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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Eine weitere Merkwürdigkeit der Janthina ist, daß sie die Eier in kleinen Kapseln an die nach unten gerichtete Fläche des Flosses anheftet; jedoch ist noch nicht beobachtet,

wie sie dabei zu Werke geht. Auch wird nur ein Zufall darüber Aufschluß geben, indem es trotz sorgfältiger Wartung dem in der Behandlung der anderen Seetiere so erfahrenen Lacaze-Duthiers nicht gelang, sie länger als einige Tage am Leben zu erhalten. Alle die zarten Bewohner des hohen Meeres dauern in den Aquarien nicht aus, vornehmlich wohl aus dem Grunde, weil ihnen die passende Nahrung mangelt, abgesehen von der notwendigen äußersten Reinheit des Wohnelementes.

Unsere, von dem genannten französischen Forscher entlehnten Abbildungen werden sich nach dem Gesagten von selbst erläutert haben. Die Bezeichnungen find: a Kopf, b Schale, c Floß, d Fuß, e eine etwas zu stark gezeichnete Blase, welche an den Vorderrand des Flosses angefügt werden soll. Die obere Figur stellt die schwimmende Janthina von der Seite, die untere schwimmend von oben gesehen vor.

Durch die ganz ähnliche Beschaffenheit der Zunge schließen sich die Wendeltreppen— Schnecken an. Das Tier hat den Kopf in eine Schnauze vorgezogen und die Augen stehen am Grunde der zwei langen schlanken Fühler. Der Fuß ist klein. Die weiße, por: zellanähnliche Schale ist turmförmig, und es waren von den Schneckensammlern besonders die Arten hoch im Preise gehalten, deren mit Querrippen versehene Umgänge sich nicht berührten, vor allen Scalaria pretiosa, die von den holländischen Schneckenhausfanatikern mit mehreren hundert Gulden bezahlt wurde. Auch sie sind Fleischfresser und können einen Purpursaft absondern. |

Die wenigen bisher erwähnten fleischfressenden Schnecken lassen nach dem Bau der Zunge und Reibeplatte eher auf eine Verwandtschaft mit den Pflanzenfressern schließen, mit denen sie im allgemeinen auch durch den Mangel eines

AU N Kanales oder Ausschnittes der Schalenmündung überein: N 0055Re 975N stimmen. Nur die Cerithien erschweren durch das Aussehen

| 5 i 97% „ihrer Gehäusemündung die systematische Nettigkeit. Indessen

b | find die sogenannten Ausnahmen das Los der Systematik.

N | Die folgenden Familien find äußerlich kennbar durch den =D NS Atemsipho, womit, wie schon oben erwähnt, ein vorderer \ N Kanal oder Ausschnitt der Schalenmündung verbunden ift. 5 Ihre immer gewundene Schale kann häufig durch einen n De l N a) Trito- hornigen Deckel geschlossen werden. Sie find ausnahmswein ange ae los Seebewohner und fast alle Fleischfresser. Die zunächst vorzuführenden Familien mit Einschluß der Muriciden werden Schmalzüngler genannt, indem die lange schmale Zunge nur drei Reihen von Platten trägt. Gewöhnlich ist an der Mittelplatte, deren vorderer Rand nicht umgeschlagen ist, der hintere Rand mit vorspringenden scharfen Zähnen besetzt.

Die Faltenschnecken (Volutacea) haben ihren Namen von den starken schrägen Falten, welche auf der Spindel verlaufen und den älteren Konchyliologen einen bequemeren Anhaltepunkt gaben, obschon die Tiere selbst keine vollständige Übereinstimmung zeigen. Es find die Gattungen Marginella, Voluta, Cymbium und Mitra, letztere durch den kleinen breiten Fuß von den auf großem Fuße lebenden eigentlichen Volutaceen unter: schieden. Über ihr Leben wissen wir so gut wie nichts, nur allerlei Notizen über den Gebrauch einzelner Arten und den Wert der Gehäuse für die Sammler der früheren Zeit sind vorhanden. So beschreibt Rumph das große Cy mbium aethiopicum, die Kronenschnecke, folgenderweise: „Wenn man diese Walzenschnecke in die Höhe hält, so ist sie einem Panzerhemd oder kaiserlichen Leibrock nicht unähnlich. Die Gewinde nehmen

n De l N a) Tritowein ange ae

an der einen Seite der Schale kaum die halbe Breite ein. In ihr liegt ein großes Tier, welches ein graues hartes Fleisch hat und mit keinem Deckel versehen ist. Die größten Schnecken sind 15— 16 Zoll lang und 9 Zoll breit. Die Eingeborenen legen die ganze Schale auf Kohlen, braten das Fleisch und essen selbiges; den größten Schalen brechen sie die inneren Gewinde aus und machen von dem äußeren Gewinde Tröge und Schüsseln Diese sind ein nützliches Hausgerät, weil sie nicht leicht zerbrechen, und wenn die Indianer daraus gespeist haben, so gebrauchen sie selbige als Schöpfer, um damit das Wasser aus ihren Kähnen zu schöpfen. Die Chinesen nennen diese Schnecke Königshorn und wissen aus dem innersten Gewinde niedliche Löffel zu machen, die aber am besten von dem zu gebrauchen sind, der mit der linken Hand ißt.“

Obwohl diese und ähnliche Notizen zur Naturgeschichte nichts beitragen, sind sie, deren wir bei den älteren Schriftstellern eine große Menge finden, doch deshalb des Mitteilens wert, weil sie einen Einblick in die niedere und Kunstindustrie der Völker gewähren. Es ist erstaunlich, in welcher Ausdehnung durch die Fülle gerade der größeren eßbaren und nutzbaren Weichtiere das Leben der Insel- und Küstenbevölkerungen der heißen Erdstriche erleichtert und verschönert wird. |

Das Gehäuse von Mitra ist fast spindelförmig und hat ein langes spitziges Gewinde. Das Tier hat einen unverhältnismäßig langen Rüssel, und nach Rumphs Angabe könnte es mit der inneren Mundbewaffnung sehr arg verwunden; es seien sogar einzelne Leute an diesem „Stiche“ gestorben. Auch bekomme man bei dem Versuch, die Papstkrone (Mitra papalis) oder die Bischofsmütze (Mitra episcopalis) zu essen, ein „tödliches Würgen“.

Den Stamm einer folgenden Familie bildet die Sippe Olive (Oliva). Das Gehäuse hat große Ahnlichkeit mit dem der a lanschnecke, ist nämlich auch eingerollt, doch sind die Umgänge des kurzen Gewindes sichtbar, mit stets vertieften, rinnensörmigen Nähten. Die Oberfläche ist glatt und glänzend. Das Tier hat einen eiförmigen sehr breiten Fuß, der seitlich über die Schale zurückgeschlagen wird und dieselbe glättet. Der vordere Teil ragt weit über den Kopf hinaus und ist jederseits Schwarze Olive (Oliva maura). Natürliche Größe. durch einen tiefen Einschnitt vom übrigen Teile des Fußes geschieden. Der Kopf ist klein; die Fühler stoßen in einem ziemlich spitzen Winkel zusammen und tragen außen ziemlich entfernt vom Gewinde die Augen. Ihre Spitze läuft in einen dünnen Faden aus. Der Mantel ist vorn nicht nur in eine lange zurückgeschlagene Atemröhre, sondern auch in einen fadenförmigen Anhang, welcher den Grund der Atemröhre umgibt, verlängert, hinten aber in einen Faden, welcher in dem Kanale der Naht des Gehäuses liegt. Sie lieben sandigen Meeresgrund und klares Wasser, kriechen sehr schnell und fressen Fleisch, an welchem sie indes wegen der sehr engen Speiseröhre und der schwachen Zungenbewaffnung nur saugen können. Sie sind in weit über 100 Arten über die südlichen Meere verbreitet.

Schwarze Olive (Oliva maura). Natürliche Größe.

Einen ebenso beschaffenen Fuß und ähnliches Gehäuse, aber nicht mit rinnenförmiger Naht, haben die Ancillen (Ancilla), lebhafte Tiere, welche schlammigen Grund zu lieben scheinen. Daß sie ihren enorm großen Fuß in die Schale zurückziehen können, wird durch das Verhalten des Wassergefäßes in demselben erklärt (s. S. 361).

Auch die Arten der Harfe (Harpa) haben einen sehr großen Fuß, der weit breiter als das Gehäuse ist und auf die doppelte Länge desselben ausgedehnt werden kann. Die schönen eiförmigen, mehr oder weniger aufgeblasenen Gehäuse sind leicht an den parallelen scharfrandigen Längsrippen kenntlich. Schon Rumph hat beobachtet, daß diese Tiere, welche im Indischen und Stillen Ozean leben, bei heftigen Zusammenziehungen den hinteren Teil des Fußes abwerfen können. Weiteres über diese Selbstverstümmelung teilt Oken nach den Beobachtungen von Quoi und Gaymard mit. „Das Erstaunenswürdigste an diesem Tiere ist die Ablösung des hinteren Fußstückes. Die Tiere sind sehr hurtig, kriechen in Gläsern gleich aus der Schale und trüben das Wasser durch ihren Schleim. Kaum beunruhigt man fie, jo machen fie einige Zusammenziehungen und werfen das hintere Viertel ihres Fußes ab, das sich noch einige Augenblicke bewegt. Nachher scheint sich das Tier nicht ganz wohl zu befinden, wenigstens bleibt es längere Zeit zurückgezogen. Diese Trennung, welche durch die geringste Anstrengung erfolgt, scheint keine Zerreißung, sondern nur eine Abschneidung zu sein“, und doch bemerkt man nirgends eine Trennungslinie. Endlich haben wir den Grund davon gefunden. Es läuft nämlich quer durch den Fuß ein großer Wassergang, wodurch diese Stelle schwächer wird und bei einer starken Zusammenziehung sich trennt. Unter 50 Tieren haben wir diese Trennung bei 40 beobachtet.“ Obwohl solche Trennungen und Abschneidungen freiwillig zu erfolgen scheinen, jo wird jedoch ebensosehr bei diesen Weichtieren als bei den durch ihre Selbstverstümmelung berühmten Holothurien ein vom Nervensystem beeinflußter Krampf im Spiele sein. Der verlorene Teil soll sich ungeachtet seiner Größe bald wieder ersetzen.

Ein gemeiner Bewohner der Nordsee, das gewellte Kinkhorn oder Wellhorn (Buccinum undatum), wird gewöhnlich der Charakterisierung der Familie der Buc-einiden zu Grunde gelegt. Eine Abbildung des Gehäuses im Durchschnitt wurde oben (S. 293) gegeben. Das Gewinde der Schale der Bucciniden ist kegelförmig und im Verhältnis zum letzten Umgang klein. Die Mündung läuft in einen kurzen, in die Höhe gebogenen Kanal aus. Die bis 8 em hohe Schale ist kegelig-eiförmig, bauchig und auf den konvexen, längsfaltigen Windungen mit erhabenen Querleisten und feinen Längslinien versehen. Das Tier hat einen platten, vorn abgestutzten Kopf, an dessen beiden Ecken die ziemlich langen Fühler stehen. Außen am Grunde derselben befinden sich die Augen. Der große Fuß ist hinten und an den vorderen Ecken abgerundet. Man kann nicht leicht einige Tage am Strande unserer nördlichen Meere sich aufhalten, ohne unter den Auswürflingen des Wassers die traubenartig zusammenhaltenden gelblichen Eibehälter dieses Tieres zu finden. Die einzelnen lederartigen Beutel sind etwa halb so groß wie eine Erbse und von zusammengedrückter Kugelgestalt. Ein starkes Band vereinigt sie zu einer rundlichen Masse, welche von Ellis „Seeseifenkugel“ genannt wird, indem die Schiffer sich ihrer bedienen, um die Hände damit zu reinigen. Diese Eibehältermassen werden von den Schnecken an verschiedene untermeerische Körper, Steine, Holzstücke, Austern ꝛc., angeheftet, und die Wandungen der Kapseln sind anfangs so dünn und durchsichtig, daß man die

Ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden Verstümmelungsmethoden dürfte nicht stattfinden.

darin eingeschlossenen Eier leicht beobachten kann. Eine jede enthält die erstaunliche Anzahl von 600— 800 Eiern; noch erstaunlicher ist aber, daß nur eine geringe Menge junger Schnecken, etwa 4— 12, aus der Kapsel hervorgehen. Die bekannten norwegischen Naturforscher Koren und Danielssen verfolgten die Entwickelung der Embryonen und stellten die Behauptung auf, nicht aus einem Ei, wie sonst im Tierreich, ginge das Junge hervor, sondern 40 — 150 Eier ballten sich zusammen, um nach dieser Vereinigung sich zu einem Embryo umzugestalten. Es hat sich aber ergeben, daß der Vorgang ein anderer, obwohl nicht minder merkwürdiger ist. Die Anlage des Embryos geschieht aus dem Material eines einzigen Eies. Sobald aber die ersten Organe zum Vorschein gekommen sind, unter ihnen namentlich das schon S. 373 bei Vermetus von uns kennen gelernte Segel und der Fuß, versieht sich das werdende Tierchen mit Mund und Darm, und schluckt nun mit wahrhaftem Heißhunger die es umgebenden, nicht zur Entwickelung kommenden Eier ein. Seine Leibeshöhle wird dadurch so ausgefüllt und zu einer dünnen, durchsichtigen Hülle ausgedehnt, daß der Irrtum, das kleine Wesen sei ein Konglomerat vieler Eier, verzeihlich ist. Die verschluckten Eier dienen also einfach als Nahrung und versehen in diesem Falle die Stelle des sogenannten Nahrungsdotters, d. h. derjenigen Portion des zu einem Ei gehörigen Dotters, welcher im Verlaufe der Entwickelung nicht direkt sich in die Gewebe und Körpersubstanz des Embryos umwandelt, sondern als Nahrung im Darmkanal des jungen Tieres verdaut wird. Die in den Kapseln enthaltenen Eier sind anfänglich von durchaus gleicher Beschaffenheit, und die eigentlichen Ursachen, wodurch nur jene wenigen zur Entwickelung auserwählt werden, unbekannt.

Von den übrigen, den wärmeren Meeren angehörigen Buceinum-Arten kennt man die Entwickelung nicht, doch darf angenommen werden, daß sie denselben Verlauf nimmt.

Das Wellhorn hält sich in der Nähe der sandigen Küsten auf, wo es sich häufig mit Hilfe seines Fußes einbohrt. Dies geschieht, um den dort sich aufhaltenden Muscheln (Pecten opercularis, Arten von Mactra, Tellina, Venus und anderen) nachzustellen. Der eriten soll sich das Buceinum nicht selten dadurch bemächtigen, daß es den Fuß zwischen die geöffnete Schale schiebt, wobei es allerdings riskiert, arg gekniffen zu werden. Jedenfalls geschieht der Angriff auf die Muschel in der Regel durch Anbohren, wie dies auch die meisten anderen fleischfressenden Bauchfüßer thun. Teils um es als einen gefährlichen Feind der eßbaren Muscheln zu verfolgen, teils um es als Köder zu benutzen, wird von den Fischern dem Buccinum undatum eifrig nachgestellt. Johnston sagt darüber: „Zu Port⸗Patrick, wo das Buccinum undatum die Buckiehenne heißt, wird fie zu diesem Ende in Körben gefangen, in welche man Stücke von Fischen legt, und die man eine Viertelmeile vom Hafen oder dem alten Schlosse etwa 10 Faden tief ins Meer hinabläßt, dann aber täglich wieder heraufzieht, um die Schnecken herauszunehmen, welche hineingekrochen sind, um die Fischstücke zu verzehren. Jede Schnecke liefert Köder für zwei Angeln, so daß, wenn man die von allen Booten ausgeworfenen Angeln zusammen auf 4500 anschlägt, so lange, als dies geschieht, täglich 2250 von diesen großen Schnecken zerstört werden müssen, wozu jährlich nicht weniger als 700,000 nötig sein werden. Und obwohl dieser Bedarf größtenteils nur von einem kleinen Raume gewonnen wird, so scheint davon doch ein grö— ßerer Überfluß als je dort vorhanden zu sein.“

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