhelm von Müller, ein eifriger Jäger, Naturfreund und Vogelliebhaber, welcher schon früher einen Teil Afrikas für ornithologische Zwecke durchstreift hatte, suchte für eine zweite Reise dieser Art, die sich weiter nach dem

Innern des damals noch ganz unerschlossenen Weltteiles erstrecken sollte, einen jüngeren Begleiter, der im Schießen, Sammeln und Präparieren von Tieren, namentlich von Vögeln, geübt wäre, und er fand in dem jungen Brehm, dessen ganze Naturleidenschaft bei diesem Antrage erwachte, den geeignetsten Begleiter, den er irgend wünschen konnte, wenn sich auch später das gegenseitige Verhältnis erheblich getrübt hat, denn das letztere geschah ohne Brehms Verschulden. Der Vater, welcher schon früher einmal auf eigene Kosten seinen Schüler Schilling nach den Ostseeküsten entsendet hatte, damit er an seiner Stelle das Leben und Treiben der Meeresvögel erforschen sollte, konnte natürlich nicht viel gegen einen Reiseplan einwenden, von dem sich die Vogelkunde im allgemeinen und seine Sammlungen im besonderen manchen Zuwachs versprechen durften. In der That hat Alfred, wie hier nebenbei bemerkt werden mag, ebenso wie sein Bruder Reinhold nicht unbeträchtlich zur Vermehrung der Sammlungen des Vaters beigetragen. Denn die beiden Söhne wußten ja am besten, wie der Alte sammelte und für seine Zwecke sammeln mußte. Dem Afrikareisenden drückte er den Wunsch aus, von dort Schafstelzen zu bekommen, und dieser brachte ein halbes Tausend zusammen; er verlangte Turmfalken und erhielt nahezu so viel Stücke, wie das Jahr Tage zählt. Alles, was an Vogelleichen in seinen Besitz kam und sich brauchbar erwies, feierte dann unter seinen geschickten Händen eine fröhliche Auferstehung, und mit den so gewonnenen zahlreichen Duplikaten tauschte er in der Folge Seltenheiten aus allen Ländern des Erdballes ein, wie und woher er sie bekommen konnte.

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