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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Schizochiton incisus. Vorderſtes Schalenſtück mit ſechs Augenreihen. Schwach vergrößert.
Verſchiedene Stufen der Larve der Käferſchnecke. Vergrößert.

Dritte Klasse. Die Rahnfüßer (Scaphopoda).

Ehe wir auf die zweischaligen Muscheltiere übergehen, haben wir uns noch mit einer jener Tierformen bekannt zu machen, mit welchen die Systematiker Fangball gespielt haben. Die Elefantenzähnchen oder Meerzähne waren schon den alten Konchyliensammlern von Rumphs Zeiten wohl bekannt, Linné aber brachte sie mit den Schiffsbohrern und den Kalkröhren bewohnenden Serpeln zusammen, und noch Cuvier ließ sie bei den Ringelwür⸗ IE mern. Später, als man wenigstens ihre Mol: N eee volgare, luskennatur sicher erkannt, hatten fie fi mit den Napfschnecken und Fissurellen zu befreunden, bis der ausgezeichnetste jetzt lebende Molluskenanatom, Lacaze-Duthiers, den Meerzahn zum Vorwurf einer seiner vollendeten anatomischen und biologischen Schilderungen machte und nachwies, daß teils Schnecken-, teils Muschelcharaktere in dieser kleinen Tiergruppe vereinigt seien, daß die Entwickelungsgeschichte einige Eigentümlichkeiten der Ringelwürmer zeigte, und daß man hinsichtlich der systematischen Gruppierung vielleicht am D besten thäte, die Dentalien an die Spitze der sogenannten kopflosen ' fe?) Weichtiere zu stellen. Er gab zugleich eine erschöpfende Beschreibung des an der französischen Küste lebenden Dentalium vulgare, so daß, was wir heute Sicheres über das Tier wissen, auf den Pariser Zoologen zurückzuführen ist. Wir betrachten die Kahnfüßer oder Skaphopoden als eine besondere Klasse der Weichtiere. Ohne uns in das Detail zu verlieren, müssen wir doch einiges von den Gestaltungen der Körperteile und ihrem Bau kennen lernen, um sowohl die höchst wunderbare Entwickelungsgeschichte als die viele an— 75 ziehende Eigentümlichkeiten zeigende Lebensweise verstehen zu können. 3 Die Schale der Dentalien hat die Form eines mäßig gebogenen Elefanten-Stoßzahnes und ist an beiden Enden offen. er ae Das Tier füllt bei gewöhnlicher Streckung diesen Hohlkegel aus,

Etwas vergrößert. mit welchem es nur mit einer schmalen muskulösen ringförmigen Stelle des Mantels unmittelbar vor der hinteren Offnung verwachsen ist. Der konvexe Bogen ist die Bauchseite. Wir orientieren uns nun an der beistehenden Abbildung über die Gestalt und gegenseitige Lage der Körperteile. Der Mantel ist ein der Höhlung der Schale entsprechender langer Beutel, dessen kreisrunde vordere Offnung durch einen Schließmuskel zugezogen werden kann. Mit ihm ist der übrige Körper des Tieres nur in den hinteren zwei Dritteln der Länge verwachsen. Der vordere Teil des Rumpfes ist durch eine von den Blutgefäßen und dem Darme durchbrochene Scheibe: wand und Einschnürung von dem dahinter liegenden Teile getrennt, und so ist eine vordere (a) und eine hintere Mantelhöhle (a“) entstanden. Oben in der ersten Abteilung liegt der Mundfortsatz (b), umgeben von blätterförmigen Anhängen. Nicht unmittelbar in diesem die Mundöffnung enthaltenden Teile, sondern erst in der darauf folgenden Anschwellung

N eee volgare,
er ae Etwas vergrößert.

ist die Zunge mit ihrer Reibeplatte enthalten. Die Chitinzähnchen stehen in fünf Längsreihen, und das Ganze stimmt völlig mit den so wichtigen gleichnamigen Gebilden der Schnecken überein. Das Vorhandensein dieses Organes ist für unsere Vorstellung von der Verwandtschaft der Dentalien entscheidend, indem wir Mantel, Fuß, Kiemen, Gefäße der Schnecken in den verschiedensten Formen auftreten und nur die Region der Zunge und der Zerkleinerungswerkzeuge innerhalb eines begrenzten Spielraumes sich gleich bleiben sehen. Wenn wir uns daher auch Schnecken und Muscheln, letztere als Vorfahren, in unmittelbarem blutsverwandtschaftlichen Zusammenhange zu denken haben, so sind gewiß viel mehr uns unbekannt gebliebene Glieder zwischen den Muscheln und Dentalium als zwischen diesem und den echten Schnecken ausgefallen. Einen anderen Sinn hat die Frage nach der größeren oder geringeren Verwandtschaft nicht, und es ist dem zoologischen Laien sehr anzuraten, immer nach diesem so interessanten Maßstab und Prüfstein die systematischen Verhältnisse und Aufgaben zu beurteilen.

Unterhalb jenes Anfangsteiles des Verdauungskanales liegt der Fuß (d). Er ist vorn durch ein Paar hakenförmige seitliche Fortsätze dreiteilig und der ganzen Länge nach hohl. Durch das Anschwellen mit Blut kann er verlängert und zur vorderen Mantelöffnung herausgestreckt werden, und wir werden unten seinen Gebrauch kennen lernen. Er gleicht allerdings viel mehr dem Fuße der Muscheln als der Kriechsohle der normalen Schnecken.

Die Afteröffnung (c) liegt in der hinteren Mantelkammer, welche am Rücken auch die Fortpflanzungsdrüse enthält. Die Geschlechter sind getrennt. Die zu entleerenden Stoffe geraten zuerst in die hintere Mantelkammer, aus welcher eine durch Klappen verschließbare Offnung sie ausläßt. Größere und weitere Blutkanäle und Bluträume ohne herzartige Organe durchziehen den Körper. Besondere Atmungsorgane fehlen.

Von Sinneswerkzeugen sind zwei Gehörbläschen vorhanden, welche auf den im Fuße befindlichen Ganglien liegen. Auch haben wir hier der zwei Büschel Fühlfäden zu gedenken. Dieselben, keulenförmig endigend, stehen auf zwei seitlichen Wülsten (e) in der Gegend, wo vorn und oben der Mantel und Rumpf sich verbinden. Sie wimpern und können weit vorn aus der Offnung herausgestreckt werden, natürlich innerhalb des Mantels. Unsere Abbildung könnte verleiten, zu glauben, daß sie außerhalb des Mantels lägen; der Wulst (e) ist aber nur nach links übergeschlagen.

Die Dentalien sind, wie gesagt, getrennten Geschlechtes. Aus dem Ei geht eine verlängert=eiförmige Larve hervor, deren spitzes Ende dem künftigen Vorderende entspricht. Die anfänglich über den ganzen Körper verteilten parallelen 6—7 Wimperreifen ziehen sich bald in der Mitte des Tieres zusammen, worauf es aussieht, als sei nur ein breites vierzeiliges Wimperband vorhanden (s. Abbild. S. 416, Fig. 1, b). Schon frühzeitig ist am Vorder: ende eine kleine Vertiefung entstanden, aus welcher sichein Büschel Flimmerhaare erhebt (a). Während dieser ganze Vorderteil von den Wimperreifen an sich verkürzt und zu einem Ring: wulste (Fig. 2, b) wird, hat sich der dünnere Hinterteil verlängert. Die offene Längsrinne am Hinterende deutet die Sonderung des Mantels in zwei seitliche Hälften und damit zugleich die Unterseite des sonst drehrunden Tieres an. Nun ist auch die Schale (Fig. 2, s) von zarter häutiger Beschaffenheit in Gestalt einer sattelförmigen Schuppe erschienen. Indem sich (Fig. 3) die Schale verlängert und bald Ansatzstreifen zeigt, ist der Wimperwulst mehr zurückgetreten, unter ihm ist aber der Fuß (p) hervorgesproßt. In dem letzten Stadium, welches Lacaze-Duthiers verfolgen konnte (Fig. 4), sehen wir die Mantelhöhle etwas über die Schale hervorragen, aus ihr den dreiteiligen Fuß weit herausgestreckt, auch die inneren Organe sind größtenteils angelegt, worunter wir das Fußganglion (g) und das Gehörbläschen (o) der einen Seite hervorheben wollen.

Die Lebensweise und Sitten des Dentalium wollen wir mit den eignen Worten des französischen Beobachters mitteilen; es ist eine der besten Schilderungen des Treibens eines niederen Tieres, die mir bekannt geworden. „Dentalium bewohnt in Menge die Nordküsten der Bretagne; man muß jedoch nicht glauben, man könne sich deshalb seiner mit Leichtigkeit bemächtigen, sowie man an den Strand kommt. Man muß wissen, wie und wo es lebt; sonst sucht man vergeblich und findet höchstens vom Meere ausgeworfene leere Schalen. Da ich das lebhafte Verlangen hatte, das Tier zu studieren, suchte ich geduldig fort, wo ich die meisten ausgeworfenen Schalen gefunden hatte, denn es war das sicherste Anzeichen, daß an diesen Uferstellen die Dentalien leben müßten. So naturgemäß, lang und emsig aber auch mein Nachsuchen war, ich fand und entdeckte nichts. Ein etwas unruhiges Meer verschaffte mir aber ein lebendes Tier, und nun konnte ich seine Sitten und alle seine Lebensbedingungen beobachten. Als ich es aufhob, sah ich, daß es sich bemühte, in den Boden meines Gefäßes einzudringen. Ich setzte es wieder in eine jener kleinen, bei der Ebbe zwischen den Tangen und Seegras Larve von Dentalium in verschiedenen Entwickelungsstufen. Stark vergrößert. zurückbleibenden Wasserlachen, und sah nun, wie es sich nach und nach in den Sand eingrub. Ich wußte nun, daß das Tier nicht für gewöhnlich in dem isolierten und freien Zustande lebte, wie ich es gefunden, und daß ich es künftig im Boden des Strandes selbst suchen muͤßte. „Das Tier gräbt sich nicht senkrecht ein, sondern nimmt eine schräge Richtung mit ungefähr 45 Grad an. Doch hängt Richtung und Tiefe etwas von der Beschaffenheit des Sandes ab. Es kann nicht in der schwärzlichen, oft stinkenden Schlammschicht leben, welche gewöhnlich unter der oberen sandigen Schicht des Strandes liegt. Auch nimmt es eine mehr wagerechte Lage an, wenn die Sandschicht dünner wird; dann ist es fast immer schwerer zu finden, indem es vollkommen verborgen ist und nichts seine Anwesenheit verrät. Gewöhnlich ließ es in den mit einem etwas groben Sande gefüllten Gefäßen, worin 000

| Larve von Dentalium in verſchiedenen Entwickelungsſtufen. Stark vergrößert.

ich es hielt, 1— 2 mm der Schale über die Oberfläche des Grundes hervorragen; häufig genug aber auch erreichte die Spitze gerade die Oberfläche des Sandes. Daraus begreift sich leicht, daß das Dentalium leicht vom Wellenschlage herausgeworfen wird, indem es auch bei geringer Bewegung des Wassers schnell bloßgelegt wird. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß es, vom Sande entblößt und bei der Ebbe aufs Trockene gesetzt, sich nicht schnell wieder eingraben sollte. Im Gegenteil, das geschieht sogleich wieder; es streckt den Fuß hervor, gräbt ihn ein, und in einigen Minuten richtet es sich auf und erscheint wie in den Sand gepflanzt. Hält man die Tiere in der Gefangenschaft, so unterscheidet man schwierig auf dem Grunde die abgestorbenen von den noch lebenden Individuen, und ich benutzte diese Eigentümlichkeit, um die Auswahl zu treffen. Ich legte eine große Menge der Dentalien auf eine nasse Sandfläche und wußte schnell, daß diejenigen, welche sich nicht eingruben, dem Tode nahe oder tot waren. „Wenn beim Zurückgehen der Flut das Wasser nicht mehr die Sandoberfläche bedeckt, gräbt sich das Dentalium ganz ein und verschwindet. Ich füge eine Bemerkung hinzu, welche sich auf den größten Teil der sich im Sande verbergenden Tiere bezieht, für die naturgeschichtlichen Untersuchungen wichtig und von praktischer Bedeutung ist. Der günstigste Augenblick, um bei der Ebbe die im Strandboden wohnenden Tiere zu sammeln, ist der unmittelbar dem wieder beginnenden Steigen des Wassers vorangehende. Warum? Wenn das Wasser fällt, bleibt noch viel Wasser im Sande zurück, und einige Zeit hindurch befinden sich die Tiere noch in ganz günstigen Verhältnissen. Bald aber, in dem Grade, als die Ebbe weiter schreitet, fließt jenes Wasser auch ab, und beim niedrigsten Stande, wenn die Flut eben beginnen soll, fängt der Strand an auszutrocknen, die Tiere fühlen das Bedürfnis nach Wasser, verändern ihren Ort und suchen einen feuchteren Platz. Zu diesem Zeitpunkt ist das Einsammeln von allen im Strande eingegrabenen Tieren am ergiebigsten: sie mögen zu was immer für einer Klasse gehören, alle verraten ihre Anwesenheit durch Furchen und Bewegungen des Bodens. Eine große Anzahl sandbewohnender Muscheln kann man dann mit der größten Leichtigkeit erkennen. Ich fand die schönsten und größten Sipunkeln, wie sie eben aus dem Boden hervorkamen, und das in dem Moment, wo die Flut mich vertrieb und die Untersuchungen aufzugeben zwang. Nicht anders Dentalium; auch dieses sieht man den Sand aufwühlen. Anfänglich macht es nur eine kleine, leicht zu erkennende Furche, die man wohl mit der der Pandora (einer kleinen Muschel) verwechseln kann. Diese indessen geht immer einen krummen Weg, da die eine Schalenhälfte eben, die andere gebogen ist. Sobald man dies Zeichen kennt, irrt man nicht mehr. Anfangs also verraten die Dentalien ihre Anwesenheit durch ihre Furche im Sande; später erscheint die leicht kenntliche Schale wie im Strandboden gepflanzt; noch später kommt sie ganz heraus, und das Tier fällt auf den Sand. Als ich diese Umstände kennen gelernt, konnte ich bei einer einzigen großen Ebbe leicht und ohne Mühe 200 Stück sammeln. Dentalium ist also ein Tier, das verhältnismäßig in ziemlichen Tiefen lebt, und das man nur bei starker Ebbe anzutreffen hoffen darf. Am liebsten gräbt es sich in etwas grobem Sande ein. In dem sehr feinen war es nie zu finden. Die lange lebend aufbewahrten Tiere schienen sich in dem aus kleinen Muschelbruchstücken gebildeten Sande sehr wohl zu befinden. In dem feinen Sande, welcher unten schlammig und faul wurde, gingen die Tiere sehr schnell zu Grunde. Die angeführten Thatsachen zeigen genugsam, daß das Dentalium nicht eine Röhre bewohnt, wie viele Muscheln, sondern daß es im Gegenteil fortwährend seinen Aufenthaltsort wechselt. Beim Eindringen in den Sand bedient es sich der beiden Seitenlappen des Fußes, welche dabei die Rolle von Ankerzähnen spielen, sodaß, wenn das Tier nach dem Vorstrecken des Fußes sich zusammenzieht, der ganze Körper vorwärts rücken muß.“

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