Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Über Eulima berichtet Karl Semper in feinem herrlichen Buche über „Die natürlichen Existenzbedingungen der Tiere“ Folgendes: „Die Holothurien sind von einer großen Anzahl verschiedenartiger Schmarotzer heimgesucht. Außer den in der Wasserlunge lebenden Fierasfer (Fisch) und Pinnotheres finden sich auf und an ihnen noch parasitische Mollusken und Würmer. Unter jenen kommen Eulimen sehr häufig auf der Haut dieser Tiere (und auch auf Seesternen) vor. Sie sehen einer gewöhnlichen Schnecke ungemein ähnlich, und sie haben im Zusammenhang mit ihrer parasitischen Lebensweise nur die den Schnecken sonst fast durchweg eigentümlichen Kauorgane verloren, deren sie nicht bedürfen, da sie die schleimigen Ausschwitzungen der Haut ihrer Wirte aufzusaugen scheinen. Man hat sie deswegen auch nie recht als Schmarotzer gelten lassen wollen, und man hat in dogmatischer Übertreibung dieser Ansicht auch eine positive Beobachtung des bekannten reisenden Kon: chyliensammlers Cuming, nach welcher solche Eulimen im Inneren des Magens von Holothurien vorkommen sollten, ohne weiteres zurückgewiesen und zu erklären versucht durch die ganz willkürliche Annahme, es seien die im Magen von Holothurien gefundenen Eulimen von diesen nur gefressen worden. Nun hatte aber Cuming mit seiner Beobachtung vollständig recht; auch ich habe, und zwar sehr häufig, nicht etwa als große Seltenheit, lebende Eulimen im Darm großer Holothurien gefunden. Hier kriechen fie mit ihren breiten Füßen un: gemein rasch an der Darmwand herum, und sie haben ferner alle übrigen Organe der Schnecken, also Nervensystem, Sinnesorgane, Darmkanal ꝛc., genau, wie die auf der äußeren Haut lebenden Formen; das einzige ihnen fehlende Organ ist gleichfalls das Kauorgan oder die sogenannte Zunge der Schnecken. „Umgekehrt fand ich gerade auf der Haut derselben Holothurienart, welche in ihrem Darme die eben beschriebene Form beherbergte, eine Eulima, welche viel weiter degradiert war als irgend eine andere Spezies der Gattung. Das den Mund an seiner Spitze tragende Kopfende ist in einen außerordentlich langen Rüssel verlängert, welcher die sehr dicke Haut der Holothurien vollständig durchbohrt und dadurch die Schnecke fest vor Anker legt. Außer: dem muß dieser Rüssel als Saugorgan fungieren, da er an seinem in die Leibeshöhle des Wirtes eindringenden Ende den Mund trägt und jeglicher Kauorgane entbehrt. Der bei den anderen auf der Haut lebenden Arten wohlentwickelte Fuß ist hier gänzlich verschwunden, ebenso fehlen die Augen. Wir sehen also, daß der Einfluß, welchen die Eingeweide meist auf die in ihnen lebenden Schmarotzer ausüben, bei den eben genannten Parasiten der Holothurien nicht im stande war, ihnen den Charakter von Entoparasiten zu geben, und anderseits ist ein echter Ektoparasit in der Weise der Entoparasiten verändert worden.“
Seit der Mitte der vierziger Jahre bis in die fünfziger hinein beschäftigte sich der große Berliner Physiolog und Zoolog Johannes Müller fast ausschließlich mit der Erforschung der Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Stachelhäuter oder Echinodermen, einer Klasse niederer Tiere, auf welche wir später einzugehen haben werden. Ein besonders günstiger Ort für diese Untersuchungen war und ist Triest. An regnerischen Tagen oder bei bewegter See versorgt uns der Fischmarkt mit reichlichem Material für Bleistift, Messer und Mikroskop, die glatte Meeresfläche aber ladet zu Exkursionen nach der von dem kleinen Städtchen Muggia genannten herrlichen Bai ein, von deren schlammigem Grunde das Schleppnetz reiche Beute heraufbringt. Auf und in diesem Grunde lebt auch zu Tausenden und Millionen die Klettenholothurie (Synapta), ein wurmförmiges Echinoderm, dessen Vorderende wir in Fig. 1, S. 409, abgebildet sehen. Zum Verständnis des Folgenden brauchen wir von dem Bau des durchscheinenden Körpers dieses zur späteren genaueren Betrachtung im Zusammenhange mit den anderen Stachelhäutern aufzuhebenden Tieres nur so viel zu wissen, daß die Leibeshöhle von dem von Fühlern umgebenen Munde aus von einem Darmkanale durchzogen ist, an dessen vorderer Strecke eine durch zwei ringförmige
Anschwellungen ausgezeichnete Abteilung (m) sich als ein Magen herausstellt. Auch verlaufen auf demselben der Länge nach zwei Blutgefäße, von welcher das eine wegen seiner Lage „Bauchgefäß“ zu benennen ist. Diese und viele andere Bewohner der Bai von Muggia wurden den damals und später Triest besuchenden Naturforschern gewöhnlich von dem im Fischerdorfe Zaule wohnenden Fischer Frusing und seiner Familie täglich nach Triest gebracht, wenn man nicht selbst die anstrengende Hantierung des Netzschleppens ausüben wollte. So hielt es auch Johannes Müller, so oft er nicht die feineren mikroskopischen Tierformen mit eigner Hand in einem engen Gazennetze von der Oberfläche des Meeres einzufangen hatte. Er entdeckte nun in einzelnen Exemplaren der Synapta einen Schlauch, dessen eines Ende im engsten Zusammenhang mit dem oben genannten Bauchgefäß des Echinoderms war, während das andere frei in der Leibeshöhle desselben flottierte. Die anatomische Beschaffenheit des Schlauches erregte bald die ganze Aufmerksamkeit des Beobachters; er erkannte, daß er es mit einem höchst sonderbaren Vorkommen innerhalb der Holothurie zu thun habe, und fein Erstaunen wuchs, als in dem Schlauche aus Eiern, welche unzweifelhaft ein Produkt des Schlauches waren — junge Schnecken zum Vorschein kamen, ausgerüstet mit einer Schale, Fuß und Segel. Der Entdecker fragte sich natürlich, ob er es hier nicht mit einem Parasitismus zu thun habe. Allein es schien ihm der „schneckenerzeugende Schlauch“ so gar nichts von einer Schnecke an sich zu haben, daß man ihn unmöglich für gleichwertig mit einem solchen Tiere und etwa durch rückschreitende Metamorphose so umgewandelt halten könnte, auch schien ihm die Verbindung zwischen der Synapta und dem Schneckenschlauch eine so innige zu sein, daß er die Idee ganz fallen ließ, es walte hier das Verhältnis von Wohntier (Synapta) und Parasit (Schneckenschlauch, Entoconcha mirabilis), und die Vermutung plausibel zu machen suchte, der Schneckenschlauch sei ein Erzeugnis der Synapta. Er fand, daß die Erscheinung sich bei etwa einer von 100 Synapten zeigte und kam aus dem Labyrinth nicht zusammenpassender Thatsachen nicht anders heraus, als durch die kühne Annahme, es liege eine Art von Generationswechsel vor, aber ein Generationswechsel, bei welchem es nicht mit einem innerhalb eines und desselben anatomischen Grundtypus sich bewegenden Formenkreise (wir kennen ja zahlreiche Beispiele davon) sein Bewenden hätte, sondern wo der Organismus zu einer über seinen Bereich weit hinausgehenden Kraftanstrengung befähigt würde und durch seine Erzeugnisse in einen anderen Typus überspränge. Der Schlauch wurde unter der mächtig arbeitenden Phantasie des großen Naturforschers zu einem Organe der Synapta, und der Fund war ihm um so willkommener, als er nun einen Weg gefunden zu haben glaubte, aus der ihm im Grunde widerstrebenden Annahme wiederholter Schöpfungen aus dem Nichts herauszukommen. Wie oft hörten wir den Ausspruch Johannes Müllers in Vorlesungen und Privatgespräch: der Eintritt jeder einzelnen Tierart sei supranaturalistisch, übernatürlich, d. h. der Beobachtung und Erklärung der Naturforschung entzogen. Nun war hier ein Fall, zwar unerhört, aber doch nicht absolut gegen die Natur, vielmehr, wie es schien, vorbereitet durch die vielen anderen Beispiele des regelmäßigen Generationswechsels, welcher das Erscheinen einer neuen tierischen Grundform an schon Vorhandenes anknüpfte. Johannes Müller glaubte alfo eine Erweiterung des Generationswechsels vor sich zu haben und sagte: „Wir sind auf diesem Felde schon an viel Wunderbares gewöhnt, welches sich doch demselben Gesetze fügen muß, und wir mußten noch auf starke Stücke gefaßt sein.“ Allein dieser Sprung war doch zu stark, und so machte die Hypothese über das rätselhafte Binnenwesen der Klettenholothurie von Muggia zwar großes Aufsehen, fand aber keine Gläubigen.
Mehrere Zoologen versuchten sich an der Aufgabe, den wahren Zusammenhang zu entdecken, unter ihnen am ausdauerndsten Albert Baur, welcher monatelang in Triest
und in einem Gasthause am Strande der Bai sich aufhielt, die Naturgeschichte der Synapta selbst vollständig aufklärte, das Verhältnis des fertigen Schlauches zu jener und die Erzeugung der jungen Schnecken in ihm ebenfalls alles Wunderbaren entkleidete, die Einwanderung der parasitischen Schnecke aber, denn eine solche ist der Schlauch, den Nachfolgern zu ergründen übrigließ. Bis heute ist dieser letzte Teil der Aufgabe unerledigt, welche von der Berliner Akademie als Preisaufgabe gestellt war.
Die im Schlamme lebenden Synapten werden vom Grunde heraufgebracht, indem man einen Anker, dessen 4 oder 6 Spitzen mit Werg umwickelt sind, vom Boote aus gleich einem Schleppnetze nach sich zieht. Die Tiere, deren Haut mit ankerförmigen Widerhaken gespickt ist, bleiben am Werge hängen. Man erhält jedoch nie eine ganze Synapta. Dieselben schnüren sich durch einen vom Nervensystem hervorgerufenen Krampf in 2—6 cm lange Stücke der Quere nach ab, und man hat nun die Kopfenden oder, wenn der Kopf zu kurz abgeschnürt ist, die die Magenregion enthaltenden Stücke zu mustern, um auf die Schneckenschläuche zu stoßen. Die Arbeit ist eine höchst mühsame, da, wie gesagt, ungefähr auf 100 Synapten eine mit dem Schlauche behaftete kommt. Ausnahmsweise fand Baur in einer Synapta 2 oder 3, ja 4 Schläuche; es passierte aber auch, daß 500 —600 Kopfenden vergeblich durchsucht wurden. „Man hat kein anderes Mittel“, sagt Baur in seiner, von der Leopoldinischen Akademie herausgegebenen trefflichen Arbeit, „um den Schlauchkörper auch nur einmal zu beobachten, als daß man eine große Anzahl von Synaptenindividuen, beziehungsweise Synaptenstücken, sich verschafft und diese auf Anwesenheit des Körpers durchmustert. Bei der Durchsichtigkeit der Synapta erkennt man aber sofort, ohne sie zu öffnen, ob der gesuchte Körper darin enthalten ist oder nicht. Ich beauftragte anfangs dieselben Fischer, welche für Johannes Müller die Tiere gefangen hatten, mir eine möglichst große Menge davon herbeizuschaffen. Ich ließ mir die Ausbeute jedes Fanges nach Triest bringen. Bald überzeugte ich mich, daß auch zu einer vorläufigen Untersuchung das so erhaltene Material nicht genügen konnte. Ich nahm deshalb während zweier Monate meinen Aufenthalt in Zaule. Während desselben wurden die Tiere von einer, wenn es das Wetter erlaubte, täglich und nur zu diesem Zwecke auslaufenden Fischerbarke gefangen. Ich konnte auf einer Ausfahrt ein bis höchstens acht teils ganze, teils verstümmelte Exemplare des Schlauchkörpers bekommen. Die Hälfte des Tages konnte auf das Fangen, die Hälfte auf die Untersuchung verwendet werden.“
Nach diesen Bemerkungen gehen wir nun endlich zur näheren Beschreibung der Parasiten⸗Schnecke über. Wir folgen natürlich Baur, zum Teil wörtlich.
Der als parasitisches Wesen und zwar als eine Schnecke zu betrachtende Körper (Fig. 2, S. 409, F) ist gestreckt und cylindrisch; weder Rücken und Bauch, noch rechte und linke Seite find zu unterscheiden. Er ist ohne Anhänge. Das Vorderende (a) ist knopfförmig; der Leib ist unregelmäßig spiralig gedreht. Die Färbung der Körperoberfläche ist ein bräunliches Gelb, wodurch es leicht wird, das Wesen durch die farblose und durchscheinende Leibeswand der Synapta hindurch zu erkennen. Durchschnittlich ist der ganze Schlauch 2,5 em lang. Dieser Schlauch ist nun in eigentümlicher Weise organisiert. Er besitzt am knopfförmigen Ende eine Mundöffnung, welche in einen den vorderen Körperteil einnehmenden und blind endigenden Darm (a—b) führt. Der zweite, mittlere Cylinderabschnitt enthält einen sehr ausgedehnten Eierstock mit einer Eiweißdrüse (b— c). Darauf folgt ein Raum (d), in welchem die sich vom Eierstock loslösenden Eier reifen. In der kugelförmigen Anschwellung (e) reift der Samen, und das offene Körperende gestattet den Geschlechtsprodukten freien Austritt in den Leibesraum der Synapten. Nach dem zoologischen Adam Riese find diese im innigen Zusammenhange stehenden Teile ausreichend, ein Ganzes zu bilden, ein Tier für sich. Dasselbe ist aber in ganz eigentümlicher Weise an die Eingeweide der Synapta
befestigt. Unsere Abbildung, Fig. 2, zeigt ein geöffnetes Stück der Synapta; A ist die Leibeswand derselben, B eine Hautfalte, welche den Darm O in feiner Lage erhält und den Rücken der Synapta bestimmt. D ift das an der Rückenseite, E das an der Bauchseite des Darmes verlaufende Blutgefäß. In dieses letztere nun, und zwar immer in nächster Nähe des Magens, ist das Kopfende des Schlauches mit seiner knopfförmigen Anschwellung derart eingesenkt, daß es eine förmliche Verwachsung, ein unmittelbarer organischer Zusammenhang zu sein scheint, und Johannes Müller in der That deshalb eine Hervorbringung des Schlauches durch die Holothurie annahm. Es ist jedoch nichts als eine rein mechanische Befestigung, wie wir sie bei vielen Schmarotzern (3. B. Peltogaster, vgl. S. 72) ebenso eng, ja sogar enger finden. Kurz, der Schlauchkörper hängt an dem Blutgefäße der Synapta, und er ernährt sich parasitisch vermittelst seiner Mundöffnung und seiner Darmhöhle von dem Blute der Synapta.
Die Bewegungen des schlauchförmigen Tieres, welche man beobachten kann, beschränken sich darauf, daß, wenn man die Synapta im frischen Zustande aufschneidet, es seinen Körper krümmt und langsam verkürzt, indem es eine dichter gewundene Korkzieherform annimmt. Von allen Lebenserscheinungen aber, welche der Schlauchkörper dar: bietet, sind diejenigen, welche sich auf die Fortpflanzung beziehen, die wichtigsten und am meisten hervortretenden. Die Synapta und ihr Parasit sind in der Zeit der Fortpflanzung völlig unabhängig voneinander. Johannes Müller kannte den Gang der Entwickelung der Synapta noch nicht; 1) Die Holothurie Synapta digitata mit dem parasitischen Schnecken⸗ Baur hat ihn vollständig dargelegt schlauchSynaptaEntoconchadigitatamirabilis.mit dem NatürlicheSchneckenschlauch.Größe. Vergrößert.2) Mittelstück der und gezeigt, daß die Synapta sich nur im Frühjahr fortpflanzt, während er den Schlauchkörper in allen Monaten, außer im Winter, seine Brut hervorbringen sah. Der Laich des Schlauchkörpers, welcher sich in dessen Leibeshöhle entwickelt, besteht aus einer großen Menge einzelner Brutkugeln (Fig. 2, d), deren jede etwa 20 Eier oder Embryonen enthält. Inverschiedenen Exemplaren findet man die Brutmasse in verschiedenen Stadien der Entwickelung. In einem und demselben Schlauchkörper findet man aber immer die ganze Brutmasse genau auf derselben Stufe der