Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
| — ist fast unter einem rechten Winkel geknickt,
Pelikansfuß (Aporrkais pes pelicani). Natürl. Größe. etwas zusammengedrückt, am Rande gerundet, sein vorderer Teil kürzer, ausgerandet, der hintere sehr lang, am Ende mit einem beinahe sichelförmigen hornigen Deckel, welcher die Mündung nicht verschließen kann. Wegen der Beschaffenheit des Fußes können die Tiere daher nicht kriechen, sondern sie springen, d. h. sie schieben den hinteren Fußteil unter den vorderen und schnellen sich dann in die Hohe. Eine sehr anschauliche Beschreibung dieses Organes gibt Rumph. „Es ist ein besonderes Kennzeichen dieses Geschlechtes, daß sie an der Mündung ein langes Beinchen haben, welches der Farbe und der Gestalt nach einem Meeronyx (d. h. Deckel) gleicht. An der äußeren Seite ist es scharf gezackt, unten zugespitzt und oben an einem harten Fleisch, so einem Händchen gleich sieht, befestigt. Hiermit vollbringt dasTier nicht allein seinen Gang und stößt sich damit von
einer Stelle zur anderen fort, sondern ficht auch damit, als mit einem Schwerte, meifter: lich, und stößt alles, was ihm im Wege ist, damit weg.“ Als er einige seiner sogenannten „Fechter“ (Pugiles) mit anderen Schnecken in eine Schüssel legte, wurden diese bald durch die ungestümen Bewegungen der Fechter hinausgeworfen. Er gibt auch an, daß diese bei Amboina gemeine Art von den Eingeborenen zwar gegessen werde, aber bei: Daun Genusse einen übeln, bodartigen Schweißgeruch verursache.
Doch kehren wir zur allgemeinen Beschreibung der Flugelschnecken zurück. Der Kopf trägt zwei dicke, cylindrische Stiele, an deren Enden die meist überaus großen, lebhaft gefärbten Augen sitzen, während die Fühler auf der Innenseite dieser Stiele in Gestalt dünner Fäden entspringen. Zwischen den Augen ist der Kopf in eine lange, nicht zurückziehbare Schnauze verlängert. Der Mantel ist groß, aber sehr dünn und hat meist ein fadenförmiges Anhängsel, welches im oberen Kanal der Schalenmündung liegt. Das Gehäuse der Strombus-Arten endet unten in einem kurzen Kanal, die Mündung ist linealisch. Die Außenlippe ist gewöhnlich flügelartig ausgedehnt, kann oben in einen Lappen sich verlängern, ist jedoch nie mit langen uJ 1U„R en N|| 5S09ION Fortsätzen oder Fingern versehen. Die sämtlichen (über 60) Arten gehören den |aiNIS)_h N|'NSDI:SEINihI0 ö nb tropischen Meeren an. Eine der ge⸗ Zu1 6767 ll U„ meinsten, Strombus gigas, wird so - — SN ZN{ massenhaft aus Westindien gebracht, daß man nicht selten die Gartenbeete damit eingefaßt findet; häufig auch ist Fiügetfänste Sandes Jette Natürliche Größe. sie als Ampel und Blumenvase benutzt. Die Schale erreicht eine Länge von 1 Fuß und ee über 4,5 Pfund schwer. Um zu verstehen, wie das Tier trotz dieser Bürde seine hüpfenden Bewegungen auszuführen vermöge, wolle man nicht vergessen, was wir schon einmal bei Gelegenheit der schwer bepanzerten Krebse erinnert, daß die Gewichtsverhältnisse im Wasser sich gänzlich zu gunsten der sich darin aufhaltenden Lebewesen ändern.
Von Strombus weicht Pterocera, darunter die T eufels klaue, nur in der Gestalt des Gehäuses ab, indem die Außenlippe, wenn das Gehäuse ausgewachsen, unten eine sehr deutliche Bucht und einen gefingerten Flügel zeigt, dessen Finger anfangs rinnenförmig, zuletzt geschlossen sind.
Die nun folgende Unterordnung hat Troschel nach der Beschaffenheit der Reibeplatte Fächerzüngler (Rhipidoglossa) genannt. Es lassen sich stets mehr als sieben Längsreihen der Platten oder Zähnchen unterscheiden, und außerdem schließen fi) an jede Quer: reihe jederseits noch zahlreiche schmale Blättchen an, welche fächerförmig nebeneinander liegen. Auf dem Rücken liegt eine große Atemhöhle, welche die aus zwei Blättern bestehende Kieme enthält. Schale und Fuß sind sehr verschieden gestaltet, doch hat erstere immer eine ganzrandige Mündung, ohne Kanal oder Ausschnitt, und letzterer ist von beträchtlicher
Größe. Alle hierher gehörigen Tiere sind Pflanzenfresser, welche sich meist an den felsigen Küsten aufhalten. Nur die Familie der Neritiden enthält auch zahlreiche Bewohner des süßen Wassers, faft alle aus der Gattung Nerita. Das Tier hat einen breiten, flachen, verkehrt⸗herzförmigen Kopf, auf dessen unterer Seite der große gefaltete Mund sitzt, welcher zwei lange spitze Fühler trägt. Außen, am Grunde derselben, sitzen die Augen auf einem kurzen Stiele. Das Gehäuse ist halbkugelförmig, unten flach und ungenabelt, die Mündung ganz und halb kreisrund. Der kalkige Deckel hat innen einen Fortsatz, welcher beim Verschwinden der Schale hinter den Spindelrand greift. Man hat die im Meere lebenden Arten von den in den Teichen und Flüssen wohnenden generisch trennen wollen, allein, wie so oft, läuft auch hier die Art- und Gattungsspalterei auf eine Haarspalterei hinaus. Nahe an 300 Arten find fast über die ganze Erde verbreitet. Davon ist in Mitteleuropa Nerita fluviatilis, die gemeine Schwimmschnecke, sehr gemein, ein etwa 8 mm hohes, 10 mm breites Tierchen, welches in Flüssen und Bächen, Teichen und Sümpfen, an Steinen und Wasserpflanzen gefunden wird. Ihr buntes, rot oder violett gegittertes Gehäuse ist zwar dünn, aber von einer bei unseren Süßwasserkonchylien ungewöhnlichen Festigkeit. Wie bei so vielen Tiergattungen, deren Arten im salzigen oder im süßen Wasser vorkommen, gibt es auch von Nerita eine 5 Anzahl Brackwasserformen und solche, welche in Wässern von sehr ver— 1 1 Nene schiedener chemischer Beschaffenheit ausharren. Eine bloße Abart der viatilis). Natürl. Größe. Nerita fluviatilis ist es, welche, Nerita minor genannt, in Unzahl in den Mansfeldischen Seen vorkommt. |
Die auffallende Erscheinung, welche wir oben von der Entwickelung von Buecinum und Purpura erwähnt, daß nämlich nur wenige Embryonen sich auf Kosten der zahlreichen gelegten Eier ausbilden, wiederholt sich auch bei Nerita fluviatilis. In den nur 1 mm großen kugeligen und mit harter Schale versehenen Eikapseln! find 40—60 Eier enthalten. Nur ein einziges davon entwickelt sich zu einem Embryo, welcher auf einer sehr frühen Stufe mit Mund und Speiseröhre versehen wird und allmählich die ganze Schar seiner nur der Idee nach bestehenden, in Wirklichkeit aber als Dotterklumpen beharrenden Ge: schwister aufleckt. Er wird dadurch so groß, daß er schließlich die Kapsel ganz ausfüllt und aus ihr durch Abheben des halbkugelförmigen Deckels austritt. Er ist während seines Eilebens zwar mit einem Velum oder Segel versehen gewesen, hat aber diesen Zustand, in welchem die meisten jungen Bauchfüßer noch eine Zeitlang als frei schwimmende Larven verbleiben, beim Auskriechen schon ganz hinter sich.
Die in den Gewässern, namentlich den Flußmündungen Ostasiens und Polynesiens heimische Navicella (etwa 18 Arten), welche dort als vikariierende Form für Nerita auftritt, verdient unsere Aufmerksamkeit, weil sie eine neue Modifikation des Deckels zeigt. Dieser, von kalkiger Beschaffenheit, versieht hier nicht den Dienst, zu dem er sonst bestimmt ist, sondern steckt ganz im Fleische des Fußes und erinnert so gewissermaßen an jene Schalen der Nacktschnecken (Lima), welche zeitlebens in Form einer schildförmigen Absonderung im Mantel verborgen bleiben. *
Eine Familie, welche schon, wenn auch nicht wie Philippi jagt, von Anbeginn der Schöpfung, doch in den Schichten unterhalb des Steinkohlengebirges, welche man bisher
Sowohl von Nerita fluviatilis als von ausländischen Arten (Nerita pulligera) wird angegeben, sie trügen ihre Eier (Eikapseln) auf dem Rücken. Die erste sehr unbestimmte Nachricht ist bei Rumph zu finden; schon O. Fr. Müller spricht jedoch seine Zweifel darüber aus und meint, es möchte irgend ein anderer Laich gewesen sein. Der erfahrene Johnston tritt ihm bei.
für die die ältesten Versteinerungen führenden hielt, angetroffen wird, ist diejenige der Kreiselschnecken. Dieser Name paßt allerdings nur für diejenigen Gattungen, deren Gehäuse mehr oder minder deutlich kreiselförmig ist, allein die Übergänge von diesen Formen durch mehr gedrückte zu fast ganz schüsselförmigen, bei wesentlich gleicher Beschaffenheit des Tieres, sind so unterbrochen, daß das Beschränken der Familie auf jene eine reine Willkür ist. Allerdings drängt sich die Notwendigkeit dieser Verallgemeinerung, wie Philippi nachweist, nur bei allseitiger Berücksichtigung der untergegangenen Arten auf, allein diese haben eben für die Auffassung und Erkenntnis der Lebewelt genau dieselbe Geltung wie die noch heute lebenden. Wer also in einem größeren zoologischen und paläontologischen Museum Gelegenheit hat, die zahlreichen, von Philippi in seinem Handbuche aufgeführten Gattungen in möglichst zahlreichen Arten hinter- und nebeneinander zu ordnen, gewinnt wieder einmal (wie z. B. bei den Heliceen) aus unmittelbarer Anschauung die Überzeugung, daß die Begrenzung von Familien und Gattungen auf Konvention beruht, wobei oft die unbedeutendsten Zufälligkeiten bestimmend wirken. Am bequemsten für die Naturforscher der alten Zeit sind diejenigen Pflanzen und Tiergattungen, welche sozusagen im Laufe der Jahrmillionen sich konsolidiert haben. Darwin und seine Anhänger haben gezeigt, wie man sich in diesen Fällen das Verschwinden von Zwischen- und Übergangsformen zu denken habe. Solche Arten und Gattungen, deren scharfe Sonderung nie eine ursprüngliche, sondern eine allmählich gewordene ist, gewähren derjenigen Naturbetrachtung Befriedigung, welche an der Aufstellung guter Beschreibungen sich genügen läßt. Wer aber von der bloß beschreibenden Auffassung der Form und der Lebensweise zur tieferen Ergründung des Herkommens und Werdens der Lebensform sich gedrängt fühlt, dem müssen gerade diejenigen Formenkreise die anziehendsten sein, innerhalb welcher die Menge und Mannigfaltigkeit durch lauter Übergang vermittelt wird. Darauf haben wir wieder einmal bei dieser Gelegenheit hinweisen wollen, ohne, nach den Grenzen unseres Werkes, an die Ausführung der Vergleichung denken zu können.
Von den eigentlich kreiselförmigen Schnecken kann man mit Oken die Gattung Turbo (Rundmund) nennen. Das Tier hat den Kopf in eine Schnauze verlängert. Auf der äußeren Seite der langen Fühler stehen die gestielten Augen, und zwischen den Fühlern ragen zwei Stirnlappen hervor. An jeder Seite des Fußes finden sich meist drei Fäden und häufig noch eine gefranste Haut. Bei einer Art der Gattung Turbo oder einer verwandten aus dem Weißen Meere beobachtete Nikolas Wagner oben auf dem Fuße an jeder Seite sechs fühlerartige, lange, dünne Anhänge, die an ihrer Basis Augen trugen. Der Umfang des Gehäuses ist stets abgerundet, die Offnung beinahe kreisförmig, der Deckel dick und kalkig. Früher waren die Deckel des Turbo rugosus und mehrerer tropischen
Arten als sogenannte „Meer-Nabel“ (Umbilicus marinus) in den Apotheken gebräuchlich, namentlich gegen Sodbrennen. Abgesehen davon, daß manche Arten dieser pflanzenfressenden Schnecken den Menschen zur Nahrung dienen, sind die dicken Gehäuse der grö— ßeren wegen ihrer technischen Verwendung nicht unwichtig. Namentlich werden sie von den Chinesen benutzt, um mit den prächtig perlmutterglänzenden Stücken die lackierten Möbel und Schränke zu belegen. Rumph nennt als eine solche Art den großen Olkrug (Turbo olearius), die sich an den felsigen Küsten der molukkischen Inselwelt in der Brandung gesellig aufhält und daher schwer zugänglich ist. Zu den oben bei den Clausilien (S. 335) angeführten Beispielen von Lebenszähigkeit gesellt sich der ebenfalls in Ostindien heimische Turbo pagodus, die Pagode oder der papuanische Kreisel. Das Tier hält sich oberhalb des Wasserspiegels an den Klippen auf, wo es nur von der Brandung bespritzt wird. Rumph erhielt die am Strande von Nussanive gesammelten Exemplare über 7 Monate ohne Wasser und Nahrung lebendig, ein anderes Exemplar lebte nach 1 Jahre
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X.
Einsperrung noch. An diese Zähigkeit knüpfte sich der sonderbare Gebrauch der Eingeborenen, diese Schnecken in ihre Kleiderkasten zu legen, um, wenn das Tier vor der gewöhnlichen Zeit ftarb, ein Zeichen zu haben, daß etwas aus den Behältnissen gestohlen sei.
Ohne mit dem trefflichen Rumph und seinen Zeitgenossen die kleinen Arten von Turbo, wie aller der Gattungen, zu denen ansehnliche Arten gehören, für Quisquiliae, d. h. unnütze Kleinigkeiten, zu halten, mit denen sich abzugeben nicht die Mühe verlohne, stehen wir doch auch hier von weiteren Aufzählungen ab, um Delphinula als eine benachbarte Gattung anzureihen. Es ist eine Kreiselschnecke von flach kegelförmiger Gestalt mit tiefem Nabel und kreisrunder Mündung. Unsere Spezies zeichnet sich am Gehäuse durch Duer-binden mit kurzen Stacheln sowie lappigen Höckern oben an der Windung aus. Das Tier weicht von den übrigen Kreiselschnecken nicht wesentlich ab, besitzt jedoch weder Stirnlappen noch Seitenfäden. Der kreisrunde dünne Deckel ist hornig. Noch enger mit Turbo ist jedoch Trochus, der Okensche Eckmund, verwandt, wie jener ausgeprägt kegel- oder kreiselförmig, aber mit mehr oder weniger kantigem Umfange, auch ist die Mündung niedergedrückt, und das bequemste Kenn: zeichen, die Gehäuse der beiden Sippen auseinander zu halten, ist die rautenförmige Mündung von Trochus gegen die runde von Turbo. Der Arten von Trochus sind fast noch einmal so viele