Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
kommen. Mehr nach der linken Seite liegt die Männchen von Litoridina Gaudichaudii mit aufgeschnitkammförmige, aus einzelnen schmalen Blättchen tener en e een 5 10 an b) zusammengesetzte Kieme (h) und hinter ihr das Scgheimdrͤ se, g)Miere1)Aieme, ) Herz.Matül, Grohe aus zwei Abteilungen, Vorkammer und Kammer, bestehende Herz (1). Alle diejenigen Schnecken, bei welchen, wie hier, die Kieme vor dem Herzen und dann also die Vorkammer vor der Kammer liegt, werden Vorderkiemer genannt. Vom Herzen aus verbreitet sich das Blut durch besondere Arterien in den Körper; bei den meisten Schnecken scheint es aber keine eignen, mit besonderen Wandungen versehene, das Blut dem Atmungsorgan zuführende Gefäße oder Venen zu geben, sondern das Blut zirkuliert in diesem zweiten Abschnitt seines Laufes in bloßen gefäßartigen oder auch höhlenförmigen Erweiterungen der Körpersubstanz, und in vielen Fällen ist nachgewiesen, daß durch die Niere reines Wasser in das Blut aufgenommen oder mit Wasser stark verdünntes Blut ausgeschieden werden kann. Im Zusammenhang mit dieser Verbindung der inneren größeren venösen Bluträume mit der Außenwelt steht eine Einrichtung, welche das ausgezeichnete Schwellvermögen des Fußes vieler Weichtiere und auch der meisten Vorderkiemer erklärt, und deren Kenntnis für die richtige Auffassung verschiedener Formveränderungen und Bewegungen dieser Tiere unentbehrlich ist. Im Fuße einer ganzen Reihe von Gattungen ist eine Offnung entdeckt, welche in ein weitverzweigtes Kanalsystem dieses Körperteiles führt und von dort aus auch mit der venösen Körperbluthöhle kommuniziert. Beim Entwickeln
des Fußes aus dem Gehäuse wird durch jene Offnung Wasser in denselben aufgenommen, und dadurch ist es möglich, daß er eine Ausdehnung annimmt, welche mit der Weite des Gehäuses in keinem Verhältnis steht. Beim Zurückziehen des Fußes fließt das Wasser einfach wieder aus. Einen entscheidenden Versuch darüber machten Agassiz und andere mit der großen Natica heros. Setzte man ein Exemplar dieser Schnecke mit eingezogenem Fuße in ein bis an den Rand gefülltes Glas Wasser, so entfaltete das Tier den ganzen Fuß ohne die geringste Niveauänderung des Wassers. Die Entfaltung konnte also nicht etwa geschehen durch eine bloße mit Volumenvergrößerung verbundene Ausdehnung der Körper: gewebe, sondern der Fuß mußte sich wie ein Schwamm voll Wasser saugen und konnte nur dadurch zu seiner erstaunlichen Größe anschwellen. Ganz dieselben Resultate ergaben zahlreiche Versuche mit Schnecken und Muscheln, die in graduierten Glasröhren beobachtet wurden, und bei deren Bewegungen unter Wasser nie ein das Ausstoßen und Einziehen begleitendes Steigen oder Fallen des Wassers sich zeigte. Wir empfehlen zu diesem ebenso einfachen als interessanten und lehrreichen Experiment unsere größeren Fluß- und Teichmuscheln.
Die Masse der hierher gehörigen Tiere, etwa 8000 lebende Arten, ist so groß, daß man die Familien in einige untergeordnete Gruppen und Unterordnungen zusammenzustellen genötigt ist, leider wiederum von sehr ungleicher Ausdehnung. Die Mehrzahl, zu der wir uns zunächst wenden, bilden die Kammkiemer (Ctenobranchiata). Wir werden uns bei den allgemeinen Angaben über diese und die folgenden Gruppen an die auf der umfassendsten Berücksichtigung der wissenschaftlichen Ergebnisse fußende Darstellung von Keferstein halten und meist wörtlich seinen oder Philippis Charakteristiken folgen.
Bei allen Kammkiemern liegt die Atemhöhle auf dem Nacken und enthält eine große Kieme, neben welcher sich noch eine keinere, rudimentäre, die Nebenkieme, befindet. Vorn an der linken Seite streckt sich bei vielen Kammkiemern der Mantel als eine unten ausgehöhlte Rinne, Atemsipho oder Atemröhre, vor und leitet das Wasser in die Atemhöhle; bei anderen fehlt ein solcher Fortsatz. Der leichteren Übersicht halber empfiehlt es sich, die Familien mit und ohne Atemsipho zusammenzustellen, zumal man dafür auch an der Schale ein Kennzeichen hat. Diese besitzt nämlich, falls eine Atemröhre vorhanden, an der Mündung einen röhrenförmigen Fortsatz oder einen Ausschnitt. Die Geschlechter sind immer getrennt und die Männchen meist an den an der rechten Seite des Halses weit hervorragenden Begattungswerkzeugen zu erkennen.
Unsere Tiere sind teils Pflanzen-, teils Fleischfresser, letztere meist durch den Besitz eines Rüssels und eines Atemsiphos ausgezeichnet. Wir beginnen mit den Familien, deren Schalenmündung ohne Ausschnitt oder Kanal ist, und welche meistens Pflanzenfresser sind. Inwiefern die Reibemembran für die einzelnen Familien und Familiengruppen charakteristisch, soll an einzelnen Arten erläutert werden.
Bei den Paludinaceen (Paludinacea) hat das Tier eine kurze, nicht zurückziehbare Schnauze, zwei lange und schlanke Fühler, an deren Grunde außen die Augen sitzen. Die Reibemembran ist lang und schlank und liegt zum Teil in der Höhle für die Eingeweide; sie trägt in der Mittellinie eine Reihe Zähne und jederseits drei Reihen Haken. Alle Schnecken mit jo beschaffener Zunge werden Bandzüngler (Taenioglossa) genannt.
Mit der Sumpfschnecke (Paludina) kehren wir wieder zu unseren stehenden und fließenden süßen Gewässern zurück. Ihre Gehäuse sind eiförmig oder kugelig⸗kegelförmig, mit stark gewölbten, durch eine tiefe Naht vereinigten Umgängen und einem hornigen, konzentrisch gestreiften Deckel. Die allgemeinen Lebensverhältnisse gibt Roß mäßler so an:
„Die Paludinen leben in Gräben, Tümpeln, Teichen, Flüssen, namentlich der nördlichen Halbkugel, seltener der südlichen, wo sie durch die Ampullarien ersetzt werden; meist halten sie sich am Boden der Gewässer auf, wo sie im Schlamme und an den Stengeln und Blättern der Gewächse herumkriechen. Bei warmem Sonnenschein kommen sie auch wohl an die Oberfläche, wo sie zuweilen, wie die Limnäen, am Wasserspiegel mit abwärts gekehrtem Gehäuse hinkriechen. Das Tier kann sich nicht so weit aus dem Gehäuse herausstrecken, als die Limnäen, wobei der auf der Oberseite des Fußes angeheftete Deckel weggehoben wird und mit dem Fuße hinter das Gehäuse zu liegen kommt, dessen Wölbung des letzten Ummit embryonalem Stachelbesatz. Natürliche Größe.
ganges dann darauf ruht. Wenn sich das Tier dann wieder in das Gehäuse zurückzieht, wird die Sohle in der Mitte zusammengebrochen und zusammengelegt wie ein Buch.“ Die größte unserer einheimischen Arten, die lebendig gebärende Sumpfschnecke (Paludina vivipara), wird fast 4 mm hoch. Auch bei ihr sollen, wie bei den anderen Arten, die weiblichen Exemplare etwas größer als die Männchen sein, doch hat man an der Schale kein Zeichen, daß das Tier ausgewachsen. „Den ganzen Sommer hindurch kann man den Eiersack voll Embryos und Eier in den verschiedensten Entwickelungsperioden finden, da die Geburt der Nachkommenschaft nicht auf einmal, sondern allemal von nur je einem Jungen erfolgt. Der zur Geburt reife Embryo hat schon ein 3 Linien langes und ebenso breites Gehäuse von vier Umgängen. Der Deckel ist sehr dünn und hat schon vollkommen die konzentrischen Wachstumsringe, die er durch das gleichmäßige Wachstum mit dem Gehäuse erhalten hat.“
Auch die kleinere lebendig gebärende Achat-Sumpfschnecke (Paludina achatina) hat im Eihalter schon vollständig entwickelte Junge. Sie liebt mehr das fließende Wasser und kommt in der Elbe, Spree, dem Rhein und der Donau vor. Wir geben umstehend
eine der Querreihen aus der Reibeplatte in starker Vergrößerung. Kleine Unterschiede machen sich bei den anderen Arten bemerklich, teils in der Form der einzelnen Zähnchen und Plättchen, teils in der gegenseitigen Stellung. Die dritte der in Mitteleuropa gemeinen
Art ist die unreine Sumpfschnecke (Paludina impura), so genannt, weil ihr an sich durchscheinend glattes und glänzendes, hellgelbliches Gehäuse meist mit einem nach der Beschaffenheit des Wassers wechselnden Überzug bedeckt ist.
Hier nun ist der Ort, auf Beobachtungen, welche Simroth über die Atmung und die Atmungsorgane der Wasserlungenschnecken und Sumpfschnecken gemacht hat, näher einzugehen und sie an der Hand seiner eignen Mitteilungen zu erörtern. Er hatte den Apparat der Luftatmung gewissermaßen vor unseren Augen zum Kiemenorgan der Sumpfschnecke werden lassen, durchaus entgegen der allgemein angenommenen Ansicht, daß unsere Lungenschnecken die Nachkommen von Kiemenschnecken seien und keine der jetzigen Kiemenschnecken jene zur genealogischen Voraussetzung habe. Wir hörten von Simroth, daß der Trichter des Lungeneinganges sich bei der Paludine in einen langen Spalt erweitert habe.
Mit dieser Erweiterung, belehrt er uns ferner, ist auch jenes Sinnesorgan, welches Lacaze-Duthiers entdeckte, indem es bei der zurückgehenden Luftatmung feine Bestimmung verlor und rudimentär wurde, entne. Be dau, sprechend weiter gerückt und hat eine auf: /: SITA // 5 RE: 8 ö fällige Verschiebung des ganzen Nerven: /6 8 \ \ systems zur Folge gehabt, welche wohl nur 1 \ iR | jo erklärt werden kann. Zu diesen Hin- . 0 zT weisen auf eine nahe Verwandtschaft kommen — a | zahlreiche andere. Der Mund, der bei den e ne e chhat⸗Sumpf- echten Landschnecken nur einen starken Kiefer quer über den Eingang ausspannt, läßt diesen bei den Wasserpulmonaten mehr zurücktreten, fügt aber dafür zwei kleinere seitliche hinzu, wie sie bei den Vorderkiemern sich meistens gleichfalls finden. Sie setzen die horizontale Mundspalte mehr in eine vertikale um, und Planorbis zeigt schon ganz deutlich den Übergang zur Schnauze der Paludina. Von den beiden Hautlappen, welche bei den Wasserlungenschnecken die Mundöffnung überdecken, hat jüngft Ray-Lancaster bewiesen, daß sie auf eine embryonale Wimperschnur, die als sogenanntes Velum oder Segel den Kopf der jungen Schnecke einsäumt, zurückzuführen sind. Dieses Segel fehlt den echten Lungenschnecken, ist dagegen besonders entwickelt bei den Embryonen der Vorderkiemer (s. unten bei Vermetus), bei welchen es indes später spurlos verschwindet, außer bei der Sumpfschnecke. Bei dieser entsprechen ihm zweifelsohne ein Paar ähnliche Hautlappen wie bei Limnaea und Planorbis und mehr seitlich von der Schnauze. Ebenso stellen sich Wasserlungenschnecken und Vorderkiemer gemeinschaftlich durch das Fehlen der embryonalen Schwanzblase (S. 337) den damit versehenen Landschnecken gegenüber.
Indem Simroth auch in der Beschaffenheit der Fortpflanzungsorgane und der Art der Begattung die vermittelnde Stellung der Wasserlungenschnecken nachweist, gibt er das Problem der Erwägung anheim, ob nicht, woran noch niemand gedacht, wenigstens ein Teil der Vorderkiemer ihre Abstammung ähnlichen Wasserlungenschnecken verdanken, wie unsere heutigen sind. So sinnreich diese Annahme auf der einen Seite, widerspricht sie doch anderseits so ziemlich allen Erfahrungen, welche man bezüglich des Verhältnisses der Land- und Süßwassertiere zu den Seebewohnern gemacht hat. Auch kommen nunmehr die reichen Beobachtungen in Frage, welche von Ihering über das Nervensystem und andere Organe der Weichtiere gemacht hat. Es ist durch ihn festgestellt, daß die Wasserlungenschnecken einen anderen Ursprung haben müssen als die Landschnecken, und es ist ihm
gelungen, gerade aus der verschiedenen Beschaffenheit der Atmungshöhlen den Beweis herzuleiten. Da so zahlreiche Naturfreunde ihre Mußestunden als Konchyliologen ausfüllen, haben wir diese gewiß anregenden Beobachtungen und Folgerungen mitteilen zu sollen geglaubt und lenken nun wieder ein in die bloße Schilderung.
An die Paludinen schließt sich inBau und Lebensweise Melania sehr eng an, eine artenreiche, besonders in den Gewässern der heißen Zone lebende Sippe, deren sehr verschieden gestaltetes Gehäuse meist mit einem glatten, schwarzen Überzug bedeckt ist. Auch die Kammschnecke (Valvata) ist eine solche nächste Verwandte. Es find kleine Schnecken, welche fast nur in den süßen Gewässern Europas und Nordamerikas vorkommen. Sie pflegen ihre kammförmig gefiederten Kiemen wie einen kleinen Federbusch aus der Kiemenhöhle herauszustecken. Eine der häufigsten ist Valvata piscinalis.
Bei den nun folgenden, mit zu den Paludinaceen gerechneten Sippen ist das Tier im erwachsenen Zustande dem der vorigen Gattungen ähnlich, die Entwickelung ist aber dadurch komplizierter, daß die Jungen, gleich denen fast aller Seeschnecken, mit zwei großen bewimperten Mundlappen versehen sind, mit Hilfe welcher sie behend schwimmen können. — Durch Kleinheit und Zierlichkeit ist die artenreiche Rissoa ausgezeichnet, die meisten, wie die in nebenstehender
Figur abgebildete gerippte Rissoe (Rissoa costata), mit turmförmigem Gehäuse mit eiförmiger Mündung und ebensolchem hornigen Deckel. Das Tier hat eine rüsselförmige, ausgerandete Schnauze und doppelt so lange ' fadenförmige Fühler. Gerippte Rissoe Wenn man Rissoa in dem weiteren Sinne nimmt, wie die Spezial: Nat.Großeundver. zoologen des heutigen Tages die Familie der Rissoiden, fo find davon, mit Einschluß der fossilen, ein halbes tausend Arten beschrieben. Kein Wunder daher, wenn das Studium dieser einen Sippe einen Forscher, wie Schwarz von Mohrenstern in Wien, ausschließlich beschäftigt. Derselbe spricht sich über das Vorkommen dieser Tierchen so aus: „Ihre Hauptnahrung besteht in Seetang, weshalb sie auch in der Laminarienzone am häufigsten getroffen werden. Sie sind flink und frei in ihren Bewegungen, kriechen ziemlich schnell, wobei sich die Fühler abwechselnd nach rückwärts und vorwärts bewegen. Bei einigen hat man das Vermögen beobachtet, in umgekehrter Stellung mit dem Fuße nach oben an der Oberfläche des Wassers sich fortzubewegen, und nach Grays Beobachtungen besitzt Rissoa parva sogar die Eigenschaft, klebrige Fäden zu spinnen, mit welchen sie sich an die Seegräser befestigt, um sich gegen den Andrang der bewegten Wasser zu schützen und zugleich, um ihren Standort mit mehr Sicherheit verändern zu können. Sie werden in allen Tiefenregionen gefunden, bis zu einer Tiefe von 105 Faden doch die Mehrzahl in den oberen. | „Ihre Heimat find die gemäßigten Klimate, doch werden fie einzeln auch in den meisten Meeren getroffen, und nur die verlängerten Formen, die Rissoiden, gehören ausschließlich wärmeren Meeren an, während die dünnschaligen ohne Mundwulst mehr dem Norden zukommen. Daß die eigentliche Heimat von Rissoa (im engeren Sinne) der südliche Teil der nördlichen gemäßigten Zone ist, zeigt der Formenreichtum des Mittelmeeres, in welchem die meisten, größten und entwickeltsten Arten vorkommen.“