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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Erste Ordnung.

Die Ginmuskler (Monomyaria).

Die Einteilung der Muscheln in die jetzt gebräuchlichen Ordnungen ist ein bloßer, der Übersicht zu Hilfe kommender Notbehelf, die Reihenfolge der Familien eine willkürliche. An ein System der Muscheln, welches annähernd wahrscheinlich den Stammbaum der eigentlichen Blutsverwandtschaft gäbe, kann noch gar nicht gedacht werden. Man teilt die Muscheln entweder nach der Zahl der Schließmuskeln der Schale ein in: Einmuskler (Monomyaria) und Zweimuskler (Dimyaria), oder in solche mit und solche ohne Atemröhre (Siphoniata und Asiphoniata). Wir wollen das erstere Prinzip in Anwendung bringen. Die Monomyarier find aus den Dimyariern hervorgegangen; fie treten fossil in weit jüngeren Schichten auf als diese, mit denen sie durch eine Reihe von Übergängen verbunden sind.

Die ausgesprochensten Monomyarier sind die Austern, und wir beginnen daher unsere Betrachtung mit diesen so nützlichen und angenehmen Geschöpfen.

Nächst der See-Perlenmuschel hat kein anderes Muscheltier eine solche nationalökonomische Bedeutung, setzt so viele Hände in Bewegung und bringt solche Summen in Umlauf, als die Auster (Ostrea). Es gibt Austern in allen Meeren, alle folgenden näheren

Mitteilungen werden sich aber nur auf die gemeine Auster (Ostrea edulis) der europäischen Küsten beziehen. Wer je der Auster seine Aufmerksamkeit geschenkt, wird mehrere bezeichnende Eigenschaften des Gehäuses bemerkt haben. Die Schalen sind unregelmäßig und ungleich, indem wie bei Pecten und Spondylus die eine dicker und mehr vertieft ist und die andere wie ein bloßer Deckel dazu erscheint. Zu so vielen anderen äußerlich schön geglätteten Schalen bilden sie durch ihre unregelmäßig blätterige Struktur und schilferige Oberfläche einen rechten Gegensatz; auch ist ihr Inneres sehr unregelmäßig, indem sich mit Wasser gefüllte Räume finden und überhaupt die ganze Schalensubstanz poröser, durchdringbarer ist, als bei den meisten Muscheln. Hiermit hängt wohl die Eigenschaft der Auster zusammen, mit ihrer dickeren Schale leicht an den verschiedensten Gegen: ständen anzuwachsen, indem dieses Anwachsen nicht vom Rande, sondern von der Fläche aus geschieht und nur fo erklärt werden kann, daß die Schale vermittelst einer fie durchdringenden und mit dem Kalke sich innig mischenden, vom Tiere ausgeschiedenen Substanz an die Unterlage angeleimt und angekittet wird. In dem Maße, als die Muschel wächst, schwitzt im Umkreise des angekitteten Schalenstückes neue Klebmaterie aus. Auch die Schloßgegend hat mehrere bemerkenswerte Eigentümlichkeiten. Die anfangs gleichen Wirbel werden mit dem zunehmenden Alter sehr ungleich, indem derjenige der oberen Schale in der Entwickelung zurückbleibt. Zähne sind gar nicht vorhanden, und das Ligament ist, wie bei manchen anderen Muscheln, ein inneres; es liegt nach innen vom Rande in zwei Gruben der Schalen, von denen gleichfalls nur die untere erheblich wächst. Das Klaffen ist dadurch möglich, daß die Spitze des Deckels über den Unterrand der gegenüberliegenden Grube als seiner Drehlinie hinweg in jene hineingezogen wird.

Das Offnen der Auster, um sie zur Tafel zu bringen, geschieht bekanntlich mittels eines zwischen die Schalen eingebrachten Spaltes, den man längs der inneren glatten Deckelfläche bis zum Schließmuskel (e) vorschiebt, um diesen abzulösen. Sobald er durchschnitten, klafft das Gehäuse, und es macht keine besondere Schwierigkeit, das Ligament abzureißen.

Wir haben nun das Austertier in seiner selbstgefertigten Schüssel liegen und wissen, wenn wir nicht schon an zweimuskeligen Muscheln gut orientiert sind, anfangs uns nur

sehr schwer zurechtzufinden. Indessen, da der Mantel (b) ganz gespalten ist und nur am Rücken (d) die beiden Blätter ineinander übergehen, so ist damit für die Erkenntnis von unten und oben, vorn und hinten ein Anfang gemacht, und wir entdecken beim Zurückschlagen des vorderen Zipfels (a) den tief verborgenen Mund. Der empfindliche und zusammenziehbare Mantel wird gewöhnlich so weit zurückgezogen, daß unter ihm die Kiemenblätter (c) hervortreten. Eine wesentliche Abweichung der Auster von den anderen Muscheln besteht in der gänzlichen Verkümmerung des Fußes, welche eintritt, sobald die jungen Tiere sich festgesetzt haben. Damit steht im Zusammenhange, daß auch der oben an den Fuß sich anschließende Körperteil, den man den Rumpf nennen könnte, nicht so wie gewöhnlich zur Ent: wickelung gelangt. Dies betrifft vornehmlich die Fortpflanzungsdrüse. Ostrea gehört mit Cyclas und allen Pecten- Arten (mit Ausnahme des Pecten varius unserer Küsten) zu den wenigen hermaphroditischen Muscheln. Der im Tierreiche sonst so stark ausgeprägte Gegensatz der Geschlechter und der tief innerlichen physiologischen Geschlechtsthätigkeit ist bei ihr, wie bei manchen Schnecken, in dem Maße unentwidelt, daß die die Drüse zusammensetzenden, Eierund Samenfädchen er: Auster, geöffnet durch Hinwegnahme der Deckelschale. Natürliche Größe. zeugenden Blindsäckchen ganz durcheinander liegen und sogar ein und dasselbe Drüsensäckchen halb männlich und halb weiblich sein kann. Es scheint jedoch, daß bei manchen Individuen das eine oder das andere Geschlecht bis zu einer fast gänzlichen Unterdrückung des anderen vorwalten kann, ein Fingerzeig, daß in der Natur die Trennung der Geschlechter nicht geschaffen wurde, sondern der natürlichen Züchtung und Varietätenbildung überlassen blieb. Die Doppelgeschlechtigkeit der Auster tritt jedoch, wenigstens nach den Beobachtungen von Möbius, nie in der Weise auf, daß zu gleicher Zeit und im selben Individuum Eier und Same vorhanden sind, also eine Selbstbefruchtung stattfinden könnte, sondern erst nach der Eierträchtigkeit entwickelt sich der Same. In anderen Individuen sah Möbius sich im Frühling die männlichen Geschlechtsprodukte ohne vorhergegangene Eibildung entwickeln. Die Zahl der von einer Auster jährlich produzierten Eier ist eine enorme, wenn wir uns auch nur mit einer der niedrigsten Berechnungen begnügen. Leeuwenhoeck meinte, daß eine alte Auster 10 Millionen Junge enthalte; ein anderer Gewährsmann,

Auſter, geöffnet durch Hinwegnahme der Deckelſchale. Natürliche Größe.

der berühmte Neapolitaner Poli, veranschlagt fie nur auf 1,200,000, eine Nachkommenschaft, hinreichend, um ausgewachsen 12,000 Fässer zu füllen. Allein auch mit dieser Schätzung sind wir noch weit ab von den thatsächlichen Verhältnissen. Aus dem Berichte, welchen Professor Möbius in Kiel über die Zustände der Austernproduktion und Austernzucht im Jahre 1870 dem preußischen Minister für die landwirtschaftlichen Angelegenheiten abstattete, entnehmen wir, daß ältere Austern zwar über 1 Million Junge zeugen, jüngere dreijährige aber viel weniger. Was aber noch wichtiger, die Zahl der trächtigen Austern auf den Bänken erreicht, wenigstens an den englischen und schleswigschen Küsten, höchstens 30 Prozent, oft kaum 10 Prozent der Gesamtzahl. „Angenommen“, sagt Möbius, „es laichten in einem Sommer nur 10 Prozent der Austern einer Bank, auf welcher 100,000 Austern lagern, und jede laichende Auster brächte nur 1000 Junge hervor, so produzierten die 10 Prozent Mutteraustern zusammen doch schon 10 Millionen Junge. Wenn alle diese auf der Mutterbank oder in deren Nähe Platz nähmen, jo müßten sich von nun an 10 Millionen Auftern in dieselbe Menge Nahrung teilen, die vorher 100,000 Austern zur Verfügung stand. Eine jede der kleinen würde zwar viel weniger Nahrung einziehen als eine erwachsene, aber ihrer großen Zahl wegen würden sie sich sowohl gegenseitig, wie auch den erwachsenen Austern eine sehr starke Konkurrenz machen, selbst in dem großen Meere.“ Die weitere Verfolgung dieser Betrachtung lehrt, daß durch die Ernährungsverhältnisse eine ziemlich enge Grenze der Vermehrung der Austern auf einer gegebenen Meeresstrecke bestimmt ist, und daß bei Zunahme der Menge der Individuen die einzelnen leiden und an Wert verlieren. Die Entwickelung, über deren Einzelheiten wir auffallenderweise noch keine genaueren Nachweise besitzen, geschieht innerhalb der Mantelhöhe des alten Tieres, welche die Jungen erst dann verlassen, wenn ihre Schale so weit ausgebildet ist, daß sie sogleich sich ankitten können. Schon nach einigen Monaten sollen sie wieder fortpflanzungsfähig sein, was wohl stark zu bezweifeln, aber erst nach einigen Jahren erreichen sie die nach ihren Standorten und der Rasse sehr verschiedene volle Größe. Man wird nämlich nicht fehlgreifen, wenn man alle an den europäischen Küsten lebenden Austern, welche im Austernhandel eine Rolle spielen, als eine einzige Art ansieht, mögen fie nun auf Felsen oder auf lockeren Bänken ange: siedelt sein, groß oder klein, dickschalig oder dünnschalig, mehr oder weniger blätterig. Die Anatomie der Tiere weist keine einzige irgendwie berücksichtigungswerte Verschiedenheit nach, und die angedeuteten Abweichungen sind vollständig aus den verschiedenen Graden des Kalk- und Salzgehaltes der Meere, überhaupt aus den lokalen Einflüssen abzuleiten.

Wir haben nun diese Verhältnisse, das Vorkommen der Auster und ihre geographische Verbreitung an den europäischen Küsten, näher ins Auge zu fassen. Es ist nicht gut möglich, die künstlich angelegten Bänke und Zuchten dabei gänzlich unberücksichtigt zu lassen, obgleich wir erst weiter unten über die in neuerer Zeit jo großes Aufsehen machende Austernpflege spezieller berichten wollen. Gehen wir vom Adriatischen Meere aus, in welchem die Auster überall wenigstens vereinzelt, an verschiedenen Stellen massenhaft, d. h. in Bänken lebt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das letztere Verhältnis das natürlichere ist, obschon man von den vereinzelt angesiedelten Austern durchaus nicht das Gegenteil sagen kann. Im äußersten, sehr flachen Winkel der Bucht von Muggia in Triest siedeln sich die Austern auf den in den Schlamm gesteckten Pfählen an, wogegen sie auf dem sehr weichen Schlammgrunde dieser bei den Zoologen hoch in Ehren stehenden Bai nicht fortkommen. Seit Jahrhunderten hegt man sie auch in den Kanälen und Bassins des Arsenals in Venedig. Wir sehen das Tier also auf der östlichen und der westlichen Seite des großen Golfes von Venedig unter sehr verschiedenen Bedingungen gedeihen, dort, bei Muggia, in einem durch keinerlei oder nicht nennenswerten Zufluß von

süßem Wasser gemischten Salzwasser, hier in der Lagune. Man darf jedoch nicht glauben, daß das Arsenalwasser, in welchem die Austern ohne besondere Pflege ihr ganzes Leben zubringen, sehr brackig sei; es steht durch die großen Mündungen des Lido in so naher Verbindung mit dem offenen Meere, daß infolge der regelmäßig eindringenden Flut sein Salzgehalt nicht sehr herabgedrückt werden dürfte. Sehr schöne große Austern habe ich im Becken von Sebenico von felsigem Grunde aus ungefähr 15 Faden Tiefe mit dem Schleppnetze aufgezogen, jedoch nicht so nahe der Kerka, daß eine merkliche Versüßung des Wassers eingetreten wäre. Die Lage dieser kleinen, von den dortigen Fischern nur

Austernbank und Austernfischerei im Mittelmeer.

gelegentlich ausgebeuteten Bank ist aber insofern lehrreich, als auch sie zeigt, daß entweder Flutströmungen oder, wie es dort der Fall ist, unterseeische Strömungen, welche dem hilflosen Tiere Nahrung zuführen, zuträglich und notwendig sind. Aus einer Vergleichung der Triester und dieser Lokalität geht auch schon hervor, daß die Auster bei sehr verschiedenen Wohntiefen, und zwar etwa von der mittleren Strandmarke an bis 15 Faden, in anderen Fällen bis 20 Faden und noch tiefer ihre volle Lebensthätigkeit entfalten kann, ein physiologischer Zug, der für die praktische Austernzucht von der allergrößten Bedeutung ist. Weiter unten finden sich auf der italienischen Seite schon im Altertum berühmte Austernlager in der Nähe von Brindisi (Brundusium) und im Golfe von Tarent. Ich finde keine Nachrichten über die Beschaffenheit derselben; nach einem flüchtigen Besuche des Hafens von Brindisi und seiner Umgebungen will es mir scheinen, als mangele dort der Felsengrund und müßten die Austernansiedelungen auf loserem Boden statthaben. Von da zieht sich die Auster durch den ganzen östlichen und westlichen Teil des Mittelmeeres, ohne sich, wie es scheint, massenhaft anzusammeln; sie ist auch ins Schwarze Meer

Auſternbank und Auſternfiſcherei im Mittelmeer.

eingedrungen und da und dort einzeln an der Südküste der Krim angesiedelt, ein Beweis ihrer großen Akkommodationsfähigkeit.

Natürlich beherbergt auch der westliche Teil des Mittelmeeres die Auster überall da, wo Strömungs- und Bodenverhältnisse es gestatten, jedoch haben sich nirgends sehr bedeutende Bänke gebildet. Und wie man schon im Altertum den seit der Erhebung des Monte Nuovo 1538 verödeten Lucriner See von Tarent aus mit Austern füllte, so jetzt den Lago di Fusaro; wie denn auch zu den Zuchtversuchen an der südfranzösischen Küste die Austern aus dem Atlantischen Meere aushelfen mußten. Sowohl an den französischen, wie an den britischen Küsten, der Nordsee und des Atlantischen Ozeans finden sich zahlreiche natürliche Austernbänke, und an der norwegischen Küste reicht die Auster bis zum 65. Grade hinauf. Sie kommt im südlichen Norwegen an manchen Strecken in solchen Mengen vor, daß sie mit Brot und Butter als selbstverständlicher Nachtisch à discretion aufgetragen wird. Als ich nach einer Seefahrt von den Faröerinseln nach dem an der norwegischen Südküste gelegenen Städtchen Kragerö im dortigen Gasthause meine erste Mahlzeit hielt, machte ich diese angenehme gastronomische Entdeckung.

Zu einem sehr verbreiteten Mißverständnis hat der Ausdruck Holsteinische “oder „Flensburger“ Austern Veranlassung gegeben. Diesen Namen führen die Austern, welche vorzugsweise in Norddeutschland bis Leipzig, Magdeburg und Berlin und weiter südlich, ferner längs der ganzen Ostseeküste bis Petersburg versandt und verzehrt werden, und deren Heimat man gewöhnlich an die holsteinische Ostseeküste verlegt. In der ganzen Ostsee lebt jetzt (früher war es anders, wie wir sehen werden) keine Auster. Die sogenannten Flensburger Austern stammen alle von der Westküste, der Strecke von Husum bis Tondern gegenüber zwischen den Inseln Sylt, Föhr ꝛc., wo tiefe Wasserrinnen den flachen Meeresboden durchziehen. Während der Ebbe werden meilenweite Strecken des Bodens bloßgelegt, während der Flut ragen nur jene Inseln hervor. Man nennt dieses Gebiet die Watten. „Die Austernbänke liegen“, wie Möbius berichtet, „an den Abhängen der tiefen Rinnthäler des Wattenmeeres, in welchen die Hauptströme des Flut- und Ebbewassers mit einer Geschwindigkeit von 4—6 Fuß in der Sekunde laufen, also ungefähr ebenso schnell, wie der Rhein vor Bonn vorbeifließt. Der Grund ist ziemlich fest und besteht aus Sand, kleinen, selten größeren Steinen und Muschelschalen. Die meisten Bänke haben bei Ebbe, wenn die Watten in ihrer Nähe trocken liegen, noch 5—6 Fuß Wasser über sich. Tiefer als 20— 30 Fuß kommen im Wattenmeere keine Austernbänke vor. Der Salzgehalt beträgt etwas über 3 Prozent. Auf den besten Bänken leben neben den Austern gewisse Tiere, von welchen ich als charakteristisch nur die Seehand (Alcyonium digitatum), den Dreikantenwurm (Serpula triquetra) und den grünen Seeigel (Echinus miliaris) nennen will. Wo viele

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