Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Modiola weicht von der vorhergehenden Gattung nur sehr unwesentlich ab. Das Tier scheint in nichts von Mytilus verschieden. Nur die Wirbel des Gehäuses stehen nicht auf der vorderen Spitze selbst, sondern sind seitlich auf die kurze Seite geneigt. Die Arten sind auch hier ziemlich zahlreich und kommen in allen Meeren vor. Interessant sind diejenigen, welche sich mit Hilfe ihres Byssus mit einem Gespinste oder Netze umgeben. „Eine wunderliche Hülle“, sagt Filippi von Modiola vestita, „welche wie ein Sack die ganze Schale verbirgt, ist innen aus einem Filze grauer Fäden, außen aus Steinchen, Schalentrümmern und Ahnlichem zusammengesetzt und hängt mit dem Hinterteil zusammen, aus dessen Fäden sie zum Teil entstanden zu sein scheint. Einen Byssus habe ich nicht gesehen und glaube, er möge vergänglich aus nur sehr dünnen Fäden gewebt gewesen sein und vielleicht auch seinerseits zur Bildung des Sackes beigetragen haben.“ Auch einige andere kleine Modiolen scheinen nur in der Jugend mit dem Barte ausgestattet zu sein; fie verlieren denselben, nachdem fie im Inneren von Weichtieren der Gattung Ascidia sich angesiedelt haben.
Zu diesen im Alter den Byfjus verlierenden Mytilaceen gehört auch die Gattung Lithodomus. Das beinahe cylindrische Gehäuse ist an beiden Enden abgerundet und mit einer sehr starken Oberhaut überzogen. Alle Arten leben in selbstgemachten Löchern in Steinen, Korallen, auch in dicken Konchylien. Am bekanntesten ist die im Mittelmeere gemeine
Steindattel (Lithodomus lithophagus, Abbild. S. 454). Sie ist eine sehr beliebte Speise, kommt aber, obschon sie fast überall an den Kalksteinküsten zu finden, nie in großen Mengen auf den Markt, da das Herausholen aus ihren Höhlungen viel Zeit und Mühe kostet.
Sie gehört demnach zu den sogenannten bohrenden Muscheln, obschon dieser Name, sofern er die Thätigkeit anzeigen soll, durch welche die Steindattel in den Felsen gelangt, ein sehr ungeeigneter ist. Wir werden weiter unten sehen, daß einige Muscheln allerdings sich ihre Höhlungen in Holz und Stein wenigstens zum Teil ausraspeln und bohren. Die Steindattel hat aber hierzu gar keine Ausrüstung. Die ganze Oberfläche der Schale, und namentlich auch Vorderende und Vorderrand, find glatt, ohne jede Spur von Zähnchen, welche allenfalls als Raspel benutzt werden könnten. Auch findet man die meisten Exemplare mit völlig unversehrter Oberhaut, welche doch jedenfalls beim Reiben an den dem Drucke am meisten ausgesetzten Stellen abgenutzt werden müßte. Kleine mikroskopische Stiftchen und Zähnchen, welche man bei anderen bohrenden Muscheln im Fuße
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Steindattel (Lithodomus lithophagus). Natürliche Größe.
und in den vorderen Mantelteilen entdeckt haben will, und welche die unsichtbaren fteinzer: störenden Instrumente sein sollten, kommen bei der Steindattel unbedingt auch nicht vor. Man hat daran gedacht, ob nicht die regelmäßige, durch die Flimmerorgane der Kiemen und des Mantels unterhaltene Wasserströmung (gutta cavat lapidem) die Höhlung zu erweitern geeignet sei. Allein wer, gleich mir, viele Dutzende von Steindatteln aus dem härtesten, hier und da marmorähnlichen Kreidekalke herausgehämmert hat, kann bei aller Achtung vor der Macht der kleinen ununterbrochen wirkenden Gewalten an solche Thaten der Flimmerströmungen nicht glauben. Um auf den rechten Weg geführt zu werden, ist es nicht genug, die Steindattel mit den übrigen bohrenden Muscheln zusammen zu betrachten. Im Gegenteil, da jene unter anderen Verhältnissen bohren, macht dies eher ratlos. Dieselben harten Gesteine, in welchen die Steindattel ihre mehrere Zoll langen Gänge höhlt, werden auch von Tieren aus anderen Klassen durchbohrt, von den Bohrschwämmen und einigen Sipunkuloiden (s. oben S. 106). Obwohl die Bohrschwämme unzählige scharfe mikroskopische Kieselkörperchen in sich haben, ist doch nicht daran zu denken, daß die Wirkung dieser die Zerbröckelung des Steines herbeiführte. Auch Phascolosoma und andere Sipunkuloiden haben keine zum Bohren ausreichende Bewaffnung. Es bleibt gar nichts übrig, als die Anlage und Erweiterung der Wohngänge aller dieser Tiere der
auflösenden Kraft irgend einer Absonderung ihres Körpers zuzuschreiben, deren Erzeugungsstelle und Natur, d. h. chemische Beschaffenheit, wir aber noch nicht kennen. Wir dürfen uns nur daran erinnern, daß viele Schnecken im stande sind, während ihres Wachstumes gewisse Wülste und andere Teile ihres Gehäuses wieder aufzulösen; wir brauchen nur an die scharfe Säure zu denken, welche die Faßschnecke in ihren Nebenspeicheldrüsen abscheidet, um auch für die Erklärung, wie die Höhlenbildung der Steindattel zu stande kommt, einen wahrscheinlichen Anhaltepunkt zu gewinnen. Der Einwand, daß eine den Kalkfelsen auflösende Säure notwendig auch das Kalkgehäuse des Tieres angreifen müsse, fällt wenigstens für Lithodomus weg, da, wie wir gesehen, die Kalklagen der Schale durch eine dicke, gegen die chemischen Reagenzien der verschiedensten Art sehr unempfindliche Oberhaut geschützt sind. Bei anderen Muscheln (Saxicava) scheint auf andere Weise für die Sicherung des Gehäuses gegen die eignen Ausscheidungen gesorgt zu sein.
Eine Gesellschaft von Steindatteln ist durch ihre Thaten weltberühmt geworden, weil sie einen der am meisten in die Augen leuchtenden Beweise für die Theorie der Hebung und Senkung ganzer Küstenstriche und Länder geliefert haben. An dem klassischen Strande von Puzzuoli (Puteoli) unweit Neapel ragen aus den Ruinen eines Tempels drei Säulen empor. In einer Höhe von 10 Fuß über dem Meeresspiegel beginnt an ihnen eine 6 Fuß breite Zone von Bohrlöchern der Steindatteln. Die Küste mit dem Serapistempel ist mit: hin einmal tief unter Wasser getreten und hat sich später, als die Steindatteln ihr Höhlenwerk vollendet, wieder bis zur heutigen Höhe gehoben.
Die Sippe Dreyssena (auch Tichogonia genannt) weicht im Tiere darin von der Miesmuschel ab, daß an dem fast völlig geschlossenen Mantel nur drei enge Offnungen sind, eine für den Austritt des Bartes, die zweite für den Eintritt des Atemwassers, die dritte für den Austritt der Exkremente und des zurückkehrenden Atemstromes. Das Gehäuse ist gleichschalig, dreieckig, die Wirbel liegen im spitzen Winkel des Dreieckes. Die einzelnen Schalen sind gekielt. Charakteristisch ist unter den Wirbeln eine scheidewandartige Platte, welche die Schließmuskeln trägt. Unter den etwa sechs lebenden Arten hat die europäische Dreyssena polymorpha, der Mytilus polymorphus von Pallas, ganz besonderes Aufsehen erregt als Wandermuschel. Wir kennen das rapide Ausbreiten einiger Unkräuter in diesem Jahrhundert, ebenso die schnelle Verbreitung einiger auf Pflanzen schmarotzender und mit ihren Wohnpflanzen in die Treibhäuser eingeführter Insekten; dagegen dürfte das Beispiel einer, wenn auch nicht ganz natürlichen Erweiterung des Wohnbezirkes, wie es Dreyssena in einem unverhältnismäßig kurzen Zeitraume gibt, für die niedere Tierwelt einzig dastehen und nur mit der Überflutung der Länder und Kontinente des Westens durch die Wanderratte verglichen werden können. Wir verdanken dem um die Kenntnis der geographischen Verbreitung der Weichtiere hochverdienten E. von Martens den genauen Nachweis über das allmähliche Vorrücken dieser Süßwassermuschel aus dem Osten nach dem Westen. Der Gegenstand ist in tiergeographischer Hinsicht jo wichtig, daß wir nicht umhin können, den Bericht im Auszug und mit Hinweglassung vieler Detailangaben wörtlich mitzuteilen. „In betreff der wirbellosen Tiere“, heißt es, „ist die Unterscheidung der verschiedenen Arten im allgemeinen von so jungem Datum, daß sich noch nichts über eine historische Anderung in ihrem Vorkommen sagen läßt. Eine der wenigen Ausnahmen von dieser Regel bietet Dreyssena polymorpha, nicht weil fie schon länger den Naturforschern bekannt ist, sondern weil sie in fast ganz Europa die einzige Art ihrer Gattung ist und vermöge ihrer Gestalt auch beim oberflächlichsten Anblick mit keiner anderen Gattung von Süßwassermuscheln verwechselt werden kann. |
„Die Kenntnis der auffälligeren Arten unserer deutschen Süßwassermollusken datiert, nur wenige Arten ausgenommen, erst von der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit Martini 1768 und Schröter 1779, während die dänischen von O. F. Müller 1774, die schwedischen von Linné 1746— 66, die nordfranzösischen von Geoffroy 1767, die englischen über fast ein Jahrhundert früher von Lister 1678 speziell unterschieden wurden. Daß keiner dieser Schriftsteller die genannte Muschel beobachtet hat, deutet sehr entschieden darauf hin, daß dieselbe in den von ihnen untersuchten Gegenden damals nicht lebte; ein Schluß, der selbstverständlich bei kleinen selteneren, schwieriger zu findenden oder zu unterscheidenden Arten nicht statthaft wäre, wohl aber bei dieser Muschel, welche gegenwärtig in der Havel, im Tegelsee ꝛc. massenweise nahe am Ufer auf Steinen oder anderen Muscheln sitzend und in Menge ausgeworfen am Ufer zu finden ist. Alle Naturforscher des vorigen Jahrhunderts kennen sie nur nach Pallas als südrussische Muschel. Das älteste Datum einer ihr neues Vorkommen betreffenden Veröffentlichung ist 1825, wo C. E. von Bär sagt, daß sie unermeßlich zahlreich im Frischen und Kurischen Haff sowie in den größeren Flüssen viele Meilen vom Meere entfernt vorkomme, klumpenweise an Steinen, namentlich anderen Muscheln, mittels des Byssus befestigt. „In derselben Zeit war sie aber nun auf einmal in der Havel unweit Potsdam und den benachbarten Seen, und zwar in Menge gefunden worden. Alle persönlichen Erinnerungen und gedruckten Notizen, welche ich in Berlin hierüber aufzuspüren im stande war, führen übereinstimmend auf diese Zeit. Einige Jahre später, etwa um 1835, wurde sie bei der Pfaueninsel unweit Potsdam durch ihr klumpenweises Anheften an im Wasser stehende Pfähle unangenehm bemerklich. Seit dieser Zeit ist sie in der Havel und in dem Tegelsee äußerst zahlreich geblieben und hat sich in neuester Zeit auch in der Spree unmittelbar bei Berlin gezeigt. Das Vorkommen unserer Muschel in der Donau läßt sich mit Sicherheit bis 1824 zurückverfolgen, aber es läßt sich nicht nachweisen, daß sie früher in der Donau nicht gelebt habe.“ Aus der zum Elbgebiet gehörigen Havel ist sie bis jetzt stromaufwärts bis Magdeburg und Halle gedrungen. In der Rheinmündung wurde sie 1826 zuerst gesehen, jetzt gehört ihr das Gebiet bis Hüningen und Heidelberg. Von Holland aus läßt sich ferner ihr Vordringen in das nördliche Frankreich bis Paris verfolgen, und in der neuesten Zeit ist sie aus dem Gebiete der Seine in das der Loire eingewandert. Endlich kennt man sie in England seit 1824, zuerst in den Londoner Docks, jetzt aber bewohnt sie schon verschiedene Flüsse Englands und Schottlands. |
Obschon man sich auf die angegebenen, ihr erstes Auftreten in den mitteleuropäischen Stromgebieten betreffenden Zahlen nicht viel verlassen kann, „ist dennoch das nahezu gleichzeitige Erscheinen unserer Muscheln in den hauptsächlichsten Stromgebieten Deutschlands und in England von besonderer Bedeutung. Im Rheingebiet rückt sie entschieden von der Mündung an nur stromaufwärts vor; in das Elbgebiet ist sie offenbar von Osten her durch die Havel getreten. Schon das gibt Andeutungen über das Wie und Woher der Verbreitung. Wahrscheinlich ist die Wanderung keine selbständige, eigenwillige, sondern Verschleppung durch Schiffe und Flöße, an welche sich die Muschel einmal festgesetzt hat, der Weg daher die Wasserstraße der Menschen, seien es Flüsse oder Schiffahrtskanäle. Letztere helfen ihr von einem Stromgebiet in ein anderes. Man hat gegen diese Annahme geltend gemacht, daß sie auch in einzelnen Seen ohne schiffbare Verbindung mit Flüssen vorkomme, so im Mecklenburgischen und in Pommern, ferner namentlich in der europäischen Türkei; für Albanien hat dieser Einwurf Gewicht, für die Ostseegegenden bei der Nähe schiffbarer Gewässer weniger, indem er hier nur beweist, daß auch ausnahmsweise eine Verbreitung durch andere Mittel auf kleinere Entfernung möglich sei. Im großen und ganzen bleibt es Regel, daß sie im Ost- und Nordseegebiet nur in schiffbaren Gewässern sich findet. Was
die Verschleppung über See nach den Rheinmündungen und England betrifft, so scheint mir ein Transport mit Schiffsbauholz im Inneren eines Schiffes fast wahrscheinlicher als ein solcher außen am Schiffe durch das Meerwasser. Aus einem größeren, sie feucht haltenden Klumpen können einzelne Individuen sicher mehrere Tage über Wasser ausdauern und wahrscheinlich länger als in Seewasser, das den Süßwassertieren im allgemeinen verderblich ist. Dreyssena ist aber keineswegs, wie man oft behauptet, zugleich ein Süßwasserund ein Meertier!, wenigstens nicht mehr, ja weniger als Neritina unter den Schnecken. In der Ostsee lebt sie nur innerhalb der Haffe, nicht außerhalb, und ich fand sie im Odergebiet auf der Insel Wollin nur auf der Haffseite der Insel, nicht auf der Meerseite lebend, ja bei Swinemünde noch einzeln an der Innenseite des Dammes, in Gesellschaft der Paludina impura und des Limnaeus ovatus, echter Süßwasserschnecken, aber nicht mehr an der Außenseite desselben, wo von sonstigen Süßwassermollusken nur noch Neritina fluviatilis zu finden war. Am offenen Ostseestrande von Misdroy hatte Mytilus edulis durchaus und einzig die Rolle, welche im Haff und in der Havel Dreyssena spielt, einzelne Steine und Pfähle zu überziehen. „Daß Dreyssena somit nicht aus der Ostsee, aber doch aus den Küstenländern der Ostsee nach Deutschland und England gekommen sei, scheint annehmbar.“ Das Resultat der Untersuchung über die Herkunft ergibt, daß Dreyssena aus dem südlichen Rußland auf den künstlichen und natürlichen Wasserwegen in etwas mehr als einem Jahrzehnt nach den Ostseeprovinzen und von da ebenfalls durch Binnenkanäle bis zur Havel gelangt wäre. Unbeantwortet ist leider noch die Frage, ob Dreyssena polymorpha auch im Gebiet des Schwarzen Meeres als eine in historischer Zeit und in ihrer gegenwärtigen Form eingewanderte Art zu betrachten sei.