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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Die Familie der Miesmuscheln (Mytilacea) enthält Sippen, welche sowohl wegen ihres eigentümlichen Baues und ihrer Lebensweise, als wegen ihres großen Nutzens unsere volle Aufmerksamkeit verdienen. Die mit einer Oberhaut bekleidete Muschel ist gleichschalig, das Schloß zahnlos oder mit kaum merklichen Zähnchen. Der Eindruck des vorderen Schließmuskels ist klein. Hinten bildet der Mantel eine besondere Offnung für den After und darunter eine kurze, am Rande gefranste Atemröhre. Die Mundlappen find schmal und zusammengefaltet. Zu diesen recht charakteristischen Kennzeichen kommt aber noch eine sehr auffallende Beschaffenheit des Fußes und das Vorhandensein einer besonderen Spinndrüse, welche Einrichtungen mit der sitzenden Lebensweise dieser Tiere zusammenhängen. Wir wollen diese Einrichtungen, den fingerförmigen Fuß und den Bart bei der eßbaren

Miesmuschel (Mytilus edulis) unserer Meere näher kennen lernen. Was die Gattung an sich betrifft, so ist das Gehäuse leicht daran zu erkennen, daß die Wirbel spitzig sind und ganz am vorderen spitzen Winkel der beinahe dreieckigen Schalenhälften sitzen. Die lange Seite der Schale ist die Bauchseite. In der umseitigen Abbildung haben wir eine durch Hinwegnahme der linken Schalenhälfte und Zurückschlagen der linken Mantelhälfte geöffnete eßbare Miesmuschel: a ist der Mantelrand. Zu beiden Seiten des Mundes (k) befinden sich die beiden länglichen, schmalen Lippententakeln (g); j ist das äußere, i das innere Kiemenblatt, e und d find die Muskeln, welche zum Zurückziehen des Fußes dienen. Letzterer (b) ist fingerförmig, und man sieht es schon seiner geringen Größe an, daß er nicht wohl als Fortbewegungsorgan zu benutzen ist. Unter und hinter dem Grunde des fingerförmigen Fußfortsatzes oder des „Spinners“ liegt die sogenannte Byssusdrüse,

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 29

eine Höhle, von welcher aus auf der Mitte der Unterseite des Spinners eine Längsfurche verläuft, welche vorn in der Nähe der Spitze in eine kurze und tiefe Querfurche endigt. In dieser liegt eine halbmondförmige Platte, auf deren vorderem konkaven Rande sieben Offnungen stehen. Beginnt das Tier zu spinnen, so legt es zuerst die eben erwähnte Spinnplatte an die Byssusdrüse, und beim Zurückziehen wird der Klebestoff zu einem Faden ausgezogen, welcher in die offene Furche des Fingers zu liegen kommt. Vermittelst der Spinnplatte wird dann das Vorderende des noch weichen Fadens in Form eines kleinen Scheibchens an irgend einen Körper angedrückt. Die Gesamtheit aller dieser Fäden bilden den Bart (c) oder Byssus. Wer Gelegenheit gehabt, Miesmuscheln von ihrem Wohnorte abzureißen, wird über die Festigkeit der Bartfäden erstaunt sein. Die stärkste Strömung und Brandung hat ihnen nichts an. Ein sehr bezeichnender Beleg dafür ist der Gebrauch, den man in Bide-ford in Devonshire von der Miesmuschel macht. Bei dieser Stadt geht eine 24 Bogen lange Brücke über den Torridgefluß bei seiner Einmündung in den Taw. An ihr ist die Strömung der Gezeiten so reißend, daß kein Mörtel daran dauert. Die Gemeinde unter: hält daher Boote, um Miesmuscheln herbeizuholen, und läßt aus der Hand die Fugen zwischen den Bausteinen damit ausfüllen. Die Muschel sichert sich alsbald dagegen, von den Gezeiten fortgetrieben zu werden, indem sie sich durch starke Fäden an das Steinwerk anheftet, und eine Verordnung erklärt es für ein Verbrechen, welches Landesverweisung zur Folge haben kann, wenn jemand anders als im Beisein und mit Zustimmung der . Gemeindebevollmächtigten diese Muscheln ab-

Eßbare Miesmuschel (Mytilus edulis), geöffnet. nimmt. Die Fäden des Bartes dienen der . Miesmuschel aber nicht bloß, um sich zu befestigen (s. Abbild. S. 451), sondern auch, um sich an ihnen, wie an kleinen Seilen, fortzuziehen. Hat die Muschel irgendwo Platz genommen, und ist sie nicht etwa schon durch ihre Nachbarinnen eingeengt und teilweise übersponnen, so zieht sie sich, wenn ihr der Ort nicht mehr zusagt, so nahe wie möglich an die Befestigungsstelle des Byssus heran. Hierauf schickt sie einige neue Fäden nach der Richtung hin, wohin sie sich begeben will, und wenn diese haften, schiebt sie den Fuß zwischen die alten Fäden und reißt mit einem schnellen Ruck einen nach dem anderen ab. Sie hängt nun an den eben erst gesponnenen Fäden und reißt auch diese ab, nachdem sie für abermalige Befestigung in der angenommenen Richtung gesorgt hat. Wie aus der obigen Mitteilung schon hervorgeht, siedelt sich Mytilus edulis dort, wo starke Ebbe und Flut ist, in der Uferregion an, welche zeitweise bloßgelegt wird. An vielen Stellen der zerrissenen norwegischen Küste kann man ein schwarzes, 1—2 Fuß breites Band zur Ebbezeit über dem Wasserspiegel sehen, die unzählbaren Miesmuscheln, über, zum Teil schon auf welchen der weißliche Gürtel der Balanen folgt, deren Spitzen das Herausspringen aus dem Boote bei unruhiger See gar sehr erleichtern. Wo aber die Gezeiten keinen großen Niveau-Unterschied haben, und auch aus anderen lokalen Ursachen siedeln sich die Miesmuscheln etwas tiefer an, so daß sie immer vom Wasser bedeckt bleiben.

Eßbare Miesmuſchel (Mytilus edulis), geöffnet. .

Die Miesmuschel gedeiht am beften in der Nordsee und in den nordeuropäischen Meeren. Sie gehört zu den nicht zahlreichen Muscheln und überhaupt Seetieren, welche aus den Meeren mit normalem Salzgehalte, wie aus der Nordsee, in die mehr oder weniger gesüßten, ihres Salzgehaltes beraubten Meere und Binnenmeere, wie die Ostsee, eindringen. Auch im Kaspischen Meere kommt sie mit einigen anderen verkümmerten Muscheln vor, ohne im stande gewesen zu sein, bei der so langsam erfolgten Versüßung dieses Wassers sich vollständig und kräftig zu akklimatisieren. Es wird jedoch angegeben, daß sie mit einer Herzmuschel von dort in einige Flüsse weit hinauf gedrungen sind, wo sie auch noch von dem letzten Meeressalzbedürfnis sich emanzipiert hätten. Ihre Vermehrung unter günstigen Bedingungen ist eine erstaunliche. Meyer und Möbius erzählen, daß an einem Badefloß, welches vom 8. Juni bis 14. Oktober in der Kieler Bucht gelegen hatte, alle unter Wasser befindlich gewesenen Teile so dicht mit Miesmuscheln bedeckt waren, daß 30,000 Stück auf 1 qm kamen. Die Schätzung bleibt aber unter der Wirklichkeit, da sich beim Zählen sicherlich viele sehr kleine Individuen, welche zwischen den Byssusfäden der größeren hingen, der Beachtung entzogen hatten. In der Kieler Bucht erreichen die Tiere in 4—5 Jahren ihre volle Größe; am schnellsten wachsen sie in den ersten 2 Jahren. Man benutzt die Miesmuschel überall, wo sie gedeiht, teils als Köder, teils auch für die Küche, und hat für diesen letzteren Bedarf an vielen Orten eine eigne Muschelwirtschaft und

Zucht eingerichtet. Genaue Nachrichten über eine solche geregelte Mies⸗ Eßbare Miesmuschel (Mytilus edulis), geschlossen und feft: muschelzucht haben ms Meyer 110 sitzend. Natürliche Größe.

Möbius in ihrem schönen Werke über die Fauna der Kieler Bucht gegeben. „Auf der Oberfläche der Hafenpfähle und Bretter, der Badeschiffe, Boote und Landungsbrücken siedeln sich, soweit sie unter Wasser stehen, Miesmuscheln an, deren junge Brut oft wie ein dichter Rasen darauf wuchert. Ihre künstlichen Wohnplätze sind die Muschelpfähle, die Bäume, welche die Fischer bei Ellerbeck, einem alten, malerischen Fischerdorfe, das Kiel gegenüber liegt, auf den zu ihren Häusern gehörenden Plätzen unter Wasser pflanzen. Zu solchen Muschelbäumen werden vorzugsweise Ellern benutzt, weil sie billiger als Eichen und Buchen sind, die jedoch auch dazu dienen. Diesen Bäumen nimmt der Fischer die dünnsten Zweige, schneidet die Jahreszahl in den Stamm, spitzt sie unten zu und setzt sie mit Hilfe eines Taues und einer Gabel in die Region des lebenden oder toten Seegrases auf 2—3 Faden Tiefe fest in den Grund. Das „Setzen“ der Muschelbäume 29 *

Eßbare Miesmuſchel (Mytilus edulis), geſchloſſen und feft: ſitzend. Natürliche Größe.

geschieht zu jeder Jahreszeit, „gezogen“ werden sie aber nur im Winter, am häufigsten auf dem Eise, da dann die Muscheln am besten schmecken und ungefährlich sind. Die Muschelbäume ziehen sich an beiden Seiten der Bucht dem Düsternbrooker und Ellerbecker Ufer entlang, gleichsam wie unterseeische Gärten, die man nur bei ruhiger See unter dem klaren Wasser sehen kann. Treiben anhaltende Westwinde viel Wasser aus der Bucht hinaus, so ragt wohl hier und da die höchste Spitze eines Baumes über den niedrigen Wasserspiegel heraus. Sonst bleiben sie immer bedeckt und unsichtbar. Wir haben oft Muschelpfähle ziehen lassen, um die Bewohner derselben zu sammeln, und uns dabei an den Hantierungen und Bemerkungen der Ellerbecker Fischer ergötzt. Sie haben Kähne von uralter Form mit flachem Boden und steilen Seitenwänden und rudern dieselben mit spatenförmigen Schaufeln. Den Stand ihrer Muschelpfähle wissen sie durch Merkzeichen am Lande, die sie aus der Ferne fixieren, aufzufinden. Und wenn sie über einem Baume angekommen sind, so treiben sie eine Stange in den Grund, um den Kahn daran festzubinden; dann schlingen sie ein Tau um einen Haken, führen dieses unter Wasser um den Stamm des Muschelbaumes herum und winden denselben damit in die Höhe. Sobald er erst aus dem Grunde gezogen ist, hebt er sich viel leichter, erscheint dann bald an der Oberfläche und wird so weit über das Wasser gehoben, daß die Muscheln von den Zweigen gepflückt werden können. Gewöhnlich sind diese recht besetzt. In Büscheln und Klumpen hängen daran große Muscheln, die ihre Byssusfäden entweder am Holze oder an den Schalen ihrer Nachbarn festgesponnen haben, und zwischen ihnen und auf ihren Schalen wimmelt es von verschiedenen Tieren. „In der Kieler Bucht werden jährlich gegen 1000 Muschelpfähle gesetzt und ebenjo-viel gezogen, nachdem fie 3—5 Jahre gestanden haben; denn jo viel Zeit braucht die Miesmuschel, um sich zu einer beliebten Speise auszubilden. Auf dem Kieler Markte kommen im Jahre ungefähr 800 Tonnen Muscheln zum Verkauf, wovon jede durchschnittlich 42,000 Stück enthält. Also werden zusammen in einem Winter 3,360,000 Stück geerntet. Es gibt gute und schlechte Jahrgänge und zwar nicht bloß in Rücksicht der Menge, sondern auch der Qualität der Muscheln.“

Die Miesmuschel gedeiht aber auch an allen Küsten des Mittelmeeres, wo sie Unterlage für ihr Gespinst findet. Kobelt, der das seit dem Altertum durch seine Austernund Muschelzucht berühmte Otranto (Tarent) besuchte, erzählt: „Von den 30,000 Ein: wohnern des jetzigen Taranto leben mindestens zwei Drittel von dem Meere und seinen Produkten. Die Hauptrolle spielen die beiden Miesmuschelarten, die gemeine blaue, Cozze nere genannt, und die bärtige, Modiola barbata (s. unten), Cozze pelose genannt. Man findet die Cozze di Taranto neben den Ostriche di Taranto auf allen Märkten Süditaliens bis nach Rom hinauf. In dem vorderen Bassin des Mar pic, wie es im Dialekt von Taranto oder richtiger in dem der vier Dialekte heißt, die mein Bootsführer sprach, umzieht ein breiter Gürtel seichten Wassers, 8—10 Fuß tief, das Ufer. Hier find allenthalben Pfähle in Reihen eingerammt, 18—20 Fuß voneinander entfernt. Sie find nach allen Richtungen hin durch Taue verbunden, an denen unzählige kurze Reiser befestigt sind, und diese, nicht die Pfähle, dienen den Miesmuscheln zur Anheftung. Die Taue sind von einer Pflanzenfaser gemacht, die man mir als ein bei Neapel wachsendes Sumpfgras bezeichnete; eine genauere Auskunft konnte ich darüber nicht erhalten, glaube aber kaum fehl zu gehen, wenn ich diese Angabe bezweifle und den Stoff für den spanischen Esparto, Macrochloa tenacissima, halte. Sie widerstehen der Verwitterung sehr lange und sind äußerst haltbar; die Fischer nennen sie Fune di paglia, Strohseile. „Als ich mich im November in Taranto aufhielt, waren die meisten Zuchtanstalten unbesetzt, aber die Fischer allenthalben beschäftigt, sie für neue Gäste zuzubereiten. Ich möchte

deshalb die Angabe von Salis bezweifeln, daß man die Muscheln 1½ Jahr auf den Tauen lasse. Man fischt die zur Besetzung nötigen Exemplare entweder im freien Meere oder nimmt dazu junge aus den Anstalten, die man gesondert aufbewahrt. Die Taue sind meist so befestigt, daß sie bei der Ebbe, die in Taranto immerhin 2 Fuß beträgt, trocken liegen. In einzelnen Anstalten zieht man sie zeitweise ganz in die Höhe und läßt sie tagelang außer Wasser. „Ich zählte in dem Mare piccolo etwa 30 Pfahlgruppen von durchschnittlich 200 Pfählen; es war mir aber unmöglich, genaue Angaben über Menge und Wert der gezogenen Miesmuscheln zu erhalten; darum hatte sich noch niemand gekümmert. Die Summe muß übrigens sehr bedeutend sein, denn es gehen ganze Wagenladungen sowohl mit frischen als auch mit eingemachten Muscheln nach den italienischen Märkten. Namentlich um Weihnachten nimmt der Versand ganz kolossale Dimensionen an, denn dann findet in jedem italienischen Hause eine große Schmauserei statt, bei der außer verschiedenen Fischen der Aal (capitone) von Chioggia und die Cozze von Taranto eine Hauptrolle spielen. Die frischen Cozze nere kosteten in Taranto je nach der Nachfrage 40 —50 Een: times das Kilogramm.“ Nicht alle Leute können übrigens den Genuß der Miesmuscheln gleich gut vertragen, bei manchen erzeugt derselbe, ähnlich wie der der Krebse, eine Art Ausschlag oder Nesselfriesel. Auch Vergiftungen zufolge des Verzehrens dieser Muscheln sind beobachtet worden. Einige Gelehrte meinen, solche Miesmuscheln seien giftig, die sich an kupferbeschlagenem Schiffe angesiedelt hatten, andere sind der Ansicht, das Gift rühre von der Gegenwart eines Mikroorganismus her, und die dritten endlich neigen zu dem Glauben, daß sich in ihnen unter Umständen durch irgendwelche Zersetzungen ein eigenartiger Giftstoff entwickele. Die Akten hierüber sind noch nicht geschlossen, doch hat die letzte Ansicht die größte Wahrscheinlichkeit für sich.

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