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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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In einer sehr wichtigen Eigenschaft, welche sogar zur Aufstellung einer besonderen Ordnung, der Heteromyarier (Ungleichmuskelige), benutzt worden, schließt sich den Mytilaceen die Sippe Pinna (Steckmuschel) an, nämlich darin, daß die beiden Schließmuskeln ungleich sind und namentlich in sehr ungleichem Abstande vom Rande liegen. Der Mantel des Tieres ist ganz gespalten, ohne besondere Afterröhre. Der schlanke, wurmförmige Fuß spinnt einen dichten, feinen Bart. Der vordere Schließmuskel liegt unmittelbar unter den Wirbeln, der hintere fast im Zentrum des Tieres. Die Schale der Steckmuscheln besteht fast nur aus den pyramidalischen, mehr oder minder zur Fläche aufgerichteten Säulchen, deren Schicht bei den meisten anderen Muscheln gegen die Perlmutterschicht zurücksteht. Sie ist dünn, oft mit Schuppen besetzt und klafft hinten. Sie bildet ein Dreieck, dessen kleinster Winkel das Vorderende ist, an welchem auch die geraden, spitzen Wirbel liegen. Das Ligament ist derart innerlich, daß es der Schale nur eine geringe Offnungsweite gestattet, so daß dieselben bei dem Versuche, sie ganz aufzuklappen, auseinander brechen.

Die Pinnen leben in den heißen und gemäßigten Meeren und erreichen zum Teil eine Länge von 2 Fuß, wie Pinna squamosa des Mittelmeeres. Sie lieben die stillen Meerbusen mit Schlammgrund, in dem sie in der Tiefe von einigen Fuß meist in großen Mengen bei einander sitzen. Sie werden teils wegen ihres minder guten Fleisches, teils wegen des Byssus gesucht, aus welchem in Unteritalien allerhand Geflechte und Webereien angefertigt werden, jedoch mehr der Kuriosität wegen, als daß ein Handelsartikel daraus würde.

1 Der südlichste Punkt, an welchem O. Schmidt selbst Dreyssena gesammelt, ist in Dalmatien unweit Sebenico der enge natürliche Kanal, durch welchen der die Kerka unterhalb ihrer berühmten Wasserfälle aufnehmende Vrana-See mit dem merkwürdigen Becken von Sebenico zusammenhängt. Das Wasser hat dort kaum einen salzigen Beigeschmack. Weiter gegen das Meer zu ist die Muschel völlig verschwunden.

Schon die Alten haben beobachtet, daß sehr häufig (sie glauben, immer) die Pinne in ihrer Mantelhöhle einen rundlichen Krebs beherbergt, den fie Pinnotheres oder Pinno-phylax, den Pinnenwächter, nannten. „Das Amt dieser Hüter“, jagt noch Rumph, dem Plinius folgend, „besteht darinnen, daß sie die Steckmuschel kneipen müssen, wenn etwa einige Speise in der Schale vorhanden oder irgend eine Gefahr zu befürchten ist, damit die Muschel gleich ihre Schalen zusammenziehe.“ Plinius fügt noch hinzu, daß der Wächter für seinen Dienst einen Teil der Beute erhalte. Wir haben diese Fabeln schon oben, Seite 21, angedeutet. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die dem Krebs zugedachte Rolle zum Besten der Muschel eben nichts als ein artiges Märchen ist.

Auch die Tridacnaceen sind, genau genommen, keine einmuskeligen Muscheln, aber die beiden Schalenschließmuskeln (s. beistehende Abbild., e) haben sich jo genähert, daß fie einen einzigen auszumachen scheinen. Der Mantel ist bis auf drei Offnungen vollständig geschlossen. Die mittlere, an der Unterseite gelegene Offnung (a) läßt das Atemwasser und die Nahrung eintreten. Von ihr ziemlich entfernt liegt die Afteröffnung (b). Die vordere Offnung ist ein ansehnlicher Spalt (d) für den kurzen Fuß, aus welchem der Bart (e) entspringt. Das Gehäuse der genannten Sippe ist regelmäßig, die beiden Schalenhälften sind einander gleich, aber ungleichseitig. Die sogenannte Lunula (Mondchen), d. h. der bei den meisten Muscheln vorhandene geschlossene und umrandete Raum unmittelbar vor den Wirbeln, ist offen, so daß es für den Durchtritt des Fußes und Byssus nicht einer anderen klaffenden Stelle bedarf wie bei den anderen, mit Bart ver: sehenen Muscheln. Der Schlitz für den Fuß ist damit ganz nach oben gerückt. Alle Trivacnen gehören dem

Tridaena mutica. Natürliche Größe. Chinesischen Meer, dem Indischen Ozean mit dem Roten Meer und der Südsee an und zeichnen sich durch dicke Schalen mit wulstigen, oft geschuppten Rippen aus, deren Enden gleich großen Zähnen beim Schließen fest ineinander passen. Die größte aller Muscheln ist Tridacna gigas, die Riesen-Gienmuschel, welche in manchen Kirchen als Weihkessel benutzt wird, und welche man in den größeren Museen gewöhnlich auf einer soliden Säule abseits aufgestellt findet. Die ältesten Nachrichten von ihr, welche wir bei Rumph finden, sind durch neuere Beobachtungen nicht überholt. „Die See-Gienmuschel wird 3— 5 Schuhe lang. Die Schuppen find wohl 2 Messer dick, aber mehrenteils stumpf und äußerlich abgebrochen. Auswendig sind sie dergestalt mit Seeschlamm bewachsen, daß man sie kaum rein machen kann. Die Dicke der Schale trägt gemeinlich eine Querhand aus, ja man findet solche, die über / Schuh dick find, woraus man dann wohl leicht abnehmen kann, wie schwer diese Muschel sein muß. Wenn man die Schale zerschlägt, jo siehet man, daß sie aus verschiedenen Rinden zusammengesetzt ist. Die jüngste Lage ist allezeit die vorderste und hat einen so scharfen Rand, daß man sich daran wie an einem Messer schneiden kann. Aus dieser Ursache muß man mit diesen Muscheln behutsam umgehen, solange das Tier noch darin ist, wenn man sich nicht verwunden will. Man hat es wenigstens auf unseren Schaluppen in den Molukkischen und Papurisischen Inseln aus der Erfahrung, daß diese Muscheln, die daselbst wohl am größten sind, die Ankertaue und Stricke (wenn die Matrosen solche ungefähr daselbst fallen lassen,

Tridaena mutica. Natürliche Größe.

daß sie zwischen die Schalen der Muscheln geraten) dergestalt durch Zusammenziehung ihrer Schalen abkneipen, als ob sie ordentlich mit einem Beile abgehackt wären. So würde ein jeder, der die klaffende Muschel mit der Hand angreifen wollte, seine Hand verlieren, wenn er nicht vorher etwas zwischen die Schale legt, um das Zusammenschließen derselben zu verhindern. Die Fischer holen diese Muscheln folgendergestalt aus dem Wasser hervor: Ein Taucher thut einen Strick in Gestalt einer Schleife herum, danach ziehen sie alle zusammen die Schale in die Höhe. Sodann suchen sie mit einem Messer durch die Offnung an der Seite zu kommen und den sogenannten Pfeiler oder die Sehnen zu durchschneiden, weil alle Kraft des Tieres in denselben besteht. Alsdann klaffen die Schalen von selbst und können sich nicht wieder schließen. Auf diese Weise errettet man auch alle Tiere und Menschen, die von ungefähr zwischen diese Schalen fest geknellet werden.“

Auch die Riesen-Tridacna, wie fo manche andere mit dem Byssus versehene Muscheln (Pinna, Mytilus), wird von weichschaligen Krebsen als ein sicheres Wohnzimmer benutzt. „Dieses unschickliche Tier“, sagt Rumph weiter, „hat allezeit einen Gesellen bei sich, welcher gleichsam sein Hüter ist, und besteht derselbe in einem gewissen kleinen Garneel, den wir früher unter dem Namen Pinnotheres beschrieben haben. Dieses Tierchen kneipt die Muschel in das Fleisch, wenn es sieht, daß ein guter Fang zu thun ist, worauf dann die Muschel gleich die Schalen zukneipt; ja, man glaubt, daß diese Muschel, weil sie keine Augen hat und sich vor den Räubern nicht in acht nehmen kann, auch nicht am Leben bleiben könnte, wenn etwa dieser Pinnahüter von ungefähr sich aus der Schale verlöre.“

Außer manchen seltsamen Dingen, wie z. B., daß die Gienmuschel, wenn sie sich zur Nachtzeit öffne, ein helles Licht oder einen fernhin bemerkbaren Glanz von sich gebe; daß ein anderer Augenzeuge in einer klaffenden Gienmuschel etwas Helles wahrgenommen, das wie ein köstlicher Stein glänzte, — außer diesen Dingen führt unser Holländer noch einige Beispiele von der Größe und Kraft der Tridacna gigas an: „Im Jahre 1681 wurden bei Celebes zwei dieser Muscheln gefunden, wovon die eine 8 Schuh 2 Zoll, die andere 6 Schuh und 5 Zoll im Umfang hatte. Die eine, in welche ein Matrose ein starkes Brecheisen hineinstieß, bog dasselbe durch Zuklappen der Schalen krumm. Die Stärke des Muskels und das Gewicht der Schalen, das gegen 3 Zentner beträgt, erklären dies.“

Sehr ausführlich hat Rumph das Vorkommen dieser Riesenmuscheln auf den Höhen und Gebirgen von Amboina und den Molukken besprochen. Es ist lehrreich, den Fortschritt unserer Zeit mit der Befangenheit der letzten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts zu vergleichen. Er fand also auf den Höhen von Amboina Tridacnen von solcher Größe, daß 4—6 Mann genug daran zu tragen hatten, und in solchen Massen und unter solchen Umständen der Lagerung, daß auch ihm schon die Annahme, Menschenhände hätten dieselben auf die Berge geschafft, ganz absurd erschien. Er erwägt auch die damals sehr gangbare Meinung, daß die Versteinerungen und Fossilen „gleichsam eine natürliche Frucht der Klippen, und auf den Bergen gewachsen“ seien. Allein auch diese Theorie hält er nach Erwägung aller Gründe für unwahrscheinlich und ungereimt. „Wenn denn nun diese Muscheln nicht auf den Bergen gewachsen sind, noch von Menschen dahin getragen worden, so sind keine näheren Ursachen ausfindig zu machen, als daß sie durch eine große Flut dahin müssen gekommen sein, und dieses wissen wir aus der Heiligen Schrift, daß es nur ein einziges Mal, nämlich an den Tagen Noahs, geschehen, zu welcher Zeit alle Berge unter Wasser gestanden.“ Den Einwurf, daß beim Zurücktreten des Wassers auch die Noahs⸗Gienmuscheln, so nennt er fie, wieder hätten ins Meer hinabsteigen können, widerlegt er mit der Berechnung, daß das Fallen der Sündflut wenigstens fünfmal geschwinder als die gewöhnliche Ebbe vor sich gegangen sei, also unmöglich die Muscheln hätten den Rückzug mitmachen können. „Überdies hat auch Gott ohne Zweifel hier und da solche

Merkmale der allgemeinen Sündflut wollen überbleiben lassen, weil er vorausgesehen, daß in der letzteren Zeit naseweise Menschen aufstehen würden, welche die Wahrheiten der Heiligen Schrift auch in diesem Stücke würden zu kränken suchen.“ Obgleich aber der sonst vorurteilsfreie holländische Naturforscher an einer Lehre hält, welche heute nur noch von römischen Bischöfen und dem Pastor Knak in Berlin gepredigt wird, daß die Bibel auch ein unbedingt und wörtlich wahres naturgeschichtliches Lehrbuch sei, schwebt ihm doch schon die Einsicht auf den Lippen, welche seit Jahrzehnten ein Gemeingut der gebildeten Welt geworden: die Hebungstheorie. „Vielleicht“, sagt er, „möchte jemand denken, da diese Länder dem Erdbeben ausgesetzt sind, daß, ohne die Sündflut zu rechnen, in der Folge der Zeit noch andere gewaltsame Umkehrungen dieser Lande durch Erdbeben möchten entstanden, neue Berge, die vorher nicht zugegen waren, aufgeworfen und vielleicht mit denenselben auch diese Muscheln in die Höhe geführt worden sein. Allein man kann solches von diesen Ländern nicht behaupten (ohnerachtet ich die Geschichten, welche dergleichen Berge in der Welt anzeigen können, im geringsten nicht in Zweifel ziehe), oder man müßte zugleich auch behaupten, daß alle Inseln und Berge, wo diese Muscheln gefunden werden, nebst ihrem ganzen Umkreis aus der See in die Höhe gestiegen wären; dieses aber wäre eine ungereimte Rede, denn man findet sie mitten im Lande auf solchen Bergen und auf so großen Inseln, die außer allem Zweifel schon vom Anfang der Schöpfung zugegen gewesen sind.“

Eine zweite Tridacna-Art, Tridacna elongata, welche im Roten Meer sehr häufig ist, wurde vor einigen Jahren sehr ausführlich von einem jungen französischen Zoologen, Vaillant, beobachtet. Sie gehört zu den kleineren und wird 12— 20 cm lang. Auch fie lebt der Art in den Sand vergraben, daß man nur den gezahnten Schalenrand hervor: ragen sieht. Die oben erwähnte Offnung am Rücken ist also nach unten gekehrt, und mit dem daraus hervortretenden Fuß und Bart ballt sie Sand und Steine zusammen, heftet sich auch wohl gelegentlich an darunter befindlichen Felsen an und legt sich sozusagen für einen ohne Zweifel längeren Aufenthalt vor Anker. Daß sie jedoch von Zeit zu Zeit ihren Standort ändern, geht daraus hervor, daß man die größeren Exemplare in immer größerer Tiefe aufsuchen muß. Vaillant kann nicht Worte finden, um den prächtigen Anblick zu schildern, den die fast immer geöffnete Muschel mit ihren Mantelrändern gewährt, wenn man sie bei ruhigem Wasser in einer Tiefe von 12— 16 Fuß beobachtet. Tridacna elongata, von den Arabern „Arbi-nem-Bous“ genannt, ist bei Suez jo gemein, daß ihre Schale zum Kalkbrennen benutzt wird; auch ist sie eine sehr beliebte Speise, und sollen namentlich die Muskeln wie Hummerfleisch schmecken. 5

Die oben mitgeteilten Angaben, daß die Riesen-Tridacna im stande sei, ein Tau abzukneipen, zieht der französische Zoolog in Zweifel, nicht weil das Tier nicht die Muskelkraft dazu besäße, sondern weil die Schale bei einer solchen Anstrengung zerbrechen würde. Über die Leistungsfähigkeit der Muskeln der Suezer Art hat er einige bemerkenswerte Versuche angestellt. Die Schalenränder können nicht vollständig geschlossen werden; Vaillant konnte also immer an der einen Klappe einen Haken anbringen und die ganze Muschel daran aufhängen, und an der anderen ein Gefäß befestigen, welches allmählich mit Wasser gefüllt wurde. Zu dem Gewichte des Gefäßes und des Wassers muß natürlich noch dasjenige der unteren Schalenhälfte und der durch die Muskeln ebenfalls zu besiegende Wider stand des Ligamentes gerechnet werden, welcher auch noch überwunden wurde, wenn nahe am Höhepunkt des dem Tiere zugemuteten Gewichts die Muschel gereizt wurde und mit äußerster Kraftanstrengung die Schale zusammenzog. Ein 24 cm langes Exemplar entfaltete jo eine Kraft von über 7 kg.

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