Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Minderzahl gegen ihre Gatten seien, ist wohl nicht viel zu geben, da andere dieses Mißverhältnis nicht gefunden haben. Die Eier werden, wahrscheinlich wie bei den übrigen Pteropoden, in langen Schnüren frei ins Wasser gelegt. Die gefangen gehaltenen Individuen ließen sich, wie Gegen baur gelegentlich seines Aufenthaltes und feiner Forschungen in Messina angibt, nie zum Eilegen herbei, doch fängt man die Larven auf den verjchie-denen Stadien der Ausbildung mit dem feinen Netze an der Wasseroberfläche.
Carinaria ist eine in manchen Beziehungen sich an Atlanta anschließende, in wid): tigen anderen aber den Übergang zur dritten Hauptform der Kielfüßer bildende Gattung. Auch Carinaria hat ein Gehäuse. Dasselbe ist überaus dünn, glasartig und sehr rasch in einer Ebene aufgewunden, so daß die letzte Mündung an Umfang und Raum weit das Gewinde überwiegt. Es ist darin aber nur für den sogenannten Kern Platz, der aus der Leber und dem Eingeweideknäuel besteht, während die Kiemen über den Rand hervorragen. Der größte Teil des Körpers bildet eine spindelförmige Masse, von welcher der vordere Teil dem Kopfe der Atlanta und der hintere demjenigen Fußteil der Atlanta entspricht, welcher den Deckel trägt. Am Grunde des Kopfes sieht man zwei lange, spitze „Fühlfäden, hinter welchen die Augen liegen. In dem runden Anfange am Bauche erkennt man sogleich den Kiel oder die Flosse mit dem Saugnapfe. „Die nach oben gekehrte Flosse“, sagt Keferstein, „bewegt durch Hin- und Herschlagen, wobei sie sich windschief biegt, das Tier langsam, aber stetig fort. Der Schwanz schlägt hin und her, der ganze Körper ist, soweit es seine Festigkeit zuläßt, ebenfalls in ähnlicher Thätigkeit, und hierdurch wird das Tier hin und her geworfen, wobei es allerdings fortrückt, aber in seiner Bewegung zugleich alles Zierliche einbüßt. Wie aus dieser Beschreibung schon hervorgeht, ist es dem Tiere fast gleich bequem, sich vorwärts oder rückwärts zu bewegen, und man beobachtet auch wirklich beide Richtungen des Ortswechsels.“
Können sich die Atlanten durch gänzliches Zurückziehen in die Schale noch einigermaßen, namentlich vor den Angriffen kleinerer nagender Krebschen schützen, so sind die Carinarien in ihrer fast gänzlichen Nacktheit und Hilflosigkeit den vielfachsten Angriffen der nach ihnen lüsternen Krebse, Fische und der eignen Verwandtschaft ausgesetzt. Diese Feinde scheinen es am öftersten auf den Eingeweidekern abgesehen zu haben, was sich sehr leicht aus der fast vollständigen Durchsichtigkeit des übrigen Körpers erklärt. Auch die Angabe, daß nicht selten außer dem Kerne auch der Kopf fehle, in welchem Zustande der Ver: stümmelung das übriggebliebene Wrack noch lange sich fortbewegt, wird in den den Feinden als glänzende und gefärbte Kügelchen auffallenden Augen ihre Erklärung finden. Da, wie gejagt, die verstümmelten Exemplare tagelang fortleben und nach geschlossenen Wundrändern noch ihre Bewegungen ausführen, so wird der Irrtum einiger Naturforscher begreiflich, welche solche verunglückte halbe und Viertelskörper als neue Gattungen begrüßten.
Zahlreiche Carinarien, welche Gegenbaur im März einfing, legten massenhaft Eier, so daß er die von einem einzigen Weibchen binnen 24 Stunden gelieferten auf mehrere Tausende berechnet. Die Eier werden in Schnüren abgesetzt, die aus einer eiweißartigen Substanz bestehen und äußerlich eine etwas erhärtete und daher spröde Schicht besitzen. Diese Schnüre find drehrund, 1—2 mm dick, auf ihrer Oberfläche vollkommen glatt und enthalten die Eier, in einer einzigen Reihe meist sehr nahe bei einander liegend. Schon 18 Stunden nach dem Legen dreht sich der Embryo mit Hilfe der Wimpern im Ei; auch konnte Gegenbaur die Weiterentwickelung bis zur Bildung des in zwei Lappen ausgedehnten Segels verfolgen, welches Stadium etwa am dritten Tage sich zeigt, aber dann gingen jedesmal, fo oft er auch die sorgfältigste Pflege versuchte, die Embryonen zu Grunde.
Unter den ehemals im höchsten Preise stehenden Konchylien figuriert auch eine indische Carinarie, welche 100 Guineen gegolten hat.
Carinaria. Pterotrachea.
Pterotrachea. Natürliche Größe.
Die dritte Hauptform der Kielfüßer ist diejenige der ganz nackten Pterotrachea (s. Abbild. S. 357). Der Unterschied von Carinaria beruht im wesentlichen darauf, daß der Eingeweidekern, hier von Gestalt eines Weizenkerns, nicht in einem besonderen Bruchsack enthalten und von einer Schale bedeckt ist. Der lange cylindrische Körper setzt sich vorn in einen dünnen, meist knieförmig umgebogenen Rüssel fort, indes er nach hinten in einen zugespitzten Schwanz ausläuft. An der Unterseite ist er mit einer beilförmigen Flosse versehen und trägt auf der Oberseite, meist dem hinteren Leibesende genähert, den spindelförmigen, zur Hälfte frei hervorragenden Eingeweidekern. Im normalen Zustande haben unsere Tiere noch einen fadenförmigen, zusammenziehbaren Schwanzanhang, an welchem in regelmäßigen Abständen knotenförmige, durch braune oder dunkelrote Färbung ausgezeichnete Anschwellungen sitzen. Man kann dieses Organ mit den Barteln der Fische vergleichen und
Phyllirhoe bucephala, im Dunkeln, mit Hervorhebung der leuchtenden Stellen. 5 mal vergrößert.
vermuten, daß es zum Anlocken der Beute dient; von großer Wichtigkeit kann es aber nicht sein, da es viele Exemplare verlieren und dennoch sich ausgezeichnet zu befinden scheinen.
An Gefräßigkeit thun es die Pterotracheen den anderen womöglich noch zuvor. Wie alle fahren sie mit dem Rüssel hin und her, um Nahrung zu suchen, wobei die Zunge aus⸗ und eingerollt wird und sie ihre Seitenzähne wie Zangen vor der Mundöffnung ausspreizen und zusammenschlagen. Durch diese Greifbewegungen der Zungenzähne werden Beutetiere gefangen und festgehalten und allmählich in den Schlund hineingezogen. Keferstein sah, daß die Pterotracheen ihre Beute lange auf diese Weise mit sich herumtrugen, und meint, diese Gewohnheit habe zu der irrigen Angabe Veranlassung gegeben, daß diese Tiere ihre Gefangenen aussaugten.
Die Fortpflanzungsverhältnisse der Pterotracheen schließen sich aufs engste denen der anderen Kielfüßer an. Will man die Bemerkung Gegenbaurs gelten lassen, daß sie deswegen die am höchsten entwickelten Kielfüßer seien, weil sie wegen Mangels jeglicher Schale sich als die freieste Form herausstellten, so kann man diese durch viele Beispiele des Tierreiches gestützte Behauptung auch damit erhärten, daß der Unterschied der Geschlechter bei ihnen am weitesten gediehen sei. Den Weibchen geht nämlich der Saugnapf ganz ab, und die Männchen besitzen außerdem einen sehr ausgebildeten Kopulationsapparat. Die
Eischnüre der Pterotracheen sind denen der Carinarien sehr ähnlich; sie sind verschieden lang, bald drehrund, bald etwas abgeplattet, aus einer gleichförmigen, an der Oberfläche verhärteten Glassubstanz gebildet und schließen die Dotter in einzeiliger Reihe ein. Das Eier: legen scheint das ganze Jahr hindurch stattzufinden, nach sicheren Beobachtungen wenigstens vom September bis März. Wenn wir noch die ebenfalls nackte und durchsichtige, weit kleinere Phyllirhoe, bei Neapel P. bucephala, vorführen, so geschieht es namentlich wegen ihrer von dem eifrigen Panceri beschriebenen Leuchtkraft. Das Tierchen ist nicht ganz 3 em lang, seitlich platt und mit zwei langen, schlappen Fühlern versehen. Es ist im Mittelmeer eine häufige Beute im feineren Oberflächennetz, entzieht ji) aber oft dem Blicke infolge seiner außerordentlichen Durchsichtigkeit. Man kann wirklich durch seinen Leib hindurch lesen. Unser Freund,
Ss0 002,5
Phyllirhoe bucephala, im Hellen. a), b) Ganglien, e) Darm, d) Leber, e) Herz, f) Nieren, g) Fortpflanzungsorgane.
der genannte Zoolog, überzeugte sich vom Leuchten des Tieres im Dunkeln, wenn er das Gefäß schüttelte oder die Schnecke berührte; sie gab auch, wie viele andere Leuchttiere, ihren Schein von sich, wenn sie in Süßwasser gethan wurde. Am vollständigsten war die Lichterscheinung, wenn eine Ammoniaklösung über das Tier gegossen wurde. Dann erglänzte der ganze Körper samt den großen Fühlern in lebhaftem blauen Lichte, welches bald mit dem Leben erlosch. Panceri hat gefunden, daß das Licht von den Nervenzellen, besonders den oberflächlich unter der Haut liegenden, ausgeht und an eine Substanz gebunden ist, welche auch nach dem Tode des Tieres durch verschiedene Reize, namentlich süßes Wasser, wieder zum Lichtausstrahlen gebracht werden kann. Merkwürdigerweise hat die Elektrizität, welche sonst ein mächtiger Reiz für das Inslebensetzen der Nervenenergie ist, auf diese Lichterscheinungen keinen Einfluß.
Fünfte Ordnung.
Die Worderkiemer (Prosobranchia).
Fast alle im Meere lebenden Schnecken, welche mit einem Gehäuse von festerer Beschaffenheit versehen sind, bilden diese stärkste Abteilung, die in anbetracht ihres ungeheuern Verbreitungsgebietes, der Nahrung und Lebensweise sowie der Verwendung eine ihrer Anzahl entsprechende Mannigfaltigkeit zeigt. Auch ihnen gewann das Altertum nur da ein Interesse ab, wo der Luxus und die Tafelfreuden im Spiele waren, oder wo sich an einzelne Arten fabelhafte, oft sehr abgeschmackte Erzählungen knüpften. Das ganze Mittelalter hin: durch war es nicht viel anders. Erst als der Seeweg nach Indien, nach den Gewürzinseln und ihren Herrlichkeiten eröffnet war und einzelne Naturfreunde als Arzte und Beamte die langen Jahre des Heimwehs in der neuen reichen Natur zu mildern trachten mußten, wandten fie sich vorzugsweise dem bunten Schmucke der Weichtiergehäuse zu, die Sammlungen und Raritätenkammern füllen sich, und zahlreiche Beschreibungen der Schalen und wertvolle Notizen über Lebensweise und Verwendung ihrer Träger wurden nach und nach ein Gemeingut der gebildeten Welt. Den Schneckenliebhabern in Europa, namentlich in Holland, kam es allerdings nur auf den Glanz und die Farbe der Schale an, und Rumph beklagt sich in seinem Amboinischen Raritätenkabinett, daß seine Landsleute glaubten, sie würden bereits so glänzend und schön am Strande gefunden oder aus der See herausgefischt. In 28 Jahren mühsamen Sammelns habe er nur 360 Arten aus der Umgebung von Amboina zusammengebracht. Das Suchen am klippenreichen Strande, sagt er, ist ebenso verdrießlich und hat ebensoviel Plage, als wenn man am flachen, sandigen Strande sucht. Denn was die Sandgestade betrifft, so hat man beständig den großen Seemörder oder Kaiman zu fürchten, auch sich vor morastigen Gruben zu hüten, damit man nicht etwa auf die scharfen Stacheln der Seeäpfel oder auf den giftigen Fisch Ican Swangi trete. Am Klippenstrande sei man zwar vor dem Kaiman sicher, allein da beschädige man sich wieder die Füße an den Korallen und See-Igeln.
Dies und anderes Ungemach, und wie viele Mühe die Reinigung und das Polieren der Gehäuse mache, stellt er seinen in Holland behaglich sitzenden „Korrespondenten“ vor. Aber kurz, wir sehen, wie die Schneckengehäuskunde oder Konchyliologie, vorzugsweise an diese Ordnung anknüpfend, seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts von zahlreichen, meist dilettantischen Naturliebhabern gepflegt wurde und wegen der Handlichkeit und Unzerstörbarkeit des Materials weit früher eine gewisse Ausbildung erlangte als die Insektenkunde, sofern man darunter mehr die Artkenntnis und nicht die Anatomie versteht. Denn über Insektenanatomie haben wir schon aus dem 17. Jahrhundert vorzügliche Leistungen.
Das wirkliche wissenschaftliche Verständnis wurde aber erst durch die Arbeiten des großen Cuvier im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts angebahnt, und seitdem sind wir, wie in allen Teilen der Tierkunde, so auch hier zu einem gewissen Abschluß gelangt.
Was die Prosobranchien zu Schnecken macht, bedarf, nachdem wir schon den Bau der Lungenschnecken etwas kennen gelernt, keiner weiteren Erläuterung. Wir knüpfen mit ihnen insofern wieder bei den Kopffüßern an, als ihre Atmungswerkzeuge Kiemen sind, welche unter einer Mantelfalte oder in einer durch ein Loch, einen Ausschnitt oder eine Röhre zugänglichen Höhle verborgen liegen. Die wichtigsten anatomischen Verhältnisse, welche auch den Namen Vor- oder Vorderkiemer erläutern, betrachten wir an der nebenstehenden Umrißfigur des aus dem Gehäuse genommenen Tieres von Litoridina Gaudichaudii,
und zwar des Männchens. Wer sich mit den Teilen der Weinbergschnecke bekannt gemacht hat, wird ohne alle Schwierigkeit den Bau und die Lage der Organe irgend einer anderen Schnecke begreifen. Wir sehen den Kopf in eine mäßige Schnauze ausgezogen (a), an deren Ende sich die Mundöffnung befindet. Eine solche Schnauze, welche nicht einzustülpen ist, sich aber gewöhnlich verkürzen kann, finden wir bei vielen Gattungen dieser Ordnung, während andere einen Rüssel besitzen. Letzterer ist eine röhrige, oft sehr ansehnliche Verlängerung, welche ebenfalls an ihrem Ende die Mundöffnung trägt, aber durch besondere Muskeln eingezogen werden kann. Nichtsdestoweniger ist der Rüssel eine nur verlängerte Schnauze, was unter anderem daraus hervorgeht, daß seine äußere Haut genau so beschaffen und gefärbt ist wie die übrige Kopfhaut. Der | Fuß (b) unseres Tieres ist ziemlich klein, ist aber jene breite Sohle, welche die meisten Schnecken charakterisiert. Über ihm und mit ihm zusammenhängend sehen wir den Muskel (d), durch welchen das Tier mit der Schale zusammenhängt, den Schalenmuskel. Hat man die Mantelhöhle rechts aufgeschnitten und zurückgeklappt, so präsentiert sich die innere Fläche dieses Mantellappens (e) mit wichtigen Organen. In der natürlichen Lage befindet sich am meisten „ nach rechts der Mastdarm mit der Afteröffnung (e). Neben ihm liegt eine Drüse, die man gewöhnlich Schleimdrüse (k) nennt. Die Schnecken können aus ihr eine außerordentliche Menge einer dickflüssigen Masse absondern und nötigen Falls als Verteidigungsmittel benutzen. Die den Purpursaft absondernde Drüse einiger Gattungen scheint dasselbe Organ zu sein, auf das wir an der betreffenden Stelle wieder zurüd: