STATjournal_2-2026_barrierefrei.pdf

Type: Document | Status: ready

19STATjournal 2 – 2026 Die Bibliothek von Statistik Austria besteht seit nahezu 200 Jahren und zählt damit zu den ältesten Amts­ und Behördenbibliotheken Österreichs. Über Generationen hinweg hat sie Forschende ebenso wie die Mitarbeiter:innen der Institution begleitet und sich dabei kontinuierlich weiterentwickelt. Heute umfasst die traditionsreiche Sammlung fast 50 000 Werke. Im digitalen Zeitalter ist der Moment für eine Neuausrichtung gekommen: Die Bibliothek konzentriert sich künftig bewusst auf die eigenen Bestände. Ausländische Statistiken und thematisch entfernte Publikationen treten zurück – zugunsten eines klaren, relevanten und modernen Kern­ bestands. Dieser wird verschlankt, neu geordnet und weitgehend digitalisiert, um den Zugang zu statistischen Daten einfacher denn je zu machen. Begleiten Sie uns zu diesem Anlass auf eine Zeit­ reise durch die Bibliothek von Statistik Austria. Die Geschichte der Bibliothek ist untrennbar mit dem Beginn der amtlichen Statistik Öster­ reichs verbunden. Deren Geburtsstunde schlug am 6. April 1829, als Kaiser Franz I. mit einem Handschreiben an Anton Freiherrn von Baldacci das »Statistische Bureau« als Bestandteil des von diesem geleiteten »K. K. General­Rechnungs­ direktoriums« gründete. 1829 wurde auf Initiative des Vizepräsidenten des Generalrechnungsdirek­ toriums, Johann Freiherrn von Metzburg, auch mit dem Aufbau einer Bibliothek begonnen. Durch Kaiser Ferdinand I. wurde 1840 die »K. K. Direction der administrativen Statistik« als eigene Behörde zur »Sammlung, Prüfung und materiellen Zusammenstellung der statistischen Daten« geschaf­ fen. Diese Behörde wurde, ebenso wie die dazugehö­ rige Bibliothek, mit eigenem Personal ausgestattet. Bereits zu diesem Zeitpunkt begann ein interna­ tionaler Publikationstausch der Bibliothek mit den statistischen Ämtern anderer Staaten. Maßgebliche Initiatoren dieser Kooperationen waren Freiherr von Czoernig und später auch der Präsident des General­ rechnungsdirektoriums, Graf Wilcek. 1853 besaß die Bibliothek circa 5 000 Bände. Diese waren lediglich durch kalligraphische Kopien der Titelblätter dokumentiert. Eine Katalogisierung Einst und heute
Statistische Bibliothek Johannes Unterberger
begann seine Karriere bei Statistik Austria (damals noch »Österreichisches Statistisches Zentralamt«) 1985. Die Leitung der Bib- liothek übernahm er 2017. Anfang April 2026 trat er in den Ruhestand. Die Zugangsbücher sind das Gedächtnis der Bibliothek.
In fein säuberlicher Schrift wurde darin jedes neu erworbene Buch und jeder Abgang verzeichnet. Ihre alltägliche Relevanz zeigt sich auch im teilweise abgegriffe ­ nen Zustand der Bände. 20STATjournal 2 – 2026 Einst und heute Statistische Bibliothek nach nominellen und/oder sachlichen Kriterien fand damals noch nicht statt – kein einziges Werk war zu dieser Zeit mit einer Signatur, also einer Stellnummer, versehen. 1863 erteilte die »K. K. Statistische Zentral­ kommission« der Direktion der administrativen Statistik die Weisung, jedes 2. Jahr über den Biblio­ theksbestand zu berichten. Dies stellte sich jedoch als unmöglich heraus, da die Publikationen noch nicht im sogenannten Zugangsbuch inventarisiert und daher auch nicht nach Signaturen geordnet in den Regalen aufgestellt waren. Im Rahmen einer Sitzung der Zentralkommis­ sion wurde schließlich am 14. Oktober 1867 fest­ gestellt, dass es in der Bibliothek rund 11 000 Werke gab, die jedoch bei Weitem nicht vollständig inventarisiert waren. Damit hatte sich der Bestand in annähernd 15 Jahren mehr als verdoppelt. In Vollziehung eines Beschlusses des »Internatio­ nalen Statistischen Kongresses« in Florenz 1867, demzufolge die Bestände größerer Bibliotheken erhoben werden sollten, wurde in der Bibliothek der Direktion der administrativen Statistik eine genaue Erhebung durchgeführt. Durch diese zeigte sich, dass es sich um eine der größten Amtsbiblio­ theken in der Monarchie handelte. Der Bestand umfasste 14 599 Bände, 11 375 Hefte, 132 Land­ kartenblätter und 48 Landkartenbände (Atlanten). Der Aufwand der Bibliothek für Bücheranschaffun­ gen belief sich 1867 auf 2 310 Gulden österreichi­ scher Währung, was etwa 40 000 Euro in heutiger Kaufkraft entspricht. Die Personalkosten lagen hingegen lediglich bei 1 740 Gulden (heutige Kauf­ kraft: rund 30 000 Euro). Fürstlich entlohnt wurden die Bibliothekare damals demnach nicht. Für die Länder der ungarischen Krone wurde 1871 ein eigenes statistisches Amt das »Magyar Király Központi Statisztikai Hivatal«, inklusive eigener Bibliothek, mit Sitz in Budapest geschaffen. Ab diesem Zeitpunkt war unser Haus – und damit auch unsere Bibliothek – nur mehr für die öster­ reichischen Kronländer zuständig. Als Nachschlagewerk zum Buchbestand gab es damals nur einen unvollständigen Zettelkatalog. Erst 1874 begann der neu eingesetzte Bibliotheks­ leiter, Dr. Karl Hugelmann, einen sogenannten Mischkatalog zu erstellen, der diesen ersetzen sollte. Im Gegensatz zum Zettelkatalog enthält er neben Nominal zetteln mit Verfasser:innen­ und Titel­ angaben auch Schlagwortzettel zur Erleichterung der thematischen Suche. Als die Revision beendet wurde, blieben 7 225 Werke als Bestand übrig, bei­ nahe 3 000 Werke konnten als Doppelstücke ausge­ schieden werden. Durch die Einführung des syste­ matischen Mischkatalogs fand das Chaos 45 Jahre nach Gründung der Bibliothek endlich ein Ende. Alle Werke bekamen Signaturen, die in eigenen Zugangs­ büchern dokumentiert wurden. Eine monarchieweit einheitliche Katalogisierungsvorschrift gab es da­ mals jedoch noch nicht – jede Bibliothek verordnete sich eigene Regeln für die Katalogisierung. Am 17. April 1884 erließ der damalige Präsident der K. K. Statistischen Zentralkommission, Theodor von Inama­Sternegg, eine »Instrukzion für die Revi­ sion, Verzeichnung und Aufstellung der Bibliothek der k. k. Statistischen Central­Commission« [sic] und beendete damit das unkontrollierte Sammeln von Publikationen. Diese Instruktion, die 55 Jahre nach Gründung der Bibliothek erschien, enthielt in 9 Paragrafen abgefasste, klare formale Vorschriften. Sie legte genau fest, wie Werke zu katalogisieren und einzuschlichten waren. Mehrfach vorhandene Publikationen sollten ausgeschieden und vermisste Exemplare – wo möglich – ersetzt werden. Die Bibliothek von Statistik Austria ist eine der ältesten Amtsbibliotheken Österreichs. 21 STATjournal 2 – 2026 Einst und heute  Statistische Bibliothek Organisatorisch nahm die statistische Biblio­ thek eine Sonderrolle ein. Während die Statisti­ sche Zentralkommission 1934 von der Zuständig­ keit des Ministeriums für Kultus und Unterricht zum Bundeskanzleramt wechselte und folglich diesem unterstellt war, verblieb die Planstelle des Bibliothekars bis 1984 im Ressort des aus dem Unterrichtsministerium hervorgegangenen Wissenschaftsministeriums. Nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deut­ sche Reich im März 1938 wurde das ­Bundesamt für Statistik in »Österreichisches Statistisches Landesamt« umbenannt und dem Statistischen Reichsamt in Berlin unterstellt. Nicht »linientreue« ­Beamt:innen wurden aufgrund des »Gesetzes über die Neuordnung des österreichischen Berufs­ beamtentums« entlassen. Wie viele andere Öster­ reicher:innen wurde der ehemalige Leiter der sta­tistischen Bibliothek, Moriz Grünebaum (auch: Moriz Ritter von Grünebaum), als Jude verhaftet. Er verstarb am 21. Dezember 1942 in Theresienstadt. Seit der NS-Besetzung Österreichs wurde in den Bibliotheken der »Ostmark« nach den »Ins­ truktionen für die alphabetischen ▶ Kataloge der Preußischen Bibliotheken und für den Preu­ ßischen Gesamtkatalog vom 10. Mai 1899 in der Fassung von 1905 katalogisiert, dies zum Teil bis in die 1980er Jahre. Auch die heutige Bibliotheks­ datenbank basiert noch auf diesen Richtlinien. In die tatsächliche Nutzung der Bibliothek gibt eine Statistik Einblick, die zwischen 1965 und 2002 jährlich erstellt und in der Publikation »Kultur­ statistik« des Österreichischen Statistischen Zentral­ amtes bzw. später von Statistik Austria veröffent­ licht wurde. ▶ Tabelle Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre wurde die statistische Bibliothek durch Lesende vor Ort am intensivsten genutzt. Anschließend ging die Zahl der Leser:innen für einige Zeit zurück, bevor die Bibliothek Mitte der 1990er Jahre ­wieder auf knapp unter 3 000 jährliche Nutzer:innen kam. Erwartungsgemäß folgte die Zahl der vor Ort benutzten Medien diesem Muster zunächst, gegen Ende der Zeitreihe stieg ihre Zahl aber deutlich Tabelle Statistik der Bibliothek der Bundesanstalt Statistik Österreich Jahr Zuwachs an Medien Medien­ bestand Zeit­ schriften Leser:innen Medien benützt, Bände Entlehnungen inkl. Fern­ leihe, Bände Personal in Vollzeitäqui­ valenten 1965 1 679 94 290 297 1 093 5 942 12 912 9,0 1966 1 598 95 888 307 1 285 6 537 11 768 11,0 1967 1 837 97 725 319 1 539 8 435 10 240 10,0 1968 1 827 99 552 327 1 420 6 969 8 890 10,0 1969 2 100 101 652 339 1 569 6 784 9 197 10,0 1970 2 042 103 694 353 1 804 6 862 10 008 10,0 1971 2 005 105 699 360 1 704 7 129 10 416 10,0 1972 2 017 107 716 368 1 698 7 601 10 310 11,0 1973 1 785 109 501 372 1 999 10 199 9 855 11,0 1974 2 110 111 611 390 2 121 8 629 10 168 10,0 1975 2 235 113 846 411 2 271 8 478 10 685 9,0 1976 2 347 116 193 423 2 777 7 726 10 405 10,0 1977 2 454 118 647 434 2 895 8 585 9 967 10,0 1978 2 175 120 822 . 2 414 10 644 10 742 10,0 1979 2 490 123 312 456 3 288 13 104 10 606 10,0 1980 4 800 128 112 506 2 544 12 251 11 126 10,0 1981 4 888 133 0001 506 2 500 1 12 000 1 10 500 1 10,0 1982 2 790 135 790 551 3 322 13 509 19 290 10,0 1983 3 393 139 183 565 2 997 12 249 18 941 9,0 1984 3 117 142 300 590 1 327 6 240 21 545 11,0 1985 3 435 145 735 628 808 6 255 21 872 13,0 1986 4 293 150 028 653 1 159 8 445 29 325 14,0 1987 4 504 154 000 654 1 282 8 414 2 865 14,0 1988 4 695 159 227 750 1 288 11 190 1 547 14,0 1989 4 419 163 646 850 1 808 13 750 1 071 13,0 1990 4 705 168 351 900 1 368 13 817 25 000 12,5 1991 5 238 173 589 950 1 428 15 273 25 000 13,0 1992 5 850 179 439 980 1 550 15 584 28 000 15,0 1993 5 918 185 357 1 000 1 485 17 807 25 000 15,0 1994 5 601 190 958 1 000 2 696 18 659 25 000 13,5 1995 5 070 196 028 1 000 2 795 20 146 21 000 14,0 1996 4 627 200 655 1 000 2 2 714 19 231 20 000 11,3 1997 4 544 205 199 1 000 1 2 958 22 943 18 000 1 10,8 1998 . . . . . . . 1999 . . . . . . . 2000 . 200 000 1 600 1 . 20 412 . 9,7 2001 . 170 000 1 350 1 . 20 743 . 9,7 2002 . . . . . . . Q: 1965–1984 Statistisches Handbuch für die Republik Österreich, 1985–2002 Kulturstatistik. – ».« steht für keine oder offensichtlich fehlerhafte Angabe.

  1. Geschätzte Zahl. – 2) Revidierte Zahl.

22 STATjournal 2 – 2026 Einst und heute  Statistische Bibliothek stärker an als jene der Leser:innen und lag zuletzt bei ca. 20 000 Bänden. Die Entlehnungen inklusive Fernleihe erreichten 1986 mit über 29 000 Bänden ihren Höchstwert. Der Medienbestand wuchs von 1965 bis zum Ende des Jahrtausends stark an. In Spitzen­ jahren wurden jeweils zu Jahresende beinahe 6 000 Medien mehr verzeichnet als zu Jahres­ beginn. Mindestens 1 500 neue Medien wurden jährlich aufgenommen. Einen Einschnitt im Bestand gab es jedoch im Zuge der Übersiedlung von der Hinteren Zollamts­ straße 2b in die Guglgasse 13 im Jahr 2004. Damals wurden veraltete Juridica und überholte EDV-Lite­ ratur, Bundes- und Landesrechnungsabschlüsse sowie -voranschläge ebenso wie sämtliche Jahr­ gänge der »Wiener Zeitung« ausgeschieden. Am 1. Jänner 2025 umfasste die Sammlung unserer Bibliothek neben ca. 130 000 Buch­bänden auch rund 7 000 Landkarten sowie gut 20 000 CD-ROMs, DVD-ROMs und USB-Sticks. Neben den Veröffentlichungen von Statistik Austria und deren Vorgängerinstitutionen beherbergte die Biblio­ thek aktuelle und historische Publikationen zu den unterschiedlichsten Fachbereichen der Statistik aus etwa 100 Staaten und von verschiedenen internationalen Organisationen (z. B. UNO, ECE, EU, FAO, IMF, OECD, World Bank). Thematisch sind die meisten Bücher naturgemäß der Statistik zu­zurechnen, weitere Sammelgebiete sind die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Im digitalen Zeitalter war es jedoch an der Zeit, die Bestände zu verschlanken. Aus diesem Grund wurde bereits 2017 damit begonnen, zunächst die Publikationen der EU-Mitgliedstaaten aus unse­ rem Bibliotheksarchiv zu entfernen. Im Haus nicht (mehr) genutzte Werke wurden – wo möglich – an andere Bibliotheken abgetreten bzw. skartiert, also ausgeschieden. Der gesamte Atlanten- und Landkartenbestand der Bibliothek wurde am 25. Juni 2025 der Österreichischen Nationalbiblio­ thek geschenkt. Künftig wird die Bibliothek aus­ schließlich die Publikationen von Statistik Austria und ihren Vorgängerinstitutionen beinhalten. Bis 2025 war das Bibliotheks­personal auch für die Beschaffung sämtlicher Fachliteratur für die Bediensteten von Statistik Austria zuständig. 06.04.1829 Gründung des Statistischen Bureaus 1829 Aufbau einer statistischen Bibliothek 1840 Beginn des internationalen Publikationstausches 1853 Bibliotheksbestand von etwa 5 000 Bänden ab 1863 Zweijährliche Berichtspflicht über Bibliotheksbestand ab 1871 Zuständigkeit nur für österreichische Kronländer 1874 Erstellung Mischkatalog, Ausscheidung von Duplikaten 1884 Instruktion zur Führung der Bibliothek 1938 »Anschluss«, Unterstellung unter Statistisches
Reichsamt in Berlin 2004 Übersiedelung 2017 Beginn der Verschlankung der Bibliotheksbestände 25.06.2025 Atlanten- und Landkartenbestand geht an ÖNB ▶ ▶ ▶ ▶ ▶ ▶ ▶ ▶ ▶ ▶ ▶ ▶