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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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1) Die Holothurie Synapta digitata mit dem paraſitiſchen Schnecken⸗ ſchlauch Entoconcha mirabilis. Natürliche Größe. 2) Mittelſtück der Synapta digitata mit dem Schneckenſchlauch. Vergrößert.

Entwickelung. Die Larven (s. untenstehende Abbild.), welche aus dem Laiche des schlauchförmigen Parasiten hervorgehen und für das Auge als Punkte erscheinen, stellen die Schneckennatur ihres Muttertieres, von welchem sie in auffallendster Weise abweichen, außer Zweifel. Sie haben eine regelmäßig gewundene, durch einen Kalkdeckel verschließbare Schale, in welche sie sich ganz zurückziehen können. Der Fuß des Tieres ist durch eine mittlere Einschnürung zweilappig. Der Rücken endigt in einen mit wenigen steifen Borsten besetzten Stirnlappen, hinter welchem zwei kleine Höcker die Ansätze der Fühler sind. Im Inneren sieht man eine vorderhand noch geschlossene Höhlung, welche später zum Darmkanale wird, und, darunter die beiden Gehörbläschen. Die ganze Oberfläche, soweit sie nicht von der Schale bedeckt ist, trägt ein dichtes Flimmerkleid. Die Verwandlungen dieser Larve bis zum schlauchförmigen, in das Blutgefäß der Synapta eingeknöpften Parasiten sind derart, daß sie innerhalb des Schneckentypus ihresgleichen nicht finden und nur etwa mit den bis zur gänzlichen Verballhornisierung des Grundtypus gehenden Umgestaltungen mancher Schmarotzer krebse verglichen werden können. Die fertige schlauchförmige, geschlechtsreife Schnecke besitzt weder Herz noch Gefäßsystem, auch keine Spur eines Nervensystems und von Sinneswerkzeugen, und die Vergleichung mit ähnlichen, wenn auch nicht so weit gehenden Vorkommnissen unter den Bauchfüßern führt nicht zu den Vorder: — kiemern, an welche man die Entoconcha gewöhnlich anreiht, sondern wir müssen Baur recht geben, der die nächsten Verwandten des merkwürdigen Ba: rasiten in der Abteilung der Nacktschnecken sucht. Über die Verwandlung meint derselbe: „Was die be der ae Se Metamorphose betrifft, welche die Larve notwendig mirabilis. Start vergrößett. durchmachen muß, um die Form der Schlauchschnecke zu bekommen, so könnte man sich, vorausgesetzt (was sich aber nicht beweisen läßt), daß diese Metamorphose nur eine einmalige und einfache ist, nach dem Unterschiede, welchen Larve und Schlauchschnecke zeigen, von dieser Umwandlung eine ungefähre Vorstellung machen. Der kleine Larvenleib wird zuerst seine Schale abwerfen, seine Atemhöhle einbüßen und vorwiegend in die Länge wachsen. Die Gehörbläschen und die fühlerartigen Anhänge werden schwinden, der Körper wird gleichmäßig cylindrisch werden, so daß Rücken und Sohle sich nicht mehr unterscheidet, endlich, wenn die Deutung des auf der Larvensohle mündenden Kanales als Offnung der Leibeshöhle richtig ist, wird mit der Ausbildung der Geschlechtsorgane das weitere Wachstum in die Länge so stattfinden, daß diese Offnung, die spätere Geschlechtsöffnung, von der Unterseite des Vorderteiles allmählich an das hintere Körperende rückt. Die Umwandlung würde es zugleich mit sich bringen, daß aus der einseitig endlichen Spirale der Entoconcha (mit welchem Namen Baur nur die Larve bezeichnet wissen will) die doppelseitig unendliche der Schlauchschnecken (von Baur Helicosyrinx getauft) wird. Es versteht sich von selbst, daß dies, solange die Beobachtung nicht gelingt, nur hypothetische, auf unbestimmte Deutungen und Analogien gegründete Annahmen sind.“

Leider find wir noch heute über diesen Punkt, die Verwandlung, und über die Ein: wanderung der Schlauchschnecke nicht weiter. Nach den obigen Mitteilungen findet man unter etwa 100 Exemplaren der Synapta eins, das den Parasiten enthält, und zwar immer auf einer gewissen kleinen Strecke kurz hinter dem Magen angeheftet. Die Larven gelangen höchst wahrscheinlich durch die freiwillige oder unfreiwillige Zerstückelung der Synapta nach außen und bohren sich, wer weiß mit welchen Hilfsmitteln hierzu ausgestattet, nach einer Zeit freien Schwärmens in ein Wohntier ein. Aus der Konstanz der

Anheftungsstelle schließt Baur, daß die Einwanderung zu einem Zeitpunkt geschehen müsse, wo die Synapta dem sich zugesellenden Gaste jene Stelle zur Anheftung fast unvermeidlich darbiete. Dieser Fall tritt ein, wenn die junge Synapta die untenstehend veranschaulichte Größe hat, auf welcher Stufe der ganze hintere Teil des Darmkanales noch nicht vorhanden ist. „Wenn die Larve des Parasiten, mag sie sonst beschaffen sein wie sie will, in ein Individuum der Synapta von der frühen Altersstufe einwandert, wenn sie, sei es durch die Leibeswand, sei es durch die Darmwand oder, was leicht sein kann, durch die Kloake sich einen Weg in die Leibeshöhle bahnt, dann an dem ihr zusagenden unteren Blutgefäße sich ansetzt, jo wird die Folge sein, daß in der erwachsenen Synapta der schon lange darin wohnende, inzwischen umgewandelte und groß gewordene Parasit niemals weiter als eine kleine Strecke von dem hinteren Ende des Magens gegen den After hin entfernt festhängen kann. Denn jenes ganze hintere Stück des Wohntieres, wo fast nie ein Parasit sitzt, das aber sonst dieselbe Beschaffenheit hat, war noch gar nicht vorhanden, als der Parasit einwanderte, sondern es ist erst nachher beim Längenwachstum des Wohntieres hinzugekommen, nachdem Einwanderung Junge Synapta und Befestigung schon vollzogen war.“ ee

Wir werden in der Klasse der Echinodermen der Synapta wieder begegnen i und ihre ebenfalls sehr merkwürdige Verwandlung bis zu der Stufe verfolgen, wo die kleinen im Schlamme des Meeresgrundes lebenden Tierchen für die Einwanderung der Schlauchschnecke am geeignetsten zu sein scheinen.

Ebenfalls in einer Holothurie, in einem aus dem Beringmeer stammenden Miriotrochus Rinki, fand H. Ludwig eine ähnliche parasitische Schnecke, die Walter Voigt unter dem Namen Entocolax Ludovigii beschrieben und die er mit der Entoconcha zu einer Unterordnung der Vorderkiemer, zu den Röhrenschnecken (Cochlosolenia), vereinigt hat.

Sechste Ordnung,.

Die Küferschnecken (Cremidophora).

Es wird unseren Lesern aufgefallen sein, wie die bisher abgehandelten Weichtiere fast keine Anklänge an andere tierische Grundformen zeigten. Wir kommen jetzt zu einer kaum aus einigen Gattungen bestehenden Ordnung, wo uns einige Eigentümlichkeiten der erwachsenen Formen sowie gewisse Züge der Entwickelung an die Gliedertiere erinnern. Es find die sogenannten Käferschnecken (Chitonidae) mit der Hauptgattung Chiton. Wenn das Tier, von oben betrachtet, auf den ersten Anblick einer flachen, länglichen und ovalen Napfschnecke gleicht, mit welcher es in der That von den früheren Systematikern eng zusammengestellt wurde, so überzeugt man sich doch schnell von der gänzlichen Verschiedenheit, zunächst der Schale. Dieselbe, den Rücken der Schnecke bedeckend, ist nämlich aus acht Querplatten zusammengesetzt, von denen die vorderen dachziegelförmig über die hinteren greifen. Über diese Platte tritt der Mantelrand hervor, der in der verschiedensten Weise entweder glatt ist, oder mit kleinen Höckern und Schuppen besetzt, oder von kleinen eckigen Papillen wie gepflastert erscheint oder auch mit Stacheln gespickt sein kann. Wenden wir das Tier um, so werden wir durch den breiten Fuß abermals an die Patellen erinnert. Vor ihm, nach unten gewendet, liegt die Mundöffnung; es ist jedoch kein eigentlicher Kopf ausgebildet, sondern derselbe wird repräsentiert durch einen halbkreisförmigen Wulst ohne

hin entfernt feſthängen kann. Denn jenes ganze hintere Stück des Wohntieres, wo faſt nie ein Paraſit ſitzt, das aber ſonſt dieſelbe Beſchaffenheit hat, war noch gar nicht vorhanden, als der Paraſit einwanderte, ſondern es iſt erſt nachher beim Längenwachstum des Wohntieres hinzugekommen, nachdem Einwanderung Junge Synapta und Befeſtigung ſchon vollzogen war." ee

Fühler und Augen. Was höchst selten bei den Weichtieren der Fall ist: die Afteröffnung ist der Mundöffnung entgegengesetzt, die Käferschnecken sind vollkommen bilateral symmetrische Tiere Jederseits am Hinterende zwischen Fuß und Mantel liegt eine Reihe Kiemenblättchen.

Außerordentlich merkwürdig ist der feinere Bau der Schalen der Käferschnecken. Marshall entdeckte in denselben ein System von verzweigten Kanälen, und da dieselben mit einer faserigen Masse ausgefüllt waren, welche er für Fortsätze der Mantelhaut hielt, nahm er an, diese Kanäle seien etwa Atmungswerkzeuge. Der leider so früh verstorbene Moseley, einer der Zoologen der Challenger-Expedition, über welche ein eigner Unstern zu walten scheint, konnte frischere Exemplare anderer Arten untersuchen und fand, daß die Apparate sonderbare und kompliziert gebaute Sinnesorgane seien. Dieselben sind von zweierlei Art, größere und kleinere. Sie liegen in Erweiterungen der Kanäle unmittelbar unter der an den betreffenden Stellen sehr eigentümlich gebauten Oberhaut der Schale, in dem zuleitenden Kanal selbst verläuft ein Nerv. Moseley ist ge: neigt, diese Apparate für Tastorgane zu halten. Bei einer Anzahl Arten von Käferschne cken haben nun jene größeren Organe eine höchst sonderbare Umbildung erfahren. Wir sahen oben (vgl. S. 338), daß die Nacktschnecke = = Onchidium auf ihrem

Elegante Käferschnecke (Chiton elegans). Natürliche Größe. Rücken Augen trägt und (vgl. S. 401) ein Turbo am Fuß. Sinnesorgane können am tierischen Körper an allen Stellen auftreten, und die verschiedenen Arten derselben können durch Übergänge miteinander verbunden sein, aber wir sind gewöhnt, daß sie, besonders bei Weichtieren, ihren Sitz in der Haut haben. Zahlreiche Käferschnecken haben aber Augen in der Schale! Hier liegen sie in der äußeren Fläche der Oberhaut der Schale entweder regelmäßig in Reihen angeordnet (s. Abbild. S. 413) oder unregelmäßig zerstreut. Man erkennt sie außen als runde oder ovale gewölbte Flecke, die das Licht stark brechen. Ihre Zahl ist bisweilen ganz beträchtlich: bei einem großen Exemplar von Corephium aculeatum schätzt fie Moseley auf 11,500! Bei näherer Untersuchung stellt sich heraus, daß die an den Flecken gewölbte Schalenoberhaut durchsichtig ist und so die Hornhaut des Auges bildet. Darunter liegt ein durchsichtiger Körper von der Form einer Linse, der in der That auch das ist, was man beim Auge als Linse bezeichnet. Linse und Hornhaut, hintereinander gelegen, schließen eine birnförmige Enderweiterung eines von der Unterseite der Schale aufsteigenden Kanals oben ab. Diese Erweiterung ist von einer dunkel pigmentierten Haut ausgekleidet, und im Kanal findet sich ein Nerv, der in jene Haut tritt, sich in ihr verzweigt und mit ihr die Retina bildet.

Die Bedeutung der absonderlichen Lage der Augen bei Käferschnecken ergibt sich aus ihrer Lebensweise. Viele Arten setzen sich gerne nahe der Oberfläche des Wassers an Steinen fest, so daß sie während der Ebbe auf das Trockene geraten. Naht ihnen bei der Gelegenheit eine Gefahr, so haben sie eine doppelte Weise, sich zu schützen. Gewisse Arten rollen sich

Elegante Käferſchnecke (Chiton elegans). Natürliche Größe.

wie Asseln zusammen, wozu sie durch den Bau ihrer Schalen vorzüglich eingerichtet sind, und lassen sich fallen; sie sinken dann entweder ins Wasser oder rollen auf den Strand, wo sie mit ihren indifferenten Farben, rund wie ein Kieselsteinchen, zwischen dem Gerölle nur sehr schwer zu finden sind. Andere Arten saugen sich, wenn man sich ihnen etwa mit der Hand naht, noch bevor man sie berührt hat, genau wie das vorher von den Napfschnecken berichtet wurde, so fest an den Stein, auf dem sie sitzen, an, daß man sie eher in Stücke zerreißen als ablösen kann. Offenbar bemerkten sie die drohende Gefahr im voraus. Es liegen zwar noch keine direkten Beobachtungen vor, es ist aber wahrscheinlich, daß die Arten, welche sich beim leisesten Berühren aufrollen, bloß Tastorgane, jene, die sich beim Herannahen der Hand ansaugen, aber Sehorgane in den Schalen haben i llEn

werden. Schizochiton incisus. Vorderstes Schalenstück mit

Zu diesen bedeutenden Abweichungen kom— sechs Augenreihen. Schwach vergrößert. men nun noch die besonderen Fortpflanzungsverhältnisse. Die Geschlechter scheinen getrennt zu sein. Die Entwickelung aber, welche bisher nur an dem nordischen Chiton marginatus von dem schwedischen Naturforscher Loven verfolgt werden konnte, führt uns in auffälliger Weise auf die Borstenwürmer zurück. Die Vergleichung der damals und beistehend mitgeteilten Abbildungen dieser Zustände wird dies sogleich bestätigen. Der Embryo der Käferschnecke erscheint zuerst (Fig. 1) als ein kugeliger Körper von /1o mm Durchmesser, dessen vordere kleinere Hälfte durch einen Kreis schwingender Wimpern von der hinteren abgegrenzt ist. Am Kopfpol steht ebenfalls ein Schopf solcher Schwinghärchen, und unter dem Wimperkreise erscheinen die Augen. Auf einer späteren Stufe (Fig. 2) ist besonders die Einteilung des Rückens in acht Querwülste von hohem Interesse, in dem gerade diese Querteilungen für Weichtiere ganz fremd sind. Dabei ist, wie auch Verschiedene Stufen der Larve der Käferschnecke. Vergrößert. in Fig. 3 ersichtlich, der Fuß schon deutlich gegen den übrigen Körper abgrenzt, und es hat sich der vordere Abschnitt ganz mit feinsten Wimpern bedeckt. Der Mund hat sich als eine Einsenkung etwas vor den Augen gebildet. Im weiteren Verlaufe der Entwickelung schwinden Wimperring und Augen, der Vorderteil schrumpft auf den den Mund umgebenden Wulst zusammen, und der Rücken bedeckt sich mit seinen Schalenstücken.

In der Lebensweise zeigen die Chitonen viel Übereinstimmung mit den Napfschnecken, mit denen sie vor allem in der Unbeweglichkeit wetteifern. Auch sie sind im allgemeinen nicht an eine bestimmte Zone gebunden, obschon die meisten mehr den oberen Regionen angehören und die Entblößung von Wasser gut vertragen. Doch erbeutete man auf der Expedition des Challenger im nördlichen Stillen Ozean noch eine Art (Leptochiton 5 bei einer Tiefe von 4200 m.

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