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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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L. stagnalis.

an Grashalmen emporzusteigen, ist übrigens für die Schafe verhängnisvoll, denn diese Schnecke ist ein Zwischenwirt des gefährlichen Leberegels (vgl. S. 196).

Auch die Mantelschnecke (Amphipeplea) hat dreieckige, zusammengedrückte, aber kurze Fühler und die Augen innen am Grunde derselben. Eigentümlich ist der Mantel, welcher das Gehäuse ganz umhüllt. In Europa und auch im mittleren Deutschland kommt

| nur eine Art, die 1 cm lange

Amphipeplea glutinosa, die schleimige Mantelschnecke, vor. Ihr fast kugelrundes Gehäuse ist äußerst zart und dünn, von der immerwährenden Um: hüllung des Mantels ganz glatt poliert und stark glänzend. Letzterer selbst ist schwarz marmoriert und mit gelben Punkten bestreut. Wenn das Tier ungestört sich im Wasser befindet, ist vom Gehäuse nichts zu sehen, und das Tier gleicht dann einem Schleimklümpchen; daher schon mancher Kenner, der unvermutet auf diese seltene Schnecke stieß, getäuscht worden ist. Aber auch wenn man die Schnecke als solche erkannt hat, ist noch eine Verwechselung mit den Arten von Physa möglich, welche ebenfalls das Ber-mögen haben, den Mantel über das Gehäuse umzuschlagen und zu den gemeinen Bewohnern unserer stehenden Gewässer, Gräben und dergleichen gehören. Auch sie besitzen eine dünne durchsichtige Schale, an welcher das Gewinde sehr kurz ist; das = —— Tier aber ift, genauer bejichtigt,

Tellerschnecke (Planorbis corneus). Natürliche Größe. durch seine langen, borstenförmigen Fühler kenntlich. Noch schlimmer erging es, wie Roßmäßler erzählt, dem berühmten Draparnaud, der den schleimigen Mantel des Tieres für einen Kotüberzug hielt.

Wo die Limnäen sich aufhalten, kann man sicher auch auf die Tellerschnecken Planorbis) rechnen, deren Gehäuse in eine flache Scheibe aufgerollt ist, an welcher die Umgänge sowohl von oben als von unten sichtbar sind. Das ziemlich schlanke Tier hat einen vorn ausgerundeten Kopflappen und zwei zusammenziehbare, am Grunde etwas verbreiterte, lange, borstenförmige Fühler. Der Fuß ist ziemlich kurz, vorn abgestutzt, hinten gerundet. Über ihr Vorkommen und ihre Lebensweise, ihre Bewegungen, die Art, wie sie an die Oberfläche kommen, ist etwa dasselbe zu jagen wie von Limnaea. Sie lieben also weiches, stehendes Wasser mit Schlammgrund und in welchem viele Pflanzen, namentlich

Tellerſchnecke (Planorbis corneus). Natürliche Größe.

auch die Wasserlinsen, sich befinden. Sie gehören vornehmlich der nördlichen Halbkugel und der gemäßigten Zone an, und die größte deutsche Art ist die große Tellerschnecke (Planorbis corneus, s. Abbildung, S. 344). Die Entscheidung, ob fie rechts- oder linksgewunden, ist leicht zu treffen, indem der Außenrand der Mündung etwas mehr als der Innenrand vorgezogen ist. Bei einigen Arten ist das Gehäuse gekielt, wie bei dem sehr gemeinen, mehr in flachen als in gebirgigen Gegenden vorkommenden Planorbis marginatus und dem seltenen, doch weitverbreiteten P. carinatus, welcher mehr in stagnierenden Armen und Buchten langsam fließender Gewässer und in größeren Gräben und Teichen lebt. Das am meisten zusammengedrückte Gehäuse besitzt P. vortex, wo es eine vollkommene, oben etwas ausgehöhlte, unten ganz platte Scheibe bildet. Die Eier aller Arten werden so abgelegt wie die der Limnäen, aber nicht in länglichen, sondern in runden, flachen Laichen.

Zu unseren Wasser⸗Lungenschnecken gehört auch die Lungen-Napfschnecke (Ancylus), deren wenige Arten eine napfförmige, nur eine Andeutung eines Gewindes zeigende Schale besitzen. Die eine der beiden sehr gemeinen Arten lebt in stehenden, die andere in fließenden Gewässern, wo sie meist an Blättern und Steinen, mit der Schale fest angedrückt, eine sehr einförmige und faule Existenz haben. Unter den Land- und Süßwasserschnecken gibt es keine anderen mit dieser Gehäusform, wohl aber kommen ähnliche in Spanien, Amerika, Cuba und Neuseeland vor. Von manchen Zoologen wird Ancylus unter die mit Kiemen atmenden Schnecken versetzt. Ich kann zwar, trotz zahlreicher N Beobachtungen, nicht behaupten, daß ich mit Sicherheit Eibe der Sm Napfschnecke unter dem Mantelrande eine Lungenhöhle gesehen hätte, aber ganz gewiß keine Kiemen, auch spricht die Entwickelungsgeschichte für die Stellung zu den Lungenschnecken. Sie it nämlich einfacher als die der Kiemenschnecken, obschon fie wiederum ihre eignen Wege geht. Ich gebe die Abbildung des zum Ausschlüpfen aus dem

Ei reifen Jungen der Sumpf-Napfschnecke (Ancylus lacustris). An der aus einzelnen feinen Kalkschienen zusammengesetzten Schale deutet eine auch später sich nicht weiter entwickelnde Biegung das Gewinde an. Der Mantelrand tritt rings um den Schalenrand heraus. Der Kopf mit den zwei an ihrem Grunde die Augen tragenden Fühlern und mit Mundöffnung ist schon wohl abgegrenzt. Die reifen Ancylen kann man sich in den meisten Gegenden leicht verschaffen, wenn man die in den Gewässern befindlichen Pflanzen oder in den Flüssen die Steine und Uferpfähle absucht.

Indem wir die wesentlichste Eigentümlichkeit der Lungenschnecken, die Luftatmung, die Bedingung des Aufenthaltes der meisten auf dem Trockenen, nochmals ins Auge fassen, finden wir darin eine ähnliche Erscheinung wie bei den dem Land- und Luftleben angepaßten Krebsen. Es kann keine Frage sein, daß alle Landtiere Wassertiere zu ihren Vorfahren haben; darum erwecken die amphibiotischen Mitglieder der aus Wasser- und Landgeschöpfen gemischten Tiergruppen unsere besondere Aufmerksamkeit, da die besonderen Einrichtungen der amphibischen Gattungen auf den allmählich sich vollziehenden Übergang aus dem einen in das andere Aufenthaltselement Licht zu werfen versprechen. Der verstorbene Münchener Zoolog, von Siebold, hat uns sehr anziehende Beobachtungen über das Anpassungsvermögen der mit Lungen atmenden Süßwasser-Mollusken, also der Limnäaceen, mitgeteilt, wobei es sich jedoch, wie der Leser sogleich bemerkt, nicht um die Erklärung des Entstehens der Lungenschnecken aus den weiter unten von uns zu behandelnden Kiemenschnecken, sondern um eine sozusagen rückwärts gehende Anpassung des Luftatmungsorgans an das Wasser handelt.

Eibe der Sm Napfſchnecke

„Ich besuchte“, erzählt von Siebold, „von Reit aus den benachbarten, bei Seehaus gelegenen seichten und nicht sehr umfangreichen Ferchensee, welcher sich durch sein klares, meergrünes Wasser auszeichnet, und dessen Grund überall mit großen Geröllsteinen belegt ist. Auf diesen Steinen krochen unzählige Limnäen (Limnaea auricularis) umher, von denen aber kein einziges Individuum an die nahe Oberfläche des klaren Wassers zu gelangen suchte, um frische Luft in ihre Lungenhöhle aufzunehmen. Ich verweilte absichtlich längere Zeit an diesem See, war aber trotz der größten Beharrlichkeit und Aufmerksamkeit von meiner Seite und trotz der ungemeinen Klarheit des Wassers durchaus nicht im stande, auch nur eine einzige dieser zahlreichen Lungenschnecken sich an die Wasseroberfläche begeben zu sehen, um hier Atem zu holen. Mir war dieses fortwährende Verweilen von Lungenschnecken unter Wasser um so mehr aufgefallen, da ich bei meinen früheren Besuchen stehender Gewässer der Ebenen von Berlin, Königsberg und Danzig das Auf- und Absteigen der mit Lungen atmenden Limnäen und Planorben in denselben, um Luft zu schöpfen, oft genug und auf das deutlichste habe beobachten können.“ Aber fortgesetzte Untersuchungen bestätigten dem Münchener Zoologen, daß „im tiefen Bodensee, im seichten Ferchensee, an flachen Stellen des Königssees und in dem schnellfließenden Wasser eines Aquädukts bei Reit im Winkel die der Gattung Limnaea und Planorbis angehörenden Lungenschnecken, wie es scheint, gänzlich verlernt hatten, ihre Lungen als solche zu gebrauchen, und auf: gegeben, dieselben mit frischer Luft zu füllen“.

Diese schon an sich interessanten Beobachtungen von Siebolds über die Lebensweise unserer Wasser-Lungenschnecken, woran er seine lehrreichen Betrachtungen über das Anpassungsvermögen im Sinne der Umwandlungstheorie knüpft, bekommen nun aber ein ganz anderes Gesicht durch die von großem Erfolge gekrönten Untersuchungen, welche Simroth im Sommer 1874 in Straßburg anstellte. Ich verdanke der Feder dieses Naturforschers die folgende Darstellung, welche allen nicht bloß auf die Kenntnisse, sondern auf das Ver: ständnis unserer Umgebung ausgehenden Freunden der belebten Welt willkommen sein wird.

Von unseren Lungenschnecken zeichnen sich die, welche im Süßwasser ihren Aufenthalt genommen haben, zum Teil durch eine auffallende Umwandlung ihrer Atmungsorgane aus; alle aber bekunden durch ihren Körperbau und die Art ihrer Entwickelung eine nahe Ver: wandtschaft zu dem wichtigsten Vertreter der Vorderkiemer, welcher mit ihnen das Lebens element teilt, zur Sumpfschnecke (Paludina, siehe unten). Die Fähigkeit, bei ihren Fahrten tief unter den Wasserspiegel, trotz der Langsamkeit ihrer Bewegungen sich der Lungenatmung zu bedienen, verdanken sie der in der Lungenhöhle eingeschlossenen Luft, welche ihr spezifisches Gewicht so herabsetzt, daß sie dadurch allein, der Anheftung mit der Sohle sich begebend, an die Oberfläche emporgehoben werden. Bei der Ankunft wird mit großer Sorgfalt von den Rändern des bis dahin fest verschlossenen Atemloches ein offener Trichter gebildet, der gerade mit der Fläche des Wassers zusammenfällt und so wohl der Luft, niemals aber dem Wasser Zutritt zu der Lungenhöhle gewährt. Um ein fo genaues Offnen des Atemloches zu ermöglichen und die Schnecke genau über dessen Abstand vom Wasserspiegel zu unterrichten, dient, wie es scheint, ein von Lacaze-Duthiers entdecktes Sinnesorgan. Ein kleiner Nervenknoten umhüllt einen kurzen, wimpernden Hautkanal, der gerade in der Mantelecke vor dem Atemloche liegt.

Sind so die Bedingungen erfüllt, welche die Lungenatmung auch jo langsamen Tieren, wie diesen Schnecken, im Wasser gestatten, so gesellen sich doch bei der Tellerschnecke noch weitere hinzu, um das Wasserleben zu stützen und zu vervollkommnen. Jenes trichterförmige Atemloch entspricht hier nur der vorderen Hälfte der ganzen Lungenhöhlenöffnung. Die hintere bildet einen Eingang für sich, und beide werden abgeschlossen durch einen Wall, der den Boden der Atemhöhle in seiner ganzen Länge und so auch die Offnung

halbiert. Er schließt hauptsächlich den Mastdarm ein. Diesem Wall, der oben rinnenförmig ausgehöhlt ist, läuft eine Verdickung der Atemhöhle parallel, die in die Räume hineinpaßt. Dadurch wird die Atemhöhle in zwei Räume geschieden, einen vorderen, mit dem trichterförmigen Eingange, den Lungen-, und einen hinteren, den Kiemenraum. In dem letzteren findet sich noch eine starke Längsfalte oder Leiste am oberen, hinteren Rande, die man sich nur in Blättchen zu denken hat, um daraus die Kammkiemen der Sumpfschnecke herzuleiten. Am Eingange des Kiemenraumes, an dessen vorderer Seite, ist endlich ein Hautanhang zu erwähnen, der, von dem trennenden Walle ausgehend, für gewöhnlich klein und unbedeutend erscheint, aber bei seinem Reichtum an Gefäßen durch einen eingetriebenen Blutstrom zu einem großen, löffelförmigen Gebilde ausgedehnt werden kann. Dann sieht er mit seiner hohlen Seite nach hinten und dient nicht nur selbst als Respirationsfläche, sondern leitet auch das Wasser in den Kiemenraum. Dadurch erhält denn die Schnecke eine wahre Doppelatmung und gebraucht dieselbe meist in der Art, daß sie, wenn sie an der Oberfläche sich befindet, ihr Lungenloch öffnet und Luft in den Lungenraum eintreten läßt. Will sie unter Wasser gehen, so verschließt sie diese Offnung, wobei ein Teil der Luft unter zischend pfeifendem Geräusche entweicht, ähnlich wie auch bei Limnaea. Landois hat seiner Zeit diesen Ton als Schneckenstimme beschrieben. Jetzt wird die Hauptmasse des Blutes in den Kiemenraum. denn der Hautanhang schwillt an und leitet die Wasseratmung ein.

Kommt die Schnecke wieder an die Oberfläche und atmet Luft, so sieht man den Anhang schlaff werden und zusammenfallen und schließt daraus, daß das Blut nun hauptsächlich die Gefäße der Lungendecke erfülle.

Diese auffallende Einrichtung berechtigt zu weiteren Vermutungen, die Verwandtschaft der Tellerschnecke zur Sumpfschnecke betreffend. Nicht nur die schon angedeutete Beziehung zwischen der Kiemenleiste jener zur Kieme der Schlammschnecke, sondern auch jenen Anhang findet man bei letzterer wieder; hier aber kann er nicht mehr angeschwellt und vorgestreckt werden, sondern steht nur noch der Wasserleitung vor. Ebenso trifft man einen Abschnitt an, welcher dem Lungenraume entspricht, nur mit dem Unterschiede, daß seine Offnung nicht mehr einen engen Trichter bildet, sondern sich zu einer langen Spalte erweitert hat, wobei der Raum seine Fähigkeit, Luft zu atmen, einbüßte.

Wir haben im obigen bei weitem nicht alle Familien oder gar Gattungen der Lungenschnecken berücksichtigen können, knüpfen aber nun an die mitgeteilten Einzelheiten noch einige allgemeine Betrachtungen, die zum Teil nicht bloß die Schnecken, sondern die ganze Tierwelt angehen, zu welchen man aber durch diese Gruppe der Weichtiere ganz besonders angeregt wird. Sieht man ab von einigen Würmern, z. B. den Regenwürmern, so gibt es kaum eine andere Abteilung der höher entwickelten Tierwelt, deren Mitglieder so eng an den Boden und die Lokalität gebunden wären, und dabei in so außerordentlicher Art und Mannigfaltigkeit vorkämen, als die Lungenschnecken. Wegen der geringen Hilfsmittel, sich fortzubewegen, sind sie den geringsten Versuchungen, ihren Verbreitungsbezirk zu erweitern, ausgesetzt, und man darf daher hoffen, die ihrer Verbreitung zu Grunde liegenden allgemeinen Gesetze einfacher und klarer ausgedrückt zu sehen als bei denjenigen Tieren, welche bei ähnlich hoher Organisation mit viel reichlicheren Mitteln, ihren Wohnsitz zu wechseln, ausgestattet sind. Wir finden von Keferstein die hier in Betracht kommenden Thatsachen äußerst umsichtig und vollständig gesammelt, nehmen aber in der Erklärung der Thatsachen den entgegengesetzten Standpunkt ein.

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