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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 28

in Bezug auf die größeren Landschnecken und auf viele Fische, z. B. Karpfen, nachgewiesen. Auch das sogenannte „Säen der Auftern‘ oder das Ansetzen junger Brut an Stellen, wo sie vorher fehlten, muß nicht aufgehört haben, denn Pontoppidan berichtet, es gehe in Dänemark die Sage, die Austernbänke an der Westküste Schleswigs seien im Jahre 1040 künstlich bepflanzt. Obgleich diese Sage wohl nicht begründet sein mag, denn die Austern konnten sich ganz natürlich hierher verbreiten, da wir mit Sicherheit wissen, daß in viel älterer Zeit Austern an den dänischen Küsten waren, so lehrt doch die Sage, daß dem Volke die Vorstellung von künstlicher Austernverpflanzung keineswegs fremd war. Im Hellespont und um Konstantinopel ‚jäete‘ man nach den Berichten mehrerer Reisenden des vorigen Jahrhunderts Austern. Die Türken haben diese Sitte sicher nicht eingeführt. Sie wird also wohl noch von der Zeit der Byzantiner sich erhalten haben. Auch sagt Petrus Gyllius, ein Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, der eine ausführliche Beschreibung des Bosporus thracicus herausgegeben hat, daß man dort seit unbekannten Zeiten Austern pflanze. — Daß die Austernzucht im Westen nie ganz aufgehört habe, geht aus einem Gesetze hervor, das im Jahre 1375 unter Eduard III. gegeben wurde, und welches verbot, Austernbrut zu einer anderen Zeit zu sammeln und zu versetzen, als im Mai. Zu jeder anderen Zeit durfte man nur solche Austern ablösen, die groß genug waren, daß ein Schilling in den Schalen klappern konnte. „Man fand daher, als die naturhistorische Litteratur wieder erweckt wurde und besonders, als man anfing, nicht allein die alten Schriftsteller zu kopieren, sondern auch die Vorkommnisse in der eignen Umgebung zu beschreiben, daß fast überall, wo Austern gedeihen und ihr Fang einen Gegenstand des Gewerbes bildet, man auch mehr oder weniger Sorgfalt auf Verpflanzung, Hegung und Erziehung verwendete. Am meisten geschah das, wie es scheint, in England, wenigstens lassen sich aus England am meisten Nachrichten darüber sammeln. Die stark anwachsende Hauptstadt, in welcher sich aus allen Meeren die Geldmittel sammelten und der Luxus sich entwickelte, hatte bald den Austern einen so guten Absatz verschafft, daß man darauf bedacht war, in der Nähe immer einen gehörigen Vorrat zu haben, sie aus weiter Ferne brachte und zur Seite der Themsemündungen künstliche Bänke von ihnen anlegte. Da es sich nun fand, daß bei einer Milderung des Seewassers durch mäßigen Zutritt von Flußwasser die Austern bei den Kennern noch beliebter wurden, so wird diese Art halbkünstlicher Austernzucht, deren Ursprung man nicht sicher anzugeben weiß, obgleich die Austernfischer von Kent und Sussex behaupten, daß ihre Vorfahren um das Jahr 1700 diese Bänke angelegt haben, jetzt in sehr großem Maßstabe betrieben. Man bringt die Austern aus dem Süden und aus dem Norden in die Nähe der Mündungen der Themse und des Medway, um sie auf den künstlichen Bänken einige Zeit zu mästen. Allein aus dem Meerbusen, an welchem Edinburg liegt, aus dem Firth of Forth, bringt man jetzt, wie Johnston berichtet, 30 Ladungen, jede zu 320 Fässern und jedes Faß mit 1200 verkäuflichen Austern, also 11,520,000 Stück, in diese künstlichen Fütterungsanstalten. Wie viele mögen von den Inseln Guernsey und Jersey kommen, wo der Fang am ergiebigsten ist! Forbes meint, der Bedarf für London komme größtenteils von diesen künstlichen Betten. Um zu erfahren, wie groß die jährliche Zufuhr nach London sei, stellte er Erkundigungen an; die Abschätzungen fielen ziemlich übereinstimmend auf das Quantum von 130,000 Bushels (über 80,000 Berliner Scheffel), wovon etwa ein Viertel weiter ins Land und außer London verschickt und Dreiviertel von den Bewohnern Londons verzehrt wird.“

Wir ergänzen diese Mitteilungen durch den Bericht von Möbius über Whitstable, „den klassischen Austernplatz an dem südlichen Ufer der Themsemündung“. Wir erfahren, daß die Austernfischer noch jetzt eine Art von Gilde mit über 400 Mitgliedern bilden. „Ein Sandriff, das von der Küste ausläuft und 1⅛ Meile lang ist, schützt die Austerngründe

gegen den Ostwind. Diese haben bei Niedrigwasser 4—6 Fuß Tiefe, jo daß nur bei außergewöhnlich niedrigen Ebben die Bänke trocken laufen. Das Wasser war trübe, und seine Dichte betrug am 7. Mai 1868: 1,0024 bei 11 Grad Réaumur, was einem Salzgehalt von 3,14 Prozent entspricht. Um die Austerngründe gut zu erhalten und zu verbessern, versorgt man sie häufig mit leeren Austernschalen, die hauptsächlich von London zurückgeliefert werden. „Die Whitstabler beziehen Austern von natürlichen Bänken in der Nordsee, im englischen Kanal, an den irischen Küsten, und legen sie auf ihre Gründe, um sie wohlschmeckender zu machen. Die Natives werden in der Regel im Sommer als junge 1—1⁰ Zoll große Austern (brood) hauptsächlich von den natürlichen Bänken im Themsebusen zwischen Norgate und Harwich geholt, wo jedermann frei fischen darf. Die meisten liefert die mit dem Namen Blackwater bezeichnete kleine Bucht zwischen Colchester und Maldon. Austern aus der Nordsee und bei Helgoland bekommen keinen so feinen Geschmack und haben einen viel geringeren Wert als die echten Natives. Den Anfang und Schluß des Fischens von Marktaustern bestimmt in Whitstable jedes Jahr die aus zwölf Mitgliedern bestehende Jury der Kompanie. Gewöhnlich dauert es vom 3. August bis 9. Mai. In der Zeit, wo für den Markt nicht gefischt wird, sind die Fischer damit beschäftigt, den Grund von Mud, von Pflanzen und von feindlichen Tieren zu reinigen und die größeren Austern auf besondere Stellen für den Verkauf in der bevorstehenden Saison zu versetzen. Diese Arbeiten unterbrechen sie nur in der Zeit, in der sich die Austernbrut niedersetzt. Dies geschieht im Juni oder Juli, und zwar wahrscheinlich je nach der Wärme des Wassers etwas früher oder später. „Der Austernhandel ist in Whitstable sehr ausgebreitet. Die dortigen Austerngründe find nicht allein Zucht- und Maststätten, sondern auch große Depots für Austern aller Quali: täten und Preise. In Whitstable selbst hatte 1869 eine gute Native⸗Auster 1/4 1⁰ Pence Wert. In den Jahren 1852— 62 war der Preis für das Bushel (1400— 1500 Stück) niemals höher als 2 Pfund Sterling 2 Schilling; 1863—64 stieg er auf 4 Pfund Sterling 10 Schilling, und 1868 —69 mußte man 8 Pfund Sterling dafür bezahlen.“ (Möbius.) „Noch weniger“, sagt von Baer weiter, „war in Frankreich das Anlegen von Austernbänken unbekannt vor Coste (welcher in neuerer Zeit die meiste Anregung zur Fisch- und Austernzucht gegeben). Bory de St. Vincent hielt im Jahre 1845 in der Pariser Akademie einen Vortrag über die Notwendigkeit, neue Bänke anzulegen. Er versicherte, daß er selbst unerschöpfliche Bänke angelegt habe. Vor ihm hatte ein Herr Carbonnel ein Patent erhalten für eine neue und einfache Methode, Austernbänke an der französischen Küste anzulegen. Er soll dieses Patent einer Gesellschaft für 100,000 Franks verkauft haben. Die Parks waren lange vorher in Gebrauch.“

Die Austernparks erfüllen einen doppelten Zweck: sie sind Mastställe und Magazine. Einen Weltruf behaupten seit vielen Jahren die von Ostende, Marennes unweit Rochefort und Cancale im Norden Frankreichs. Die Austern, welche in den Pensionen von Ostende ihre höhere Erziehung erhalten sollen, kommen sämtlich von den englischen Küsten. Die gemauerten oder gezimmerten, am Boden mit Brettern belegten Räume, in welchen fie sorgfältig überwacht werden, hängen durch Schleusen mit dem Meere zusammen und werden alle 24 Stunden gereinigt. Etwa 15 Millionen Austern gelangen jährlich aus den drei Parks von Ostende auf den Markt. Die Parks von Marennes und Latremblade mit ihren berühmten grünen Zöglingen werden „Claires“ genannt und nur zur Zeit der Springfluten, bei Neu- und Vollmond, mit frischem Wasser versehen. Ihr Flächeninhalt wechselt zwischen 2— 3000 Quadratmeter, und fie sind gegen das Meer durch einen Damm geschützt, der mit einer Schleuse zur Regulierung der Wasserhöhe versehen ist. Man läßt zuerst das Wasser längere Zeit in den Abteilungen, damit der Boden sich gehörig mit Salz sättige. Dann, nachdem das Wasser abgeflossen und alle sich angesetzt habenden Tange und Algen entfernt 28%

sind, wird der Boden wie eine Tenne geschlagen, aber mit erhöhter Mitte, wo die Austern liegen. Nun kommen die Austern hinein, welche von den benachbarten Bänken eingesammelt werden. Das geschieht vom September an. Sie werden aber nicht unmittelbar in die Claires versetzt, sondern erst in eine Art von Sammellokalen, die sich dadurch von den Claires unterscheiden, daß sie dem täglichen Flutwechsel unterliegen. Schon von hier aus werden die größten und schönsten Austern unmittelbar in den Handel gebracht, während die jüngeren und noch nicht fetten zur Mästung in die Claires wandern, wo, wie gesagt, nur zweimal des Monates das Wasser gewechselt wird. Ihre Abwartung verlangt von Tag zu Tag die größte Sorgfalt. Die Austernzüchter, denen mehrere Claires zur Disposition stehen, versetzen ihre Zöglinge aus einer Claire in die andere, um die entleerten zu reinigen. Wo dies nicht geschehen kann, werden die Austern einzeln aus ihren Behältern genommen und vom Schlamme befreit. Im Jahre 1876 waren in den Mästungsteichen etwa 80 Millionen Austern. Die im Alter von 12— 14 Monaten in die Claires gekommenen Austern sind nach 2 Jahren reif, um den Delikatessenhändlern und deren Gästen sich vorzustellen. Sie haben in Marennes während dieser Zeit auch eine grüne Farbe angenommen, die ihnen bei Feinschmeckern besonderen Ruf und Beliebtheit verschafft hat. Man ist noch nicht vollständig im reinen darüber, woher diese Färbung stamme; am wahrscheinlichsten daher, daß bei dem längeren ruhigen Verweilen des Wassers in den Claires diese sich sehr rasch mit grünen mikroskopischen Pflänzchen und Tierchen füllen, welche als Nahrung der Austern ihren Farbstoff auf letztere übertragen. Das ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob der grüne Stoff als das Chlorophyll der Algen, Diatomeen und Infusorien sich direkt in der Auster ablagere, sondern er geht aus der assimilierten Nahrung, also aus den Blutbestandteilen hervor.

Der Verbrauch der Austern, welcher sich z. B. in Paris auf 75 Millionen jährlich beläuft, würde an sich kaum eine merkliche Verringerung der Bänke herbeiführen können. Wenn nichtsdestoweniger sowohl an den französischen Küsten als anderwärts, z. B. an der Westküste Holsteins, ein Eingehen der Austernbänke und eine sehr auffallende Verminderung des Nachwuchses bemerkt wurde, so haben hierzu eine Reihe von Ursachen beigetragen. Die Auster hat sehr viele natürliche Feinde; sie schmeckt nicht bloß den Menschen, sondern aus fast allen Tierklassen stellen sich zahlreiche Gourmands auf den Austernbänken ein. Zahl: lose Fische schnappen die allerdings noch viel zahlloseren jungen Austern auf; Krebse passen auf den Augenblick, wo die arme Auster ihren Deckel lüftet, um an dem süßen Fleische sich zu laben; die Seesterne wissen sie auszusaugen; mehrere Schnecken, namentlich Murex tarentinus, Murex erinaceus, Purpura lapillus und Nassa reticulata, bohren mit dem Rüssel sehr geschickt Löcher in die Schalen und gehen auf diese Weise ihrer Beute zu Leibe. An anderen Stellen haben sich die Miesmuscheln in solchen Mengen auf den Austernbänken angesiedelt, daß letztere dadurch gleichsam erstickt werden; und neuerdings ist noch ein anderes Tier, welches die Franzosen Maerle nennen, wahrscheinlich ein Röhrenwurm aus der Gattung Sabellaria, als Zerstörer des kostbaren Schalentieres aufgetreten. Doch alle diese Feinde, gewiß auch der Maerle, haben fo lange schon auf Unkosten der Austern existiert wie diese selbst. Wenn sie nicht das ihrige in dem Vernichtungskriege gegen die Austern gethan, wenn nicht Milliarden von jungen, eben ausgeschlüpften Austern vom Wogenschwalle erfaßt und erdrückt oder vom Sande und Schlamm erstickt würden, so würden die Meere längst zu bloßen vollgefüllten Austernbassins geworden sein. Den größten, wirklich empfindlichen Schaden haben die Austernbänke offenbar durch die durch Menschenhände hervorgebrachte Erschöpfung gelitten und durch die Folgen eines unzweckmäßigen, mit großen Zerstörungen verbundenen Einsammelns. Wo die Bänke nicht so seicht liegen, daß man zur Ebbe die Austern mit der Hand „pflücken“ kann, bedient man sich eines Netzes mit

einem schweren eisernen Rahmen, dessen eine am Boden schleppende Kante mit Zähnen, gleich einer Egge, bewehrt ist. Segel und Ruder der kleinen, aber doch mit 5—6 Leuten bemannten Boote werden so gestellt, daß das Fahrzeug nur ganz langsam vorwärts kommt, und das Schleppnetz, das am Seile nachgezogen wird, sich gemächlich und tief einwühlen kann. Dadurch werden förmlich tiefe Löcher und Furchen in die Bänke gerissen, und der größte Nachteil entsteht nun, indem diese Vertiefungen in kurzer Zeit mit Schlamm ausgefüllt werden, welcher nicht nur eine fernere Ansiedelung an diesen Stellen unmöglich macht, sondern auch die umliegenden, von dem Schleppnetz verschont gebliebenen Tiere tötet.

Wenn es gelänge, dachte Professor Coste in Paris, nur einen Teil von den un: zählbaren Millionen junger Austern, welche vom Ozean verschlungen werden, ehe sie sich zu dem einen Zwecke ihres Daseins, gegessen zu werden, auch nur vorbereiten können, dadurch für dieses höhere Ziel zu retten, daß man ihr Festsetzen erleichtert, befördert und behütet, so würde man die Auster in Bälde zu einem der gemeinsten und wohlfeilsten Lebensmittel machen können. Im Lukriner See wurden die Austern schon vor ein paar tausend Jahren durch Einlegen von Faschinen mit Erfolg zum Ansetzen eingeladen; dieselbe Bedeutung hat das Pflanzen von Pfählen und Asten für Austern und Miesmuscheln; die künstliche Austernzucht, welche Coste seit 1855 in Frankreich einführte, ist also nichts als die erweiterte zweckmäßige Pflege, welche sich schon der jungen, noch den meisten Gefahren ausgesetzten Tiere annimmt. Der Erfolg konnte in einer Beziehung kaum zweifelhaft sein. Die versenkten Faschinen, auf welche man teils mit Brut erfüllte Austern gelegt hatte, und die man teils dadurch zu bevölkern suchte, daß man die mikroskopische Brut über ihnen auf dem Meere „aussäete“, bedeckten sich sehr bald mit der gesuchten Ware. Es zeigte sich aber auch ebenso schnell, daß die Feinde der Austernbänke, namentlich der feine Schlamm, die der Beobachtung und täglichen Reinigung entzogenen Faschinen mit ihren Ansiedlern zu zerstören drohten. Auch war der Ansatz ein so massenhafter und stand in so gar keinem Verhältnis zum Zuwachs der gleich ihnen tiefer liegenden und sich selbst überlassenen Bänke, daß höchst wahrscheinlich gerade in dieser Fülle der Keim des Siechtums und des Unterganges lag. Unter diesen Umständen fehlte es, man kann sicher sagen, diesen vielen Millionen von jungen Austern an der gehörigen Nahrung. Kurz, es ergab sich nach einigen Jahren kostbaren Experimentierens, daß auf diesem Wege, durch Versenkung von Faschinen in größere Tiefen, der Austernkalamität nicht abgeholfen werden könne. Diese Versuche waren in der Bai von Saint Brieuc angestellt worden. Seitdem hat man sich auf die Brutparks in der Bai von Arcachon beschränkt, welche im Bereiche der Ebbe liegen, und wo man die Überwachung vollständig in Händen hat. Man bietet der Austernbrut teils Faschinen, teils ungehobelte Bretter, teils Bretter, an denen man Muschelschalen mit einer Mörtelschicht befestigt, oder auch eigens geformte Hohlziegel zum Ansetzen, und hat nur die Vorsicht zu beobachten, alle diese Gegenstände nicht früher in die Parks zu thun, als bis die Stunde des Wochenbettes für die schon darin befindlichen alten Austern unmittelbar bevorsteht. Übergibt man die Ziegel, Bretter ꝛc. schon früher dem Wasser, so bedecken sie sich schnell mit Algen, und die Austernbrut kann nicht an ihnen haften.

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