All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 14 of 188

Der Gesichtssinn der Säugetiere erreicht wahrscheinlich nie dieselbe Schärfe wie der Geruch und das Gehör. Daß alle Säuger hinsichtlich des Sehens von den Vögeln übertroffen werden, habe ich bereits erwähnt, bis zu welchem Grade aber, dürfte schwer zu sagen sein, da wir auch hierin wirkliche Beobachtungen nur an uns selbst machen können. Überdies erkennen sie ihren Feind selbst in der Nähe kaum, wenn er sich nicht bewegt, nicht die Augen wendet. Es ist wohl anzunehmen, daß von den Tagsäugern kaum einer den Menschen in der Entwickelung seines Auges und der damit verbundenen Sehschärfe überbietet; wenigstens kenne ich keine Beobachtungen, welche dem widersprächen. Anders verhält es sich bei den Nachttieren, also fast allen Räubern, einigen Affen, allen Halbaffen, den Flattertieren, mehreren Nagern und anderen. Sie besitzen entweder sehr entwickelte oder aber auch sehr verkümmerte Augen. Die wahren Raubtiere haben unstreitig das schärfste Gesicht unter allen Säugern; ihre Augen sind auch so empfänglich für die Einwirkung des Lichtes, daß schon gewöhnliches Tageslicht wenigstens vielen äußerst unangenehm wird. Das Raubtierauge besitzt daher viel innere Beweglichkeit; diese ist aber keine willkürliche wie bei den Vögeln, sondern eine unwillkürliche, welche mit der größeren oder geringeren Helle genau im Einklange steht. Unsere Hauskatze zeigt uns deutlich, wie das Licht auf ihr Auge wirkt: dieses schließt sich bei Tage dergestalt, daß der Stern nur wie ein schmaler Strich erscheint, während es mit der Dunkelheit verhältnismäßig sich ausdehnt. Sie bestätigt also auch hinsichtlich des Gesichtes die Wahrheit, daß nur ein mittelmäßig entwickelter Sinn stärkere Reize vertragen kann. Als Regel darf gelten, daß alle Säuger, welche runde Augensterne besitzen, Tagtiere sind oder bei Tage und bei Nacht verhältnismäßig gleich scharf sehen, während diejenigen, deren Stern spaltartig erscheint, erst mit der Dämmerung die volle Schärfe ihres Sinnes benutzen können.

Merkwürdig erscheint die in der höchsten Klasse einige Male vorkommende Verkümmerung der Augen, welche vollkommene Blindheit bedingen kann, wie beim Blindmoll. Das Auge fehlt, soviel bis jetzt bekannt, keinem Säugetiere: unser Maulwurf, welcher oft genug mit seinem „blinden“ Bruder verwechselt worden ist, besitzt schon ein ziemlich sehfähiges Auge, und deshalb enthalten die schönen Worte unseres Rückert die volle Wahrheit: b 2* 8

„Der Maulwurf ist nicht blind, gegeben hat ihm nur Ein kleines Auge, wie er's brauchet, die Natur;

Mit welchem er wird sehn, so weit er es bedarf Im unterirdischen Palast, den er entwarf;

Und Staub ins Auge wird ihm desto minder fallen, Wenn wühlend er emporwirft die gewölbten Hallen.

Den Regenwurm, den er mit andern Sinnen sucht, Braucht er nicht zu erspähn, nicht schnell ist dessen Flucht.

Und wird in warmer Nacht er aus dem Boden steigen, Auch seinem Augenstern wird sich der Himmel zeigen,

Und ohne daß er's weiß, nimmt er mit sich hernieder Auch einen Strahl und wühlt im Dunkeln wieder.“

Das Auge der Säugetiere müssen wir übrigens auch noch von einem anderen Stand-punkte betrachten: als äußeres, sichtbares Bild des Geistes. Bei den unteren Klassen hat es noch nicht die Beredsamkeit erlangt, daß es als Spiegel der Seele erscheinen könnte. Wir finden es zwar bei der Schlange tückisch, beim Krokodil hämisch und bei einigen Vögeln mild, bei anderen aber streng, ernst, mutig: allein mit wenigen Ausnahmen legen wir selbst das hinein, was wir zu sehen glauben. Erst aus dem lebendigen Falkenoder Adlerauge spricht uns das Innere an; bei dem Auge der Säugetiere ist dies aber fast immer der Fall. Hier können wir wirklich von einem Gesichtsausdrucke reden: und. an einem solchen nimmt ja eben das Auge den größten Anteil. Deshalb hat sich das Volk mit richtiger Erkenntnis längst seine Bilder gewählt und spricht mit Recht von dem blöden Auge des Rindes, dem schönen Auge der Giraffe, dem milden der Gazelle, dem treuherzigen des Hundes, dem dummen des Schafes, dem falschen des Wolfes, dem glühenden des Luchses, dem tückischen des Affen, dem stolzen des Löwen; denn bei allen diesen Tieren ist das Auge wirklich der truglose Spiegel des Geistes. Die Bewegung der Tierseele spricht aus dem Auge, dieses ersetzt die fehlende Sprache. Schmerz und Freude, Betrübnis und Heiterkeit, Angst und Leichtsinn, Kummer und Fröhlichkeit, Haß und Liebe, Abscheu und Wohlwollen finden in dem Auge ihren stummberedten Verkündiger: der Geist offenbart sich hier äußerlich. Und so mag uns das Auge als Bild und Dolmetsch zur allgemeinen Betrachtung des Tiergeistes führen.

Wir find weit entfernt, das Wesen des Tiergeistes erkannt zu haben, aber wir studieren am Tiere in der Absicht, uns selbst kennen zu lernen. Wir schreiten in unserer Erkenntnis vor von Jahr zu Jahre, von Tag zu Tage, und schon seit langem lassen wir vom Tiergeiste Scheitlins goldene Worte gelten: „Alles Tier ist im Menschen, aber nicht aller Mensch ist im Tiere!“

Das Säugetier besitzt Gedächtnis, Verstand und Gemüt und hat daher oft einen sehr entschiedenen, bestimmten Charakter. Es zeigt Unterscheidungsvermögen, Zeit-, Ort-, Far: ben⸗ und Tonsinn, Erkenntnis, Wahrnehmungsgabe, Urteil, Schlußfähigkeit; es bewahrt sich gemachte Erfahrungen auf und benutzt sie; es erkennt Gefahren und denkt über die Mittel nach, um sie zu vermeiden; es beweist Neigung und Abneigung, Liebe gegen Gatten und Kind, Freunde und Wohlthäter, Haß gegen Feinde und Widersacher, Dankbarkeit, Treue, Achtung und Mißachtung, Freude und Schmerz, Zorn und Sanftmut, List und Klugheit, Ehrlichkeit und Verschlagenheit. Das kluge Tier rechnet, bedenkt, erwägt, ehe es handelt, das gefühlvolle setzt mit Bewußtsein Freiheit und Leben ein, um seinem inneren Drange zu genügen. Das Tier hat von Geselligkeit sehr hohe Begriffe und opfert sich zum Wohle der Gesamtheit; es pflegt Kranke, unterstützt Schwächere und teilt mit Hungrigen seine Nahrung. Es überwindet Begierden und Leidenschaften und lernt sich

beherrschen, zeigt also auch selbständigen Willen und Willenskraft. Es erinnert sich der Vergangenheit jahrelang und gedenkt sogar der Zukunft, sammelt und spart für sie.

Die verschiedenen Geistesgaben bestimmen den Charakter. Das Tier ist mutig oder furchtsam, tapfer oder feig, kühn oder ängstlich, ehrlich oder diebisch, offen oder verschmitzt, gerade oder hämisch, stolz oder bescheiden, zutraulich oder mißtrauisch, folgsam oder störrisch, dienstsam oder herrschsüchtig, friedfertig oder streitlustig, heiter oder traurig, lustig oder grämlich, gesellig oder ungesellig, freundschaftlich gegen andere oder feindselig gegen die ganze Welt — und wer könnte sagen, was sonst noch alles!

Eines dürfen wir hier nicht vergessen: ich meine die Steigerung, welcher alle Geisteskräfte des Tieres fähig sind, wenn ihm Erziehung zu teil wird. Es gibt ebensowohl gesittete, wohlerzogene oder ungesittete, flegelhafte, ungezogene Tiere wie Menschen. Der Erzieher übt einen unendlichen Einfluß auf das Tier aus. Der hauptsächlichste und vorzüglichste Erzieher aber ift der Mensch. Ein einziges Beispiel mag genügen: unser am besten erzogenes Tier, der Hund, soll es sein. Dieser wird mit der Zeit ein wahres Spiegelbild seines Herrn; er eignet sich sozusagen dessen Charakter an: der Jagdhund den des Jägers, der Fleischerhund den des Fleischers, der Schifferhund den des Schiffers, der Lappen-, Eskimo-, Indianerhund den seiner bezüglichen Gebieter. Männer sind durchaus bessere Tiererzieher als Frauen; dies beweisen oder bewiesen die Mopse, die Hunde und Katzen einsam stehender Frauen oder Jungfrauen: sie sind regelmäßig verzogen, nicht erzogen. Das Tier verlangt Ernst und Festigkeit von dem, welcher es lehrt, nicht aber zu große Milde und Wankelmut.

Bei der Einzelbeschreibung der Säugetiere werde ich nicht verfehlen, zu meinen Behauptungen auch Beweise zu liefern.

Die Verbreitung der Säuger erstreckt sich auf alle Meere, Festländer und größeren Inseln der Erde. Nur die Inseln des hohen Meeres, welche nie mit einem Festlande zusammenhingen, besitzen keine eingeborenen Säugetiere. Doch ist der Heimatkreis der einzelnen Säugerart ein beschränkter. Nur das Meer gestattet den Bewohnern aus unserer Klasse große Willkürlichkeit der Bewegung und Ortsveränderung, allein immer nicht in demselben Grade wie dem Vogel die Luft. Auch die Meersäuger beweisen, daß ihre Klasse dem Lande und nicht dem Wasser angehört; denn selbst sie ziehen wenigstens teilweise die Küste dem offenen Meere vor.

Auf dem Festlande nimmt der Verbreitungskreis der Säugetiere viel engere Grenzen an als in dem Meere. Viele Arten haben ein sehr kleines Vaterland. Man hat die Länder der Erde mit Rücksicht auf ihre tierischen Bewohner zu gewissen Reichen vereinigt und diese tiergeographische genannt. Jedes dieser Reiche, deren wir sechs unterscheiden und auf der beifolgenden Karte übersichtlich darstellen, hat immer seine ihm eigentümlichen tierischen Einwohner. f Das erste Reich, das altweltlich-nordische, umfaßt ganz Europa, Nordafrika bis zur Sahara und ganz Asien mit Ausnahme von Südarabien, Vorder- und Hinterindien und Südchina nebst den zugehörigen Inseln. Dieses Reich ist ausgezeichnet durch den fast ausschließlichen Besitz der eigentlichen Maulwürfe und durch seinen Reichtum an Luchsarten, welche letzteren sonst überhaupt kaum in der Alten Welt und in der Neuen nur im äußersten Norden gefunden werden. Von anderen Raubtieren sind ihm zwei Dachsarten eigen. Unter den Hirschen, Rindern und Antilopen weist es mehrere eigentümliche Gattungen auf, und die ganze Gruppe der Schafe und Ziegen ist mit Ausnahme von zwei Arten auf dieses Reich beschränkt. Viele Gattungen und Arten von Nagern werden einzig und allein hier gefunden, und nur wenige Arten von Wühlmäusen, Bilchen und Springmäusen leben anderswo.

An das nordische Reich der Alten Welt schließt sich im Südwesten das äthiopische, welchem außer Afrika südlich von der Sahara auch Südarabien und Madagaskar angehören. Hier ist die Heimat des Gorillas und des Schimpansen, des Babuins, zahlreicher Halbaffen, des Löwen, der gefleckten Hyäne, des Erdwolfes und Hyänenhundes, der Giraffe, der Zebra⸗Arten und der Flußpferde. Außerordentlich zahlreich sind im äthiopischen Reiche die Antilopenarten, von denen wir über 70 zählen, und in reichlicher Weise sind die Affen, Schweine, Schleichkatzen und Nager vertreten. Durchaus eigentümlich sind diesem Reiche die Erdferkel, Rohrrüßler, Goldmulle und Spitzottern. Nicht minder ausgezeichnet als durch diese große Bewohnerschaft eigenartiger Säuger ist das äthiopische Reich durch das Fehlen anderer, sonst weitverbreiteter Tiere; so mangeln durchaus die Bären und Hirsche.

Dem östlichsten Punkte des äthiopischen Reiches kommt sehr nahe das orientalische Reich: Vorderindien mit Ceylon, Hinterindien mit Sumatra, Java und Borneo und Südchina mit Formosa und den Philippinen. Die dasselbe auszeichnenden hervortretendsten Züge seiner Säugetierwelt werden geliefert von den Gibbons und Orang-Utans, dem Sonnenund Honigbären, dem Königstiger, dem Schabrackentapir und indischen Elefanten und dem Zwerghirschchen. Außerdem finden wir als eigentümliche Bewohner des orientalischen Reiches die Schlank- und Plumploris und den Gespenstaffen, den Flattermaki und die Spitzhörnchen, nicht minder auch viele Schleichkatzen, drei Antilopen, fünf Nashörner und die rundschwänzigen Flughörnchen. f |

Das australische Reich ift das merkwürdigste der Erde. Nur hier finden wir die eierlegenden Gabeltiere und die Beuteltiere mit einziger Ausnahme der Beutelratten, die auf Amerika beschränkt sind. Von anderen Landsäugetieren begegnen uns dagegen nur einige kleine Nager als eingeborene Tierarten, denn was sonst noch vorkommt, wie der Dingo und auf der nordaustralischen Inselwelt das Schwein, muß als verschleppt oder verschlagen angesehen werden. Als Verbindungsglied zwischen der orientalischen und australischen Region, deren Grenze zwischen Bali und Lombok, zwischen Borneo und Celebes und zwischen den Philippinen und Molukken hinläuft, kann die merkwürdige Insel Celebes gelten, die für sich betrachtet werden muß, obwohl sie sich an das australische Reich anschließt. Außer einer Reihe von Säugern, welche entweder nach Westen oder nach Osten hingehören, leben auf Celebes drei eigentümliche Tiere, welche in anderen Gegenden ganz ohne nähere Verwandtschaft sind. Es sind dieses der Hirscheber, die Anoa, ein antilopenähnlicher Büffel, und ein schwarzer und beinahe schwanzloser, babuinartiger Affe. Außer Neuholland und Neuguinea nebst den benachbarten Inseln gehören zum australischen Reiche auch Neuseeland und Polynesien. Auf den vulkanischen und korallinischen Inseln des Stillen Ozeans fehlen einheimische Landsäuger gänzlich, während Neuseeland eine ausgestorbene Rattenart und ein äußerlich otterähnliches Tier aufweist, das heute noch an den Gebirgsseen der Südinsel lebt, aber noch nie erbeutet worden ist und möglicherweise das niedrigste aller lebenden Säugetiere darstellt.

Die Neue Welt, Amerika, weist nur zwei Reiche auf, das nordische und südliche, deren ziemlich verwischte Grenze sich in einem langgestreckten, nach Norden offenen Bogen vom Golf von Mexiko bis zum Kalifornischen Meerbusen hinzieht. Die Inseln des letzteren gehören durchweg dem südamerikanischen Reiche an.

Das nordamerikanische Reich schließt sich eng an das nordische Reich der Alten Welt an. Dort wie hier gibt es Luchse, Wölfe und Füchse, Wiesel, Bären, Elentiere und Hirsche, Wühlratten, Biber, Eichhörnchen und Hasen. Die Arten Amerikas sind den altweltlichen sehr ähnlich, und manche sind kaum von diesen zu unterscheiden. Auch der Bison der Prärien ist ein naher Verwandter des Wisent von Litauen. Aber außer den genannten gibt es andere Säuger in Nordamerika, welche diesem Reiche sein eigenartiges Gepräge sichern.

Continue reading
Page 14 of 188