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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Delphinula laciniata. Natürliche Größe. beschrieben wie von dem anderen, über 200, und zwar aus allen Meeren. Die hübscheste der wenigen Arten der europäischen Meere ist Trochus ziziphinus. Die Be: wegungsweise dieses Tieres läßt sich gut beobachten, wenn man es an der Wand eines Glases kriechend mit der Lupe betrachtet. Es gleitet nicht durch wellenförmige, die ganze Sohle zugleich einnehmende Zusammenziehungen und Drehungen, sondern durch schrittartiges Vorwärtssetzen der einen und der anderen Längshälfte, obschon die Sohlenfläche ungeteilt ist. Gosse vergleicht dies nicht unpassend mit einem Gehversuche in einem elafti-schen Sacke. Da übrigens die an der französischen Küste vorkommenden Arten der in diese Familie gehörigen Phasianella dieselbe Gangweise haben, nur ausgeprägter, indem ihr Fuß durch eine Längsfurche geteilt ist, so dürfte jene Marschierfähigkeit eine allgemeinere Eigenschaft sein. Wegen zahlreicher, meist fossiler Zwischenformen reihen sich an die obigen Gattungen die Seeohren (Haliotis) jo natürlich an, daß es nicht nötig ist, eine besondere Familie aus ihnen zu bilden. Zwar das Gehäuse hat kaum noch eine Ahnlichkeit mit den geftred-teren Formen der Kreiselschnecken. Es gleicht ungefähr dem menschlichen Ohre und ist flach und schüsselförmig. Die Windungen wachsen so rasch, daß die letzte den bei weitem größten Teil bildet. Sie ist auf der linken Seite mit einer dem Rande parallelen Reihe von Löchern versehen, durch welche das Tier fadenförmige Anhänge des Fußes steckt und das Wasser zu den Kiemen tritt. Von außen ist die Schale nicht schön, oft gerunzelt oder auch mit grünlichen und rötlichen Streifen gezeichnet. Die Innenseite aber irisiert in den herrlichsten Farben, unter denen Kupfergrün vorherrscht. Eine ziemlich ausgedehnte rauhe Stelle bezeichnet den Umfang der Verwachsung des Tieres mit dem Gehäuse. Aber auch das Tier ist mit allerlei Anhängen schön geziert, indem auf der über die Schale hervor:

Delphinula laciniata. Natürliche Größe.

ragenden Mantelfalte grüne und weiße Fransen und Fäden sich erheben. Die Seeohren leben in der Strandzone, jedoch in der Region, daß sie bei der Ebbe nicht ganz aufs Trockene gesetzt werden. Sie lieben die felsigen Ufer und halten sich über Tag meist unter Steinen versteckt, um während der Dunkelheit die Tange abzuweiden. Mehr als 70 Arten sind über die Meere der heißen und gemäßigten Zone verbreitet. Der Englische Kanal ist ihre Nordgrenze. Im Mittelmeere ist Haliotis tuberculata gemein, begabt mit allen den anziehenden äußeren Eigenschaften ihres Geschlechtes. Dieselbe geht im Adriatischen Meere bis über die Mitte der dalmatinischen Küste. Am Strande von Lesina habe ich kleinere Exemplare unter Steinen gefunden.

Wir treten nun in den Kreis von Gattungen mit völlig napfförmiger Schale, zunächst von einigen solchen, welche nach der Beschaffenheit der Reibeplatte noch Fächerzüngler sind. Da ist zuerst Fissurella. Ihr Gehäuse ist schildoder kegelförmig, im Umriß oval und in dem nicht eingerollten Wirbel mit einem ovalen oder länglichen Loche durchbohrt. Aus diesem ragt der Mantel in Gestalt einer kurzen Röhre hervor, welche in die Kiemenhöhle führt. Von den mehr als 80 Arten gehören nur einige unseren Meeren an. So findet sich in der Nordsee die kleine Fissurella reticulata, im Mittel- und Adriatischen Meere Fissurella graeca.

Die gleichfalls napfförmige Schale von Emarginula (Ausschnittschnecke) hat in der Mittellinie einen vom Vorderrande ausgehenden tiefen oder seichten Einschnitt. Auch von dieser können wir eine Art an unseren Küsten beobachten, die Emarginula reticulata (oder E. fissura). Das zierliche, 18 mm lange Tierchen hält sich am Meeresgrunde in der Nähe der Küsten auf. Nur bei den stärksten Ebben der Nordsee und des Atlantischen Ozeans f ER ier bloßgelegt. Es ist nicht lohnend. einten Matörliche Erbe. wie Gosse mitteilt, auf die Beobachtung der Tiere im Aquarium viele Zeit zu verwenden; sie sind so außerordentlich träge und machen so wenig Anstalt, den Rand ihrer Schale zu lüften, daß es scheint, als hätten sie gar keine Gewohnheiten, außer dieser. Wir dispensieren uns daher auch von der Aufzählung anderer Gattungen, die in der Schalenbildung diese und jene kleine Abweichung zeigen, und deren Lebensweise gleich still beschaulich ist.

Die ungemein artenreiche Gattung Patella (Napfschnecke), von der man weit über 100 Arten kennt, bildet für sich eine dritte Unterordnung der Vorderkiemer, welche von der Stellung der Kiemen den Namen Kreiskiemer führt. Die Schale ist flach kegelförmig, mit eiförmiger Offnung und nach vorn gerichtetem Wirbel. Auf der Innenseite sieht man einen fast hufeisenförmigen Eindruck, die Befestigungsstelle des Muskels, welcher Tier und Schale verbindet. Das Tier hat den Kopf in eine kurze, dicke Schnauze (s. obige Abbild., d) verlängert, mit zwei langen, spitzen Fühlern (e), an deren Grunde außen die Augen sitzen. Der Mantelrand ist oft gefranst (b), und unter ihm verläuft ein nur durch den Kopf unterbrochener Kranz von kleinen Kiemenblättchen (c), innerhalb welcher die breite Kriechsohle (a) sichtbar ist. Von den inneren Organen verdient namentlich die enorm lange Zunge erwähnt zu werden, welche mit sechs Reihen von Zähnchen besetzt ist. 26*

ER einten Matörliche Erbe.

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Die meisten Napfschnecken sind Bewohner der Strandzone, viele derjenigen Region, welche regelmäßig bei Ebbe entblößt wird. Wir haben oben mehrere im Verlaufe ihres Lebens festwachsende Schnecken kennen gelernt. Obwohl die Patellen nie anwachsen, schließen sie sich doch hinsichtlich ihrer ungemeinen Trägheit und Unbeweglichkeit am nächsten an jene Gattungen an. „Man kann“, sagt Johnston, „dasselbe Tier tage-, ja sogar jahrelang genau an derselben Stelle finden. Nachdem diese eigentümliche Befestigungsweise an einer und derselben Stelle in ihrem Jugendzustande begonnen hat, suchen sie selten mehr eine andere auf, sondern modeln den unteren Rand ihrer Schale bei deren allmählicher Vergrößerung nach allen Unregelmäßigkeiten des Felsens. Es ist ziemlich allgemein bekannt, wie fest fie sitzen. Réaumur hat erprobt, daß ein Gewicht von 14— 15 kg erforder: lich war, um ihre (der Patella vulgaris) Haftkraft zu überwinden. Die erstaunliche Kraft in einem so kleinen und stumpfsinnigen Tiere hängt nicht von der Muskelbeschaffenheit des Fußes, noch von einem mechanischen Eingreifen seiner Oberfläche in die Poren des Steines, noch von Bildung eines luftleeren Raumes unter der Schale ab; Réaumur hat alle diese Erklärungen mittels einiger entscheidender Versuche widerlegt. Er schnitt das Tier, als es auf dem Steine festsaß, vom Scheitel bis zur Spitze in zwei Häften und machte andere tiefe Einschnitte in wagerechter Richtung, um auf diese Art alle Muskelkraft der Sohle zu zerstören und alle vermuteten luftleeren Räume unter der Schale auszufüllen; aber die Haftkraft blieb so stark wie vor dem Versuche. Selbst der Tod zerstörte dieselbe nicht. Sie hängt gänzlich von einem Leim oder Kleister ab, welcher, wenn auch unsichtbar, doch eine sehr beträchtliche Wirkung hervorbringt. Wenn man einer abgelösten Napfschnecke den Finger an die angeheftet gewesene Fläche hält, so bemerkt man ein sehr fühlbares Festhängen, obwohl kein Leim sichtbar ist. Benetzt man aber jetzt denselben Fleck mit etwas Wasser, oder durchschneidet man den Grund des Tieres, so daß das in ihm enthaltene Wasser darüber fließen kann, so erfolgt kein Anhängen des Fingers mehr: der Leim ist aufgelöst worden. Es ist daher dieses das Auflösungsmittel der Natur, wodurch die Tiere selbst den Zusammenhang mit dem Felsen aufheben können. Wenn der Sturm wütet, oder der Feind droht, klebt sich das Tier fest an seine Unterlage; ist aber die Gefahr vorüber, so preßt es, um sich von seiner Einzwängung wieder zu befreien, etwas Wasser aus dem Fuße, wodurch der Leim aufgelöst und das Tier befähigt wird, sich selbst zu erheben und zu bewegen. Die klebende Flüssigkeit sowohl als das auflösende Wasser werden in einer unendlichen Menge hirsenartiger Drüschen abgesondert, und da die Napfschnecke diese Stoffe nicht so schnell absondern kann, als sie erschöpft werden, so kann man das Befestigungsvermögen des Tieres dadurch zerstören, daß man versucht, es zwei- bis dreimal hintereinander abzureißen.“

So schön diese Theorie klingt, so kann ich doch nicht ganz mit ihr einverstanden sein; im Gegenteil halte ich dafür, daß das Ansaugevermögen das kräftigste Mittel für die so schwer zu überwindende Anheftung der Napfschnecken ist. Beschleicht man eine über dem Wasserspiegel sitzende Patella, so trifft man sie häufig mit vollständig gelüfteter Schale an. Gibt man ihr in diesem Zustande mit einem Holze oder Hammer einen mäßigen Stoß, so fällt sie ab. Oft aber ist sie unmittelbar vor dem Stoß im stande, blitzschnell, durch Zusammenziehung des Fußes und Schalenmuskels, den Schalenrand auf die Unterlage aufzusetzen. Gelingt ihr dies, so ist sie angeheftet. Abgesehen davon, daß es ein sehr wunderbarer Leim wäre, der im Nu ergossen werden und in demselben Augenblick den Körper an den Felsen anleimen könnte, überzeugt man sich auch bei den meist vergeblichen Bemühungen, die Patella unversehrt vom Steine zu lösen, daß die größte Schwierigkeit darin besteht, den Rand der Schale zu lüften. Dieser ist aber unmöglich in der Geschwindigkeit auch angeleimt worden. Hat man einmal einen kleinen Keil unter eine Seite des

Schalenrandes gebracht, so hat man zwar immer noch einen ziemlichen Widerstand zu brechen, die eigentliche Kraft der Schnecke ist aber überwunden.

Über die Lebensweise der an den europäischen Küsten gemeinen Napfschnecke (Patella vulgata) hat ein Herr Lukis auf der Insel Guernsey interessante Beobachtungen gemacht. „Der Ortswechsel der Napfschnecken“, sagt er, „muß zur Vermeidung jeden Irrtums an einem und demselben Individuum beobachtet werden, und man wird dann sehen, wie es vorsichtig umherkriecht und immer regelmäßig wieder zu seinem Lieblingsruheplatze zurückkehrt, wo der Rand der Schale überall genau in die Unebenheiten der Oberfläche einpaßt, auf der es sich befestigt. Hier mag es rasten, und, wenn die Muskelkraft durch die lange Zusammenziehung erschöpft ist, in sorgloser Erschlaffung ausruhen: denn ein plötzlicher Stoß oder Schlag in wagerechter Richtung genügt dann, um es leicht seiner Stelle zu entrücken. Es ist ferner den Fischern und den armen Leuten, welche die Patella zur Nahrung aufsuchen, wohl bekannt, daß sie leichter bei Nacht als bei Tage ein-zusammeln sind. Sollte dies nicht die Zeit sein, wo sie nach Futter gehen und zugleich von der Flut bedeckt sind? Die Bewegung der Napfschnecke ist langsam und bedächtig; und so oft als das Festsaugen erneuert werden soll, wird das Hinterende der Schale (soll wohl heißen „der Rand der Schale“) in genaue Berührung mit dem Steine gebracht, der bei weicher Beschaffenheit die Eindrücke ihrer Randzähne einnimmt. Der Pfad eines genauer Beobachtung unterworfenen Tieres wurde hierdurch über eine mehrere Ellen lange Strecke sichtbar gemacht. Er behielt fortwährend dieselbe Regelmäßigkeit und war noch seiner beharrlichen Drehung nach links halber bemerkenswert. Die Pfade der Napfschnecke auf Granit und anderen harten Felsarten bieten im ersten Augenblick dasselbe Ansehen dar, weichen aber bei genauer Betrachtung sehr ab. Bei einer ersten Beobachtung war ein großer Teil eines feinkörnigen Syenitgesteins mit Spuren von dieser Schnecke überzogen; der Rest aber schien wie gefirnißt durch eine dünne Haut von einer Fucus-Art, ohne irgend welche Spuren auf seiner Oberfläche. Anfangs konnten keine Patellen entdeckt werden; es fand sich aber bald ein Spalt im Felsen, worin sich 5—6 Napfschnecken befestigt hatten, deren jede ihren geraden Pfad zum Weidegrunde hatte. Mit Hilfe einer Lupe ergab sich, daß die auf dem Felsen befindlichen Spuren Überreste jener Tange waren, welche die Schnecken bei ihren Ausflügen weggefressen oder weggerutscht hatten, und welche nur die vom Schalenrande herrührenden Zähnelungen noch wahrnehmen ließen. Dann wurde der Rand der pflanzenbewachsenen Fläche untersucht und auch dieser in runden Formen, dem Vorderende der Schale entsprechend, benagt gefunden.“

Die Art, von welcher diese Mitteilungen gelten, ist ein nicht besonders wohlschmeckendes, aber von den ärmeren Klassen der europäischen Küstenbewohner gesuchtes Nahrungsmittel. Meine Bootsleute haben oft, wenn ich anderen Dingen nachging, damit ihre Mahlzeit bestritten, und von einer oder mehreren Arten sollen sich die Feuerländer fast ausschließlich nähren. Die meisten haben eine sehr feste Schale. Ein zartes, durchscheinendes Gehäuse besitzt die Patella pellucida der Nordsee und der norwegischen Küste. An diesem niedlichen Tiere zeigt sich, wie sehr die Färbung der Schale von der Unterlage abhängt. Die an dem dunkeln Fucusstamm sitzenden, welche ihren Platz ebenso hartnäckig behaupten wie die Felsenbewohnerinnen, find blaß hornfarben, die aber an dem durchscheinenden Fucuslaube find schön purpurn mit blaßblauen Längslinien. Zugleich gehört diese Art zu denjenigen, welche die nie vom Wasser entblößte Tiefenzone unterhalb der Strandzone und noch tiefer innehaben.

Zu den Vorderkiemern zählen auch einige Schneckenformen, welche teils äußerlich auf, teils innerlich in Stachelhäutern, Seesternen, häufiger Seewalzen oder Holothurien leben. Es sind das die Gattungen Eulima, Stylina, Entoconcha und Entocolax.

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