Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Das Resultat war für einige Jahre, daß alle diese Objekte bei jeder Brutsaison vollständig mit jungen Austern bedeckt wurden, und daß sie nach einem Jahre, in welchem sie einen Durchmesser von etwas über 2 em erreicht, von ihrer Wiege abgelöst werden konnten, um ihre weitere Erziehung in den Mastställen zu erhalten. Man zählte um 1864 in den Parks von Arcachon 35 Millionen Austern jeder Größe, welche, das Tausend zu 40 Frank gerechnet, ein Kapital von 1,400,000 Frank repräsentierten. Auch berechnete man, daß der jährliche Ertrag sich auf 6 Millionen Austern und auf 240,000 Frank
belaufen würde. Allein der hinkende Bote kam nach. Eine Reihe nachweisbarer tierischer
Feinde, vor allen die Stachelschnecke (Murex erinaceus), sowie klimatische Ursachen dezimierten die Austern, und Möbius fand 1869 nur noch 150,000 Mutteraustern und gegen 6 Millionen Junge von 2— 3 em Größe in den kaiserlichen Parks.
Wie Hüningen für die Süsswasser-Fischzucht, so sollte Arcachon die Musteranstalt für die Produktion der eßbaren Seetiere sein, und was die Austern betrifft, so fanden sich auch bald viele Unternehmer, welche die französische Regierung um Konzessionen zur Anlage von Zucht- und Mastparks angingen. Es hat damit in Frankreich eine eigne Bewandtnis. Das ganze Meeresgestade, welches bei der Ebbe bloßgelegt wird, also der einzige Ufergürtel, welcher sich für die Austernzuchten eignet, ist Staatseigentum, und ferner werden alle Personen, welche sich mit irgend einer Art von Seefischerei beschäftigen, in die Konskriptionslisten der Marine eingetragen. Wer also in Frankreich Austern züchten will, muß erstens ein Mann von bewährter Gesinnung sein und zweitens gewärtig, daß er von seinen Austern weg zum Flottendienst einberufen wird. Es hat sich gezeigt, daß die von Konskriptionspflichtigen und bloßen Spekulanten unternommenen Austernzuchten den gewünschten Erfolg nicht hatten, indem diese Leute teils kein wirkliches Interesse an der Sache hatten, teils ohne sonderliche Mühe in kurzer Zeit viel Geld zu machen hofften. Aber nur solche Fischer und Küstenbewohner eignen sich zu Austernzüchtern, welche jahraus jahrein täglich ihren ganzen Fleiß den Austern widmen, solche, welche einen Lebensberuf daraus machen und die Konzession nicht durch irgend welchen Gesinnungswechsel zu verlieren fürchten müssen, also arbeitsame und freie Men: schen. Eine derartige unwiderrufliche Erlaubnis zur Austernzucht wurde den Bewohnern der kleinen Insel Re gegeben. Über den Fortgang und das Gedeihen der Austernzucht bei Ré hörte man nun geradezu Entgegengesetztes. Ein dortiger Pfarrer schrieb 1865, daß das, was darüber berichtet worden sei, unendlich mehr einem Roman und einem zum Vergnügen ersonnenen Ammenmärchen gleiche, als den Thatsachen, wie sie sich zugetragen haben. Die Wahrheit sei, daß die neuen Versuche in der Austernzucht an den dortigen Küsten durchaus nicht alle gut ausgefallen seien, und daß es eine Unwahrheit sei, wenn man behaupte, die Bewohner der Insel Ré verdankten ihnen ein bis dahin unbekanntes Wohlergehen. „Wenn schon diejenigen selten sind“, sagt er, „welche einen vollkommenen Erfolg bei diesem Geschäfte erzielt haben, jo find diejenigen noch viel seltener, welche gegründete Erwartungen auf einigen Nutzen für die Zukunft hegen, weil die besten Austernzüchter einem raschen Ruine entgegen gehen.“
Im wesentlichen stimmt mit diesem Urteil eines Einheimischen der einige Jahre später abgefaßte Bericht von Möbius überein. Die Produktion war von 1863 an in stetiger Abnahme, und die rationellen Austernzüchter hatten die Überzeugung gewonnen, daß die übermäßige Befischung der Bänke die Ursache des Verfalles der Austernzucht sei, und daß eine Aufzucht der Millionen junger Austern vom Ei an in den Parks nicht möglich sei. Seitdem aber hat sich die Zucht wieder so sehr gehoben, daß z. B. 1880 nicht weniger als 195 Millionen Austern aus 4260 Zuchtparks verkauft werden konnten.
Über das Vorkommen, die Pflege und den Verbrauch der Auster an der nordamerikanischen Ostküste haben wir erst 1873 sehr dankenswerte Nachrichten erhalten in einem Berichte, welchen die Fischereikommission über den Zustand der Seefischereien an der Südküste von Neu⸗England abgegeben hat. Dort findet sich die virginische Auster (Ostrea virginiana) in mehreren Varietäten über eine große Küstenstrecke verbreitet. Dieselbe erreicht jedoch, sich selbst überlassen, nur an den südlicheren Küstenstrichen ihre volle Größe, während auf der Breite von Baltimore und New Pork es der künstlichen Nachhilfe bedarf. Hier nämlich machen die jungen Austern, obgleich auch massenhaft vorkommend, in der
Regel doch nur eine warme Jahreszeit durch und sterben, weil fie sich zu wenig tief ansetzen, im Winter ab. Man sammelt von diesen „native“ Austern große Mengen, um sie auf tiefere, für ihr Fortkommen geeignete Stellen zu „pflanzen“. Diese Sorte ist jedoch weniger geschätzt als diejenige, welche aus dem Süden zu weiterem Wachstum und zur Mästung den natürlichen und künstlichen Austernbänken zugeführt wird. In beiden Fällen handelt es sich darum, die von ihrem ersten festen Anheftungsorte abgelösten jungen Austern auf solchen Schlammgrund zu bringen, wo ihre natürliche mikroskopische Nahrung in grö— ßerem Überfluß, als auf dem felsigen oder aus Austernschalen künstlich hergerichteten Bette sich findet. Selbstverständlich eignen sich dazu jenseits wie diesseits des Ozeans dieselben Lokalitäten: Flußmündungen, Häfen, brackige Teiche.
Natürlich sammeln sich auch auf diesen Mastplätzen, aus verschiedenen Gründen den Austern folgend, sehr bald zahlreiche andere niedere Tiere an. Die Kommission der Vereinigten Staaten, welche diese Verhältnisse auf das sorgfältigste untersucht hat, zählt 90 solcher Gäste auf. Hiekunter befinden sich einige sehr gefährliche Feinde der Auster, so eine 3 em lange Schnecke, von den Austernfischern „der Bohrer“ (the drill, Urosalpinx cinerea) genannt, und ein grüner Seestern (Asterias arenicola). Die Ber: heerungen, welche der letztere anrichten kann, sind erstaunlich. Einem einzigen Eigentümer an der Küste von Connecticut wurden in wenigen Wochen 2000 Bushel (ein Bushel — 0,6631 preußische Scheffel) Austern von dem Seestern zerstört.
Nach einer mäßigen Schätzung werden nördlich von Kap Hatteras jährlich mindestens 30 Mill. Scheffel Austern im Werte von mehr als 20 Mill. Dollars zum Verkauf gebracht.
Wir wollen noch einer der Auster nahe stehenden Sippe und Art, der Sattelmuschel (Anomia ephippium), gedenken, welche sowohl am Gehäuse wie an den Weichteilen einige bemerkenswerte Eigentümlichkeiten zeigt. Von dem im allgemeinen scheibenförmigen Gehäuse kann man gleichwohl eine bestimmte Gestalt nicht angeben, indem die untere sehr dünne Schale sich in ihrer Form ganz nach den fremden Körpern richtet, auf denen sie aufliegt, ohne mit ihnen zu verwachsen. Sie kann daher ganz flach oder im Zickzack gebogen oder auch bogenförmig sein. Die obere Schale ist dicker und gewölbter, wiederholt aber ebenfalls alle Unebenheiten des Körpers, auf welchem das Tier auflitt. Entsprechend diesem flachen Gehäuse ist das Tier sehr flachgedrückt. Unsere Abbildung zeigt die rechte, nach unten gewendete Seite, jo daß wir also nach Hinwegnahme der Schale auf die Mantelfläche blicken. Besonders die Ränder sind sehr dünn und mit einer Reihe Rechter MantellappenWenig verkleinert.der Sattel muschel. feiner Fühlfäden besetzt. Die Offnung a ist für das Schloß, und daneben befindet sich ein tiefer Ausschnitt, durch welchen das sogenannte Knöchelchen hervortritt (n). Dasselbe, ein aus vielen einzelnen Scheibchen bestehendes Kalt: gebilde, befindet sich am Ende eines vom Schließmuskel m sich abzweigenden Muskels, tritt durch ein rundliches Loch der unteren Schale und haftet an den fremden Körpern, indem es mit seinem Muskel vollständig als Stellvertreter des Byssus anzusehen ist. Wird das Tier gestört, so ziehen sich die erwähnten Muskeln zusammen, die Schale wird
geschlossen und fest an die Unterlage angedrückt, deren Oberflächenrelief sich auf das Gehäuse überträgt. Die Sattelmuschel fehlt nirgends in den europäischen Meeren, soweit dieselben einen normalen Salzgehalt haben; ihre Standregion stimmt mit derjenigen der Auster überein, nur daß sie oberhalb des Ebbestriches vorkommen dürfte. Als ich im Mai und Juni 1850 im Bergen-Fjord mit dem Schleppnetz sammelte, wußte ich noch nicht, daß es nestbauende Muscheln gäbe. Da erbeutete ich eines Tages einen etwa 12 em im Durchmesser habenden und äußerlich sehr ungehobelt aussehenden Klumpen, der aus lauter Steinchoͤn und Muschelfragmenten bestand und, wie sich auf den ersten Blick ergab, durch ein Gewirr gelblicher und brauner Fäden zusammengehalten wurde. „Ein Muschelnest!“ riefen meine Ruderer, und richtig, wie ich den Ballen umdrehte, glänzte mir aus Neiner ziemlich engen Spalte die weiße Schale der Feilenmuschel (Lima hians) entgegen. Ich spülte das Tier aus seinem Neste heraus und konnte mich vorerst, nachdem ich es in ein weites Glasgefäß gethan, nicht satt genug sehen an der Pracht seines Mantelbesatzes und der Lebhaftigkeit seiner Bewegungen. Das läng⸗ Nest der Feilenmuschel Qima hians). Natürliche Größe. liche gleichschalige Gehäuse ist von reinstem Weiß, klafft an beiden Enden, besonders aber vorn, und läßt eine Menge orangefarbener Fransen des Mantelrandes hervortreten, welche, wenn das Tier sonst ruhig ist, die verschiedensten wurmartigen Bewegungen machen, wenn es aber auf seine höchst sonderbare Weise schwimmt, wie ein feuriger Schweif nachgezogen werden. Kaum nämlich hat man die Muschel frei ins Wasser gesetzt, so öffnet sie und klappt die Schale mit großer Heftigkeit zu und schwimmt nun stoßweise nach allen Richtungen (s. Abbild., S. 441). Dabei sind einzelne der schönen Fransen abgerissen, scheinen aber dadurch erst recht lebendig geworden zu sein, indem sie am Boden des Gefäßes ihre Krümmungen, wie Regenwürmer, auf eigne Faust fortsetzen. Das kann, wenn man das Wasser frisch erhält, ein paar Stunden dauern. Bleibt das Tier im Neste, so läßt es den dichten Fransenbüschel, der von dem nach innen gekehrten Rande des fast vollständig gespaltenen Mantels abgeht, aus der Nestöffnung heraus spielen, so daß von der Schale nichts zu sehen ist. Offenbar dienen sie, da sie mit lebhaft agierenden Wimpern bedeckt sind, zur Herbeischaffung der kleinen mikroskopischen Beute und des Atemwassers.
Daß diese lebhafte Muschel in einem Neste wohnt, welches sie offenbar nicht verläßt, ist eine vorderhand etwas ungereimte Thatsache.
Betrachten wir nun das Nest etwas näher. Das Tier befestigt eine Menge ihm gerade zunächst liegender Gegenstände durch Byssusfäden einer gröberen Sorte aneinander. Wie gejagt, waren die Nester, welche ich in Norwegen Jah, fast nur aus kleineren leichten Stein: chen und Muschelstückchen zusammengefügt; das auf S. 440 abgebildete, welches Lacaze— Duthiers an einer seichten Stelle im Hafen von Mahon fand, vereinigt in buntester Auswahl Holz, Steine, Korallen, Schneckenhäuser ꝛc. und hat dadurch ein viel ungeschickteres Außere bekommen, als ich gesehen. Man hat zwar die Lima noch nicht beim Nestbau beobachtet, allein da man bei der Miesmuschel sich leicht davon überzeugen kann, daß das Tier beliebig die Bartfäden abzureißen vermag, so wird man auch der Feilenmuschel dieses Vermögen zuschreiben müssen. Nachdem sie nun die groben Außenwände des Hauses zusammengestrickt und die Bau⸗ 1 r feine durch Hunderte). von Fäden verknüpft??? — a — hat, tapeziert sie ss) 8 inwendig mit einem Sf 22 feineren Gewebe aus, und es gleicht auch in dieser Beziehung dem feinsten und bequemsten, von außen wenig einladenden Vogelneste. So bildet es für die durch ihr klaffendes Gehäuse wenig geschützte Muschel eine gute Festung, welche auch die gierigsten Raub⸗
Feilenmuschel (Lima hians), schwimmend. Kleines Exemplar. fische zu verschlingen Anstand nehmen werden. Nach der Art, wie mir wiederholt in Norwegen in ziemlichen Tiefen von 20—30 Faden die Limen ins Schleppnetz gerieten, muß ich annehmen, daß fie auf tieferem Meeresgrunde, wo sie nicht durch Wellen und Strömungen gestört werden, sich nicht erst unter größeren Steinen den Platz für ihr Nest aussuchen. Diejenigen, welche der oben genannte französische Zoolog in Mahon sammelte, befanden sich alle im seichten Wasser und durch große Steine geschützt. Getrocknet, werden die die Materialien verbindenden Fäden sehr brüchig, daher die Nester, obgleich durchaus nicht selten, sich doch nicht zur Aufbewahrung in Naturaliensammlungen eignen.
Den Mittelpunkt der Familie, welcher Lima beigezählt wird, der Kammmuscheln, bildet die Gattung Kammmuschel (Pecten), dem Leser vielleicht schon nach ihrer Schale bekannt, die von den größeren Arten als Schüssel für feines Ragout (Ragout fin en coquilles) gebraucht wird, und welche auch, um einen ästhetischeren Anknüpfungspunkt zu nennen, Hut und Kleid der aus dem Morgenlande heimkehrenden Pilger zu schmücken pflegte. Das Gehäuse ist also frei und regelmäßig, bei vielen Arten ungleichschalig, indem die eine Hälfte vertiefter, schüsselförmig ist und die andere darauf als ein flacher Deckel paßt. Auffallend sind auch die Ohren jederseits neben dem Wirbel, von welchem aus meist Rippen nach den Rändern ausstrahlen. Das Tier hat die Mantellappen vollkommen frei, am Rande verdickt und mit mehreren Reihen fleischiger Tentakeln besetzt, zwischen ihnen zahlreiche Augen. Wir erwähnen hier die Gesichtswerkzeuge einer Muschel zum erstenmal;