Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Den Einfluß des Klimas und Bodens auf die Verbreitung der Lungenschnecken haben wir schon oben berührt. Es wurde hervorgehoben, wie denselben besonders ein Kalkboden günstig sei; derselbe äußert seinen Einfluß weniger auf die Helix und Limax- Arten, als auf Clausilia und Pupa. Die Fülle der Clausilien in Dalmatien mag dafür zeugen. Daß die Wärme, die mächtigste Freundin des Lebens, der Verbreitung nach den Höhen der Gebirge und nach den Polen ihre Ziele setzt, wird natürlich auch in der Abnahme der Lungenschnecken in diesen Richtungen ihre Beglaubigung finden. Am strengsten ist dies bei den Landpulmonaten ausgedrückt. Doch dies ist ein ganz allgemein geltendes Gesetz. Im höchsten Grade überraschend ist es aber, daß wir gerade auf den Inseln den größten Reichtum an Lungenschnecken finden, indem auf die Madeiragruppe 134 Arten kommen, auf Cuba 300, Jamaica 250, Sandwichinseln 250, Philippinen über 350. Aus der Vergleichung dieser Arten mit denen der benachbarten Festländer geht dann hervor, daß der gemeinsamen Arten höchst wenige oder keine, oder solche sind, welche wegen ihrer großen Verbreitung den Namen von Kosmopoliten verdienen, daß also das Meer für die heutige Verbreitungsweise der Lungenschnecken eine fast absolute Grenze ist, ganz besonders für die Isolierung auf Inseln und Inselgruppen. In ähnlicher Weise finden wir durch hohe Gebirgszüge eine Scheidung hervorgebracht. So sind in Nordamerika östlich vom Felsengebirge 309 Arten, westlich 94 Arten gefunden, nur 10 Arten kommen aber beiden Gebieten gemeinschaftlich zu, und fast genau so ist das Verhältnis zwischen den durch die Andes getrennten Gebieten von Südamerika.
Die großen, artenreichen Gattungen, wie Helix, Bulimus und andere, sind fast über die ganze Erde verbreitet, die kleinen, aus einer oder nur einigen Arten bestehenden Gattungen, die wir oben gar nicht genannt, finden wir in fast gleicher Verteilung auf den Inseln und den Kontinenten, „und sehen also auch darin in Bezug auf ihre Ausdehnung eine große Bevorzugung der ersteren“. Jedoch auch einige große Gattungen haben ein bloß insuläres Vorkommen, wie z. B. die 207 Arten der zu den Heliciden gehörigen Achatinella ausschließlich auf den Sandwichinseln leben. „Es wird also immer mehr klar“, sagt Keferstein, „wie die Inseln in allen Verhältnissen der Pulmonatenfaunen den großen Faunengebieten der Kontinente gleichstehen und im Verhältnis zu ihrer räumlichen Ausdehnung also sehr bevorzugt sind.“ Am meisten sind von der Isolierung die Landschnecken betroffen, während die Limnäaceen sich häufiger durch mehrere Gebiete erstrecken. „Mit gewohntem Scharfsinne“, fährt Keferstein fort, „hat Darwin diese auffallende Verbreitung der Süßwasserpulmonaten und anderer Süßwasserbewohner erläutert. Während die Süßwasserpulmonaten wegen ihrer nach allen Seiten sicher abgeschlossenen Wohnsitze auf den ersten Blick viel weniger Aussicht auf eine weitere Verbreitung besitzen als die Landpulmonaten, zeigt Darwin, daß ihr an Wasserpflanzen befestigter Laich durch Wasservögel leicht weit fortgeführt zu werden gestattet, und daß selbst durch dieselben Mittel die junge Brut derselben einen fernen Transport aushält. Darwin sah, wie eine Ente sich aus dem Wasser erhob und an ihrem Fuße Wasserlinsen mit sich führte, und beobachtete, wie eben ausgeschlüpfte Schneckchen sich zahlreich und sehr fest an einem ins Wasser gehängten Entenfuße befestigten. Lyell, der berühmte englische Geolog, sah ferner an einem Dytiscus jenen Ancylus fest ansitzen, der also durch den Käfer von einem Wasser ins andere getragen werden konnte, und Darwin stellte überdies durch Versuche fest, wie im Winterschlafe und durch den Deckel geschlossen die Pulmonate lange Tage den Transport in Seewasser ertragen können. Alle diese Verhältnisse kommen ausschließlich oder doch besonders der Verbreitung der Süßwasserbewohner zu gute, und es darf uns nicht wundernehmen, daß wir diese im allgemeinen über größere und selbst unzusammenhängende Gebiete verbreitet finden.“
Indem nun Keferstein durch diese und ähnliche Umstände die oft so ausgedehnte Verbreitung der Tiere im allgemeinen und der Lungenschnecken insbesondere erklärt, findet er den letzten Grund des Daseins der einzelnen Arten in der Annahme oder Hypothese der Schöpfungsmittelpunkte. Diese Annahme, welche unter den heutigen Naturforschern, in Deutschland wenigstens, nicht zahlreiche Anhänger hat, läßt jede Art, wie fie ist, d h. mit allen Merkmalen innerhalb einer gewissen Dehnsamkeit, aber im ganzen doch konstant einmal an einem bestimmten Orte geschaffen sein, verzichtet auf die klare, begreifliche, wissenschaftlich zu behandelnde Vorstellung, auf welche Weise diese Schöpfung vor sich gegangen sei, und nimmt ferner an, daß eine jede Art von ihrem ursprünglichen Entstehungsorte aus sich strahlenförmig ihren Verbreitungsbezirk im Laufe der Jahrtausende errungen. Diese Annahme geht zwar einen Schritt weiter als der ehrwürdige Linné, der sich vorstellte, die ganze Erdoberfläche sei einst von einem ungeheuern Ozean bedeckt gewesen, mit Ausnahme von einer einzigen Insel, worauf hinlänglicher Raum für alle Tiere gewesen und die Pflanzen freudig sproßten. Ein hoher, bis in die Schneeregion reichender Berg, wie etwa der Ararat, würde in seinen übereinander liegenden Zonen den lebenden Wesen für ihre verschiedenen klimatischen Bedürfnisse genügt haben. Von dort seien die Pflanzen durch die Winde verstreut und durch die nach allen Richtungen auswandernden Tiere verschleppt, während mit dem allmählichen Zurücktreten des Meeres mehr und mehr Festland entblößt worden sei. Es ist, sage ich, mit der Annahme der Einzelschöpfung auf den verschiedensten Punkten der Erdoberfläche den handgreiflichen Unmöglichkeiten jener kindlichen Linnéschen Vorstellung einigermaßen begegnet. Noch bequemer ist es aber offenbar, sich mit Agassiz die unbegreifliche Schöpferkraft bei der Schaffung jeder einzelnen Art so ausgedehnt zu denken, daß dieselbe an vielen gleich geeigneten Orten in vielen Individuen zugleich entstand. Alles Kopfzerbrechen hat damit ein Ende, der Nachweis des ehemaligen Zusammenhanges jetzt getrennter Gewässer und Länder, welche gleiche Arten beherbergen, ein Nachweis, in dem seit einigen Jahrzehnten überraschende Fortschritte gemacht sind, ist dabei ganz überflüssig; es braucht daher keiner Erklärung, sondern des Glaubens.
Auf unsere Lungenschnecken angewendet, sagt die Hypothese der Schöpfungsmittelpunkte, daß, wenn z. B. von den 134 Arten der Madeiragruppe nur 21 Arten in Europa sich finden, jene übrigbleibenden 113 Arten gerade so, wie sie sind, eigens in Madeira mit allen Unterschieden, welche sie jetzt zeigen, geschaffen wurden.
Nach unserem Standpunkte ist die Hypothese von der Erschaffung der heutigen Arten völlig ungenügend, weil die Erklärung, welche sie gibt, eine unbegreifliche, daher unwissenschaftliche ist. Wir legen das größte Gewicht, wie unter den Konchyliologen namentlich auch Roßmäßler schon vor mehr als drei Jahrzehnten gethan, auf die Erscheinungen der Akklimatisation und Anpassung. Und wenn die Schnecken der Kanaren und von Madeira so auffällig verschieden sind von denjenigen des afrikanischen und des europäischen Kontinents, jo ist dies nichts weniger als ein Beweis verschiedener Schöpfungsakte, sondern nur dafür, daß der nordwestliche Teil von Afrika weit eher von den Kanarischen Inseln und der Madeiragruppe getrennt war, als die Umprägung und Umwandlung früherer gemeinsamer Arten in die heutige Schneckenfauna begann, wie es uns natürlich unzweifelhaft ist, nicht als Glaubensartikel, sondern nach den Erscheinungen der Entwickelungsgeschichte und der Varietätenbildung, daß solche Stammformen existierten. Die Verbreitung der heutigen Lungenschnecken unter der Voraussetzung der Stabilität der Inselwelt und der Festländer ist völlig unbegreiflich. Das sieht natürlich jeder Naturforscher ein, mag er übrigens irgend welcher Hypothese über die Entstehung huldigen. Höchstens die Anhänger der Lehren von Agassiz haben so viele Schöpfungsakte, als man wünscht,
bei der Hand, und wenn die Weinbergsschnecke diesseits und jenseits des Kanals vorkommt, so bedarf es des längst geführten Beweises vom einstmaligen Zusammenhange Britanniens mit dem Festlande gar nicht, sondern die Umstände, welche das erste Erscheinen des Tieres hier verursachten, werden auch drüben gewirkt haben.
Es ist indessen, gerade was das Vorkommen der Weinbergsschnecke in England an geht, möglich, daß sie in katholischer Zeit von Mönchen eingeführt wurde, denen sie als leckere Fastenspeise galt. Solche künstliche Übersiedelungen von Tieren können, wenn fie nicht als solche bekannt sind, in der Wissenschaft leicht Unheil anrichten und manche Forscher zu gewagten Hypothesen verleiden. Daß eine echte Alpenschnecke (Helix s. Cambylaea eingulata) auch auf dem Staffelstein bei Bamberg vorkommt, wäre äußerst überraschend, wenn man nicht wüßte, daß sie absichtlich von Menschenhand eingeführt ist. Ebenso hat man die Tellerschnecke (Planorbis corneus) in die Württemberger Fauna eingeschwärzt.
Die Verbreitung der heutigen Tierwelt gewinnt nun ein ganz anderes Aussehen, wenn man die jüngeren geologischen Umgestaltungen der Erdoberfläche berücksichtigt. Dies ist in der neuesten Zeit mit großem Erfolge geschehen, wenn auch dieser Erfolg vorläufig in der Hauptsache nur darin besteht, daß die alte Weise des Aufzählens der Verbreitungsbezirke als das Wesentliche der Tiergeographie, allenfalls mit Hinzunahme jener Schöpfungshypothesen, als völlig ungenügend angesehen wird, und daß man auf die thatsächlichen Gründe dieser Verbreitung dadurch zu kommen sich bemüht, daß man an der Hand der Geologie die frühere Gestaltung der Erdoberfläche reproduziert und aus ihr und den später erfolgten Umänderungen und Trennungen die Art und Weise der jetzigen Verbreitung erklärt.
Um einen Begriff zu geben, wie die an sich scheinbar unfruchtbaren Untersuchungen und Beschreibungen der Schnecken und Schneckengehäuse umgekehrt zu den interessantesten geologischen Schlüssen führen, wollen wir uns noch mit den Untersuchungen von Bourguignat über die geographische Verbreitung der Land- und Flußschnecken in Algerien und den benachbarten Regionen bekannt machen. Man wird es uns nicht verübeln, wenn wir hier und da über das eigentliche Leben der Tiere hinausgehen und die Folgerungen daraus für andere Gebiete der Wissenschaft in unsere Darstellung ziehen. Der französische Schriftsteller spricht zwar von den Land- und Süßwasserweichtieren im allgemeinen, also auch von den Muscheln, die Bedeutung der nicht zu den Lungenschnecken gehörigen Arten für die zu beantwortenden Fragen ist aber sehr untergeordnet.
Was von der gegenwärtigen Verteilung dieser Tiere für Algerien gilt, kann ohne weiteres auf Marokko und Tunis ausgedehnt werden. Wenn man nun die algerische Meichtierfauna im großen überblickt, jo erkennt man, indem man die Tiere nach ihren Standorten zusammenfaßt, daß da, wo sich im Zentrum der Regentschaft Algerien die Region der Hochebenen hinzieht, sich ganze Reihen von Mollusken mit schwerer, dicker Schale und eigentümlich beschaffener Mündung befinden; daß zu beiden Seiten, parallel mit den Hochebenen, sich zwei Zonen von Weichtieren mit knotigem oder durchscheinendem Gehäuse, wiederum von charakteristischer Form, hinziehen, und daß endlich nicht nur am Rande des Mittelmeeres, sondern auch am Saume der großen Wüste im Süden der zweiten Kette des Atlas sich noch eine Reihe von Gestadeschnecken findet, die nämlichen Arten, deren Gehäuse man auch an den Ufern der ehemaligen Salzseen der Hochplateaus sammeln kann, die also dort lebten, als jene Seen noch mit Wasser gefüllt waren. Die Wüste selbst ist durch die fast gänzliche Abwesenheit jetzigen und einstigen Lebens charakterisiert. Man durchwandert also vom Mittelmeere an eine Zone der Küstenfauna, dann eine Berg- und eine Hochplateauzone, und im Hinabsteigen zur Wüste wiederum die Berg- und endlich die Küstenzone. Wie oben gesagt, zeichnet sich die Mehrzahl der Schnecken der Hochebenen durch ihre dicken, starken Schalen sowie durch einen starken Mundsaum und einige
Höcker oder Zähne in der Mündung aus, und merkwürdigerweise sind die fossilen Schnecken, die an denselben Lokalitäten schon zur Tertiärzeit lebten, von derselben charakteristischen Beschaffenheit. Es geht daraus hervor, daß dieselben Bedingungen, welche den heutigen Plateauschnecken von Algerien ihr besonderes Gepräge geben, schon in jener vorweltlichen Periode ihren Einfluß geltend machten und ohne Unterbrechung fortgedauert haben.
Zu beiden Seiten der Hochebenen finden sich also zwei lange Zonen mit einer anderen Schneckentierwelt, welche Bourguignat Bergfaunen nennt, weil fie durchaus den Reihen von Höhen und Erhebungen entspricht, welche sich von Marokko nach Tunis fast gleichlaufend mit den Hochebenen hinziehen. Die Ausdehnung und natürliche Beschaffenheit dieser Bergländer bringen es mit sich, daß ihre Tierwelt die reichste ist, gegen welche die Molluskenfauna der übrigen Zonen fast ganz zurücktritt. Indem Thäler und Höhen, Waldungen und Wiesen, Kalk- und Granitboden miteinander abwechseln, herrscht zwar eine große Mannigfaltigkeit unter diesen Schnecken, und namentlich lassen sich die Thalbewohner den die Höhen liebenden Arten gegenüberstellen; wie sich aber jene natürlichen Verhältnisse auf beiden Seiten wiederholen, finden sich auch in beiden Parallelzonen dieselben charakteristischen Arten, vorherrschend Helix und Arten des fleischfressenden Zonites. Die in den Thälern oder am Fuße der Gebirge lebenden Arten haben in der Regel ein kalkiges Aussehen, eine weiße, mehr oder weniger gebänderte oder getüpfelte Schale, oder ein durchscheinendes, zerbrechliches, oft rauhes Gehäuse. Diejenigen aber der Höhen und und der hochliegenden Wälder und Dickichte sind fast immer nur mittelgroß und haben eine dünne, durchscheinende, mitunter gekielte Schale, an deren Mündung ein besonderer Rand in der Regel nur in geringem Grade entwickelt ist.
Was die dritte Gruppe betrifft, so macht der französische Naturforscher darauf aufmerksam, daß er längs der Ufer des gesamten Mittelmeeres gewisse Schnecken, und zwar fast ausschließlich Lungenschnecken, fand, die eben keiner Fauna, keinem Lande besonders anzugehören scheinen. Sie kommen nur längs der Küsten und Riffe, nur in solchen Gegenden vor, wo der Einfluß des Meeres sich geltend macht, oder auch in solchen, welche einst Meeresufer gewesen sind. Findet man sie ausnahmsweise tiefer im Inneren, so sind sie sicher einem Thale oder Wasserlaufe gefolgt, in welchem das Meer noch seinen Einfluß ausübt; ihre Ausbreitung hat ihre Grenze, wo dieser Einfluß aufhört. Indem Bourguignat der Hypothese der Schöpfungsmittelpunkte huldigt, unterscheidet er von den kosmopolitischen Arten, nämlich von solchen, welche an der ganzen Mittelmeerküste sich verbreitet haben, diejenigen, welche ihr Schöpfungsgebiet nicht überschreiten, z. B. für unseren Fall die Helix lactea. Diese Schnecke, welche für das große spanische Zentrum charakteristisch ist, findet sich fast im ganzen Umkreise dieses sogenannten Schöpfungszentrums, von Tunis, Algerien und Marokko an bis zu den östlichen Pyrenäen. In Algerien nun lebten diese beiden Sorten von Gestadeschnecken nicht nur an der ganzen Mittelmeerküste, sondern auch an der Nordgrenze der Sahara am Fuße der zweiten Atlaskette und sogar an den Rändern der Hochplateaus. Diese unleugbare zoologische Thatsache beweist, daß da, wo sich eine Reihe solcher Uferarten finden, einst Meeresgestade sein mußte. Obwohl noch andere Thatsachen auf den einstigen Zusammenhang Spaniens mit Nordafrika hinweisen, ist kein anderer Umstand so überzeugend, nämlich für diejenigen Naturforscher, welche die vielmalige Schöpfung einer und derselben Art an verschiedenen Orten ausschließen, als die oben dargestellte Verbreitung der Lungenschnecken.