Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
So ausgestattet, verläßt der junge Vermetus Ei und Kokon und schwimmt, gleich allen Seeschnecken, mit Hilfe der Segellappen frei im Meere. Schon ist er mit dem Schalenmuskel versehen, vermag auch mit großer Leichtigkeit die Segel einzuziehen und samt den übrigen Weichteilen ganz im Gehäuse zu verbergen. Seine Verwandlung und die
Weiterbildung der Schale sind zwar nicht direkt beobachtet; es liegt aber klar vor, was mit ihm vorgehen muß, um seine definitive Gestalt zu erreichen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die kleinen, für das Auge punktförmigen Tierchen noch eine Zeitlang frei mit Hilfe des Fußes kriechen, nachdem das Segel seine Wimpern verloren hat, verkümmert und eingegangen ist, und daß während dieser noch freien Periode noch einige Umgänge des Gehäuses wachsen. Jedenfalls wird dieser Zustand nicht lange währen. Auch der Fuß zieht sich zusammen, während die Schale auf unbekannte Weise sich an den Felsen anheftet und ankittet, und das Wachstum geschieht von nun an vorzugsweise in die Länge.
In allen wärmeren Meeren scheinen Vermetus-Arten zu leben. Eine im Mittelmeer vertretene verwandte Gattung ist die Schlangenschnecke (Siliquaria), deren unregelmäßig gewundenes Gehäuse auf der rechten Seite gespalten ist, entsprechend einem Schlitze im Mantel. Sie wachsen nicht an Steinen fest, sondern stecken in Schwämmen und in den Seekork genannten Polypen. Die mittelmeerische Art ist Siliquaria anguina.
Die Systematiker machen aus den genannten Gattungen entweder eine besondere Familie (Vermetacea), oder bringen fie mit den Turmschnecken (Turritellacea) unter einen Hut. Den Stamm derselben bildet Turritella. Das Gehäuse ist turmförmig und besteht aus zahlreichen (bis 30) meist mit Querrippen versehenen Windungen; auch der hornartige spiralförmige Deckel zeigt zahlreiche Windungen. Das Tier hat den Kopf in eine lange, platte, ausgerandete Schnauze verlängert. Der Mantelrand ist gefranst, und außerdem liegt quer über dem Nacken eine gefranste Hautfalte. Man kennt etwa 40 Arten aus allen Meeren, die zahlreichsten und größten aus der heißen Zone. Die Tiere sind Fleischfresser, aber träge, und treten selten aus dem Gehäuse heraus.
Der Ahnlichkeit des Gehäuses wegen können wir an dieser Stelle Cerithium auf-führen, ein sehr artenreiches Geschlecht, welches in der Vorwelt noch stärker als jetzt vertreten war. Eine wesentliche Abweichung des Gehäuses besteht in dem kurzen, abgestutzten oder längeren, zurückgekrümmten Kanal an der Mündung. Es sind Pflanzenfresser, die meist im Meer, aber auch in den Lagunen, im Brackwasser und an den Flußmündungen sich aufhalten. Gewisse Abweichungen in der Bildung der Reibeplatte der Brackwasserarten deuten an, daß auch Abweichungen in der Nahrungs- und Lebensweise stattfinden. Doch fehlen darüber die Beobachtungen. Den Cerithien ist wieder die Gattung Litiopa nahe verwandt. Obwohl sie, wie Troschel sagt, viel von ihrer Merkwürdigkeit verloren, seit man weiß, daß auch andere Schnecken Fäden bilden, um sich festzuheften, besitzt sie doch diese Spinnkraft in so ausgezeichnetem Grade, daß wir Johnstons von den Beobachtern entlehnte Beschreibung mitteilen wollen. „Es ist eine sehr kleine Schnecke, zwischen Seetang geboren, wo fie bestimmt ist, ihr ganzes Leben hinzubringen. Der Fuß ist von gewöhnlicher Beschaffenheit, doch schmal und kurz, und das Tier würde mithin, ohne anderen Halt, leicht von seinem Sitze abgeschwemmt werden können. Doch ist gegen diesen Vorfall vorgesehen. Denn einer Spinne gleich spinnt es einen Faden aus einer klebrigen, vom Fuße ausschwitzenden Flüssigkeit, um seinen Fall in die Tiefe aufzuhalten und sich die Möglichkeit zu sichern, wieder auf seinen vorigen Platz zurückzukehren. Ist aber der Faden abgerissen, oder findet das Tier wegen Mangels an Nahrung für nötig, seine Stelle zu verlassen, um eine reichere Weide aufzusuchen,fo kann der Faden wieder angeknüpft oder abgelöst werden. In diesem Falle, mag er nun zufällig oder absichtlich erfolgen, tritt ein Luftbläschen, wahrscheinlich aus der Kiemenhöhle, hervor, erhebt sich langsam durch das Wasser, und da die Schnecke es mit Schleim umhüllt hat, so zieht sich dieser in einen Faden aus, wie das Bläschen aufsteigt. Nun hat sie Boje und Leiter, woran sie wieder in die Höhe steigt und hängend abwartet, bis das Bläschen mit dem überall umherschwimmenden Tang in Berührung gekommen ist.“
Die anderen Schnecken, welche ebenfalls spinnen, find ein tropisches Cerithium (Ceèrithium truncatum), das in den Mangle-Sümpfen und Flußmündungen lebt und sich mittels eines klebrigen Fadens an den Zweigen und Wurzeln der Wurzelbäume aufhängen kann. Auch unsere Physa fontinalis kann an einem an der Oberfläche hängenden Faden in die Tiefe steigen. „Und fo hat man auch manche Landschnecke (z. B.Megalomastoma aus den Wäldern von St. Vincent) aus der gummiartigen Aussonderung ihrer Haut eine Leine ausziehen sehen, an der sie sich von Bäumen und Abhängen auf kürzerem Wege herabließ, als sie hinaufgestiegen war.“
Wenn wir von den Bandzünglern ohne Atemröhre noch die kleine Familie der Marsenien (Marseniidae oder Lamellariidae) erwähnen, jo geschieht es, um auf die merkwürdige Farbenanpassung der Gattung Lamellaria aufmerksam zu machen, von der uns Giard berichtet. Diese Schnecken haben eine dünne, hornige, im Mantel verborgene Schale, erscheinen also als Nacktschnecken und halten sich gewöhnlich auf zusammengesetzten Ascidien auf. Wir werden diese letzteren später kennen lernen. Giard erzählt, daß er bei Roscoff Hunderte von Individuen der beiden Arten L. perspicua und L. tentaculata gesammelt habe und immer von neuem erstaunt gewesen sei über die Fähigkeit derselben, sich in der Farbe den verschiedensten Gegenständen der Umgebung anzupassen. Oft, wenn Ascidienkolonien ins Aquarium gesetzt waren, fanden sich am anderen Morgen 5—6 Lamellarien, deren Anwesenheit völlig übersehen war, so sehr hatten sie ihr Außeres mit den Ascidien in Übereinstimmung gebracht. Sie haben aber nicht die Fähigkeit, wie die Kopffüßer, ihre Färbung schnell und willkürlich zu ändern, sondern es bedarf längerer Zeit, ehe die Harmonie mit der Umgebung sich herstellt.
Wenn Lamellaria perspicua unter wie Granit gefleckten Steinen sich aufhält, zeigt das Tier eine graue Färbung mit weißen, braunen und schwärzlichen Flecken. Findet man sie aber auf der roten Ascidie Leptoclinum fulgidum, so ist auch die Schnecke schön einfarbig rot, und es bedarf einiger Aufmerksamkeit, sie von der Unterlage, auf der sie sich wenig erhebt, zu unterscheiden. Auf anderen, anders gefärbten Ascidien sah Giard die Schnecke entsprechend umgewandelt. Ein Gleiches gilt von der anderen Art, die namentlich auf L. perforatum fast nicht zu entdecken ist.
Vergleichen wir die Farbenanpassung der Lamellaria mit dem Farbenwechsel der Sepie (S. 276) und anderer Kopffüßer, so ergibt sich im Wesen derselben ein bedeutender Unterschied. Wir haben es zwar in beiden Fällen mit der sogenannten Maskierung (mimicry, mimetisme)zu thun; aber die Sepie maskiert sich und macht sich unkenntlich, um ihre Beute zu täuschen, wobei sie nur in zweiter Linie zugleich für ihre eigne Sicherung sorgt. Die in Rede stehende Schnecke besitzt dagegen in der Farbenanpassung lediglich ein Sicherungs- und Verteidigungsmittel. Denn obschon die zusammengesetzten Ascidien, auf denen sie sich gern aufhält, einzelnen Raubschnecken als Nahrung dienen, so ist die Zahl ihrer direkten Feinde doch nicht groß, während das Fleisch der Lamellaria ohne Zweifel viel anziehender ist. Noch ungestörter ist letztere natürlich auf Pflanzen und Felsen, indem sie sich ihnen in der Farbe anbequemt. Die Erklärung aller dieser Erscheinungen, d. h. darzulegen, wie diese mehr oder weniger willkürlichen Anpassungen allmählich zu stande gekommen und möglich geworden sind, ist schwierig. Doch reicht in den meisten Fällen das Prinzip Darwins von der natürlichen Zuchtwahl aus.
Wir übergehen eine ganze Reihe von Sippen mit Stillschweigen, über deren Lebensweise wir gar keine bemerkenswerten Notizen haben, und mit deren trockener Aufzählung also nicht gedient wäre, und haben somit die Abteilung der Kammkiemer ohne Atemsipho
geschlossen, welche man von der Form ihrer Reibeplatte als Bandzüngler zusammen—⸗ gefaßt hat. Zu diesen Kammkiemern ohne Atemröhre oder Ausschnitt gehören noch ein Paar wenig umfangreiche Familien, unter denen die der Janthiniden unser Interesse am meisten erregt. Am bekanntesten ist die Blauschnecke (Janthina), mit sehr dünner, bauchiger und bläulich gefärbter Schale (b), fast von der Form der Schnirkelschnecken. Die Blauschnecken leben als Fleischfresser auf dem hohen Meere, können, wenn fie beunruhigt werden und wahrscheinlich auch, wenn sie ihre Beute verwirren wollen, einen Purpursaft zur Trübung des umgebenden Wassers absondern; am berühmtesten aber sind sie durch das so— A genannte „Floß“ (c), eine Anhäufung von g Blasen, welche an ihrem Fuße befestigt ist, und mit deren Hilfe sie sich an der Oberfläche des Meeres halten. Ehe wir die schönen Beobachtungen von Lacaze-Duthiers über die Janthina des Mittelmeeres mitteilen, wird es der Mühe wert sein, über frühere Beobachtungen und Meinungen nach dem Wortlaut von Johnston zu berichten. „Den denkwürdigsten Apparat zum Zwecke des Ortswechsels besitzt unter allen Bauchfüßern unzweifelhaft die
| \ Sippe Janthina. Man hatte sie anfangs für
\0 einen ausschließlichen Bewohner der tropischen Meere gehalten, jedoch später auch einige Arten im Mittelländischen und im Britischen Meere entdeckt. Ihr Wohnort ist die hohe See, auf welcher sie langsam umherschwimmt. Am Hinterteil ihres Fußes nun ist ein großer — = — — blafiger Anhang, von Fabius Columna gg... __ eg ganz passend spuma cartilaginea (knorpe⸗ Tanthina fragilis mit dem Floß, die Unterseite nach oben liger Schaum) genannt, indem die Bläschen gekehrt schwimmend; h von oben gesehen. fo durchsichtig wie die des Schaumes sind,
während ihre Hülle knorpelig oder häutig ist. An diesen Luftblasen hängend, schwebt Janthina leicht auf dem Wasser, ohne jedoch aufs Geratewohl jeder Strömung desselben oder jedem Lüftchen, das über seinen Weg haucht, preisgegeben zu sein, da ihre Richtung durch eine kleine Flosse zu beiden Seiten des Fußes und etwas über dessen Rand gelenkt werden kann. Nur wenn des Sturmes Atem heftig weht, überläßt sich die Schnecke seiner Gewalt und leidet Schiffbruch an ungastlichem Gestade.“ Es war festgestellt, daß das Tier ohne den Blasenapparat an der Oberfläche nicht verweilen könne, daß derselbe bloß mechanisch an den Fuß angeheftet sei und beim Zurückziehen des Tieres nur zum kleinsten Teil in der Schale mit Platz finde; auch hatte ein englischer Naturforscher, Coates, ziemlich genau die Art und Weise angegeben, wie das Floß gebildet und ausgebessert werde, bis Lacaze-Duthiers während eines Aufenthaltes an der afrikanischen Küste bei Lacalle Gelegenheit zu den genauesten Untersuchungen fand. Wir lassen ihn selbst reden. „Starke Nordweststürme hatten eine große Menge der Schaumapparate der Janthinen auf das sandige Ufer der Bai von Bouliff bei Lacalle geworfen, und ich fand dabei auch eine gute Anzahl noch lebender Tiere. Es lag mir daran, sie zu beobachten, und indem ich sie in Aquarien setzte und ihnen reines und frisches Wasser gab, konnte ich sehen, wie
sie ihr vom Sturme und dem Aufschlagen auf das Gestade beschädigtes Floß ausbesserten. Anfangs war ich erstaunt, zu bemerken, wie alle Janthinen, welche die Luftblasen gänzlich verloren hatten, auf dem Grunde des Wassers blieben, obwohl sie vollständig munter waren; wie einige der lebhaftesten mit Anstrengung vermittels des Fußes an den Wänden der Glasbehälter in die Höhe krochen, die Oberfläche erreichten, dort sich rückwärts beugten, aber fast nie dazu kommen konnten, ihr Floß wieder herzustellen, und wie sie endlich unbeholfen wieder zu Boden sanken. Nie sah ich sie nach Art so vieler Schnecken durch Ausdehnung und Zusammenziehung ihres Fußes schwimmen. Möglicherweise ist es auf offenem Meere anders, aber alles scheint anzuzeigen, daß Schale und Tier schwerer wiegen, als daß sie ohne Floß zu schwimmen vermöchten. Zu bemerken ist auch, daß die Tiere am Grunde des Wassers sehr schnell sterben. | „Die vergeblichen Anstrengungen, welche die Tiere machten, um an die Oberfläche zu gelangen oder ihr Floß (ihren „Schwimmgürtel“) wieder herzustellen, veranlaßten mich, sie in eine solche Lage zu bringen, welche sie zu suchen schienen. Gleich meinen Vorgängern hatte ich erkannt, daß zwischen dem Floß und dem Körper kein organischer Zusammenhang bestehe, daß es einfach am Fuße befestigt sei, und daß folglich die eingeschlossene Luft nicht aus dem Körper abgeschieden sein könne, sondern mechanisch in die Bläschen eingeschlossen sein müsse. Man hatte also nach dem Mittel oder Mechanismus zu suchen, wodurch das Tier die Luft in die einzelnen Blasen zu bringen im stande ist. Sieht man genau auf das vordere, dem Kopfe zunächst liegende Ende des Flosses, so kann man ganz gut die Bläschen zählen und Umfang, Gestalt und Lage derselben erkennen. Man kann daher die Vorgänge beobachten, wenn das Tier an der Herstellung und Vergrößerung des Flosses arbeitet. „Der Fuß ist sehr deutlich in zwei verschiedene Abschnitte geteilt. Der hintere, größere, an welchem das Floß sich anheftet, ist flach; der vordere (d) ist vorn abgerundet und bildet durch den Umschlag der Ränder nach unten einen seine Form jeden Augenblick ändernden Kanal. Dieser vordere bewegliche Teil verfertigt das Floß und zwar auf folgende Weise. Er verlängert sich zunächst nach vorn, biegt sich, nach rechts oder links geneigt, nach oben und umfaßt mit seiner Höhlung den vorderen Teil des Flosses, indem er sich eng an dasselbe anschmiegt.“ Es ergab sich, daß der Fuß, indem er über das Wasser hervorgestreckt wird und sich zusammenkrümmt, ein Luftbläschen (e) einschließt und um dasselbe eine Schleimhülle ausschwitzt, und daß er, indem er sich auf das Floß senkt, das Bläschen an das Vorderende desselben andrückt. Die Bewegungen des Fußes wiederholen sich in derselben Reihenfolge, und so wird Bläschen an Bläschen gefügt. Der anfänglich weiche Schleim nimmt bald im Wasser eine festere Beschaffenheit an und konnte in diesem Zustande die Meinung veranlassen, es sei eine knorpelige Masse. Um den Bau des Flosses zu verfolgen, legte Lacaze-Duthiers die Janthinen auf einen Drahthaken und brachte sie so weit an die Oberfläche, wie das Tier sich befindet, wenn es frei mit seinem Flosse schwebt. Alsbald begann die Schnecke aus dem Gehäuse zu treten, ihren Fuß auszubreiten und nach der oben beschriebenen Weise zu arbeiten. In dem Verhältnis, als die Bläschen sich vermehrten, wurde das Tier natürlich leichter und sank weniger ein, es war aber durchaus nicht im stande, sich selbst eher an der Oberfläche zu halten oder dieselbe zu gewinnen, ehe nicht das Floß eine entsprechende Größe erreicht hatte. Mit dem Maße der Schleimabsonderung der Janthina verhält es sich gerade so wie mit dem Spinnstoff der Spinnen; der Fuß liefert ihn nicht ununterbrochen, sondern nur nach Bedürfnis. Übrigens ist das Floß so zerbrechlich und so vielen Gefahren ausgesetzt, daß die Tiere fast immer mit der Ausbesserung desselben beschäftigt sein dürften.