Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
das ist: man muß fie ½ Tag in Salzwasser legen, hernach mit frischem Wasser abwaschen und in der Sonne trocken werden lassen.“ Rumph erzählt ferner, daß diese und andere Porzellanschnecken nur von den ärmsten Volksklassen auf Kohlen gebraten und gegessen würden,daß aber ihr Genuß oft von übeln Folgen begleitet sei. Die Eingeborenen hätten die Regel, daß alle glatten und glänzenden und die rot gefleckten Schnecken sich nicht zur Speise eigneten, daß hingegen alle rauhen und stachligen eine gute Kost gäben.
Die wichtigste Art ihrer Sippe ist die Cypraea moneta, Kauri. Diese Porzellanschnecke ist weißlich oder gelblich, breit eiförmig, seitlicham Hinterende mit vier stumpfen Höckern. Sie wird 1½— 2 em lang. In größter Menge kommt fie an den Maledivischen Inseln vor, wo sie, nach älteren Angaben, zweimal im Monat, drei Tage nach dem Neumond und drei Tage nach dem Vollmond eingesammelt wird. Sie dürfte wohl auch an den
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Kauri (Cypraea moneta). Natürliche Größe.
übrigen Tagen des Monats zu haben sein. Von da aus wird sie teils nach Bengalen und Siam, vorzugsweise aber nach Afrika verschifft. Der Hauptstapelplatz für den afrikanischen Kaurihandel ist Sansibar. Von der Ostküste Afrikas gehen seit Jahrhunderten große Karawanen mit diesem Artikel, der Geld und Ware ist, nach dem Inneren. Ganze Schiffsladungen wiederum werden von europäischen Schiffen von Sansibar abgeholt und an der Westküste gegen die dortigen Produkte, Goldstaub, Elfenbein, Palmöl, ausgetauscht. Über den erstaunlichen Verkehr mit diesem Gelde in den Negerreichen Innerafrikas gibt unter anderen Barths berühmtes Reisewerk vielfach Nachricht. In Gure hatten 700,000 Stück den Wert von 990 Mark, also etwa 2120 den von 3 Mark, und es beliefen sich die Einkünfte des Herrschers auf 30 Millionen Muscheln. Ihr Wert ist natürlich dem Kurs unterworfen und hängt von der Zufuhr und der Entfernung ab. Gewöhnlich sind sie zu Hunderten auf Schnüre gereiht, um das Zahlgeschäft zu verkürzen. An manchen Orten ist dies jedoch nicht Mode und müssen die Tausende einzeln abgezählt werden. Nach den Angaben in Beckmanns 1793 erschienener Warenkunde war, solange die Holländer Ceylon besaßen, dies der wichtigste Stapelplatz für die Kauris, von wo sie in Körben,in Ballen vonje 12,000 Stück oder für Guinea in Fässern versendet wurden. Eine Zeitlang wurde mittels der Kauris der ganze afrikanische Sklavenhandel betrieben, indem für 12,000 Pfund 500—600 Sklaven eingekauft werden konnten. Gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts
hatte sich der Preis schon verdoppelt, und find dann, als die Küstendistrikte mit dem Muschelgelde überschwemmt waren, andere Tauschobjekte an dessen Stelle getreten. Wir erwähnen noch die nächst verwandte Gattung, die Eischnecke (Ovula). Das Tier ist ganz wie bei Cypraea beschaffen: das Gehäuse eingerollt, an beiden Enden zugespitzt und in einen Kanal ausgezogen. Von Ovula oviformis, mit schneeweißer, inwendig violetter Schale, einer der größten Arten, teilt Rumph mit, daß sie bei den Bewohnern der Insel Korea in hohen Ehren steht. Nur die Vorfechter und diejenigen Krieger, welche einige Köpfe ihrer Feinde aufweisen konnten, durften das Gehäuse um den Hals oder im Haarschopfe tragen. Auch wurden die Schilde damit verziert.
Die von den älteren Konchyliologen gewöhnlich mit den Stachelschnecken vereinigten Tritonshörner weichen nicht nur in dem Bau der Zunge, sondern auch in der Bildung des ganzen Kopfes von jenen ab. Ihr Kopf ist nämlich groß und tritt zwischen den Fühlern hervor. Diese sind lang und kegelförmig und tragen die Augen außen, ungefähr in der halben Länge. Aus der Mundspalte unterhalb des Kopfes kann das Tier einen ziemlich langen Rüssel herausstrecken. Das Gehäuse ähnelt insofern denen der Stachelschnecken, als es unten in einen Kanal verlängert ist. Es ist mit dornenlosen Höckern besetzt, welche entweder abwechselnd auf den Windungen oder auch, aber seltener, einzeln stehen. Von der Hauptsippe, Kinkhorn, Trompetenschnecke (Tritonium), lebt das große Tritonium nodiferum im Mittelmeer. Es ist die Buccina der Alten, von welcher es heißt:
Buccina jam priscos cogebat ad arma Quirites. (Die Buccina rief schon die alten Quiriten zu den Waffen.) Auch andere, größere Arten wurden und werden noch als Kriegstrompeten gebraucht, namentlich Tritonium variegatum. Was Rumph über dasselbe mitteilt, ist von den Neueren nicht überholt worden. „Die größten Schnecken dieser Art find über 1 Schuh lang und 6—7 Zoll hoch. Ihre Spitze ist mehrenteils etwas abgebrochen, auch ist die Schale mit weißen und roten groben Grießkörnern besetzt, welche man erst mit Scheidewasser erweichen und alsdann mit einem Messer abkratzen muß. Diese Schnecken werden unter die vornehmsten Raritäten gerechnet, und wenn sie rein sind, so gelten sie sogar auf diesen Inseln gemeiniglich drittehalb Gulden. An der Insel Amboina findet man sie selten, mehrenteils kommen sie von den südöstlichen Inseln. Ihr Aufenthalt ist die Tiefe des Meeres, und zuweilen kriechen sie auch in die Fischreusen. Die Alphoresen, die wilden Bewohner der Insel Korea, gebrauchen diese Schnecken statt der Trompeten, indem sie in dem mittleren Ringe eine Offnung machen, durch welche sie blasen. Man hat diesen Schnecken den Namen Kinkhörner gegeben, weil sie kinken (klingen) oder sausen, wenn man ihre Mündung an die Ohren hält, und die gemeinen Leute machen einander weis, daß dieses Sausen eben ein Zeichen der Echtheit wäre, weil man gleichsam das Brausen der See in denselben hört.“ Was nun diese Eigenschaft des Kinkens angeht, so ist sie keineswegs auf unsere Schnecken beschränkt. Alle halbwegs größeren Schneckenhäuser geben einen guten Resonnanzboden ab für den verschiedenartigsten Lärm, während bei absoluter Stille auch das Tritonium variegatum die Schallwellen nicht zurückwerfen kann und nicht saust.
Welche Rolle die Tritonshörner auf den Bildern, den Statuengruppen und Reliefs der Rokokozeit spielten, ist männiglich bekannt. Wer kennt fie nicht, die pausbäckigen Tri: tonen, auf Delphinen reitend im Gefolge der schönen Meeresgöttin Galathea? Wer hat nicht einen, im Geschmack jener glücklich überwundenen Zeit angelegten Park mit seinen Grotten besucht, wo die wirklichen Kinkhörner und andere große Schnecken- und Muschelgehäuse zwischen Korallen und Tropfsteingebilden eingefügt sind?
Die Sippe der Faßschnecken (Dolium) ist in mehrerer Beziehung interessant. Das Gehäuse ist dünnschalig, bauchig, oft beinahe kugelig, die Mündung davon weit, unten ausgeschnitten, nicht in einen Kanal verlängert; die Außenlippe meist verdickt und in der ganzen Länge gekerbt. Das Tier hat einen länglich- eiförmigen, großen und dicken Fuß, der vorn etwas geöhrt ist und von dem Tier durch die Aufnahme einer großen Quantität Wasser stark aufgebläht werden kann. Der Kopf ist flach und breit und zwischen den Fühlern beinahe geradlinig. Diese sind lang und tragen die Augen außen auf ihrem verdickten Grunde. Die Atemröhre ift dick, ziemlich lang und wird über die Schale zurückgeschlagen
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Tonnenschnecke (Dolium perdix). ½ natürl. Größe.
getragen. Auch der Rüssel ist sehr groß und dick. Alle Arten, mit Ausnahme einer einzigen, bewohnen die südlichen Meere. Diese eine aus dem Mittelmeer, das Faß (Dolium galea), ist die größte Schnecke dieses Gebietes. Sie gab Veranlassung zu einer sehr merkwürdigen Entdeckung. Als Professor Troschel in Messina mit zoologischen Forschungen beschäftigt war, brachte man ihm ein lebendes großes Exemplar der Faßschnecke, welches, gereizt, seinen einen halben Fuß langen Rüssel ausstülpte und alsbald aus der Mundöffnung einen Strahl einer wasserklaren Flüssigkeit 1 Fuß weit hervorspritzte. Zu seinem höchsten Erstaunen nahm Troschel wahr, daß der Kalkstein des Fußbodens mit der Flüssigkeit aufbrauste, daß der vermeintliche Speichel also eine scharfe Säure war. Es hat sich ergeben, daß in der Flüssigkeit 3 —4 Prozent freie Schwefelsäure und 0,3 Prozent freie Salzsäure enthalten sind, und daß diese Säuren aus einer neben der eigentlichen Speicheldrüse liegenden besonderen Drüsenabteilung stammen. Diese Säuren dienen jedoch nicht etwa bei der Verdauung zur Auflösung des mit der Nahrung aufgenommenen Kalkes; auch ist es nach vielen von Panceri in Neapel angestellten Versuchen unwahrscheinlich, daß sie ein Verteidigungsmittel sind. Vielmehr scheint die Drüsenflüssigkeit ein bloßes, zur Ausscheidung aus dem Körper bestimmtes Produkt zu sein. Der genannte neapolitanische Zoolog hat gezeigt, daß noch eine Reihe anderer Schnecken der Gattungen Cassis, Cassi-
daria und Tritonium dasselbe Schwefelsäureorgan besitzen. Die Sache ist physiologisch hoͤ chst interessant, aber noch keineswegs hinlänglich aufgeklärt.
Der bekannte österreichische Konjul und Sprachforscher, Dr. G. von Hahn, hat in sehr ingeniöser Weise wahrscheinlich zu machen gesucht, daß unsere Faß- oder Tonnenschnecke das Vorbild für die spiraligen Ornamente der ionischen Säule gewesen sei. „Ebenso gut“, jagt er, „wie heutzutage neapolitanische Fischer aus dem Muschel- und Schneckenwerke ihres Strandes schöne Festons zu verfertigen und damit an hohen Festtagen ihre Kirchen zu schmücken verstehen, dürften wohl auch schon im Altertum die Küstenbewohner zu den zierlichen Erzeugnissen ihres Strandes gegriffen haben, wenn es die an diesem gelegenen Heiligtümer ihrer Götter zu schmücken galt. Unter dem Muschelwerke des Mittelmeeres zeichnet sich aber die ihm eigentümliche Tonnenschnecke nicht nur durch ihre Größe aus, denn sie erreicht mitunter die Größe eines Menschenkopfes, sondern auch durch die große Schönheit ihres Gewindes und dessen Rippen.“ Die Hauptresultate der interessanten Vergleichung der Kunstform mit dem Naturprodukt sind, daß das Gewinde der Tonnenschnecke sowohl in der Zahl seiner Umgänge als in der Konstruktion seiner Spirale der sogenannten Volute des ionischen Kapitäls entspricht, daß mit der inneren Seite des Außenrandes des Gehäuses sich die über den Kanal des ionischen Knaufes laufenden Verbindungskurven beider Voluten wenigstens annähernd herstellen lassen, daß die konvexen Rippen der Außenseite des Gehäuses sich auf der inneren Seite in Kannelüren verwandeln, welche große Ahnlichkeit mit den Kannelüren des ionischen Säulenschaftes haben, und daß sogar ihre Anzahl annähernd der Anzahl der ionischen Säulen entspricht.
Mit den Dolien teilen die Helmschnecken oder Sturmhauben (Cassis, s. Abbild., S. 398) die Familieneigentümlichkeiten des großen Fußes mit seitlichen Ausbreitungen, des sehr langen Rüssels, der wie auf kleinen Stielen am Grunde der Fühler stehenden Augen und andere. Der Mantel der Sturmhauben bildet einen schleierförmigen Fortsatz über den Kopf und verlängert sich in eine lange, zurückgeschlagene Atemröhre. Das Gehäuse ist, nach dem konchyliologischen Ausdruck, aufgeblasen, mit kurzem, spitzem Gewinde. Die Mündung ist gewöhnlich eng und linealisch, unten mit einem kurzen, plötzlich auf den Rücken gebogenen Kanal. Die Innenlippe zeigt einen stark entwickelten Umschlag, welcher am Spindelrande gerunzelt oder gefaltet ist; die Außenlippe ist außen verdickt, innen häufig gezahnt. Daß auch bei diesen Schnecken wie bei den Cypräen das Wachstum mit einer Auflösung der früher gebildeten Lippenwülste stattfinden kann, wie wir oben ausführlicher mit Pöppigs Worten auseinandergesetzt, hat ebenfalls Thon Rumph beobachtet. „Da die neu an: wachsenden Windungen“, heißt es bei ihm, „sich über die alte Lippe ansetzen, jo muß das Tier notwendig durch eine natürliche, doch wunderbare Eigenschaft alles, was ihm im Wege ist, wieder wegschaffen oder solches durchfressen können. Man kann dies gar deutlich sehen, wenn man die Schnecke entzweischlägt, denn man nimmt alsdann am inneren Teile der Windungen nichts als lauter kleine Merkmale der alten Lippe wahr, welche an dem äußeren Teile der Windungen deutlich zu sehen sind.“ Die Arten, unter denen sich Cassis cornuta durch Größe, Dicke und Schwere der Schale auszeichnet, leben meist in geringeren Tiefen in der Nähe des Strandes auf Sandgrund, wo sie sich, den verschiedenen Muscheln nachstellend, ganz oder fast ganz eingraben. Für die in den Raritätenkabinetten aufzuhebenden Stücke empfahl man nur solche Exemplare, welche ganz im Sande eingegraben waren, da dieselben, „soweit sie mit dem Rücken aus dem Sande hervorragen, sie mit Seeschlamm bewachsen und unansehnlich sind“.
Mit Aporrhais sind wir zu denjenigen zwei Familien gelangt, welche man früher bei alleiniger ET, des Gehäuses e chnecken nannte, welche jedoch, wie sich gleich zeigen wird, in den Weichteilen wesentlich verschieden sind. Das Gehäuse der wenigen Arten von Aporrhais, von welchen jedoch Aporrhais pes pelicani, der Pelikansfuß, in den europäischen Meeren sehr gemein, ist spindelförmig und geht am Grunde in einen Kanal oder vielmehr in einen breiten gefurchten Zipfel aus. Auch bei dieser jo-
Sturmhaube (Cassis glauca) Kleines Exemplar. wie bei den folgenden Gattungen und überhaupt allen Flügelschnecken ist die jugendliche Gestalt des Gehäuses sehr verschieden von der fertigen. Die Außenlippe ist anfangs ganzrandig; erst nach und nach entwickeln sich die verschiedenen Flügel, Fortsätze und Finger mit ihren Furchen und Umschlägen. Das Tier unserer Schnecke hat den Kopf in eine flachgedrückte, vorn ausgerandete Schnauze ver: längert. Die langen, fadenförmigen Fühler tragen die Augen außen auf einem Höcker. Der Fuß ist klein, aber ganz zum Kriechen eingerichtet, beiderseits abgerundet. Der Mantel des vollständig ausgewachsenen Tieres ist nicht sehr erweitert und, wo die Schale Finger hat, nur in Zipfel vorgezogen, jedoch vermutlich zu der Zeit, wo diese Schalenteile gebildet werden, stärker entwickelt. | Ä Bon den Gattungen Strombus und Pterocera, den eigentlichen Flügelschnecken, ift das Tier sehr sonderbar gestaltet. Der Fuß