Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 27
Nachdem Lacaze-Duthiers die Beobachtungen mitgeteilt, aus denen ersichtlich, daß das Wasser durch die Flimmerbewegung am Vorderende eintritt und aus der hinteren Mündung samt Exkrementen und Fortpflanzungsprodukten wieder austritt, und daß das Tier sich dabei auch des Fußes wie eines Pumpenstempels bedienen kann, sagt er, daß es ihm wahrscheinlich sei, daß durch die regelmäßige von vorn nach hinten gerichtete Strömung auch die Nahrung dem Munde zugeführt werde; aber auch die Fühlfäden könnten zur Aufsuchung und Zubringung kleiner zur Nahrung dienender Tierchen verwendet werden. „Über das Empfindungs- und Nervenleben läßt sich Folgendes leicht beobachten: Das Dentalium verspürt die Einwirkung des Lichtes; man sieht es den Fuß einziehen, wenn man einen Sonnenstrahl darauf fallen läßt. Auch wenn man sich dem Tiere mit einem Lichte nähert, zieht es sich in sein Gehäuse zurück; und dieser Umstand steht mit einer Eigentümlichkeit seiner Lebensweise in Verbindung. Es verändert bei Nacht, besonders bei Beginn derselben, seinen Platz. Ich hatte bemerkt, daß die in Schüsseln befindlichen Tiere ein kleines Anschlagen vernehmen ließen. Indem ich nun aufpaßte, erkannte ich, daß ihr Fuß, indem er in den Boden eindringen wollte, die Schale in die Höhe hob, und daß diese beim Umfallen das Geräusch verursachte. Ich beobachtete nun die Tiere lange Zeit, indem ich ihnen einen fast natürlichen Aufenthalt geschaffen hatte, und erkannte bald, daß die Abendstunde die Zeit des Ortswechsels war. Ich will nicht behaupten, daß sie sich ausschließlich zu diesem Zeitpunkte bewegen; aber es scheint mir unbestreitbar, daß die Dentalien besonders bei Nacht in Thätigkeit sind. „Auch die Fortpflanzung zeigt einige bemerkenswerte Thatsachen. Eine Begattung findet nicht statt, und zwar notwendigerweise deshalb, weil es keine äußeren Fortpflanzungswerkzeuge gibt. Die Individuen nähern sich nicht einmal einander. Die Dentalien lassen sich zu leicht beobachten, als daß man sich darüber täuschen könnte. Ich legte die Dentalien in weiße Teller, wo ich sie bei öfterer Erneuerung des Wassers ließ. Nach einigen Tagen konnte ich dann immer mit Sicherheit auf das Eierlegen zählen, und zwar fand es regelmäßig nachmittags zwischen 2 und 5 Uhr statt. Eine Ausnahme schienen nur die Individuen zu machen, welche zu stark von der Sonne beschienen waren. Wie die Eier wird auch die Samenflüssigkeit ungefähr zur selben Stunde und in derselben Weise durch die hintere Schalenöffnung entleert. Mithin ist die Befruchtung, wie bei der Mehrzahl der kopflosen Weichtiere, dem Zufall überlassen. Hier das Männchen, dort das Weibchen entledigen sich der Produkte ihrer Fortpflanzungsorgane, und letztere können sich einander begegnen oder auch nicht, gerade wie bei den diöcischen Pflanzen, wo der Pollen zur Erde fällt und von den Winden da und dorthin getragen wird. Bei konträrem Winde bleiben die Pistille der weiblichen Individuen unbefruchtet, ebenso wie hier bei einer nicht günstigen Wasserströmung das Weibchen nichts hervorbringen kann, indem die Eier sich nicht entwickeln. Da begreift man denn, wie nützlich die jo lebendigen Bewegungen der Samen: körperchen sind, welche das Ei in der Entfernung aufsuchen und befruchten müssen. Die Zeit, während welcher die Fortpflanzung der Dentalien beobachtet wurde, war von Anfang Mai bis Mitte September.“
Vierte Klasse. Die Muscheln (Lamellibranchiata).
Wer hat es nicht gelesen, das köstliche Gedicht von Rückert: „Edelstein und Perle“? Wie die beiden ihres Daseins Grund und Entwickelung und ihre vielverschlungene Lebensreise sich erzählen! Die Thräne eines Engels fiel ins Meer, um aufgenommen in den Schoß der Muschel nach und nach zum Kleinod zu erhärten, während die treue Amme jene Räume durchmißt, „Wo tief in den kristallnen Grotten Noch ganze Lebensgattungen versteckt Der Forschungen und des Erforschers spotten.“
Wie schön ist die Dichtung, wie poetisch wahr und doch, was die Muschel angeht, kaum ein Zug der Natur entlehnt. Alles Phantasie, Symbol für menschliche Verhältnisse. Sogar so unbestimmt läßt der Dichter unsere Vorstellung von der treuen Amme der Perle, daß wir glauben müssen, ein Triton könne auf ihr blasen. Nun, diese poetische Unbestimmtheit ist der getreue Ausdruck der allgemeinen Unbekanntschaft des zoologischen Laien mit der Welt der Muscheltiere, welche, dem Auge fast vollständig entrückt, aufgesucht sein will und selbst gefunden den meisten ein verschlossenes Rätsel bleibt. Wohl mancher hat aus dem Schlammgrunde eines seichten Gewässers Hunderte und Tausende von Muscheln in etwas schräger Stellung hervorragen sehen, ohne daß ihm klar geworden, ob sie ihm das Vorderteil oder das Hinterteil zukehren. Und eine geöffnete Auster bietet fast gar keine Anknüpfungspunkte zur Orientierung über ihre Körperteile, daß die meisten Esser sie ohne jeglichen anatomischen oder systematischen Gedanken verschlucken. Wer eine Muschelschale aufliest, kann sie, solange er will, von allen Seiten betrachten, er wird höchstens erraten, an welcher Stelle ungefähr der Mund des Tieres gelegen. Dazu, daß uns die Muscheln im allgemeinen so fremd und gleichgültig bleiben, trägt auch ihr ungemein phlegmatisches Temperament bei. Ihnen gegenüber sind die Schnecken die lebhaftesten Sanguiniker. Denn wenn es auch einzelne Muschelarten des Meeres gibt, welche durch schnelles Auf- und Zuklappen der Schalen ziemlich schnell schwimmen können, so sind dies eben seltene und verborgene Ausnahmen. Die übrigen sind fast so bodenständig wie die Pflanzen. Ihre Ernährungsweise treibt sie nicht auf Beutezüge und gegenseitiges Bekriegen; angegriffen wehren sie sich nicht anders, als durch das Verschließen ihres Gehäuses, und selbst die Zeit der Fortpflanzung, welche so viele andere sonst träge Tiere dazu treibt, ihre Röhren und Schlupfwinkel zu verlassen, vermag nicht die Muscheln aus ihrem Stillleben und ihrer leidenschaftslosen, duldenden Zurückgezogenheit aufzurütteln. Es würde daher, wie schon bei verschiedenen Tiergruppen, mit welchen wir uns früher beschäftigt, wenig Befriedigung gewähren, wollten wir uns auf die Biographie der Muscheltiere in ihrer ungemeinen Gleichförmigkeit beschränken. Ganz anders verhält es sich aber, wenn wir uns auf den höheren Standpunkt stellen, von dem aus wir in die Eigentümlichkeiten des Baues selbst einzudringen und die niedrigeren und höheren Organisationen miteinander zu vergleichen und durcheinander zu erklären suchen. Für jene wichtigste Frage der gegenwärtigen Tierkunde, das Abändern und die Entstehung neuer Arten, sind z. B. unsere Süßwassermuscheln von großer Bedeutung. Schon ein paar Jahrzehnte, bevor Darwin seine epochemachende Hypothese veröffentlichte, fühlte sich der treffliche Roßmäßler besonders durch das Studium jener Muscheln zu dem Ausspruche veranlaßt, daß die sogenannten Arten nichts Beständiges seien, sondern durch fortwährende Anpassung mit 27 *
teilweiser Erhaltung des Ererbten ineinander übergingen und neu würden. Es wird also für den Naturfreund gewiß sich der Mühe verlohnen, nicht bloß oberflächlich einmal eine Muschelschale in die Hand zu nehmen oder nach abgebrauchter Sammlerweise viele Muschelschalen etikettiert und numeriert unter Glas in sauberen Kasten zu besitzen, sondern auf den Kern einzugehen und durch die Kenntnis der Klasse der Muscheltiere als eines Ganzen niederer Ordnung der Erkenntnis des großen Ganzen sich zu nähern.
Nachdem wir uns sowohl einige leere Schalen als lebende Exemplare der gewöhnlichen Fluß: oder Teichmuscheln verschafft, beginnen wir daran unsere Orientierung. „Ein allgemeines Bild von einem Blätterkiemer oder Muscheltier kann man sich entwerfen, indem man sich ein in eine Decke gebundenes Buch vorstellt: mit dem Rücken nach oben und mit dem Kopfende nach vorn gewendet. Denn die zwei Decken entsprechen rechts und links den zwei Klappen der kalkigen Muschel, die zwei nächstfolgenden Blätter von beiden Seiten dem Mantelblatte des Tieres, das dritte und vierte Blatt jederseits den zwei Paar Kiemenblättern desselben, und der noch übrige innere Teil des Buches dem Körper des Tieres. Doch nehmen diese Blätter vom äußersten an auf jeder Seite bis zum Körper an Umfang ab, so daß die zwei gewölbten Schalenblätter als die größten alle übrigen, wie der Mantel die Kiemenblätter, ringsum einschließen. Alle diese Teile sind längs ihrem oberen Rande wie die Blätter eines gebundenen Buches miteinander verwachsen.“ (Bronn.) Wir machen uns nun diese Worte klar an einer Muschel, welche entweder im Wasser, in dem wir sie seit einiger Zeit hielten, abgestorben ist, oder die wir durch kurzes Einlegen in Weingeist töte- Sc ee ten. Die Schale wollen wir zuletzt betrachten.
unten. Mantelhälften guztgefihfagen. akirl Größe Der Rand des Blattes, welches den Muschelkörper jederseits bedeckt und zunächst unter der Schale liegt, der Rand des Mantels (g in obiger Abbild.) haftet gewöhnlich längs des Schalenrandes fest, läßt sich aber mit dem flachen Stiele eines Skalpels leicht unverletzt ablösen. Das Hinterende jedes dieser Blätter ist mit zahlreichen Wärzchen (h) besetzt, welche außerordentlich empfindlich sind und bei allen denjenigen Muscheln sich finden, den meisten, welche mit der vorderen Körperhälfte sich eingraben. Wir wissen also nun, welchen Körperteil uns diese Tiere aus dem Sande oder Schlamme zukehren. Bei weitem nicht alle Muscheln haben die Mantelränder frei wie unsere Flußmuscheln, sondern auf größere oder geringere Strecken verwachsen. Namentlich bildet der Mantel am Hinterende Röhren. Er sondert die Schale ab.
Zunächst unter dem Mantelblatte jeder Seite liegen die beiden Kiemenblätter (4d), ganz besonders stark entwickelt bei unseren Süßwassermuscheln, überhaupt aber immer so charakteristisch und in die Augen fallend, daß davon die ganze Klasse den Namen „Blätterkiemer“ (Lamellibranchiata) erhalten hat. Zwischen ihnen nach vorn liegt der keilförmig zugeschnitzte Fuß (a). Man kann fi von dem Gebrauche desselben leicht an lebenden Tieren überzeugen, die man in ein Becken mit Wasser und einige Finger hohem Sande gethan. Sobald die Muschel Ruhe um sich herum spürt, lüftet sie die Schale und die vordere Fußecke erscheint wie eine Zunge zwischen den auch etwas hervortretenden
Mantelrändern. Ist die Umgegend sicher, so kommt der Fuß immer weiter hervor, bei größeren Muscheln 4—5 em weit; er senkt sich alsbald in den Sand, und das Tier hat die Kraft, sich an dem Fuße aufzurichten. Es dringt, mit dem Fuße einschneidend, mit dem Vorderende in den Boden, und sein langsam zurückgelegter Weg wird durch eine Furche bezeichnet. Der Gebrauch sowohl wie die Lage zu den übrigen Körperteilen, nicht minder die Entwickelungsgeschichte lehren, daß der Keilfuß der Muscheln nichts anderes ist, als die Kriechsohle der Schnecken. Außer dem Fuße haben wir an der Teichmuschel noch zwei sehr wichtige Muskeln, nämlich diejenigen, durch welche die beiden Schalenhälften aneinander gezogen werden und welche deshalb die Schließmuskeln heißen. Solange das Tier lebt, kann man nur mit Anwendung großer Gewalt die Muschel öffnen; man bricht oft eher die Schalen aus, als daß die Muskeln nachgeben. Der eine liegt vor dem Munde und bildet durch seine untere Seite mit dem Fuße das Versteck für den Mundeingang. Der hintere liegt unterhalb des Mastdarmes, welcher, nachdem er über ihm hinweggegangen, etwas nach abwärts biegend hinter ihm zum Vorschein kommt.
Vergeblich sucht man nach einem Kopfe. Die Muscheln und die noch übrigen Weichtiere haben keinen von dem übrigen Körper abgesetzten Teil, der diesen Namen verdiente, ein Mangel oder eine Unvollkommenheit, welche, wie wir sahen, sich auch noch auf manche höhere Weichtiere übertragen hat, und von welcher unsere und die nächsten Klassen den Sammelnamen „kopflose Weichtiere“ (Acephala) erhielten. Es ist besonders dieser Mangel eines Körperteiles, nach dessen Vorhandensein man sich über die Gestaltung der höheren Tiere sofort orientiert, der es macht, daß wir uns anfänglich an dem Muschelleibe gar nicht zurechtfinden können. Geht man mit einem dünnen Federkiele auf der vorderen und oberen Kante des Fußes nach aufwärts, wobei man die beiden dreiseitigen Blätter (e), welche jederseits vorn vor den Kiemen liegen, nach aufwärts schlägt, so trifft man mit Sicherheit auf die in einem verborgenen Winkel liegende Mundöffnung (b). Die Mundhöhle der Muscheln ist ohne jegliche Bewaffnung und Vorrichtung für die Zerkleinerung der Speisen, da alle diese Tiere nur von mikroskopisch kleinen Pflänzchen und anderen niederen Organismen sich ernähren. Wir werden weiter unten anführen, wie diese Nahrung zum Munde gelangt. Eine kurze, weite Speiseröhre erweitert sich zum Magen. Gleich oberhalb und seitlich von diesem liegt die Leber (Abbild. S. 422, i), und von ihm aus steigt der Darm in jenen Körperteil, welcher sich an den Fuß nach hinten und oben anschließt. Nach einer oder zwei schlingenförmigen Biegungen am vorderen Teile der Rückenlinie unterhalb des Mantels angelangt, verläuft er vollends in ziemlich gerader Richtung bis zum Hinterende, unterwegs (aller Sentimentalität bar) das Herz durchbohrend. In unserer Abbildung S. 420 sehen wir die Afteröffnung in k, während sowohl oberhalb wie unterhalb derselben sich die Mantelblätter verbinden. Durch die Verlängerung dieser Mantelteile kann auch eine Röhre entstehen, durch welche die Auswurfsstoffe entleert werden.
Zwei Paar dreiseitiger Blätter jederseits am Munde (c) heißen die Fühler oder Mundtentakeln, auch Lippenanhänge.
Hat man, wie in der umseitigen Abbildung geschehen, sowohl den Mantel als die Kiemen zur Seite geschlagen, so wird man nach einigen vergeblichen Versuchen im stande sein, die Hauptteile des Nervensystems, wenn auch nicht vollständig rein herauszupräparieren, doch sich vollkommen klar zur Anschauung bringen. Ein Ganglienpaar (1) liegt neben und etwas hinter dem Munde. Ein zweites (2) tief im Fuße. Die die beiden Nervenmassen verbindenden Stränge umfassen den Schlund, nicht weniger diejenigen, welche das erste mit dem dritten, obgleich weit davon entfernt befindlichen dritten Paare (3) unter dem hinteren Schließmuskel in Verbindung setzen. Es bedarf gar keines großen vergleichend-anatomischen Scharfblickes, um in dem konzentrierten, in der