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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Feilenmuſchel (Lima hians), ſchwimmend. Kleines Exemplar.

sie sind bei Pecten durch ihr diamant- und smaragdartiges Leuchten am auffallendsten, obschon noch einige Sippen, von den früher genannten z. B. die Gienmuscheln, damit versehen sind. Weder die Arten, noch die Individuen, noch auch die Mantelhälften verhalten sich in Bezug auf Zahl und Lage dieser Augen gleich. Sie stehen in der Nähe des Schlosses und zumal hinter demselben am dichtesten und sind an dem konvexen Mantellappen, d. h. dem unteren, weniger zahlreich als an dem flachen. Sie erreichen bei den größeren Arten einen Durchmesser von 1 mm; zwischen diesen liegen kleinere, kaum halb so große, aber alle zeigen den wundervollen Glanz, hervorgerufen durch eine besondere Beschaffenheit der Regenbogenhaut, durch welche die Lichtstrahlen zurüd-geworfen werden. Überhaupt erstaunt man über die Vollkommenheit dieser Augen, welche trotz ihrer auch im höchsten Grade befremdenden Lage die optischen Einrichtungen haben, daß gute Bilder von der die Muschel umgebenden Außenwelt erzeugt und durch den Nervenapparat auch zu ihrem dämmernden Muschelbewußtsein gebracht werden. In jedem Falle aber kann die Muschel vermittelst derselben nicht in die Ferne sehen, sondern sie thun ihr die Dienste, die wir uns durch feine kleine Linsen verschaffen; es sind Gesichtsorgane für die nächste Nähe, unmittelbare Wächter und Bewacher der Schalen und Mantelränder. Es wäre daher weit gefehlt, wollte man das Sehvermögen der Kammmuscheln 5 mit ihrer ausgezeichneten Fähigkeit zu Stück vom Mantelrande N 11 mit Tastern und Augen. springen und zu schwimmen in Verbindung bringen. Man hat dieselbe vielfach beobachtet, und sie verfahren dabei wie die Limen, daß sie vermittelst des starken Schließmuskels die durch das Ligament geöffneten Schalen hastig zuklappen. Ein englischer Beobachter sagt, daß er in einem von der Ebbe zurückgelassenen Wassertümpel die Jungen von Pecten opercularis ganz munter umherhüpfen sah. Ihre Bewegung war reißend und schnell und zickzackartig, sehr ähnlich der der Enten, welche auf einem Teiche während eines Sonnenblickes vor dem Regen spielend sich vergnügen. Sie schienen durch plötzliches Offnen und Schließen ihrer Klappen das Vermögen zu haben, wie ein Pfeil durch das Wasser zu fliegen. Ein Sprung entführte sie mehrere Ellen weit, und mit einem zweiten waren sie plötzlich wieder nach einer anderen Richtung auf und davon. Über die Erwachsenen wird die Vermutung ausgesprochen, daß auch sie sich auf ähnliche Weise belustigen mögen, aber ungesehen spielen und in der Tiefe ihre Kreuz- und Quersprünge ausführen.

Wie wenig daran zu denken, daß solche Bewegungen auf Grund des Sehvermögens stattfinden, lehrt auch das Vorhandensein der Augen bei der den Kammmuscheln ganz nahe verwandten Sippe Spondylus (Klappmuschel). Diese nämlich wächst mit der tieferen Schale fest. Charakterisiert wird sie auch durch die langen Stacheln auf den Rippen. Da diese Anhängsel zum Ansammeln von Algen und Schlamm Veranlassung geben, so sind diese Muscheln gewöhnlich bis zur Unkenntlichkeit mit einem schmutzigen Überzuge bedeckt, unter welchem erst nach langem Reinigen das wahre schöne Gesicht zum Vorschein kommt. Die im Mittelmeere häufige, aber ziemlich tief sitzende Lazarusklappe (Spondylus gaederopus) hat eine purpurfarbige Oberschale.

Die nun folgenden Muschelfamilien bilden schon Übergänge zu den Dimyariern, indem bei ihnen bereits ein zweiter Schließmuskel, wenn auch nur schwach, entwickelt ift,

5 Stück vom Mantelrande N 11 mit Taſtern und Augen.

Man faßt sie dieser Eigentümlichkeit halber wohl auch unter dem Namen der Ungleichmuskler oder Heteromyarier zusammen.

Die Familie der Hammermuscheln (Malleacea) hat ihren Namen von der eigen: tümlichen Gestalt des Gehäuses. Dasselbe ist ungleichschalig, blätterig, innen perlmutterig; der Schloßrand ist geradlinig, vorn und gewöhnlich auch hinten in einen ohrförmigen Vorsprung vorgezogen. Bei einigen Gattungen, z. B. Malleus, wo die Schale sehr kurz ist und nach unten sehr verlängert, ist der Vergleich mit einem Hammer sehr passend. Das Tier ist dem der Steckmuschel am nächsten verwandt, hat aber nun wirklich nur einen einzigen, fast zentralen Schließmuskel. Die Mantellappen sind ihrer ganzen Länge nach getrennt, am Rande verdickt und mit kleinen Fühlern besetzt. Der kleine, wurmförmige Fuß spinnt einen Bart. Der Geognost findet in dieser Familie mehrere wichtige sogenannte Leitmuscheln, aus deren Vorkommen er auf das Alter und die Verwandtschaft oder Gleichheit der betreffenden Schichten und Gesteine schließt, während sie den vergleichenden Paläontologen über das Vorherrschen der Monomyarier in den älteren Perioden der Erde belehren. Für den Beobachter des Lebens und der Sitten der Tiere geben aber die lebenden Sippen, wie so viele lebende Muscheln, auch keine Ausbeute. Dagegen spielt eine Sippe, die Berl: muttermuscheln (Aviculidae), in der Kultur- und Handelsgeschichte eine große Rolle, besonders die Perlenmuschel (Meleagrina). Was später über die Entstehung und Beschaffenheit der Perlen nach von Heßling mitgeteilt werden wird, gilt im wesentlichen auch für die Seeperlen, obschon das Tier und seine Physiologie bis jetzt noch nicht Gegenstand einer speziellen, sorgfältigen Untersuchung gewesen ist.

Alle Meleagrina-Arten haben am Schloßrande vorn, häufig auch hinten, eine ohrförmige Verlängerung. Das Schloß ist vollkommen zahnlos oder hat in jeder Schale einen stumpfen Zahn. Die rechte Schale hat vor dem vorderen Ohre einen Ausschnitt für den Bart. Es sind etwa 30 Arten bekannt, welche, mit Ausnahme einer im Mittelmeere vorkommenden, sämtlich in den heißen Meeren leben. „Die Kenntnisse über ihre Lebensweise“, sagt von Heßling, „sind weniger die Resultate genau angestellter Untersuchungen, als zufälliger oder oberflächlicher Beobachtungen, welche überdies aus alten Überlieferungen unkundiger Fischer und Schiffsleute von Munde zu Munde sich forterbten. Gewöhnlich an einem und demselben Standorte einer und derselben Art angehörig, erhalten sie in den Tiefen des Meeresgrundes durch die Beschaffenheit des Bodens, auf welchem sie wohnen, sowie nach den verschiedenen pflanzlichen und tierischen Organismen, welche ihre Schalen überwachsen, ein mannigfaltiges Aussehen und deshalb gar häufig verschiedene

Benennungen. Bald sind ihre Schalen mit großen becherförmigen Schwämmen (Coda der Schiffer) völlig wie überschattet, bald wie mit einer der Betelfarbe ähnlichen Tünche (ebenfalls einem Schwamme) überzogen. Auf den einen Bänken lagern die Tiere mit ganz freien, unbedeckten Schalen, auf den anderen find letztere Träger von Korallenstämmen, welche oft fünfmal schwerer als die Schalen selbst sind; an noch anderen Stellen kleben sie fest an den Riffen und Klippen der Felsen, besonders die jüngeren Tiere, und können, mit ihren Byssusfäden in dichten, zähen Klumpen aneinander hängend, hervorgezogen werden; oder die Muscheln liegen in weichem Boden und sandigem Grunde, in welchem sie, mit dem einen Ende aufgerichtet, teils bewegungslos stecken, teils, meist mit dem Schlosse voraus, langsame, in querer Richtung erfolgende Wanderungen anstellen. Die Höhe, bis zu welcher die Bänke aufgeschichtet liegen, ist verschieden; nach der Aussage verständiger Taucher beträgt fie nicht über 1¼— 2 Fuß, und ihre Tiefe im Meere reicht oft von 3—15, gewöhnlich 5— 8 Faden.“

Die wertvollste und zugleich am weitesten verbreitete Art ist Meleagrina meleagris, die echte Perlenmuschel, von Linné einst Mytilus margaritifer genannt. Sie findet sich im Persischen Golfe, an den Küsten von Ceylon, den Inseln des Großen Ozeans, im Roten Meere, im Meerbusen von Panama und Mejiko und an der kalifornischen Küste vor, allerdings in mannigfachen Abänderungen, welche sich vorzugsweise auf die Größe und auf die Dicke der Perlmutterschicht beziehen. So sind die Schalen der Tiere von Ceyfon nur 5—6⁰ em lang und 2½— 8 cm hoch, dünn und durchscheinend und für den Handel unbrauchbar, die des Persischen Golfes aber viel dicker, und in der Sundasee ist

See-⸗Perlenmuschel (Meleagrina meleagris). ½ natürl. Größe.

eine ½ —1 kg schwer werdende Sorte mit einer dicken, herrlich glänzenden Perlmutterschicht. „Die preiswürdigsten Perlen“, teilt von Heßling weiter mit, „sollen sich vorzüglich im muskulösen Teile des Mantels nahe am Schalenschlosse finden; doch kommen sie auch in allen anderen Teilen des Tieres, wie an der inneren Schalenfläche, in dem

Schalenschließer, von der Größe des kleinsten Stecknadelkopfes (Seed pearls) bis zu bedeutendem Umfange vor; und wie sich oft viel in einer Muschel finden lassen (Kapitän Stuart z. B. zählte in einer einzigen 67, Cordiner bis zu 150 Perlen), ebenso werden auch Hunderte von Muscheln geöffnet, in welchen nicht eine einzige Perle anzutreffen ist. Nicht uninteressant, weil mit unserer Flußperlenmuschel übereinstimmend, ist die Behauptung der Perlenfischer im Orient, daß sie in vollkommen ausgebildeten und glatten Schalen niemals schöne Perlen erwarteten, wohl aber dieselben gewiß fänden in Tieren mit verdrehten und verkrüppelten Schalen sowie in solchen, welche an den tiefsten Stellen des Meeresgrundes lagern.“

See-⸗Perlenmuſchel (Meleagrina meleagris). ½ natürl. Größe.

Aus den lückenlosen Nachweisen des einstigen und des jetzigen Zustandes (bis 1859) der Seeperlenfischereien auf der ganzen Erde, welche sich invon Heßlings Werk finden, heben wir nur einige der wichtigsten und anziehendsten Stellen heraus, zunächst über die Perlenfischereien im Persischen Golf. „Sie sind gegenwärtig im Besitze des Sultans von Maskate, und der Perlenhandel befindet sich fast ausschließlich inden Händen der großen Banianer Kaufleute, welche in Maskate eine eigene Handelsgilde bilden. Das wichtigste Perlenrevier dehnt sich vom Hafen Scharja westwärts bis zu Biddulphs Island aus, und auf dieser Strecke steht es jedem frei, zu fischen. Die Boote sind von verschiedener Größe und verschiedenem Baue, im Durchschnitte von 10— 18 Tonnen. Man rechnet, daß während der Fischzeit, vom Juni bis Mitte September, die Insel Bahrein 3500 Boote jeder Größe, die persische Küste 100 und das Land zwischen Bahrein und der Mündung des Golfes mit Einschluß der Piratenküste 700 liefert. Die Boote führen 8 — 40 Mann, und die Zahl der Leute, welche in der günstigsten Jahreszeit mit Fischerei beschäftigt sind, mag über 30,000 betragen. Keiner erhält einen bestimmten Lohn, sondern jeder hat einen Anteil am Gewinne. Der Scheikh des Hafens, zu dem jedes Schiff gehört, er: hebt eine kleine Abgabe von 1 — 2 Dollar. Sie leben während der Fischzeit von Dat: teln, Fischen, und der Reis, den die Engländer liefern, ist ihnen eine sehr willkommene Zugabe. Wo es viele Polypen gibt, wickeln sich die Taucher in ein weißes Kleid, gewöhnlich aber sind sie, mit Ausnahme eines Tuches um die Lenden, ganz nackt. Wenn sie an die Arbeit gehen, so teilen sie sich in zwei Abteilungen, von denen die eine im Boote bleibt, um die andere, welche untertaucht, wieder heraufzuziehen. Die letzteren versehen sich mit einem kleinen Korbe, springen über Bord und stellen ihre Füße auf einen Stein, an dem eine Leine befestigt ist. Auf ein gegebenes Signal läßt man diese los, und sie sinken mit derselben zu Boden. Sind die Muscheln dicht übereinander gelagert, so können sie 8 oder 10 auf einmal los bekommen. Dann zerren sie an der Leine und die Leute im Boote ziehen sie möglichst schnell wieder herauf. Man hat die Zeit, welche sie unter dem Wasser bleiben, sehr überschätzt, sie beträgt im Durchschnitte gewöhnlich 40 Sekunden. Unfälle durch Haifische kommen nicht oft vor, aber der Sägefisch ist sehr gefürchtet. Man erzählt Beispiele, wo Taucher durch diese Ungeheuer völlig entzwei geschnitten wurden. Um den Atem besser anhalten zu können, setzen sie ein Stück elastisches Horn über die Nase, welche dadurch fest zusammengehalten wird. Der Taucher geht nicht jedesmal, wenn er an die Oberfläche kommt, an Bord zurück, sondern hält sich an den Stricken, welche an der Seite des Bordes hängen, fest, bis er wieder hinlänglich Atem geschöpft hat; meist nach 3 Minuten Erholung stürzt er von neuem in die Tiefe. Der Ertrag dieser Fischereien, welcher früher bis auf 300 Millionen Pfund Sterling sich belief, macht jetzt nach einem Berichterstatter nur mehr den zehnten Teil aus.“

Die zweite berühmteste Perlenregion Asiens ist die Westküste Ceylons und die Küsten des gegenüberliegenden Festlandes. Wir finden bei Heßling die Schilderung des englischen Offiziers Grylls, welcher zum Schutz der Perlenfischerei in Aripo auf Ceylon eine Truppenabteilung befehligte und in seinem Buche jagt, daß er um alle Perlen der Welt diese Erpedition nicht mehr wiederholen möge, welche ihm mehrere Monate seines Lebens raubte, indem er sie zuerst fast verhungernd, dann schiffbrüchig und schließlich in heftigem Fieber zubrachte. Heßling gibt nach ihm und unter Benutzung anderer Erzählungen nachstehende Skizze: „Der Hauptplatz der Perlenboote ist die dürre und öde Küste von Aripo (Ceylon). Mit unerbittlicher Macht sengt hier die Sonne alles zusammen, soweit nur das Auge schweifen kann. Im ausgeglühten Sande gedeiht nur Dorngestrüppe, zusammengeschrumpfte Blätter hängen am nackten Gesträuche. Die Tiere suchen Schutz vor den brennenden Strahlen, aber da ist nichts von einem Schatten, nur ein atemhemmender Dunst zittert über dem

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