Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
An solche Orten, wo nachstellende Fische nicht vorhanden sind, haben die daselbst sich aufhaltenden Arten von Onchidium keine Rückenaugen.
K Mit den Aurikulaceen kehren wir zu solchen Lungenschnecken zurück, deren Körper sich ganz in eine spiralige Schale zurückziehen kann. Letztere ist fest und dick, verschieden gefärbt, hat einen langen letzten Umgang und ein kleines Gewinde. Die Innenlippe ist durch Falten und zahnartige Vorsprünge ausgezeichnet. Das Tier aber, wie uns die Abbildung des Scarabus imbrium (S. 340) zeigt, hat bloß zwei kegelförmige Fühler, an deren Grunde innen die Augen stehen. Die eben genannte Platzregenschnecke verdankt, nach Rumph, ihre Benennung folgendem: „Es werden diese Schnecken an der Seeküste unter verfaulten Blättern und Holz, sowohl am Strande als mehr landwärts, ja öfters auch auf den Bergen gefunden, wo gar nicht viele Menschen hinkommen und auch nicht wahrscheinlich ist, daß sie so geschwinde vom Strande dahinkriechen könnten. Man glaubt daher, daß sie durch den Wind bei starkem Platzregen von unten aufgehoben und daselbst wieder 2²³
niedergeworfen werden. Mir aber kommt es wahrscheinlicher vor, daß sie auf den Bergen selbst durch vielen Regen erzeugt werden, weil man sie dort sowohl ganz klein als groß findet.“
Man kennt von den Aurikulaceen über 200 Arten, von denen nur wenige auf Europa kommen. Zu letzteren gehören einige der Zwergschnecken (Carychium), sehr kleine, kaum einige Millimeter lange Tierchen, welche, wie überhaupt die Aurikulaceen, auf sehr feuchtem, mit Moos, Blättern und faulendem Holze bedecktem, beschattetem Boden sich auf: halten, ohne sonstige auffallende Erscheinungen in ihrer Lebensweise zu bieten. Die artenreichste Gattung ist Auricula, die zugleich eine außerordentliche Biegsamkeit in ihrer Verbreitung zeigt. Einige Arten derselben (A. scarabus und A. minima) leben an feuchten Orten an der Oberfläche des Bodens; eine andere (A. Judae) findet sich an sandigen, vom Meere überschwemmten Stellen; noch andere (A. myosotis, coniformis, nitens und andere) finden sich nur am Meeresufer in Gesellschast echter Seebewohner, und endlich haben einige südamerikanische Arten die Lebensweise der Süßwasser-Lungenschnecken angenommen und bewohnen gleich diesen die süßen Gewässer. Wenn die Systematiker aus dieser Verschiedenheit des Standortes Veranlassung genommen haben, die Gattung in so—
| genannte Untergattungen zu teilen
N 0„N“2=hy und den zoologischen Katalog mit neuen Namen zu belasten, soist das inS; V N\ völlig ungerechtfertigt. Indem wir uns AN U davon leiten lassen, die wahrscheinliche gemeinsame Abstammung als lei: tenden Gesichtspunkt bei der Aufitel-lung von Tiergruppen (Gattungen, Familien ꝛc.) gelten zu lassen, können — — wir auf den verschiedenen Aufenthalt,
Platzregenschnecke (Ser pus imbrium). Natürliche Größe. sofern die Anpassung an ihn die Gestalteigentümlichkeiten unverändert gelassen, gar kein Gewicht legen. Es beweist das Vorkommen der Arten einer und derselben Sippe auf dem Lande, im süßen und im salzigen Wasser nur die große Anpassungsfähigkeit.
Durch eine sehr eigentümliche Gangweise ist der den Aurikulaceen sich anreihende, nur in Tropenländern vorkommende Pedipes ausgezeichnet. Der Fuß ist bei ihm durch eine Querfurche in zwei ungleiche Hälften geteilt. Wenn er vorwärts kommen will, so befestigt er sich mittels der hinteren Hälfte seines Fußes und schiebt die vordere so weit voran, wie es die Furche, welche hierbei merklich nachgibt, gestattet. Dann zieht das Tierchen die hintere Hälfte nach, bis sie die vordere berührt und rückt mithin den Körper so weit voran, als diese zwei Punkte auseinander sind. Hierauf beginnt es den zweiten Schritt, indem es sich abermals auf die hintere Hälfte stützt und die vordere vorschiebt. Diese spannende Bewegung, wie bei Egeln und Spannerraupen beschaffen, erfolgt mit solcher Raschheit, daß nur wenige Weichtiere den Pedipes an Behendigkeit übertreffen. Sehr ähnlich ist die Bewegungsweise der Pupa pagodula, wie wir ebenfalls nach Johnston zur Ergänzung des wenigen, was oben über die Mososschnecken angeführt wurde, mitteilen wollen. Dieses 3 mm lange, in Frankreich, der Schweiz und Osterreich gefundene Tierchen ist merkwürdig klein im Verhältnis zur Schale, welches Mißverhältnis aber wieder ausgeglichen wird durch die größere Stärke der Fußmuskeln und des Stieles, welcher zwischen der Einlenkung des Fußes und dem Körper sich befindet. Bei der Wanderung des Tieres steht die Mündung der Schale senkrecht auf dessen Rücken, während das Gewinde wagerecht, etwas schief nach rechts und gerade hoch genug liegt, um den Boden nicht zu berühren. Diese Haltung der Schale ist eigentümlich genug, aber die Thätigkeit des Fußes
ist es noch mehr. Denn bei jeder Anstrengung zur Voranbewegung wird das Schwanzende etwas in die Höhe gehoben und dann gegen die Bewegungsebene umgeschlagen, um dem Fuße einen stärkeren Antrieb oder dem Körper einen Stoß zu geben, während nur zwei weite Wellenbewegungen sich rasch vom Schwanzende gegen den Kopf hin fortpflanzen.
Mit der eben genannten Gattung teilen die Wasser-Lungenschnecken (Limnaeacea) die Eigentümlichkeit, daß die Fühler, nur zwei, nicht hohl und einstülpbar find, und die Augen nicht auf der Spitze, sondern innen am Grunde derselben stehen. Die
Gattung, nach welcher die ganze Abteilung benannt, ist die Schlammschnecke (Limnaeus oder Limnaea). Am Tiere, welches meist gelb punktiert ist, fallen die plattgedrückten dreieckigen Fühler auf. Das rechtsgewundene Gehäuse ist meist dünn und durchscheinend; seine Umgänge erweitern sich sehr schnell, und der letzte (der Bauch) ist meist der bedeutendste Teil des ganzen Gehäuses, das er zuweilen fast allein bildet. — Sie leben am liebsten und häufigsten in recht weichem Wasser mit schlammigem Boden, in welchem Wassergewächse verschiedener Art wuchern. Man sieht sie teils am Boden, teils an den Stengeln und Blättern der Pflanzen kriechen, häufig auch mit der Sohle unmittelbar an der Wasseroberfläche hängen, das Gehäuse nach unten gekehrt, und daran hingleiten. Sie haben diese Fähigkeit mit manchen anderen Bauchfüßern gemein. „Manche Bauchfüßer“, sagt Johnston, „können an die Oberfläche emporsteigen, wo sie in umgekehrter Haltung, mit Leib und Schale nach unten und mit dem Fuße nach oben gewendet, sich der Luft wie eines festen Pfades bedienen und darauf in derselben Art wie auf der Erde kriechen. Man kann die Aplysien und andere nacktkiemige Weichtiere oft abgesperrte Lachen an der Küste so durchwandern sehen. Jedoch sind es die Lungenschnecken unserer Süßwasser, welche die merkwürdige Bewegungsweise im vollkommensten Grade besitzen. Leicht kann man an einem Sommertage die Limnäen und Planorben so an der Oberfläche der Sümpfe und Teiche in leicht gebogenen Wellenlinien dahinkriechen oder hängen sehen. Während sie so hängen, geben sie jedoch diese Stelle oft plötzlich auf; sie sinken rasch zu Boden, von welchem sie sich gewöhnlich nur durch Emporkriechen an irgend einer festen Unterlage zur Oberfläche erheben, Zuweilen habe ich sie aber auch geradeswegs durch das Wasser emporschweben sehen. eine Thatsache, die ich nur durch die Annahme erklären kann, daß sie das Vermögen besitzen, die Luft in ihrer Lungenhöhle zusammenzudrücken, wenn sie niedergehen, und daß sie derselben sich auszudehnen gestatten, um so ihren Körper zu erleichtern, wenn sie durch das Wasser aufsteigen wollen.“ Ich halte diese Erklärung für eine befriedigende, zumal sie auch in den Verrichtungen der Schwimmblase der Fische, als eines hydrostatischen Apparates, eine Bestätigung findet. Was aber das Schweben der Limnäen und anderer Schnecken an der Grenzfläche zwischen Wasser und Luft betrifft, so ist mir keine die merkwürdige Erscheinung völlig plausibel machende Erläuterung bekannt. Man sieht auf der Fußsohle unbedeutende wellenförmige Bewegungen, die aber hier nicht in Betracht kommen konnen. Von Wichtigkeit ist die Bekleidung der Sohle mit Flimmerhärchen, wobei man aber nicht einsieht, wie das Tier sein Gleiten plötzlich hemmen kann. Am schwierigsten und gänzlich ungelöst ist aber das Haften an der Oberfläche selbst. Es sieht genau so aus, als ob die Luftsäule eine Anziehung ausübe, und als ob vor dem Untersinken ein Loßreißen stattfände. Es hat mir jedoch scheinen wollen, als ob die Sohle bei diesem Schweben an der Wasseroberfläche sich etwas, wie eine hohle Hand, vertiefte, so daß das Tier wie ein Boot getragen wird. Da das spezifische Gewicht nur wenig über 1 ist, jo genügt, um die Schnecke gerade am Wasserspiegel zu erhalten, eine geringe Konkavität; wird diese durch
unmerkliche Kontraktionen des Fußrandes zur Ebene, so versinkt das Tier augenblicklich. Dies dürfte die einfachste und völlig ausreichende Erklärung sein.
Die große Schlammschnecke (Limnaea stagnalis), welche überall in stehenden Gewässern sehr gemein ist, erreicht eine Gehäuslänge von 6—7 em. Das Tier ist schmutzig gelblichgrau bis dunkel olivengrün, mit gelblichen Pünktchen bestreut; die Sohle ist stets dunkler mit hellem Rande. Von größtem Einfluß hierauf sind die Altersverschiedenheiten. Gleich der Farbe ist auch die Form des Gehäuses großen Veränderlichkeiten unterworfen, so daß man sich die Güte gethan hat, nicht weniger als sechs dieser Varietäten mit besonderen lateinischen Namen zu belegen. Sogar der dünne schwarze Schmutzüberzug verleitete die eifrigen Konchyliologen, die große Schlammschnecke eines gewissen Teiches zu einer besonderen Art zu stempeln. Dieselben Lokalitäten wie die obige Art bewohnen noch mehrere andere, wie die Sumpf-Schlammschnecke und die gemeine Schlammschnecke,
Große Schlammschnecke (Limnaea stagnalis). Natürliche Größe.
welche sich in der Form des Gehäuses der Limnaea stagnalis enger anschließen, während eine andere ausgezeichnete Art, die Ohrschnecke (Limnaea auricularis), fi durch ihr aufgetrieben blasenförmiges, fast stets von gitterförmig gestellten Eindrücken narbiges Gehäuse auszeichnet. Alle Limnäen legen ihre Eier als zusammenhängende wurmförmige oder ovale Laiche an allerlei Gegenstände im Wasser ab, meist auf die Unterseite der auf dem Wasser schwimmenden Blätter der Wassergewächse. Solcher Laiche setzen sie vom Mai bis August oft gegen 20, deren jeder 20— 130 Eier enthält. Sowohl das Laichen selbst als auch die Entwickelung der mit Hilfe von Flimmerorganen sich umdrehenden Embryos kann man leicht an den in Gläsern gehaltenen Exemplaren beobachten. |
Wir haben oben einige Beispiele angeführt, woraus man die Beziehungen der Schalen: form zur Lebensweise erkennen konnte. Döring bemerkt jedoch, daß auch bei den Vertretern der Gattung Limnaea sich jene Wechselbeziehungen zwischen Lebensweise und relativer Mündungsgröße in sehr belehrender Weise verfolgen lassen. Der Repräsentant der einen der beiden parallel nebeneinander verlaufenden Formenreihen, die man zu unter: scheiden hat, ist die große Schlammschnecke (Limnaea stagnalis); die der anderen Reihe, die Ohrenschnecke (L. auricularis). Jene gehören mehr den stagnierenden, morastigen, diese mehr den fließenden Gewässern an. Da jedoch die Trennung der fließenden und ftehen-den Gewässer keine scharfe, so kann es nicht ausbleiben, daß bei den zwei verschiedenen Formenreihen jener Gegensatz in der Lebensweise nicht konstant auftreten wird, sondern daß häufig beide nebeneinander vorkommen und dabei ihren bisherigen Formentypus mit geringen Veränderungen beibehalten können. Wenn man indessen ein großes Material von Angaben
verschiedener Beobachter vergleicht, so läßt sich gewissermaßen statistisch nachweisen, daß die eine Form mehr in dem stagnierenden, die andere mehr im fließenden Wasser vorzukommen pflegt, eine Erscheinung, die vielleicht nicht so sehr befremdend ist. Denken wir uns eine Limnaea stagnalis (Fig. 3) in ein stark fließendes Wasser versetzt, so wird das lang ausgezogene Gewinde wie ein langarmiger Hebel gegenüber der Wasserströmung erscheinen, von dieser wie ein Spielball bald auf die eine, bald auf die andere Seite geworfen werden und dem dieser Strömung gegenüber machtlosen Tiere das größte Hindernis bei seiner Fortbewegung in den Weg legen — ein Mißverhältnis, welches sich bei dem in vollkommen ausgebildeter Gestalt auf eine Halbkugel zusammengedrückten Gewinde der Form L. auricularis (Fig. 8) nicht vorfindet. Daher beobachtet man L. stagnalis niemals in dem rasch und 3
L. stagnalis.
L. minuta. L. peregra. L. vulgaris. L. ovata. f L. auricularis.
Verschiedene Formen der Gattung Limnaca.
kräftig strömenden Wasser größerer Flüsse, wohl aber L. auricularis. Dagegen steht der letzteren kein Hindernis bei einer etwaigen Übersiedelung in stehende Gewässer entgegen, und sie wird dort sehr häufig, wenn auch meist in veränderter Gestalt, vorgefunden. Nun ist schon seit langer Zeit von gewissen Limnäen-Formen bekannt gewesen, daß sie mit besonderer Vorliebe häufig das Wasser verlassen, um längere oder kürzere Zeit außerhalb desselben auf dem Trockenen zu leben. Es ist dies unter echten Limnäen vor allem die Form L. elongata (Fig. 1), welche an manchen Orten konstant auf morastigen Wiesen lebt. Dieselbe Neigung, das Wasser zu verlassen, zeigt die ihr sehr nahestehende Form L. silesiaca. Weit seltener schon verläßt L. palustris (Fig. 2) das Wasser, niemals aber L. stagnalis (Fig. 3). Also zeigt sich auch hier wieder, daß nur die mit verhältnismäßig kleinster Schalenmündung versehenen Formen außerhalb des Wassers zu existieren vermögen. Dieselbe Erscheinung findet sich bei der Untergattung Gulnaria, wo nur die Formen L. minuta (Fig. 4) und L. peregra (Fig. 5), selten L. vulgaris (Fig. 6) und L. ovata (Fig. 7), niemals aber L. auricularis außerhalb des Wassers ausdauern. Den Umschlag in das andere Extrem, die Anpassung an die ausschließliche Wasseratmung, werden wir unten kennen lernen. Die Fähigkeit der Limnaea minuta, das Wasser auf längere Zeit zu verlassen und