Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Miesmuscheln (Mytilus edulis), Seepocken (Balanus crenatus) und Sandwürmer (Sabellaria anglica) auftreten, da gedeihen die Austern weniger gut, ja sie verschwinden, wo diese Tiere die Oberherrschaft gewinnen, gänzlich.“ Noch schlimmer ist die Versandung und Verschlickung der Bänke, wie z. B. eine Bank bei der Insel Amrum von Jahr zu Jahr mehr unter dem überlaufenden Sande begraben worden ist.
Von hohem Interesse ist die erst vor kurzem stattgefundene natürliche Ansiedelung der Auster im Limfjord. In einer der wichtigsten Untersuchungen über die Lebensbedingungen dieses Tieres, die wir dem Altmeister der deutschen Naturwissenschaft, E. von Baer, ver: danken, heißt es darüber: „Der Limfjord ist bekanntlich das lang gewundene, in seiner westlichen Hälfte vielfach geteilte und in Buchten auslaufende Gewässer, das den nördlichen Teil von Jütland in seiner ganzen Breite durchzieht und im Westen nur durch einen schmalen Uferwall von der Nordsee getrennt ist oder vielmehr getrennt war. Im Jahre 1825 wurde nämlich der erwähnte Uferwall durchbrochen, und dieser Durchbruch hat sich
erhalten. Er ist auf den neueren Karten unter dem Namen des Agger-Kanales sichtbar. Schon früher, z. B. in den Jahren 1720 und 1760, hatten sich Durchbrüche gebildet, aber bald wieder geschlossen. Vor dem neuen und bleibenden Durchbruche hat das Wasser im Limfjord, wenigstens im westlichen Abschnitte desselben, für süßes Wasser gegolten; über den östlichen Teil sagt der Etatsrat Eschricht (der berühmte Kopenhagener Physiolog, welcher das Projekt, im Limfjord Austernbänke anzulegen, zu prüfen hatte) nichts, doch läßt sich vermuten, daß bei der offenen Verbindung mit dem Kattegat hier schon früher brackiges Wasser war. Durch die neue Kommunikation mit der Nordsee und den Wechsel von Flut und Ebbe in derselben, der zweimal täglich Seewasser eintreibt und ebenso oft das im Fjord diluierte Seewasser wieder abfließen läßt, ist der Limfjord jetzt ein Salz: wasserbecken geworden. Es sind Seefische und Austern eingewandert. Austern hat man zuerst im Jahre 1851 bemerkt, und zwar im Salingsund, im westlichen Dritteile des Limfjords, in großer Menge und schon völlig ausgewachsen. Ihre Einwanderung als schwimmende Brut muß also schon viel früher erfolgt sein. Professor Eschricht vermutet, daß sie zuerst im westlichen Abschnitte, Nissum-Bredning, sich angesiedelt hatten, und daß von diesem aus, nachdem sie ausgewachsen waren, neue Brut sich weiter verbreitet hat. Jetzt finden sie sich in vielen Seitenbuchten und Kanälen der westlichen Hälfte fast überall, wo der Boden für das Gedeihen der Auster passend ist. Auch im östlichen Abschnitte des Limfjords, bei Aalborg, hat man Austern bemerkt, jedoch nur ganz junge. Man sieht also ganz deutlich, daß sie allmählich sich mehr nach Osten verbreiten. In der westlichen Hälfte des Limfjords sind sie schon in solcher Menge, daß sie zu Hunderttausenden gefangen werden. Wann sie zuerst einwanderten, läßt sich jetzt nicht bestimmt angeben, da man sie längere Zeit nicht bemerkt hatte. Indessen, da die im Salingsund bemerkten wenigstens 5 Jahre alt waren, und diese nicht die ersten Einwanderer sein konnten, sondern wenigstens die zweite, vielleicht die dritte Generation der Eingewanderten waren, so sieht man, daß bald nach der Eröffnung des Agger-Kanales und nachdem das Wasser den nöthigen Salzgehalt gewonnen hatte, auch Austern hierher sich verbreiteten.“ Der große Naturforscher gibt diese Mitteilung in einem Gutachten über ein Projekt, in der Ostsee, und zwar auf russischem Seegrunde, Austern zu züchten, und es kam ihm darauf an, zu zeigen, wie weit durch die natürlichen Verhältnisse den Austern das Heimischwerden in der Ostsee gestattet sei. Wir folgen ihm also noch weiter. „Auf der Westküste von Jütland kommen allerdings auch Austern vor, aber nicht in reichen Bänken, wie es scheint. Dagegen finden sich an der Ostseite der schmalen Halbinsel oder Landzunge Skagen wieder ausgedehnte Bänke, von der äußersten Spitze dieser Landzunge bis Hirtsholm in drei Gruppen oder Hauptbänke geteilt. Die letzten regelmäßig ausgebeuteten Bänke sind an der Insel Läsoe und sollen sich von dort gegen die Insel Anholt hinziehen, ohne, wie es scheint, dieselbe zu erreichen. Weiter nach Süden findet man allerdings auch noch Austern, allein sie sind mehr vereinzelt und, wie es scheint, von schlechterer Qualität.“ Schon in den Belten finden sich die Bedingungen für die Verbreitung der Austern nicht mehr, noch weniger in der Ostsee.
Der Hauptgrund, warum die Auster nicht mehr in der Ostsee fortkommt, liegt offenbar in dem zu geringen Salzgehalte dieses wenigstens in seinen nördlichen und östlichen Teilen schon fast zu einem süßen Binnensee gewordenen Gewässers. „Die Ostsee“, sagt E. von Baer in seinem Gutachten weiter, „steht durch drei Meerengen mit dem Kattegat in Verbindung, von denen besonders die mittlere, der Große Belt, weit genug geöffnet ist. Da die Auster hermaphroditisch ist, jedes Individuum also zeugungsfähig wird und eine sehr große Menge Eier hervorbringt, bis zu 1 Million und mehr, aus denen die ausgekrochenen Embryonen, durch den Wellenschlag verbreitet, sich ansetzen und gedeihen, wo sie passende Verhältnisse finden, so muß wohl ein Hindernis bestehen, welches die Verbreitung
bis in die Ostsee nicht erlaubt hat. Es ist jetzt sogar der südliche Teil des Kattegats ohne Austern, wenigstens ohne brauchbare; in der nördlichen Hälfte des Kattegats sind sie schon besser, und diese Bänke werden ausgebeutet. Jenseit der Spitze Skagen, wo das Verbindungsglied des Kattegats mit der Nordsee, nämlich das Skagerrak, beginnt, sind sie noch besser; im nördlichen Teile von Bohus-Län, der an das Skagerrak stößt, sollen die Austern schon sehr gut sein. Aber noch besser und größer als an der Südküste Norwegens sind sie an der Westküste dieses Landes und Schleswigs sowie überhaupt in der ganzen Nordsee. Da in umgekehrter Ordnung der Salzgehalt des Seewassers von der Nordsee durch das Skagerrak in das Kattegat und innerhalb des letzteren von Norden nach Süden abnimmt, noch mehr in der Ostsee, und zwar um so mehr, je mehr man von den drei Ausmündungen dieses Wasserbeckens sich entfernt, jo daß die letzten Enden des Finnischen wie des Bottnischen Meerbusens völlig trinkbares Wasser enthalten, so springt in die Augen, daß mit Abnahme des Salzgehaltes die Austern verkümmern und deshalb ganz aufhören, bevor sie die Kommunikationsmeerengen erreichen.“ Da nun unterhalb Anholt gegen die Belte zu der Salzgehalt so weit herabsinkt wie an der Südküste der Krim, wo, wie oben erwähnt wurde, die Auster verkümmert, fo ist das Minimum von Salzgehalt, welches die Auster zu ihrer Existenz bedarf, etwa 17 pro Mille. Am fettesten und schmackhaftesten wird sie bei 20— 30 pro Mille, daher man, abgesehen von den mittelmeerischen, auch an den Küsten des Atlantischen Ozeans und der Nordsee die beliebtesten Austern an Stellen findet, wo der Salzgehalt des Meeres entweder durch einen größeren Fluß, der ins offene Meer geht, oder durch kleinere Flüsse, die sich in eine Bucht ergießen, gemildert wird: so die Austern von Havre, im Cancale-Busen, bei der Insel Re, bei Rochelle, an den Küsten der Grafschaft Kent, im Bereiche des Themsewassers, bei Colchester, Ostende. Daß in dem gemilderten Wasser die Austern selbst sich besser befinden, soll damit nicht behauptet werden. Die Austern an der Westküste von Norwegen, wo so wenig Zufluß von süßem Wasser ist, werden als besonders groß beschrieben, finden also sehr gutes Gedeihen, aber sie scheinen keinen Ruf bei den Gastronomen erhalten zu haben, da sie im Großhandel keine Rolle spielen. Die späteren Römer, die der Gastronomie so sehr huldigten, daß eine Mißachtung derselben als Mangel an Urbanität galt, holten sich die Austern aus den verschiedensten Weltgegenden und setzten sie in die Lukrinische Bucht, die damals wohl weniger ausgefüllt war als jetzt, oder in andere, künstlich ausgegrabene Behälter, deren es in der späteren Zeit viele gab. An und für sich galten die britannischen Austern für sehr gut; Plinius erklärte aber die circaeischen für die besten. Andere scheinen sie von anderen Gegenden vorgezogen zu haben, und Juvenal versichert, daß ein Feinschmecker auf den ersten Biß erkennen konnte, von wo die Auster kam. Lassen wir die vielen Außerungen der Alten über die Feinschmeckerei und Schlemmerei in Bezug auf die Austern ganz beiseite, so bleibt immer beachtenswert, daß Plinius, der sich auf solche Dinge verstand, die Austern aus der offenen See für klein und schlecht erklärt und für gute Austern den Zufluß von süßem Wasser für nötig hält. Wir sind aus der Naturgeschichte der Auster schon in das Austern-Essen und Pflege und Zucht der Austern hineingekommen, ein Kapitel, worüber gerade im letzten Jahrzehnt so unendlich viel sowohl in wissenschaftlichen als in populären Werken und Zeitschriften geschrieben wurde. König Jakob von England soll oft, wenn er sich Austern gut schmecken ließ, gesagt haben, es müsse ein mutiger Mann gewesen fein, der zuerst eine Auster gegessen habe. Keineswegs. Zu den Austern und vielen anderen auch nicht appetitlicher aussehenden Meeresfrüchten griff der Mensch, als er kaum schon diesen Namen verdiente und das Aussehen des Eßbaren ihm gewiß den geringsten Kummer machte. Den Beweis, daß schon vor Jahrtausenden die Auster ein wichtiges Nahrungsmittel eines die
Küsten bewohnenden Teiles der Ureinwohner Europas gebildet, liefern die sogenannten „Küchenreste“, welche in ungeheuern Anhäufungen längs der Ostküste Jütlands und an den dänischen Inseln bis zu den Eingängen der Ostsee hin sich befinden und von den dänischen Gelehrten mit großem Scharfsinne untersucht worden sind. Sie geben zugleich, beiläufig gesagt, einen der sichersten Belege dafür, daß wenigstens der ganze südliche Teil des Kattegats, in welchem die Auster jetzt wegen des geringen Salzgehaltes nicht mehr fortkommt, damals, als dem Gedeihen der Auster sehr zuträglich, viel salzreicher gewesen sein muß, ein Umstand, der mit anderen zu höchst interessanten Schlüssen über die damalige Gestaltung Schwedens und vielleicht auch Finnlands geleitet hat. Ich kenne keine bessere Skizze über den einstigen Austernverbrauch und die Austernzucht, als die, welche E. von Baer in der obigen Abhandlung gegeben, und da dieselbe in einer nur wenig Lesern zugänglichen Zeitschrift enthalten ist, nehmen wir sie auf. „Die Versuche, die man neuerlich in Frankreich gemacht hat, erschöpfte Austernbänke zu reinigen, oder in anderen Gegenden den Austern bessere Ansatzpunkte zu verschaffen, scheinen auf viele den Eindruck gemacht zu haben, als ob die Austernpflege (so wollen wir überhaupt die Sorge für das Gedeihen der Austern benennen) eine neue Kunst wäre und eine weitere Ausbildung der Methode der künstlichen Befruchtung der Fische. Es ist daher wohl nicht überflüssig, mit einigen Worten zu bemerken, daß die gewöhnliche Austernzucht oder Austernpflege ungemein alt ist, sehr allgemein angewendet wurde und noch wird, nicht etwa so, wie die künstliche Fischzucht, die fast vor einem Jahrhundert begann und an einigen Orten, z. B. in Bayern, zwar fortgesetzt wurde, aber in so kleinem Maßstabe und mit so wenig Aufsehen, daß die neueren Versuche in Frankreich längere Zeit als erste und nicht erhörte vom großen Publikum angestaunt wurden, während die künstliche Befruchtung an Fröschen seit einem Jahrhundert vielleicht von jedem Naturforscher, der die Entwickelung dieser Tiere beobachten wollte, und in neuerer Zeit auch die Befruchtung der Fischeier nicht selten von Naturforschern vorgenommen war.“ Wenn unser Gewährsmann nun aber meint, eine künstliche Befruchtung sei bei den Austern gar nicht erforderlich und könnte nur zerstörend wirken, da die Austern hermaphroditisch seien, so erinnern wir an die schon oben gemachte Bemerkung, daß Same und Eier sich nicht gleichzeitig in demselben Tiere entwickeln, eine Selbstbefruchtung also schon deshalb nicht stattfinden kann. Gleichwohl ist eine künstliche Befruchtung weder notwendig, noch dürfte sie im großen durchführbar sein. „Die Austernpflege ist aber schon zwei Jahrtausende alt. Plinius sagt sehr bestimmt, daß Sergius Orata, ein Mann, der vor dem Marsischen Kriege, also wohl ein Jahrhundert vor Christo lebte, die ersten Austernbassins angelegt habe, und zwar in großem Maßstabe, um sich zu bereichern. Sie wurden bald ganz allgemein, da die jpäteren Römer den Tafelfreuden sehr ergeben waren und die See-Austern an den Küsten Italiens, wie wir oben berichteten, weniger schmackhaft sind als Austern aus einem mehr gemilderten Wasser. Es wäre möglich, daß die Austernzucht noch älter ist; denn schon in den Werken des Aristoteles wird einer Versetzung von Austern erwähnt, wie einer bekannten Erfahrung, doch ohne darauf Gewicht zu legen und nur im Vorbeigehen. Dagegen war in der Zeit der römischen Kaiser die Austernzucht ein wichtiger und vielbesprochener Gegenstand der Okonomie. „Seit den Zeiten der Römer ist die Austernzucht wahrscheinlich nie verloren gegangen, obgleich wir aus dem Mittelalter wenige Nachrichten darüber haben. Das kommt eben daher, daß die Naturwissenschaften sehr vernachlässigt wurden, und man nur etwa von großen Jagdtieren gelegentlich sprach. Die Schriftsteller waren zum großen Teil Geist—⸗ liche, welche außer den Schicksalen der Kirche auch die Thaten der Fürsten oder einbrechender Feinde beschrieben. Aber die Mönche waren dabei sehr eifrige Verpflanzer von Tieren, welche zur Fastenzeit als Nahrung dienen konnten. Das hat man ihnen in neuester Zeit