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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 24

Von den verwandten Gattungen sei nur die südeuropäische Pomatias, mit turmförmigem, geripptem Gehäuse, angeführt. Aus der Familie der Heliciniden mit der arten: reichen Helicina und anderen Gattungen besitzt Europa gar nichts, wohl aber aus einer dritten, den Acikuliden, vier Arten der Gattung Acme (Spitzschnecke). Diese haben ein kleines turmförmiges, beinahe cylindrisches Gehäuse mit dünnem, durchsichtigem Deckel. Das Tier hat zwei schlanke, cylindrische Fühler, an deren Wurzel hinten die Augen liegen. Es sind kleine, niedliche Schneckchen, einige Millimeter hoch, welche unter Blättern und Moos am Boden leben, am liebsten an den Wurzeln von Gesträuchen. |

Auch Ampullaria ist ein Bindeglied zwischen den Lungenschnecken und der folgenden Ordnung, neigt sich aber noch weiter zur letzteren hin, indem diese Gattung Lungen und Kiemen zugleich besitzt, also abwechselnd für die Luft- und Wasseratmung geeignet ist. Von den über 50 Arten wissen wir nur so viel, daß sie in den Süßwassern der heißen Striche Amerikas, Afrikas und Ostindiens leben, und daß sie während der heißen Jahreszeit im trockenen Schlamme die Regenzeit wieder abwarten müssen. Eine Anzahl Individuen, welche der bekannte französische Naturforscher d'orbigny zu Buenos Ayres in Kisten verpackte, waren nach 8 und selbst nach 13 Monaten noch am Leben. Im Hintergrunde der sich auf der rechten Seite nach außen öffnenden Kiemenhöhle liegt eine Reihe blattförmiger Kiemenblätter, und in der Decke der Kiemenhöhle findet sich eine große Offnung, welche in eine andere Höhle von gleicher Ausdehnung führt, als die unter ihr gelegene. Sie kann abgeschlossen werden und dient als Lunge.

Mehrere Gattungen haben von der Gestalt ihres napfförmigen Gehäuses den Familien: namen Mützenschnecken (Capulidae) erhalten. Die Mündung ist sehr weit, ganz:

| randig und ungedeckelt, die

Spitze oft durch eine kleine halbe oder ganze Windung unsymmetrisch. Am bekanntesten ist die ungarische

Mütze (Capulus hungaricus) aus dem Mittelmeere und der Nordsee. Man sieht im Grunde des Gehäuses, wie bei fast allen so gestalteten Schnecken, eine hufeisenförmige Figur, die Ansatzstelle des sehr ent: wickelten Schalenmuskels. Gosse teilt mit, daß er diese „Freiheitskappe“(Cap of Liberty), eine der selteneren Schnecken der nörd—

Seestern mit schmarotzender Thyca ectocon; a) letztere vergrößert. lich gemäßigten Meere, am häufigsten von Weymouth und Tenby aus einer Tiefe von 30 —50 Faden erhalten habe. Verwandt ist Calyptraea, eine derjenigen Sippen, deren Schale inwendig durch ein eigen: tümliches Blatt geteilt ist. Hier hängt vom Gewölbe des erhabenen zentralen Wirbels innen ein Kalkblatt in Gestalt einer der Länge nach in der Mitte durchgeschnittenen Tüte herab. und ist an der rechten Seite festgewachsen. Auch dadurch ist die Gattung bemerkenswert,

Seeſtern mit ſchmarotzender Thyca ectocon; a) letztere vergrößert.

daß das Tier mit der Sohle des Fußes auf dem fremden Körper, auf welchem es aufsitzt (wie auch einige Capulus-Arten), eine kalkige Platte absondert. Entgegen den meisten Weichtieren, welche sich um die gelegten Eier nicht mehr kümmern, finden wir bei Calyptraea eine Brutpflege, welche an die Sorgfalt erinnert, mit welcher die Rüsselegel sich ihrer Jungen annehmen. Die Calyptraea scheint buchstäblich auf ihren Eiern zu sitzen und zu brüten, wie vor langen Jahren schon Milne Edwards an mittelmeerischen Arten beobachtete. Die Mutter ordnet die Eier unter ihrem Bauche und bewahrt sie zwischen dem Fuße und dem fremden Körper, auf welchem sie ruht, so daß ihre Schale nicht allein sie selbst, sondern auch ihre Nachkömmlinge bedeckt und beschützt. Die jungen Calyptreen entwickelnsich unter diesem mütterlichen Dache, welches sie nicht verlassen, bis sie Stärke genug haben, um sich selbst an den Stein zu befestigen, und bis ihre eigne Schale hart genug ist, um ihnen Schutz zu gewähren. Die Eier sind zu 6— 12 an der Zahl in häutige elliptische und abgeplattete Kapseln eingeschlossen, welche Kapseln verschiedener Gestalt man besonders bei den fleischfressenden Schnecken trifft. Sechs bis zehn Kapseln machen einen Satz aus und sind durch einen Stiel so miteinander verbunden, daß sie einer Art Federbusch gleichen.

In diese Familie gehört auch eine merkwürdige, auf Seesternen schmarotzende Schnecke des Indischen Ozeans (Thyca ectocon), die uns die nebenstehende Abbildung in natürlicher Größe auf ihrem Wirt und vergrößert daneben isoliert zeigt.

Den Mittelpunkt einer anderen Familie bildet die artenreiche Sippe Natica. Ihr Gehäuse ist kugelig oder eiförmig, mit halbkreisförmiger Mündung; die Außenlippe schneidend, innen glatt, die Innenlippe schwielig. Daß das Tier beim Ausstrecken des Fußes denselben durch Aufnahme von Wasser zu unverhältnismäßiger Größe anschwellen kann, haben wir schon S. 361 erwähnt. Sie bedienen sich desselben, um sich in den Sand einzubohren, dann aber auch, um damit ihre Beute ganz zu bedecken. Es sind nämlich Fleischfresser, welche besonders andere Schnecken angehen und mit Hilfe der Reibeplatte ihre Schalen vollkommen kreisrund durchbohren. Auch sagt ein englischer Zoolog, daß sie sich vorzugsweise bei der Vertilgung toter Fische und anderer, von den Wellen ans Ufer gespülter Tiere beteiligen. Sie gehören also unter diejenigen nicht zahlreichen Schnecken, welche man wegen des Mangels eines Kanals oder Ausschnittes an der Mündung eher für Pflanzenfresser zu halten hätte. Sehr merkwürdig sind ihre Eierklumpen, welche man lange Zeit für eine Gattung polypenartiger Tiere gehalten. Neben den vielen (gegen 200) seebewohnenden Arten ist eine, Natica helicoides, zugleich als See- und Süßwasserbewohner bekannt geworden. Zuerst im Inneren von Neuspanien entdeckt, ist sie dann an der Peruanischen Küste in einer Tiefe von 30 Faden gefunden.

Wer sich an felsiger Meeresküste mit dem Einsammeln von Pflanzen und Tieren beschäftigt und, um ungeniertzu sein, sich der Fußbekleidung entledigt hat, wird nicht selten durch blutige Füße sich seine Ausbeute erkaufen müssen. Es gibt, wie ich z. B. am flachen Felsengestade der herrlichen Anhöhe von El Canon auf Korfu erfuhr, und wie Lacaze— Duthiers von einer Bucht des prächtigen Hafens von Mahon erzählt, Stellen, welche dicht mit mehr oder weniger unregelmäßigen Kalkröhren von großer Festigkeit und mit so scharfer Mündung bedeckt sind, daß nur der lebhafte Eifer zur Wissenschaft die Pein überwinden hilft, auf dieser wie aus Dornen und Messern zusammengesetzten Unterlage nach Pflanzen und Getier zu suchen. Wir haben es nicht, wie der erste Anblick glauben machen 24 *

könnte, mit einem Wurme aus der Familie der Serpeln zu thun, sondern mit der Wurmschnecke (Vermetus) und ihren Gehäusen, einem der Weichtiere, deren fremdartige abweichende Gestalt sie scheinbar weit von ihren nächsten Verwandten entfernt, während die Zergliederung des erwachsenen Tieres, vor allem aber der Gang der Entwickelung uns über die wahre Natur dieser abschweifenden Formen Aufschluß geben.

Es würde schwer fein, aus den leeren Schalen, welche bei den meisten Arten (z. B. Vermetus gigas und V. triqueter) weiß, bei einer ebenfalls im Mittelmeer häufigen Art (V. subcancellatus) schwarz und bei der gewöhnlichen Wurmschnecke (V. lumbricalis, s. untenstehende Figur) rötlichgelb und durchscheinend sind, auf die Tierklasse zu schließen. Zwar der immer der steinigen Unterlage angewachsene Anfangsteil ist regelmäßig spiralig gewunden, gleich einer Turm: schnecke. Nach einer gewissen Anzahl von Umgängen aber wird die sich erweiternde Röhre unregelmäßig, und da es nun auch verschiedene Arten von Röhrenwürmern der Sippe Serpula gibt, deren Kalkwohnungen ganz ähnlich gewunden sind, so ist jedenfalls die bloße Schale ein sehr trügerischer Wegweiser. Man kommt aber bald über das Tier ins reine, wenn man die Geduld hat, in unbequemer Lage am Strande zu warten, bis es den Kopf hervorstreckt, wenn man es nicht vorzieht, mit dem Spitzhammer, welcher bei zoologischen Ausflügen nie fehlen darf, einige Tiere mit einem Stück ihrer Unterlage abzupergkößert sprengen, um fie. in einem größeren Ge: fäß nach Hause zu tragen und dort mit Muße ihre sehr einfachen Lebensäußerungen zu beobachten. Die Wurmschnecke kann sich tief in ihre Röhre zurückziehen. Macht fie Anstalt, sich umzusehen, jo kommt über der Schalen: öffnung zuerst eine Art von Stöpsel zum Vorschein, auf dessen oberer abgerundeter und glatter Fläche sich eine kleine hornige Platte befindet. Gerade so sieht der Fuß und der Deckel bei manchen anderen Seeschnecken im Zustande der größten Zusammenziehung aus. In unserem Falle behält der Fuß aber diese Stoppelform auch nach dem Hervorstrecken bei. Auch ein kleiner Einschnitt zwischen Fußwurzel und Körper ist so, wie bei den unten zu beschreibenden Purpur- und Kreiselschnecken, vorhanden. Nun folgt ein sehr plumper, durch die starke Entwickelung der Schlingwerkzeuge aufgetriebener Kopf, welcher durch den Besitz von zwei Fühlhörnern und den am Grunde derselben stehenden Augen die Legitimation der Schnecke vollendet. Die beiden vorderen fadenförmigen Organe sind keine Fühler, sondern bloße Verlängerungen der Lippe. Der Kopf läßt sich um so genauer betrachten, als das Tier, mutiger als alle übrigen Schnecken, beim Berühren sich nicht schleunig in sein Gehäuse zurückzieht, sondern sowohl, wie Lacaze-Duthiers mitteilt, von weichen, vorgehal-tenen Gegenständen Stücke abbeißt, als auch härtere mit dem Munde umfaßt und mit einer gewissen Gewalt zurückhält. Ich muß gleich hier bemerken, daß über die Nahrung der Vermeten nichts bekannt ist; höchst wahrscheinlich sind sie Fleischfresser, denen die an ihnen herumkriechenden Tiere zum Opfer werden. Zahlreiche Würmer und Krebschen befinden sich immer in ihrer nächsten Nähe.

pergkößert

Kopf und Fuß können ganz von dem sackförmigen Mantel eingehüllt werden. Spaltet man denselben, so kommt auf der linken Seite die gestreckte kammförmige Kieme zum Vorschein. Unsere Abbildung zeigt das Tier zwar aus den Windungen der Schale herausgenommen, aber mit derselben noch durch den bekannten Schalenmuskel in Verbindung, und so lehrt uns denn die einfachste Untersuchung, wie der scheinbare Wurm in jeder Beziehung eine Schnecke, und zwar ein Kammkiemer ist. Vergleicht man die Ausdehnung des die Geschlechtsorgane und die Leber enthaltenden Hinterleibes mit demselben Abschnitte anderer Schnecken mit langem Gewinde, so ist der Unterschied ein ganz unerheblicher.

Schon wiederholt hat uns die Entwickelungs- und Verwandlungsgeschichte der niederen Tiere, mit welchen dieser Band sich beschäftigt, das Interesse ersetzen müssen, welches bei so vielen höheren Tieren die mannigfaltigen Lebensgewohnheiten und Instinkte erwecken. Namentlich haben wir gesehen, wie die festsitzenden Tiere oft ganz erstaunliche Formumwandlungen durchmachen, im Verlaufe welcher sie mehr und mehr unerkennbar werden und Ursprung und Verwandtschaft verleugnen. Obwohl Vermetus so weit nicht geht, bietet seine Fortpflanzung und Entwickelung doch des Interessanten genug. Als echter Kammkiemer ist auch diese Gattung getrennten Geschlechtes. Da eine unmittelbare Annäherung der Geschlechter nur durch einen reinen Zufall der Ansiedelung neben- und aufeinander herbeigeführt werden könnte, so findet eine Begattung nicht statt, sondern die Befruchtung ist dem Zufall und der Vermittelung durch das Wasser überlassen. Der Ausdruck Zufall paßt eigentlich in diesem und den meisten ähnlichen Fällen nicht. Man findet zur bestimmten Jahreszeit, nämlich in den Sommermonaten (vielleicht auch im Winter), die Weibchen mit Eierlegen beschäftigt; überall, wo Ansiedelungen von Vermeten sind, muß das umgebende Wasser Millionen und aber Millionen befruchtender Samenelemente enthalten, und müssen viele derselben nicht zufällig, sondern mit positiver Sicherheit in die Röhren der Weibchen geraten. Die frei lebenden Schnecken pflegen ihre Eier nicht dem Treiben der Wellen zu überlassen, sondern fie in bestimmter Weise irgendwo anzuheften. Das Vermetus-Weibchen hat die Wahl, entweder das erstere zu thun, oder sie, da ihnen die freie Bewegung nicht gestattet ist, bei sich zu hüten. Das letztere geschieht. Es bildet eine Reihe blasenförmiger Behälter, welche im Gehäuse auf kurzen Stielen befestigt sind und je 10 -30 Eier enthalten. Der erste dieser Kokons wird am nächsten bei der Mündung abge: setzt; er ist der größte, indem der Umfang mit dem Wachstum der Embryonen zunimmt. Obschon die Aufeinanderfolge der Organe in ihrer Entwickelung im Ei bei den verschiedenen Abteilungen der Schnecken nicht ganz übereinstimmt, so pflegen doch der Fuß und das sogenannte Segel am frühesten zu erscheinen, auch der Mantel und die Schale. Das geschieht auch beim Vermetus, aus dessen Entwickelung wir leider nur einen späteren Zustand haben abbilden können, der uns das Segel in voller Entwickelung zeigt. Das Segel besteht aus einem Paar halbkreisförmiger Lappen zu beiden Seiten des Mundes, deren Rand mit langen Wimpern besetzt ist. Schon im Ei sind diese thätig, und der erstaunte Beobachter sieht das Tier in der Eiflüssigkeit in spiraliger Bewegung. Der Fuß des jungen Vermetus ist beim Verlassen des Eies so wohl ausgebildet, wie man es nur von einer Schnecke verlangen kann. Die wichtigeren Organe, welche man sonst noch am Embryo sieht, sind Fühler, Augen, Mantel, Speiseröhre, im Mittelkörper der Magen und hinten die Leber. Was uns aber außer dem Segel am meisten auffällt, ist die zierliche rechtsgewundene Schale, welche unser Tierchen am besten als eine wahre Schnecke charakterisiert.

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